Montag, 29. Dezember 2014

Winterreise



Gestrandet. Irgendwo im Nirgendwo, auch bekannt unter dem schönen Namen Nudelstadt Riesa, mit dem Hiweis auf einen Gleis- oder Leitungs-Defekt (je nachdem, wer die Durchsage gerade machte; offenbar geht man in Riesa davon aus, dass die Leute zwar wissen, was ein Gleis ist, mit dem Begriff “Leitung” im Kontext des Fernverkehrs allerdings nicht viel anfangen können, weswegen ab und zu die Gleisvariante verkündet wurde) und der Bitte, die werten Fahrgäste mögen sich doch gedulden, nicht ausrasten und den Ersatzverkehr nehmen, der nach über einer Stunde Wartezeit endlich mal so nett war, öffentlich zu erklären, dass er nicht zu kommen gedenke, da der Gleis- oder wahlweise Leitungsschaden ja sicher bald behoben sei.

Irgendwann wurde die Sperre dann auch tatsächlich aufgehoben, was allerdings nicht bedeutete, dass ein Zug einfahren konnte. Und als es schließlich so weit war, dass uns der nächste Zug weiter nach Leipzig befördern konnte, gab es ja auch noch den Fahrplan, der wiederum besagte, dass wir noch gute 40 Minuten bis zur nächsten planmäßige Weiterfahrt nach Leipzig hatten. Bei -8°C und ohne halbwegs sinnvolle Angaben zur Vorgehensweise war das ein wirklich unangenehmer Vormittag, der sich bis in den Nachmittag hineinzog und gemeinsam mit weiteren unvorgehergesehenen Vorkommnissen schließlich dazu führte, dass sich mein Besuch in LE von geplanten 8 auf tatsächliche 3 Stunden verkürzte, die ich dann eben im Bachmuseum zubrachte.

Der Katalog “Netzwerk Thomanerchor”, der ja eigentlich der Grund meines Besuches im Thomaskirchhof war, lag übrigens als sehr schönes Ansichtsexemplar aus,:Eine verkäufliche Variante habe ich leider nicht gefunden, dafür habe ich jetzt einen Grund, zeitnah nochmal hinzufahren, die Sache hat also auch ihr Gutes :)

Dem Guten Johann Sebastian selbst bräuchte ich an dieser Stelle wohl nichts vorzujammern. Wer selbst eimal über 400 Kilometer zu Fuß zurückgelegt hat, um sein großes Vorbild, den Komponisten und Organisten Dietrich Buxtehude spielen zu hören, der weiß, was was wahre Fanliebe ist. Von Riesa nach Leipzig... das ist ein Klacks gegen den Fußmarsch von Arnstadt nach Lübeck.

Gut, man könnte es auch als eine Form von Stalking bezeichnen, einfach so vor der Türe des Idols aufzutauchen und sich mit dem Hinweis auf große Verehrung und noch größere Blasen an den Füßen in dessen Wohzimmer breitzumachen, aber das waren ja schließlich auch andere Zeiten.

Wobei es eine interessante Überlegung wäre...was hätte wohl der Herr Bach gesagt, wenn ich selbst einfach so vor seiner Türe gestanden hätte und ihn besuchen wollte?
Was Anna Magdalena, bzw Maria Barbara gesagt hätten, kann ich mir da schon eher vorstellen. Ich denke, “Mach Dich vom Acker, Kleine!” wäre durchaus eine mögliche Ansage gewesen.

Fast 4 Monate soll sich der Herr Bach in Lübeck bei Buxtehude aufgehalten haben, was man den eigenen Eltern nachträglich mal unter die Nase reiben könnte, die sich zu meinen Teenagerzeiten schon unfassbar darüber aufregten, wenn ich ein oder zwei Tage damit verbrachte, die Wohnorte meiner Lieblingsstars in der jeweiligen Urlaubsstadt aufzusuchen, und dort auf ein Autogramm zu warten. So, liebe Mama... denk mal darüber nach. Ich hätte auch gleich vier Monate lang vor Stings Wohnungstüre sitzenbleiben können. Jawoll! :D

Nicht einmal ordentlich abgemeldet hatte er sich bei seier Arbeitsstelle in Arnstadt. Klar, Urlaub hatte er beantragt. Aber nur für vier Wochen. Die restlichen 12 hielt er dann wohl auch nicht mehr für so wichtig, als dass er seine Vorgesetzen mal hätte darüber in Kenntnis setzen müssen. Es ist ja nicht so, dass er den Antrag auf Verlängerung persönlich und zu Fuß hätte abgeben müssen. Dafür gab es schließlich Postkutschen. Und wenn er die von Anfang an bestiegen hätte, anstatt sich 12 paar Sohlen durchzulaufen (zugegeben, die Zahl war jetzt wild geraten), dann wäre er erstens ne ganze Weile früher in Lübeck angekommen und hätte zweitens nicht aller Wahrscheinlichkeit nach ausgesehen, als müsse er mal in die Waschmaschine gesteckt werden. Aber damals war er ja noch jung. Und ungekämmte Zotteln können bei einem jungen Mann durchaus auch da noch reizvoll sein, wo sie bei einem älteren Herrn schon ziemlich nach einer Adresse unter der Brücke aussehen.



Vier Monate lang habe ich mich nicht aufgehalten, im Thomaskirchhof, tatsächlich waren es nicht einma 4 Stunden, aber dafür habe ich ein paar Dinge mitgenommen, im Kopf, im Druck und in Krakelschrift auf Block. Und für ein Foto mit Cheffe hat es dann auch noch gereicht. Auch wenn ich mich mit diesem Foto auch um einen Platz als Moderatorin der Tagesthemen bewerben könnte... schrecklich. Nur er weiß eben, wie man bei solchen Gelegenheiten zu gucken hat. Ernsthaft und vollkommen unbeeindruckt von dem ganzen Gedöhns um einen herum. Was man sich bei 20 Kindern und einem ganzen Stall voller Thomanerkinder in einem Haushalt, in dem es nach Aussage des Sohnes zuging wie in einem Taubenschlag, wahrscheinlich auch frühzeitig aneignen sollte.












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