Samstag, 27. Dezember 2014

Zu den Akten gelegt


 

Jede Schule hat sie: Akten, über ihre Schüler. Ehemalige, derzeitige...möglicherweise sogar zukünftige, wenn es sich bei dieser Schule um eine sehr renommierte Einichtung handelt, deren Warteliste gewöhnlich sehr lang ist.

Ich erinnere mich an ein Gespräch im Englischunterricht, vor unzähligen Jahren, als ich noch jung und hübsch war :D

Mein Englischlehrer meinte damals, das elitäre private Jungeninternat Eton sei dermaßen überlaufen, dass man bereits vor der Geburt des Kindes einen Platz buchen müsse.

Auf die Frage, was man denn mache, wenn man den Schulplatz dann sicher hätte, aber zufällig ein Mädchen zur Welt brächte, rief er “Ja, Herrgott, dann müssen Sie eben nochmal ran! So einen Schulplatz kann man sich ja nicht entgehen lassen!”

Na sehr schön. Das wäre mal ein Erklärungsansatz für die 20 Kinder, die der gute Johann Sebastian Bach in die Welt setzte. Spätestens als er Kantor war, waren die Plätze in der Thomasschule für die Jungs ja gesichert. Begehrt sind diese Plätze noch heute. Neben den Bach-Söhnen hat übrigens auch der bereits angesprochene Richard Wagner die Thomasschule besucht. Und den bösartigen Kalauer über die freigewordenen Plätze derer Bach-Kinder, die das Schulalter nicht erreichten, welche man dann auf dem Schwarzmarkt verhökern konnte (also die Plätze, nicht die Kinder, meine ich...), erspare ich mir an dieser Stelle aus mehreren Gründen. Erstens weil es nun wirklich pietätlos und makaber wäre, und zweitens weil die Thomasschule eben nicht Eton ist, sondern eine öffentliche Schule (gegründet im Jahr 1212 zählt sie sogar zu den ältesten öffentlichen Schulen im deutschen Sprachraum). Nicht nur, dass bereits im 13. Jahrhundert Mitglieder aller Stände ihre Kinder in die Thomasschule stecken konnten, sie verfügte sogar über Freitische; Kinder armer Eltern bezahlten also kein Schulgeld, wurden versorgt und ersangen sich ihren Unterhalt quasi im Thomanerchor, für den sie in der Schule auch ausgebildet wurden. Ganz wie ihr berühmtester Kantor Johann Sebastian Bach selbst, der als Waisenkind in Ohrdruf einen solchen Schulplatz innehatte (was ihn im Übrigen nicht davon abhielt, sich über die schlechten Sänger des Thomanerchors auszulassen und einen Profichor zu fordern.... )



Prügeln musste man sich um den Schulplatz also nicht.Dafür konnte man allerdings auch rausfliegen aus dieser Schule. Aus allen möglichen Gründen. Meine eigene Schülerakte vermerkt auch so einige Dinge, die sehr deutlich zeigen, dass ich dazu erzogen wurde, nicht blind zu tun, was mir aufgetragen wurde, so ich dahinter keinen Sinn erkennen konnte. Das Matrikelbuch der Thomasschule in Leipzig vermerkt bei so manchem Schüler Ähnliches.

Bockig, faul, unzüchtig (ok...halt...unzüchtig stand bei mir mal zur Abwechslung NICHT in der Akte...verbohrt und bockig kommt der Sache schon näher :) )... gute Gründe, seine Siebensachen zu packen und den Heimweg anzutreten. Und das kann manchmal schneller gehen, als man gedacht hätte.

In diesem Buch finden sich also neben den Eintragungen, wer die Schule besucht hat (handschriftlich in Schweinelatein vom Schüler selbst eingetragen, nebst Kurzbiografie und Erklärung, wie lange er sich denn in diesem Institut fortzubilden gedenke). Und dann eben so ab und an eine Erklärung dafür, weshalb eben diese angegebene Zeit nicht eingehalten wurde. Die stammte dann allerdings meist vom Rektor. Der Schüler befand sich zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon auf halbem Weg nach hause und legte sich unterwegs fieberhaft eine möglichst glaubwürdige Ausrede für seine Eltern zurecht.



Just im Jahr 1723, in dem Johann Sebastian Bach Kantor der Schule wurde, war eine neue Schulordnung verabschiedet worden, die klare disziplinarische Maßnahmen gegen die Schüler vorsah (was Bach vielleicht ganz recht gewesen sein mag. Einige andere Stellen in dieser neuen Ordnung sagten ihm, der eigentlich noch die auslaufende Schulordnung im Kopf gebabt hatte, als er den Vertrag in Leipzig unterschrieb, zwar etwas weniger zu, aber dazu ein anderes Mal.)

Besagtes Matrikelbuch verzeichnete also auch die Gründe, aus denen der eine oder andere Schüler unehrenhaft entlassen wurde, was das Ganze zu einem spannenden Werk macht: Man erfährt quasi Namen, Stand, Herkunft und einen vereinfachten Lebenslauf, findet den einen oder anderen Vermerk über das Verhalten des Schülers, kann dessen Handschrift mit anderen Dokumenten, wie beispielsweise abgeschriebenen Partituren, vergleichen, ein bisschen nach dem Namen des Schülers nach Beendigung der Schulzeit oder dessen außerschulische Aktivitäten noch während seiner Zeit in Leipzig forschen. Und erhält so ein relativ umfassendes Bild über das Leben an der Thomasschule der jeweiligen Zeit. Und natürlich erfährt man nicht zuletzt etwas über die Kantoren, die die Jungs unterrichtet haben.



Morgen, Kinder, wird's nicht besonders viel geben, außer, dass ich mich auf den Weg nach Leipzig machen werde, wo ich das Bach-Museum zu stürmen gedenke. Da liegt es nämlich, das Matrikelbuch, auf Heu und auf Stroh. Oder in einem Glaskasten. Man weiß es nicht, so genau.Im Endeffekt brauche ich ja auch nur den Katalog der Sonderschau von vor 2 Jahren, und das wird ja wohl irgendwie zu beschaffen sein. Kataloge alter Ausstellungen kann man dort jedenfalls erwerben, Beweise dafür stopfen mir zuhause die Regale voll :)

Jedenfalls dachte ich, ich könnte das Grassi- Musikinstrumenten- und das Bachmuseum verbinden, mich zu Tode fotografieren und eine kleine Reihe starten, die zwar nicht ganz der Leipziger Notenspur folgen, jedoch einige Sehens- und Wissenswürdigkeiten abdecken soll.


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