Mittwoch, 22. November 2017

Kriegswichtige Spottmusik? Wenn Musik eine Waffe ist






Nachbarn und Musik, das ist so ein Thema, das Generationen von Menschen, die eigentlich friedlich nebeneinander herleben, oder einander sogar freundschaftlich zur Hand gehen könnten, zu erbitterten Feinden machen kann, ja mitunter Gerichtssäle füllt. Und das vermutlich seit der Erfindung der Klopfgeräusche oder der Singstimmen Wenn also Uga-Uga mit seinen Kumpels eine Sause veranstaltete und mit seiner Knochentrommel den Beat gab, während Nunu und Gaga lauthals sangen und mitklatschten, dann tat er gut daran, seinen Höhlennachbarn im Neandertal vorher darüber in Kenntnis zu setzen und um Erlaubnis zu bitten, sonst konnte dieser auf die Idee kommen, seine Keule einzupacken und ein bisschen mitzufeiern. Einen direkten Zusammenhang zu der Tatsache, dass  die meisten Schädelfunde aus dieser Zeit fragmentarisch sind, also hauptsächlich aus Splittern oder abgefallenen Unterkiefern bestehen, möchte ich an dieser Stelle nicht ziehen, das Problem der allabendlichen Privatdisko in der Wohnung nebenan dürften die meisten von uns jedoch kennen. Es sei denn, sie gehören selbst zu den Radaubrüdern und haben nur deshalb keinen Ärger mit der Nachbarschaft, weil sie deren genervtes Klingeln und Klopfen nicht hören, da ihre Musik zu laut ist.
Ja, Musik kann eine Waffe sein, zuweilen sogar eine sehr wirksame. Und ich spreche hier nicht davon, Menschen in Privaträumen so lange mit Bibis Wap-Dap-Gedudel zu bestrahlen, bis diese freiwillig alles tun, was man von ihnen verlangt, oder alle Gerätschaften so lange extralaut zu nutzen, bis sich der ungeliebte Mitbewohner entnervt eine neue Bleibe gesucht hat (besonders geeignet bei Mitbewohnern, die Nachtschichten arbeiten), sondern von unterschiedlichen Versuchen, Musik im großen Stil für politische Zwecke zu nutzen.
Im Grunde beginnt so etwas bei der Frage, welche Musik man NICHT hören sollte. Das Recht auf Religionsfreiheit ist beispielsweise felsenfest im Grundgesetz verankert und garantiert uns wenigstens ein kleines bisschen Individualität. Ebenso darf man den Herrn Nachbarn nicht dumm anreden, weil er sein rotes Pailettenkleid schon wieder mit diesen unsäglichen knallgrünen Stöckelschuhen kombiniert. Weil es nämlich ganz alleine seine Sache ist, für welche Schuhe er sich entscheidet, auch wenn die Farbe zehnmal nicht passt. Vielleicht ist er ja auch ganz einfach rot-grün-blind und hält beides für grau. Soll es ja geben, in der Männerwelt. Über seinen Musikgeschmack darf ich mich allerdings aufregen. Inwiefern das zur freien Entfaltung der Persönlichkeit gehört und ich mich auf dünnes Eis begebe, wenn ich öffentlich schreibe, dass er mir mit seiner Affenmusik auf den Wecker geht, wäre zu diskutieren. Dass Dschungelmusik (wie bitte klingt denn eigentlich so ein Dschungel, lieber Herr Göbbels, der den Begriff damals. in den 30ern und 40ern entscheidend mitgeprägt hat? So vielleicht?) im dritten Reich offiziell unerwünscht war, ist eine Geschichte, die zwar wahr ist, aber doch recht oberflächlich betrachtet wird, denn Ausnahmen gibt es immer und die Frage geht meist dahin, wer etwas ausüben darf und wer nicht, sondern wem diese Ausübung nutzt, beziehungsweise wessen Gelder in wessen Taschen fließen.

Wenn Jugendliche spätabends vor den Türen der Supermärkte herumlungern und die automatischen Türen blockieren, um gerade in den kalten Monaten noch etwas Licht und Wärme abzubekommen und alle paar Minuten ein Mitglied der Gruppe hineinschicken, um Limonade und Alkohol zum Zumischen zu besorgen, kann das durchaus auch geschäftsschädigend werden, zumal mit steigendem Alkoholpegel auch die Lautstärke der Untergaltungen, sowie die Wahrscheinlichkeit irgendwelcher Streitereien zunimmt. Die Tatsache, dass das Gehör im Alter immer schlechter wird und bestimmte Frequenzbereiche immer weniger gehört werden können, machte sich eine britische Firma zu Nutzen und entwickelte eine Lärmmaschine, deren „Lärm“ angeblich nur von jungen Menschen bis etwa zum 25. Lebensjahr gehört werden kann. Damit soll eine ähnliche Wirkung erreicht werden, wie mit Ultraschallgeräten, die Moskitos oder Hunde vertreiben. Nur eben mit Jugendlichen. Der feuchte Traum eines jeden spießigen Nachbars sozusagen. Gerät einschalten und ein „Jugendfreies“ Leben genießen. Warum nicht. Wer’s braucht... „The Mosquito“ nennt sich das Ganze dann auch recht passend. Immerhin blieb es bei der Ultraschallverscheuchung nach Art der Insektenvertreibung. Sie hätten ja schließlich auch eine riesige Fliegenklatsche erfinden und damit schwundvoll zuklatschen können, oder nicht? Wäre unter Umständen sogar wirksamer gewesen, da die geplätteten Teenies nicht an den Ort des Geschehens zurückkehren könnten. Wir sehen: Das System ist ausbaufähig.

Wer wie ich in einer Zeit zur Schule gegangen ist, in der das Wort „Mobbing“ noch in seiner eigentlichen Bedeutung verwendet wurde, in der keine Schulpsychologen Grundschülern erklärten, wie man sich untereinander zu verhalten hat, und in der man glaubte, „politisch korrekt“ zu sein, wenn man sein Kreuzchen auf dem Wahlzettel ordentlich und leserlich malte, kennt wahrscheinlich auch die Waffen der Kinder, die zu schwach oder zu feige sind, sich auf eine offene Prügelei mit einem unbeliebten Klassenkameraden einzulassen: Man schart ein paar Freunde um sich, gibt einem allseits bekannten Kinderlied einen neuen Text (wobei es sich empfiehlt, das Säckchen mit den Fäkalausdrücken gründlich auszuschütteln, da es für Lacher und somit für weitere Verbreitung sorgt), und singt es dem Opfer bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor, wobei der Text natürlich zum Kind passen muss. So wurden dicke Kinder mit dem Lied von der Dickmadam beglückt, die mit ihrem Gewicht eine ganze Eisenbahn zerlegte und am Ende von der herbeigerufenen Polizei geschlagen wurde, dumme Kinder mit Songs im Stil von „Heinz, Heinz, was ist eins und eins?“ (Immer vorausgesetzt natürlich, es handelte sich auch um einen Heinz, ansonsten musste man die Zahlen entsprechend ändern), und Kinder, die aus anderen Kulturkreisen kamen und unübliche Vornamen trugen, mit dem unschlagbaren „Erbek (Zlata, Gökhan...)  ist ein schöner Name / Erbek will ich heißen / Erbek heißt mein Klopapier / darauf will ich... (den Rest können wir uns ja vermutlich denken).
„Zehn kleine Negerlein“ war damals schon grenzwertig, wurde aber noch gesungen,  Zigeuner durfte man einander noch nennen, insgesamt aber brauchte man nicht besonders tief in die Spottkiste zu greifen, um in immer braunere Schichten vorzudringen. Unbeliebte Kinder wurden auch in der NS-Zeit mit entsprechenden Gesängen bedacht, interessant war allerdings, dass das Ganze auch im großen Stil betrieben und sogar gefördert wurde.
Dabei kann man nicht nur jede Menge Bösartigkeiten in Lieder hinein- und diese dann bei wechselnden Feindbildern auch entsprechend umdichten (so wurde aus „Bomben auf Polenland“ kurzerhand „Bomben auf Engelland“ - viel Phantasie hat der Texter da nicht gebraucht), man kann auch Textstellen aus Liedern herausfiltern. So zum Beispiel, wenn in Weihnachtsliedern jüdische Namen oder Orte vorkommen, was ja nicht besonders verwunderlich ist, wenn ein kleines jüdisches Kind mitten in Israel das Licht der Welt erblickt. Sofern nicht sein Schwippschwager Heinz (das war der, der so schlecht in Mathe war) aus Wanne-Eickel vorbeigekommen ist, um Weihrauch und Myrrhe durch einen guten deutschen Rosinenstollen zu ersetzen, konnte man mit dem einen oder anderen jüdischen Besucher oder Biographen rechnen. So zum Beispiel Jesaja, der Jesus als Heilsbringer beschreibt, der wie ein neuer Sproß aus einem alten Baumstumpf erwächst. Ja, richtig, wir sind bei der Geschichte mit dem Reis (Reisig, nicht Rose, das ist Volksetymologie), der aus der Wurzel entspringt. Jesaja als Jude flog in der Naziversion aus dem Song, und heraus kam das Kirchenlied, in dem nicht mehr „von Jesse kam die Art“ gesungen wurde, sonern die Art eben vom „Himmel“ kam, was unverfänglicher war, befindet sich doch der Himmel haargenau über Wanne-Eickel. Ein Blick aus einem dortigen Fenster genügt.

Der Theologe Wilhelm Caspari, der quasi davon lebte, „jüdische Ausdrücke“ wie „Zion“ oder (kein Witz!) „Halleluja“ in Kirchenliedern durch gutes deutsches Wortgut zu ersetzen,  veröffentlichte im Jahr 1933 sogar eine Studie names „Über alttestamentliche Bezugnahmen im evangelischen Gesangbuch und ihre Beseitigung“ und schaffte es, dabei, die Textzeile „Durch der Engel Halleluja / tönt es laut von Fern und nah“  zu „Durch der Engel heiliges Wort“ zu ersetzen. Beschaulich. Besonders, wenn sich die Folgezeile nicht mehr reimt, und die Familie vor dem Weihnachtsbaum verwirrten Blickes versucht, so etwas wie „tönt es laut von Fern und Nord“ oder „Ort“ oder „aus dem Hort“ zu singen, weil wir uns so an den Endreim gewöhnt haben. Da sind wir froh, dass Betlehem so weit weg ist, sonst hätte die arme Maria, die gerade ohne jegliche medizinische Versorgung mitten auf einer Wanderung  in einem Schafstall ein Kind entbunden hatte, den Stall zugesperrt und alle Hirten draußen gelassen. Nur um sich das nicht lnger anhören zu müssen. Halleluja!

Nun gab es also das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das kirchliche Leben“ mit Sitz in Eisenach (gegründet übrigens auf der Wartburg, die diesbezüglich ja schon einiges erlebt hatte), die Reichskulturkammer, ihre Schwester, die Reichsmusikkammer mit der Reichsmusikprüfstelle, die es sich allesamt zur Aufgabe gemacht hatten, alles was fremdländischen Odem hat aus dem Musikleben zu entfernen, und trotzdem gab es sie weiterhin, die Dschungelmusik, die man doch zu bekmpfen suchte. Und zwar ganz offiziell.
So blieb beispielsweise die Musik des französischen Gitarristen Django Reinhard von den Nazis einigermaßen unbehelligt. Und das, obwohl er nicht nur Manouche war (die französischen Ableger der Sinti), sondern auch noch durch einen Unfall behindert, und mit seiner verstümmelten rechten Hand so ziemlich all das auf der Gitarre vollbrachte, was anderen Musikern sofortiges Berufsverbot eingebracht hätte. Aber Reinhard war viel zu berühmt und beliebt, um derart abgewatscht zu werden. Man kann es sich eben nicht mit jedem verscherzen. Und der eine oder andere Obernazi hörte die Musk zudem selbst ganz gerne. Sowas muss es also auch geben.
Interessanter ist da eine Band, die sich um den Sänger und Texter Karl „Charlie“ Schwedler und den Saxophonisten Lutz Templin gebildet hatte. Und zwar auf allerhöchstes Geheiß. Die Musiker kassierten bis zu 500 Reichsmark pro Monat, was in etwa dem doppelten des Durchschnittseinkommens der Zeit entsprach, waren vom Kriegsdienst freigestellt und mussten nicht einmal ihre Instrumente selbst bezahlen. Und was spielten sie? Swing.
Da erließ die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft ein "Verbot des Nigger-Jazz für den gesamten deutschen Rundfunk", das den Swing genauso beinhaltete, wie alles andere, das US-Tanzhallen füllte, um dann dafür zu sorgen, dass genau diese Art von Musik über das Radio in alle Welt gesendet wurde? Hallo? Wer hat da denn den Schuss, beziehungsweise den  Göbbels nicht gehört?
Aber so war es ja gar nicht. Klar wurde gesendet. Aber eben nicht in alle Welt. Ausgerechnet innerhalb Deutschlands bekam man Charlies Orchester nicht zu hören. Und warum nicht? Weil das sozusagen die Swing-Variante der Heinz-kann-nicht-rechnen-Musik darstellte. Bekannte und beliebte Stücke, Jazz-Standards, Songs wie „Bey mir bist Du Scheyn“ (das aus einem jiddischen Musical stammte) wurden quasi „gecovered“ und mit neuen Texten versehen. „Charlie“ Schwedler, der zuvor viele Jahre in den Vereinigten Staaten verbracht hatte, nutzte seine Englischkenntnisse, um aus den Songs flugs Spottlieder zu machen. Und diese dann per Radio in feindliche Wohnzimmer zu senden.
Dass so etwas funktionieren kann, hatten sie vermutlich schon in der Schule getestet: Singen, bis die dicke Else weint und Heinz mit der Rechenschwäche nicht mehr zum Unterricht erscheint, weil er sich beim Versuch, in die Spree zu gehen, eine Lungenentzündung zugezogen hat. Rechnen konnte er nicht, schwimmen schon.
Man spielte also umgedichtete US-Gassenhauer, um die Moral der Feinde zu untergraben. Irgendwie ja absurd, aber nennt mir etwas, das sich die langen Arme der NSDAP ausdachten, das NICHT absurd war. So gesehen passte die Geschichte also ins Programm. Musik kann also kriegswichtig sein und den Musikern gleichzeitig das Leben retten, denn ganz so sortenrein waren auch diese nicht, hätten also früher oder später auch mit ein paar unangenehmen Besuchern rechnen müssen. Auf die Frage „Wollt ihr den totalen Jazz?“ antwortete man also besser mit „ja, bitte!“
Moderiert wurden die kriegswichtigen Einsätze von Charlie and his Orchstra von zwei Scherzkeksen namens „Lord Haw-Haw“ und „Axis Sally“, die zwischendurch ihre Witze über die feindlichen Streitkräfte rissen, was ein wenig an Monty Pythons Sketch mit dem lustigsten Witz der Welt erinnert. Eine unschlagbare Möglichkeit also, die übelsten Mobber direkt aus der Schule weg an Stellen zu engagieren, an denen sie mit ihrer rücksichtslosen Art möglichst viel Schaden anrichten konnten. Im Auftrag ihrer Majestät des Reichspropagandaministers.
Und falls sich jemand fragen sollte, wie es sich so angehört hat, wenn Charlie und seine Gang zu den Instrumenten griffen; Hier habe ich mal ein paar Texte und Links zusammengestellt:

Aus dem bekannten
„Let’s go slumming
Let’s go slumming
Let’s go slumming on Park Avenue“
„Let’s go bombing
Let’s go bombing
Just like good ol’ British airmen do“

Ein nettes Hörbeispiel misamt eingestreuten Witzen über Winston Churchill und dem „schönen“ Text „Yes, Jews, you're driving me crazy, 
what did I do, what did I do? 
My fears for you make everything hazy clouding the skies of blue. 
Ah, Jews are the friends who are near me to cheer me, 
believe me they do. 
But Jews are the kind that will hurt me, desert me 
when I need a Jew“ 


für diejenigen, die den Monty Python Sketch nicht kennen: Bitte hier klicken!

                                     Sorry, Leute, heute ohne Katzenbilder. Bald wieder. Versprochen!

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