Mittwoch, 29. November 2017

Und Sonntags gehts zum Türken. Janitscharenmusik und Mozart in Gaza





Seitdem der Herr Verratichnicht in mein Leben getreten ist, habe ich eine zwischenzeitlich vernachlässigte Angewohnheit wieder aufgenommen: Türkisch essen. Vor meinem Umzug nach Sachsen eine Selbstverständlichkeit, nachdem ich sowohl in London als auch in Stuttgart in Gegenden gewohnt hatte, in denen es von türkischen Supermärkten (und den dazugehörigen türkischstämmigen Mitbürgern) nur so wimmelte. Sie (die Mitbürger, nicht die Supermärkte) machten einen beachtlichen Teil meines Freundeskreises aus, mein ehemaliger Freund (selbst Kurde) besaß sogar einen entsprechenden Laden, so dass ich damals lebte wie die Made im Schlemmerland und mir auf meinem ersten Raubzug durch die Dresdner Supermärkte die Gesichtszüge entgleisten. WO waren all die Sachen, die ich mir täglich einverleibte? Wo waren die eingelegten Artischockenböden? Wo gab es gute Bakklava? Warum kosteten die Spitzauberginen ein Vermögen? Und warum bekam ich verwirrte Gesichter präsentiert, wenn ich nach Okraschoten fragte? Wo, wo, wo waren die ganzen Türken?
Ein halbes Jahr und 2 verlorene Kilo später hatte ich mich auf meine neue Umgebung eingeschossen und häufelte nun eben Schanghai-Kohl und eingelegten Kimchi auf meinen Teller. Kulturelle Anpassung nennt sich so etwas. Und ich begann, die asiatischen Einflüsse auf meine Küche zu genießen, bis ich auf die perfekte Verbindung stieß: Zusammen mit dem Herrn Verratichnicht durch den Geheimstädter Stadtteil, der im Allgemeinen als „Korea“ bezeichnet wird zu schlendern. Der wimmelt nämlich von türkischen Lebensmittelhändlern. Besser gehts nicht, oder? Multikulti at its best!
Während hier also immer noch jeden Montag protestiert wird, schleiche ich mich auf dem Nachhauseweg am Mob vorbei und hoffe, dass mich niemand anspricht, denn ich fürchte, meine Aussage im Sinne von „hoffentlich haben ganz viele Migranten Erfahrung als Händler und machen haufenweise regionalspezifisch-orientalische Lebensmittelläden auf!“ dürfte nicht unbedingt auf fruchtbaren Boden fallen. Schade eigentlich, sonst hätte ich dort vielleicht Okraschoten züchten können. Aber da ist wohl nichts mehr zu holen.
Musikalisch macht sich so eine Zu-, Ab- oder Umwanderungsbewegung im Übrigen auch ganz gut. Selbst dann, wenn sie nicht ganz freiwillig geschieht. Da brauchen wir gar nicht so weit zurückzudenken, da reicht die Nachkriegszeit mit den überall auftauchenden Kaugummis, den „Meckie“ genannten amerikanischen Militärfrisuren, die der Heiße Scheiß bei der Jugend waren, dem Hype um Getränke wie Coca-Cola und eben auch der amerikanischen Unterhaltungsmusik, die man nun endlich überall spielen durfte. Da gab es zudem jahrelangen Nachholbedarf.
Und hätte es keine Türkenkriege gegeben, gäbe es vielleicht noch nicht einmal das Froeken selbst, denn ich entstamme einer Familie, die ihre Kinder (also meine Vorfahren) mit dem Geld ernährte, das sie in der Hotel- und Gastronomiebranche verdiente. Hauptsächlich mit einem großen wiener Kaffeehaus, das eben nur deshalb existieren konnte, weil Wien eine unglaubliche Kaffeekultur besitzt. Mit Sorten und Namen (Einspänner? Zarenkaffee (enthält Ei), Kosake mit Schlag? Großer Schwarzer? Ist das überhaupt jugendfrei??), bei denen sich Starbucks weinend verziehen kann. Klar, den Kaffee haben ja auch nicht die Amerikaner nach Wien gebracht, auch wenn sie sich damit zunehmend breitmachen, sondern eben die Türken, die die Stadt zwischen 1529 und 1683 zweimal belagerten und (vergebens) versuchten, den Habsburgern zu zeigen, wo der Hammer, beziehungsweise die (Mond-)Sichel hängt.
Versteht mich nicht falsch, ich bin gegen jegliche Art von Gewalt. Ich glaube, ich habe schon mehrmals erwähnt, dass ich beim Anblick von Salamibroten zu weinen beginne, weil ich mir immer vorstelle, dass die Schweinemama ihren Kindern erzählt, dass Papa nie wieder nach hause kommt und dass sie ganz tapfere kleine Schweinchen sein müssen (und, ja, ich heule fast, wenn ich das nur tippe...), also nochmals ganz kurz für alle: Krieg ist doof. Und das töten von Lebewesen jeglicher Art (ja, auch Busfahrer, die einem vor der Nase wegfahren, obwohl sie einen ganz genau gesehen haben) ist gemein. Aber wenn verschiedene Kulturen aufeinander klatschen, dann kommt es zwangsläufig auch zu einem Austausch unterschiedlichster Kulturgüter, sei es als Kriegsbeute oder auch als Dinge, die man vor Ort sieht und ganz einfach schön findet. Die osmanische Kultur, die sich oft unter dem Stichwort „Orientalismen“ in der Kunst, der Mode oder der Musik ab dem 18. Jahrhundert an überraschend vielen Stellen wiederfindet (Ganz ehrlich: Hand hoch, wer wusste, dass der Lappen, den sich das Model in Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ um den Kopf gewickelt hat, kein Handtuch zum Haaretrocknen, sondern ein hochmodischer „Turban“ ist?), übte offensichtlich eine gewaltige Faszination auf die Abendländer aus. Laut Gregor Maier, dem Leiter des Kulturdezernats beim Hochtaunuskreis und des Kreisarchivs, verdanken wir den Türken sogar die sonst als typisch deutsch angesehene Blasmusik. Wer den Blogpost über die Guggenmusik gelesen hat, darf also eine neue mögliche Wurzel für den Alpenradau hinzufügen. Die Türken sind schuld, die ihre Musik dem Österreichischen Musiklexikon zufolge als Kriegstaktik einsetzten, um mithilfe des Dauergedudels sämtliche Alarmglocken der Städte zu übertönen, und somit unerwartet zuschlagen zu können. Auch eine Einsatzmöglichkeit im Sinne von „Musik als Waffe“.
Besagtem Gregor Maier zufolge entspringt also die Blasmusik der hochbeliebten türkischen Militärmusik, auch Janitscharenmusik genannt (Yeñiçeri Ocaġı, die Leibwache des Sultans und Elitetruppe des türkischen Militärs). Tuben und Posaunen hatten die Janitscharenmusiker zwar nicht dabei, wenn sie mit Getöse durch die Straßen zogen, wohl aber jede Menge Gerassel und Getrommel, welche in den entsprechenden Zusatzfunktionen der sich damals großer Beliebtheit erfreuenden Janitscharenklaviere imitiert wurden: Ein zusätzliches Pedal, das beim Durchtreten für Geräusche im Stil von „umstürzender Geschirrschrank“ sorgte und besonders bei Mozarts „Türkischem Marsch“ ein paar spaßige Effekte bringt.
Nun ist Mozart bei weitem nicht der Einzige, der den Radau mit den vielen Becken und Perkussionsinstrumenten liebte, auch sein großes Vorbild Josef Haydn nutzte in seiner 1794 komponierten 100. Symphonie (nicht ohne Grund als „Militärsinfonie“ bekannt), sowie in seiner Oper Armida die typisch türkisch klingende Musik, Friedrich Witt nannte seine 6. Symphonie nicht umsonst „Turque“, Gluck orientalisiert sich in „Die Pilger von Mekka“ quasi einen Wolf... die Liste ist lang. Wer sich allerdings einen schnellen Eindruck darüber verschaffen will, wie das Ganze son klingt, der wird in Mozarts „Entführung aus dem Serail“, sowie im Rondo alla Turca schnell fündig.
Wie groß der Hype um die Janitscharen in Mozarts Tagen gewesen sein muss, zeigt sich unter anderem daran, dass man, statt den Wienerwald zu durchwandern (nein, nicht die Händlbraterei, das grüne Zeug mit den Blättern meine ich), an den Wochenenden die Militärkapelle anhören ging, was dann als „Türkische Musik“ bezeichnet wurde. Und der Dienstgrad der entsprechenden Musiker lautete im preußischen Militär noch bis weit in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein „Janitschar“.
Ziemlich militärisch geht es ja bis heute zu auf diser Welt. Im Gazastreifen beispielsweise. Und genau dort dirigierte Daniel Barenboim (wer auch sonst?) vor etwas über 6 Jahren auf Einladung der Vereinten Nationen ein Konzert, das „ein Zeichen gegen die kulturelle Blockade setzen“ sollte, und gab - genau! - Mozart. Einfach wird es nicht gewesen sein, so gab es bis zuletzt Widerstand gegen das Konzert, später wurden die Musiker in einem Militärkonvoi (und ich verkneife mir an dieser Stelle den Bezug zum „Janitscharenzug“) unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen zum Konzert und zurück gefahren, und Angaben von UN-Sicherheitsleuten zufolge waren während des laufenden Konzertes Terrordrohungen einer salafitischen Extremistengruppe eingegangen. Und auch wenn die Verteter der Hamas, die sich so gegen das Konzert gewehrt hatten, leider draußen warten mussten: Man kann so einiges zusammenbringen, alles ein bisschen wenigr be-fremdlich machen, wenn man sich bemüht.
Ja, guuuut, Barenboim, mag man durchaus argumentieren, der kann ja irgendwie gar nichts fremdländisches mehr spielen, für  jemanden, der 4 Staatsangehörigkeiten besitzt und so ziemlich überall sonst gearbeitet hat, ist ja alles irgendwie von „zu Hause“. Aber was hält uns denn davon ab, unsere eigene Definition von „Heimat“ zu überdenken? Nun bin ausgerechnet ich jemand, der nach jahrzehntelangem Umherziehen von Stadt zu Stadt und Land zu Land (Kennt noch jemand ein paar freiberufliche Geisteswissenschaftler? „Lasst uns schutteln die Hande“, wie Teefax sich ausdrücken würde) ganz froh ist, einen einigermaßen sicheren festen Wohnsitz gefunden zu haben, den ich „zuhause“ nennen und bei dem ich die Türe hinter mir zuwerfen und die große böse Welt draußen lassen kann, aber so eine zweite Heimat ist doch eigentlich nichts Schlechtes, oder? Da kennt man dann gleich ein paar Leute, weiß, welcher Bäcker frische Simit im Angebot hat, und wo es guten Kaffee gibt. Und einen Herrn Verratichnicht, der einem das Herz warm und trocken hält. Das einzige, das das noch schlagen könnte, wäre eine dritte Heimat. Und eine vierte oder fünfte. Oder die Neue Heimat, die hat man zu Zeiten sogar für eine D-Mark kaufen können. Aber das hat nun wirklich nichts mehr mit Musik zu tun.

Noch ein kleiner Tipp zum Abschluss: Den Kosaken mit Schlag (wahlweise Obers genannt) bitte nicht probieren...ich weiß nicht, was sich der Barmensch, der das erfunden hat, dabei gedacht hat, aber vermutlich hat er einfach alles zusammengeschüttet, mit dem er sich gerade betrunken hatte, und die Sache mit Kaffee aufgefüllt.
Und falls er sich danach noch hingesetzt und Mozart gespielt hat, hat sich dasvermutlich so angehört. Ersetzt in Gedanken einfach die hinzukommenden Biere durch Kaffee  Zarenbrühe Suppe das entsprechende Heißgetränk.

 So, hier die versprochenen Katzenbilder. Es ist wie bei Kindern: Nie sind alle zuhause, wenn man sie mal auf ein Foto bekommen möchte. Der Graue links oben ist erst vor Kurzem eingezogen, bringt dafür aber eine Menge Erkrankungen mit. Also Pfötchen drücken für den Herrn im schon sehr schön nachgewachsenen Pelz!


                                                                   Kaninchencontent :D


Kommentare:

  1. Wertes Froeken, als ausgewiesene Liebhaberin von Carl Michael Bellman wird Sie vielleicht mein neuestes Post in der Kammermusikkammer interessieren, mit interessantem Essay und wohlgeradenen Übersetzungen seiner Lieder, und Musikbeispielen. (Letztere leider nur englisch, von Martin Best. - Apropos: Kennen Sie deutschsprachige CDs von Bellman?)

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  2. Danke für den Hinweis, da geh ich doch gleich mal gucken!

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