Sonntag, 31. Dezember 2017

Silvester im Regen - Händels Feuerwerksmusik




Als ich noch ein ganz kleines Froeken war, da war Silvester eines der coolsten Ereignisse im Jahreslauf und kam gleich hinter dem Hexenfeuer am Schmutzigen Donnerstag und dem Tag, an dem die  Kartoffeln eingefahren wurden und man nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Feld sitzen und die Restkartoffeln im Feuer garen konnte. Man merkt schon: Ich hatte einen nicht unerheblichen Hang zur Pyromanie, was aber nicht ganz so schlimm ist, wenn man noch so klein ist, dass man die Kerze in der Martinslaterne nur anzünden darf, wenn Papa daneben steht und aufpasst, dass man nicht die ganze Papierlampe in Brand setzt.
Jedenfalls gab es an Silvester Gäste, vorzugsweise mit Kindern in meinem Alter, wir durften Rauchbomben abfackeln und mussten nach dem Abendessen ins Bett, zum „Vorschlafen“. Kurz vor Mitternacht wurden wir dann geweckt und starrten vor dem Haus auf das Geknalle und Geflimmer im Nachthimmel, bis uns die Ohren schmerzten und sich an den Nasenhaaren Eiszapfen gebildet hatten. Danach war wieder ein Jahr lang Ruhe, was Feuerwerke betraf. Knallen durfte man damals nämlich nur in der Neujahrsnacht oder mit ausdrücklicher Genehmigung bei großen Feierlichkeiten, was Privatmenschen vor der Erfindung des Internethandels schon dadurch quasi unmöglich gemacht wurde, dass es weit und breit keinen Laden gab, der außerhalb der letzten paar Tage eines Jahres überhaupt Knallgedöns im Angebot hatte.
So ab und an, besonders in den Sommermonaten, beschleicht mich das Gefühl, dass heutzutage ganz einfach jedes Ereignis, jeder Geburtstag und jede Grillparty mit einem Feuerwerk geschmückt werden muss, um überhaupt noch als Feier anerkannt zu werden. Nahezu an jedem Wochenende fliegen mir die Böller um die Ohren (und einmal auch in mein Strohlager, was ich bedeutend weniger witzig fand, als der Nachbar, der den Böller losgelassen hatte). Der Bub hat eine 2 geschrieben? Lasst die Raketen knallen! Oma wird 70? Bumm! Viel älter wird sie nach dem Schrecken vermutlich nicht mehr werden. Dabei gibt es durchaus Ereignisse, die ein bisschen Getöse verdient haben: Wenn ein Erbfolgekrieg zu Ende geht und das eigene Land daraus als siegreichste und größte Seemacht Europas hervorgeht, zum Beispiel. Da darf es auch mal ein bisschen lauter werden, dachte sich zumindest King George II von England, als er im Jahr 1748 die große Fete anlässlich des Friedens von Aachen ausrief.
Und weil so ein Feuerwerk alleine noch nicht laut genug ist, musste auch noch die passende Mugge dazu her. Dass die Auswahl auf denjenigen fiel, der nicht gerade durch leise Töne und ein bescheidenes Auftreten von sich Reden gemacht hatte, war da wohl verständlich. Georg Friedrich Händel hatte bereits ordentlich für Budenzauber gesorgt, als das österreichisch-britische Militär in der Schlacht bei Dettingen über die französischen Truppen gesiegt hatte, und war ohnehin sozusagen der Pompmeister unter den Pomösen; ein mit seinen damals 64 Jahren nicht mehr ganz junger Mann mit einer Nase fürs Geschäft, einem Sinn dafür, mit wem man sich vernetzen sollte, und einer wohl dokumentierten Vorliebe für Eiscreme. Letzere brachte ihm zwar einen beachtlichen Bauchumfang und die eine oder andere Karrikatur mit einer Schweinenase ein, half ihm aber in dieser Geschichte ebensowenig weiter wie sein Gefühl für den Einsatz von Instrumenten. Voll, rund und ausgeglichen hatte die Siegesmusik seiner Meinung nach zu sein. Dies bedeutete einen ausgewogenen Einsatz aller Instrumente und vor Allem einen Haufen Streicher, um für ein möglichst volles, samtiges Klangerlebnis zu sorgen. Wenn Musik dem Wein nahekam, den man sich beim Komponieren hinter die Binde kippen konnte, war sie gut.
Das Feldherrengehör des Königs war hingegen mehr auf ordentlich Wums gestimmt. Er wünschte praktisch eine erweiterte Militärkapelle mit Bläsern, die dem letzten Fein das Trommelfell wegposaunieren. Die Trompeten von Jericho mitten in einem englischen Feuerwerk. „Warum auch nicht?“ mag man sich denken, immerhin ist so ein Streichensemble eine doch recht schwächelnde Geschichte, wenn man sich ein riesiges Geknalle und Raketengefeuere dabei vorstellt, in etwa so, als würde man versuchen, eine Zugdurchsage zu verstehen, wenn man mit einer Gruppe Kindergartenkinder unterwegs ist. Kann man also nachvollziehen, was der König da so wünschte. Händel sah die Sache allerdings ein wenig anders.
„Boh, Alter, nimm das Krönchen von den Ohren und hör genau hin!“ wird er sich gedacht haben, als er dem König den Federkrieg erklärte und einen Brief nach dem anderen schrieb, in dem er den Streichereinsatz verteidigte.
Nun galt Händel nicht gerade als der komporomissfreudigste unter den Komponisten. Einer Anekdote zufolge soll er die auch nicht gerade als umgänglich bekannte Sängerin Francesca Cuzzoni aus dem Fenster des 2. Stockes gehalten und damit gedroht haben, sie fallen zu lassen, sofern sie nicht auf der Stelle und ohne zu murren ihre Arie aus „Ottone“ singt, und dem ersten Geiger aus seinem Orchester eine Pauke (Pauke, nicht Bongo, nur mal so, um sich die Größe vorstellen zu können) an den Schädel gedonnert haben, nachdem sich dieser einen Spaß daraus gemacht hatte, entgegen der Anordnung sein Instrument im Konzertsaal zu stimmen. Man kann sich also vorstellen, dass bei Hofe vermutlich Wettbüros und Popcornstände aufgemacht haben, während man darauf wartete, wie die Sache Georg gegen Georg denn ausgehen würde. Nun denn: Georg gewann! Haha!
Nein, ernsthaft, Händel schien tatsächlich nachzugeben, die Musik wurde von einem Ensemble aus Bläsern und Pauken streicherlos in die Nacht hinaus getrötet, nur so ganz scheint sich der Maestro dann aber doch nicht abgefunden zu haben, mit den Anweisungen von oben:
Erstens klingt die Feuerwerksmusik zwar durchaus pompös und dem feierlichen Anlass angemessen, hat aber bei genauerer Betrachtung weit mehr tänzerische als kriegerisch-marschierende Elemente, und zweitens vermerkte der Komponist gleich danach in der Partitur, dass - und an welcher Stelle - eben doch die Streicher loszulegen hätten. So kann man es eben auch machen: Am Ende haben beide ihren Willen bekommen und ihr Gesicht gewahrt, das Volk hatte seinen Spaß, und bereits einen knappen Monat später gab es die Version mit den Streichern (und abzüglich ein paar Bläsern) anlässlich eines Benefizkonzertes zugunsten des Londoner Foundling Hospitals, das sich um ausgesetzte Babies kümmerte, Dank der als Ausstellungs- und Konzertsaal genutzten Säle und Kapellräume jedoch auch zu einem von Händel oft unterstützten Kulturzentrum entwickelt hatte, zu hören.
So weit, so gut, mag man denken, allerdings schöpfte Händel bekanntlich gerne aus dem Vollen, und behielt diese Angewohnheit auch bei, wenn es ums Streiten ging. Zoffen kann man sich nämlich nicht nur um die Musik selbst, sondern ebensogut um die Aufführung, beziehungsweise den Aufführungsort oder auch die Frage, was man sich an Publikum vorgestellt hat. Was die Aufführung als solche betraf, war die Sache klar: Eine öffentliche Feier ist eben öffentlich, da kann kommen, wer will, oder zumindest, wer es sich leisten kann, anzureisen, ein der dem Anlass entsprechend überteuertes Quartier zu beziehen, und in angemessener Klamotte im für die Feierlichkeiten vorgesehenen Green Park vorbeizurauschen, solange es noch Plätze gibt.  Anders sieht die Sache aus, wenn es um die Proben geht: Da kann man die Läden offenlassen, muss es aber nicht. Für Händel war klar, dass die Türen geschlossen blieben, auch während der Generalprobe: Wer braucht schon Gaffer, wenn er arbeiten will, und zudem ist so eine öffentliche Generalprobe einer Premiere  ja auch ein bisschen wie ein Adventskalender-Unboxing bei Youtube: Der ganze Spaß und die Aufregungen sind beim Teufel, wenn man ohnehin weiß, was sich hinter den Türchen so verbirgt. Auch in diesem Punkt gab der Meister allerdings nach, und so fand die öffentliche Generalprobe dann am 21. April 1749 vor den Augen der Öffentlichkeit in Vauxhall Gardens statt, was im übrigen für einen unfassbaren Verkehrststau gesorgt haben muss, aber so ist das eben, wenn G.F. Händel oder Justin Bieder öffentlich proben.
Immerhin schien es an diesem Tag wenigstens gutes Wetter gegeben zu haben, ganz im Gegensatz zum tatsächlichen Festtag, dem 27. April, an dem das englische Wetter mal wieder zeigte, was so ein schöner Nieselregen so alles kann. Vor allem für das anzünden von Feuerwerkskörpern eignet sich nasskaltes Wetter ganz vorzüglich *hust*, weshalb es auch nicht verwundert, dass man ein bisschen großzügiger umgegangen ist, mit dem Feuer, und bei der Gelegenheit gleich die Bühne mit in Brand gesteckt hat. Zumindest ein Teil der Konstruktion fing Feuer, im Gegensatz zu den Knallern und Raketen, die eher an Flatulenzen, als an Gewehrschüsse erinnert haben mussten. Aber immerhin hatte man ja gute Musik im Gepäck, und die reißt ja bekanntermaßen jede Fete heraus. Und für jemanden, der bereits sein Geld in ein nie wirklich zustande gekommenes Sklavenhandelsunternehmen aus Südamerika (die sogenannte „Südsee-Blase“, die Südsee bezeichnete damals nicht dasselbe Gebiet wie heute) investiert und verloren hatte, der mit seinen Opern in England gnadenlos baden gegangen war, und der bereits ein komplettes Opernunternehmen in den Sand gesetzt hatte, ist ein verregnetes Feuerwerk vermutlich Kinderkram. Denn außer in seinem Kompositionen war Herr Händel noch in einer anderen Sache unschlagbar: Aufstehen, Perücke zurechtrücken und weitergehen, als wäre nie etwas passiert. 

 Wir sind wieder unterwegs
 Weihnachtsfeier im Institut für Musikwissenschaft
 Feuerzangenbowle, vom Meister M. persönlich kurz- und kleingefackelt

Dienstag, 26. Dezember 2017

Händel with care! Der Meister in der Nazizeit





„Ich lese keine Märchenbücher mehr, ich bin schon groß!“ las ich neulich in einem Forum als Antwort auf die Frage, wer denn die Bibel gelesen habe. Die Antwort ist deshalb witzig, weil sie die Frage gleichzeitig beantwortet und nicht beantwortet. Nicht beantwortet, weil kein Mensch etwas über Märchenbücher wissen wollte, und die Bibel auch kein solches ist. Da scheint wohl jemand Geschichte mit Geschichten verwechselt zu haben (und fragt sich in der Schule im Geschichtsunterricht jedes Mal, wann denn endlich das Märchen von Rotkäppchen erzählt wird), denn genau das ist die Bibel: Ein Geschichtsbuch. Ein Geschichtsbuch, ein Gesetzbuch, ein Handbuch für den Umgang mit den irrsten Situationen. Vielleicht wird es einfach Zeit, das Ding umzubenennen: statt unter „Bergpredigt“ fassen wir die wichtigsten Tipps einfach unter dem Titel „Coole Alltagshacks, die Du gelesen haben musst“ zusammen und stellen die Sache ins Netz. Mal sehen, was dann passiert. Aber zurück zur Nicht-oder doch-Beantwortung der Eingangsfrage: Ein bisschen war das Ganze so, als würde ich auf die Frage „Kochst Du oft Rote Bete“ mit „Ich esse keine tierischen Produkte“ antworten. Einerseits sinnfrei bis zum Abwinken, andererseits benatwortet es die Frage eben doch, denn wenn ich nicht einmal weiß, dass Rote Bete nicht vom Tier stammt, dann habe ich wohl nicht allzuviel Erfahrung mit der Färberrübe, koche sie daher also vermutlich eher selten. Insofern hatte das Forenmitglied die Bibel wohl auch nicht gelesen. Schade eigentlich, denn bezüglich all der Dinge, die wir nicht kennen (bzw. gar nicht erst kennenlernen wollen, obwohl wir täglich die Möglichkeit dazu hätten), kann man uns quasi das Blaue vom Himmel und die Geschichte vom Pferd erzählen, ohne dass es uns auch nur auffallen würde. Erzähle einem Bibelnichtleser, Amos habe einen Sohn namens Juckus Kratzus gehabt, der die Antifaltencreme erfunden habe, und er wird es dir vermutlich glauben. Nachprüfen wird er es zumindest nicht, denn dazu müsste er sich für die nächsten paar Tage von seiner gewohnten Lektüre verabschieden.
Wäre man davon ausgegangen, dass Biblische Geschichte ein Thema ist, das in deutschen Haushalten ausgiebig diskutiert wird, so hätte man sich im Dritten Reich vielleicht auch ein bisschen zurückgehalten, was die Überarbeitung von Werken, wie etwa Händels Oratorien betraf. Dabei war es weder verboten, das Alte Testament zu lesen und sich mit dem Makkabäeraufstand und der Geschichte des Hanukkafestes (was im Übrigen ein und dasselbe ist) auseinanderzusetzen, noch gab es irgendeine direkte Weisung von Oben, die die Aufführung von Händels Werken im Original ausdrücklich untersagt hätte, allerdings ist ja bekanntlich nichts so anstrengend wie der Umgang mit neubekehrten Menschen, die sich mit Freuden in den Fanatismus stürzen. Dabei wird dann nicht nur völlig vorschnell reagiert (ich musste mir einmal erzählen lassen, mein Pferd würde an Diabetes sterben, weil ich ihm Melisse gegeben habe ... ich denke ja, da hat jemand den Unterschied zwischen Melisse und Melasse nicht verstanden, wahrscheinlich war das dieselbe Person, die gerade frustriert aus der Geschichtsstunde gestiefelt kam, weil die Schneekönigin immer noch nicht durchgenommen worden war), sondern auch derart hysterisch durchgegriffen, dass man sich als Andersdenkender nicht mehr traut, den Mund aufzumachen und der Sache Einhalt zu gebieten, die sich da mit Feuereifer auf Freddie Händels Noten stürzt.
Neben Bach und Beethoven, Mozart und Haydn schien Händel den Nazis durchaus geeignet, die deutsche Musikszene weltweit zu vertreten. Er hatte nur einen kleinen Fehler: Der Mann hatte sich verschrieben. Sein Heilsbringer hieß leider nicht Adolf, im Gegenteil: Händel und sein Zeitgenosse Johann Sebastian schrieben eine Menge ihrer Geschichten aus der Bibel ab. Und da die nun einmal das Volk Israel betrifft, lässt sich der eine oder andere Jude im Skript  nicht vermeiden. Nun könnte man denken: „Sch... drauf, wen juckt das schon, es geht hier um ganz große Kunst!“, und dieser Meinung war - man lese und staune - auch Joseph Goebbels, allerdings gab es eine Reihe von Verschwörungstheoretikern, die wohl vermuteten, man solle hier quasi von hinten durch die Brust ins Auge semitisiert werden. Und so machte man sich ab 1941 in der Reichstelle für Musikbearbeitung frisch ans Werk, eben diese großen Werke zu decontaminieren.
Nun behandeln Händels Oratorien nicht nur Themen der jüdischen Geschichte, sie heißen auch so: Esther, Solomon, Samson, Joseph und seine Brüder... das ließ sich nicht so einfach verlustfrei umbenennen. Einzig Joseph hätte man lassen können, zu Ehren des Reichspropagandaministers, der sich allerdings vermutlich wenig darüber gefreut hätte, wenn man ihm seine schöne neue Uniform weggenommen und ihn in einen Brunnen geworfen hätte. Und die anderen? „Karl-Heinz“ klingt zwar urdeutsch, macht sich aber nicht so gut, als Titel eines Oratoriums. Da musste etwas anderes her. Aber was das Ersetzen  unerwünschter Ausdrücke betraf, war man mittlerweile ja ins Profilager übergewechselt. „Israel in Egypt“, das den Auszug aus Ägypten behandelte, ging beispielsweise gar nicht. Immerhin hätte man in Deutschland seine Ruhe vor den Juden gehabt, wären diese einfach weiterhin als Sklaven in Ägypten geblieben. Der Opfersieg bei Walstatt (dafuq?!?) klingt da doch schon bedeutend nazifreundlicher.
Ich persönlich hätte mir vermutlich einen Spaß daraus gemacht, „Israel in Egypt“ einfach Note für Note rückwärts zu spielen, so dass sie alle wieder zurückwandern, nach Ägypten, Moses quasi als allerletzter im Rückwärtsgang hinterher, aber ich schätze, dabei hätte selbst der dümmste Nazi gemerkt, dass ich mich gerade lustig mache, über sein System. Abgesehen davon hatten sie noch einen Haufen nette Ideen für Umbenennungen parat (Samson wurde beispielsweise zum Wieland-Oratorium...darauf muss man erst mal kommen). Zudem gab es da den Aspekt des aufstrebenden Volkes, beziehungsweise des ungebrochenen „Volkswillens“ in den Oratorien, den man sich programmatisch zu Nutze machen konnte. Und welches Oratorium eignet sich besser zur programmatischen Verhunzung als „Judas Maccabäus“?
Judas Maccabäus war ein jüdischer Feldherr, nach dem Tod seines Vaters Marcus Anführer des Makkabäeraufstandes, der quasi die Antwort auf die Politik des Antiochus Epiphanes war. Antiochus brachte Jerusalem im Jahre 167 v. Chr. nach einer Zeit der Unruhen wieder in seine Gewalt, gründete mitten in der Stadt eine griechische Siedlung, verbot die herrschende Religion und weihte den Tempel des JHWH mal kurz zum Zeustempel um. Dass er dafür eins auf den Deckel bekam, ist noch heute Anlass des jüdischen Hanukkafestes: Die neue Weihung des Tempels, quasi die Wiedereinsetzung des jüdischen Glaubens in der Stadt.
So weit, so unnationalsozilistisch, doch schon Händel hatte erkannt, dass sich die Grundidee, die Rückeroberung verlorener Erde, die Ausbreitung des eigenen Volkes und der eigenen Ideologie, ganz gut nutzen lassen, wenn es darum geht, spätere Kriegserfolge zu feiern. In Händels Fall war das der zweite Jakobitenaufstand, bzw dessen Niederschlagung. Und im Grunde ließ sich die Idee dann doch ganz nazimäßig an, denn Erobern war sozusagen der Heiße Scheiß, entsprach also dem Zeitgeist. Womit die Frage nach dem Namen recht schnell geklärt war: Statt Judas Maccabäus als Person, nehmen wir ganz einfach dessen Berufsbezeichnung und schon haben wir ein Werk, dass dem Führer vor Rührung die Tränen in die Augen treibt: „Der Feldherr“ sollte das Ganze heißen, statt JHWH wählte man dann doch lieber „Gott“, schon um die Volksfront von Judäa nicht gegen die Judäische Volksfront aufzubringen, und die Israeliten wurden „das Volk“, dem es nach Gerechtigkeit und Ausbreitung dürstet. Damit auch alles seine Ordnung hat, wurde dann auch der Meister selbst noch ein bisschen aufgehübscht, damit aus Deutschland sucht den Superstar nicht „Er war ein Star, holt ihn da raus!“ wird. Gut, Photoshop hatten sie damals noch nicht zur Hand, gegen den Bauch ließ sich also so schnell nichts machen, aber die Biographie hatte noch ein paar Verschönerungen nötig: Immerhin war Händel ja in allen Biographien bis zur Machtergreifung quasi übergelaufen und hatte die Englische Staatsbürgerschaft angenommen. In den späteren Biografien, wie sie ab 1933 auf den Markt geworfen wurden, ist dies nicht mehr der Fall. Ebenso wurde deutlich herausgestellt, dass der Meister keineswegs von der englischen Musiktradition beeinflusst worden war, er hingegen habe maßgeblich daran gearbeitet, den englischen Stil positiv zu beeinflussen. Kurz gesagt: Die Tatsache, dass wir überhaupt in der Lage sind, englische Musik zu hören, ohne augenblicklich an Ohrenkrebs dahinzuscheiden, verdanken wir Händels großartiger Arbeit. Ein bisschen klingt das alles nach „Ich mach mir die Welt wiedewiede wie sie mir gefällt“, beziehungsweise, um bei Händel zu bleiben: „Ich mach mir den Fred wiedewiede wie ich ihn gern hätt!“. Ich weiß nicht, wie es euch geht, liebe Leute, aber „I don’t think I can Händel this“, wie man so schön sagt.



 Nein, meine Beine sind nicht falsch herum angewachsen. Die Löwenfrau und ich haben nur jeweils einen Reitschuh und einen Chap angezogen und die Beine nebeneinandergestellt :)

                                                            Bitte WAS soll ich da spielen?!?

 Die scheinen das ernst zu meinen!


Sonntag, 17. Dezember 2017

Tochter Dingsda freue Dich! Bach-Korrekturen zur Naziweihnacht








Dass unsere ach so vertraut klingenden Weihnachtslieder während der Zeit des Dritten Reiches auch nicht das waren, was wir heute so vor uns hinsummen, während wir über den Weihnachtsmarkt schlendern, habe ich je bereits im letzten Blogpost erwähnt, aber was bei den Ochsen erlaubt ist, ist ja bekanntlich bei Jupiter noch lange nicht erlaubt. Oder war es umgekehrt? Auf jeden Fall gibt es bei Volksliedern und -Bräuchen zumindest keine Urheber- und Kunstrechtsstreitereien zu erwarten; bei dem, was im Allgemeinen unter „Kunst“ verstanden wird, hingegen schon. Sosehr mich mein Ästhetikerherz auch quält: Schleiche ich mich des Nachts mit einem Meißel ins Museum, um dem ungewaschenen Lockenkopf von Michelangelos David mal eben eine ordentliche Frisur zu stösseln, erwartet mich vermutlich Ärger. Wie aber sieht es aus, wenn ich nur ein paar Noten verschiebe, um diesen unsäglichen Tristanakkord endlich in ein klar erkennbares C-Dur zu verwandeln, und den ewigen Spekulationen über seine tiefergehende, unterschwellige Fast-Auflösung ein Ende zu bereiten? Darf ich das? Nun, ich selbst vermutlich nicht, aber, um mit Rio Reiser zu sprechen: Würd ich das alles und noch viel mehr machen, wenn ich König von Deutschland wäre? Vielleicht. Zumindest, wenn ich es schaffe, auch den letzten Gehirnsittich davon zu überzeugen, es handele sich um eine wichtige Maßnahme zur Erziehung der Volksseele. Dann darf ich nämlich sogar Johann Sebastian Bach den Stift aus der Hand nehmen. Nachträglich natürlich.
„Kunst im absoluten Sinne, so wie der liberale Demokratismus sie kennt, darf es nicht geben. [...] Gut muß die Kunst sein: darüber hinaus aber auch verantwortungsbewusst, gekonnt, volksnah und kämpferisch.“  äußerste sich Joseph Goebbels in einem Brief gegenüber dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler, woraufhin ihm dieser kurze Zeit später Amt und Insignien vor die Füße schmiss. Wenigstens gab es sie noch, die Künstler, die Eier in der Hose hatten.
Ob man es glaubt oder nicht: Die vielgelobten Werke Johann Sebastian Bachs, mit denen man sich nach außen hin als „Kulturnation“ rühmte, wurden genauso zensiert und „korrigiert“, wie man Filme oder Bücher zensierte, oder bestimmte Gemälde aus Ausstellungen entfernte.
Viele andere Komponisten hätte man vermutlich einfach in der Schreibtischschublade verschwinden lassen, mit Bach, Beethoven und Konsorten konnte sich der deutsche Staat jedoch schmücken, so war der Präsident der Reichsmusikkammer Peter Raabe ebenfalls hoch geschätztes Mitglied der neuen Bachgesellschaft, und das Leipziger Bachfest wurde im Jahr 1935, anlässlich des 250. Geburtstags des Vorzeigediabetikers, sogar zum großen Reichs-Bachfest erklärt. Wobei der größte Witz an der neuen Bachgesellschaft ja darin besteht, dass sie unter anderem von Felix Mendelssohn Bartoldy gegründet wurde, also ausgerechnet von einem Komponisten, der im Dritten Reich dann nicht mehr gespielt werden sollte. Da frisst nicht die Revolution ihre Kinder, sondern die Kinder die Revolution. Wünsche wohl gespeist zu haben.
Diese Komponisten konnte man also nicht so einfach eliminieren, die wurden noch gebraucht. Das war irgendwie doch Kunst, das konnte noch nicht weg. Die eine oder andere Arie, wie beispielsweise das etwas prekäre „Bereite Dich, Zion / mit zärtlichen Trieben“, welche das kritische Wort „Zion“ enthält, hat Bach ja praktischerweise bei sich selbst gecovered und nur den Text überarbeitet, so dass sich ganz einfach der ursprüngliche Kantatentext wieder einsetzen lässt, ohne irgend etwas am Versmaß verändern zu müssen. In diesem Fall konnte man also einfach die Arie aus dem Bachwerkeverzeichnis 213 aus der Schublade ziehen („Ich will dich nicht hören, ich mag dich nicht wissen“, was vermutlich ohnehin der Einstellung vieler Kirchgänger zur Bereinigungspolitik der NSDAP entsprach). Schwieriger wird es beim folgenden Altrezitativ „Nun wird mein liebster Bräutigam, nun wird der Held aus Davids Stamm zum Trost, zum Heil der Erden, einmal geboren werden“. Das ging gar nicht, wie man so schön sagt. Da musste gefeilt werden.
Und nun? So viel kirchliches Zeug, das große jüdische Könige preist und das Wort Heil so gar nicht mit der Idee verbindet, sich Polen einzuverleiben... so einfach ist es also nicht mit der Bachrezeption und einige Kirchen, wie etwa der Dom zu Trier spielten größere Bachwerke auch erst wieder in den 60er Jahren, nachdem sie sich vermutlich erstmals wieder in Sicherheit wähnten.
Ansonsten wurde das geistliche Werk Bachs ganz einfach umgedichtet. Offiziell zur Gebrauchslyrik erklärt, bastelte man aus dem „jüdischen Land“ , das der Evangelist gleich im ersten Rezitativ besingt, flugs „der Väter Land“ und wo Dich sonst „dein Zion“ mit Psalmen erhöht, tat dies nun eben „die Seele“. Ach, und hatte ich nicht gerade etwas vom „größten Witz“ erwähnt? Streicht die Stelle bitte großflächig, es gibt nämlich noch einen viel größeren:
Der Leipziger Thomaskantor Erhard Mauersberger, ehemals Mitglied des „Kampfbundes für deutsche Kultur“, brachte es allen Ernstes noch in den 70er Jahren fertig, das Wort „Israel“ aus einer Motette verschwinden zu lassen. Wobei ich fast noch empörter darüber bin, dass der Chor und Gemeinde nicht geschlossen den Saal verlassen haben, als die Stelle ertönte. So viel Fairness müsste eigentlich sein. Aber wie man sieht, verschwinden Dinge eher aus Gesetzbüchern als aus Köpfen.
Einige der während des Dritten Reiches so aktiv meinungsbildenden Musikwissenschaftler hielten sich nach 1945 höflich zurück oder beschlossen, ihre Meinung bestimmten Gattungen oder Komponisten gegenüber noch einmal zu überdenken, anderen hörte ohnehin kein Mensch mehr zu, und wieder andere fuhren weiterhin die alte Schiene und passten sich lediglich in den Formulierungen an die Gegebenheiten der heutigen Zeit an. Wer auf wissenschaftlichem Gebiet ernstgenommen werden will, erklärt Musik nicht für „entartet“ oder „verjudet“ oder sonst etwas. Er bezeichnet einen Komponisten statt dessen als substanzlos („Musikwunder ohne seelische Substanz“), wie es beispielsweise der Über-Nazi (wie viele politische Ämter kann man eigentlich gleichzeitig innehaben, ohne überlastet zusammenzubrechen?) Hans Schnoor mit Mendelssohn-Bartoldy tat, oder schnreibt vernichtende Kritiken über Schönbergs Musik. Eigentlich ist alles beim Alten geblieben, was die musikalische Auffassung gewisser Wissenschaftler betrifft. Blöd nur, dass man niemanden für seine Meinung zur Verantwortung ziehen kann, solange diese sachlich formuliert ist und zumindest gut begründet scheint.
Das Problem an der Geschichte liegt nämlich darin begründet, dass jeder Mensch einen eigenen Geschmack hat, den man ihm weder nachweisen noch absprechen kann. Anders gesagt: Erzähle ich einer für mich wichtigen Professorin all das, was sie selbst über ein bestimmtes Musikstück geschrieben hat und stimme ihr dabei in allen kritischen Punkten zu, dann bin ich möglicherweise die größte Schleimerin der Musikgeschichte, möglicherweise aber auch eine Seelenverwandte. Wissen wird das nur mein engster Freundeskreis, dem gegenüber ich hinterher äußere, was für eine tolle Wissenschaftlerin, oder möglicherweise eben auch für eine unglaubliche Kuh sie ist... wir werden es nie erfahren. Das Leben ist eben kein Tatortkrimi, in dem am Ende alles aufgedeckt wird.
Alles in allem kann man eben nur vermuten, wer wem nach dem Schnabel redet. Was das Abkanzeln von Musikstücken oder gleich ganzen Komponisten betrifft, befindet man sich also in der Zwickmühle: Sollte ich mich zurückhalten, wenn ich nichts Freundliches zu sagen habe, oder setze ich mich damit dem Vorwurf aus, eine Mitläuferin zu sein, die sich nicht traut, den Mund aufzumachen, wenn ihr etwas missfällt? Vielleicht sollte man sich manchmal auch einfach an den Ratschlag halten, den ich vor vielen Jahren (witzigerweise bei einem Ärztetreffen, mit dem ich ja eigentlich gar nichts zu tun habe) zu hören bekam: „Meinungen sind wie Pobacken. Jeder hat welche, jeder hat ein Recht darauf, sie zu besitzen, aber man muss sie nicht unbedingt ungefragt anderen Leuten unter die Nase halten.“
Klingt etwas radikal, ist aber im Grunde durchaus richtig. Und stößt nicht ganz so viele Leute vor den Kopf, wobei ich mir das im Zusammenhang mit den Pobacken jetzt nicht unbedingt vorstellen mag. Alles in Allem wünsche ich eine schöne vierte Adventswoche und viel Spaß beim Besuch der hoffentlich unzensierten wunderschönen Weihnachtskonzerte da draußen. Ich für meinen Teil gehe mir erst einmal die Nase putzen, da hat sich so ein unangenehmer Geruch festgesetzt. Und danach höre ich vielleicht eine Runde „Tochter Zion“. Und freue mich!

 Kaum zu glauben, wie klein die Katzen mal waren... die Bilder haben der Herr Verratichnicht und ich auf einer alten Festplatte gefunden. Das hier ist der kleine Huck

 Mit Mama

 Und so ein Klops ist der große Rote heute :D

Sonntag, 10. Dezember 2017

Na dann Halleluja! Weihnachtslieder zur Nazizeit





Lange ist es her, in einer dunklen Winternacht, in einem einsamen Stall.... nein, Quatsch, das war eine andere Geschichte, die sich aber ganz wunderbar eignet, aufzuzeigen, wie schnell man sich in die Nesseln setzen kann, wenn man sich zu sehr mit höheren Wesen definiert. Das Anbeten unterschiedlichster Personen scheint uns im Blut zu liegen. Ob wir nun unsere Eltern, Kinder oder Partner vergöttern, umgerechnet 65 Euro für einen 12-türigen (wtf?!) Adventskalender ausgeben, der Konfetti, Aufkleber und Keksausstecher enthält, nur weil eine gewisse Youtuberin ihren Namen dafür verliehen hat, oder ob uns Sonntags im Gottesdienst ganz warm ums Herz wird, weil alles so überwältigend ist: Wir sind vermutlich ein Leben lang auf der Suche nach demjenigen, bei dem endlich alles gut wird, der uns versteht und der uns nie verlässt. Wen wir dabei in unser Herz lassen, hängt wohl von unserem Elternhaus und unserer Umgebung ab, aber eines scheint dabei ausgesprochen hilfreich zu sein: Musik.
Musik gehts ins Herz, spricht Hirnareale an, die auch bei Verliebtheit aktiv sind, wirft mit Endorphinen um sich, und bindet diejenigen, die den Musikgeschmack teilen, fester aneinander. Gemeinsam wird musiziert, gemeinsam geht man auf Konzerte, in Discos und Clubs und sammelt sich dabei in Gruppen, denen man sich zugehörig fühlt.
Dumm nur, wenn die gehörte und geliebte Musik nun ausgerechnet die Werte vermittelt, die man gerne entfernen möchte, aus dem Gedankengut ihrer Hörer.
Nun könnte man auf die Idee kommen, diese Musik einfch zu verbieten, was ja auch immer wieder einmal geschieht; Gewaltverherrlichende Musik ist da streitbar, so genannte „volksverhetzende Musik“ verschwindet meist schneller aus den CD-Abteilungen und Plattformen, als der Ersteller „Heil Hitler“ rufen kann. Und das ist auch gut so, versteht mich nicht falsch. Es ist nur so, dass das Verbieten der Musik allein nicht für ein Umdenken beim Hörer sorgt. „Mach den Krach aus!“ ist so ein Satz, den wir vermutlich alle in unserer Jugend gehört, dem wir aber keinerlei weitere Beachtung geschenkt haben. Eher wäre ich im Alter von 12 Jahren ausgezogen (gut, in diesem Alter hatte ich das ohnehin jedesmal vor, wenn meine Mutter glaubte, mich erziehen zu müssen), als dass ich aufgehört hätte, meine Lieblingsband zu hören. Schon das Herunterdrehen der Lautstärke war eine absolute Zumutung und die Drohung „dann darfst Du nicht zum Konzert“ löste in mir ungefähr dieselben Gefühle aus, die den Papst überkommen müssen, den man vom Gottesdienst auszuschließen droht, damit er Zeit hat, über seine Taten nachzudenken.
Nun gehört ja ausgerechnet der Papst einer Gruppierung an, die recht bekannt ist für das Anbeten unterschiedlichster Entitäten, welche allerdings dummerweise keine Nazi-Machthaber beinhalten.  Ausgerechnet. Und dabei war man im Deutschland der späten 30er Jahre so schwer damit beschäftigt, das Bild des Königs der Juden durch dasjenige des Führers der Deutschen zu ersetzen.
Den folgenden Satz des NSDAP-Ortgruppenleiters Ernst Heine, der sich anlässlich des Christfests 1939 im „Völkischen Beobachter“ zitieren lässt, können wir in diesem Zusammenhang unkommentiert stehen und für sich selbst sprechen lassen: „Wir müssen dafür sorgen, dass Weihnachten nicht die Nacht der Christkind-Weihe ist, sondern die nationalistische Weihe der Winterwende, wie es unsere germanischen Vorfahren kannten, ein echtes nationalsozialistisches Weihnachten, die Deutsche Weihnacht! Heil Hitler!“
Interessant ist bei dieser ganzen Umdeuterei, wie sehr man sich sprachlich einerseits von der Tradition der mit „jüdischen Ausdrücken“ gespickten Kirchenlieder distanzierte, andererseits die eigene Propagandasprache an den Duktus der sakralen Ausdrucksweise anpasste. Irgendwie erinnert doch das wortgewaltige „Nationalsozialistische Glaubensbekenntnis“ („Ich glaube an das deutsche Volk, an ein heiliges, arisches Reich deutscher Nation und an den Sieg des nationalen Sozialismus in der Welt.....“) an das ein paar Jahrhunderte zuvor von Martin Luther ins Deutsche übertragene Apostolische Glaubensbekenntnis („Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde....). Viel Neues lernen musste man da nicht: Reihungen, Versmaß, Themafolgen wurden weitgehend beibehalten.
Auch das bei Ansprachen vielfach gerufene „Sieg Heil!“ am Ende einer Aussage kam quasi so sicher wie zuvor das Amen in der Kirche. Was 2000 Jahre lang funktioniert und Menschen an sich gebunden hat, wirft man eben nicht so einfach über Bord. „Never change a running system“ hätte man vielleicht gesagt, wenn das nicht zu ausländisch geklungen hätte.
Und da kommt dann eben die Musik ins Spiel: Die hatten wir ja bereits als wichtiges emotionales und ideologisches Identifikationsmittel enttarnt. In seiner immerhin über 600 Seiten umfassenden Schmonzette „Vom Neubau deutscher Musikalischer Kultur“ forderte der damalige Dirigent und Präsident der Reichsmusikkammer, Peter Raabe, Musik müsse „anerkannt werden als das vornehmste und edelste Mittel zur Erziehung der Volksseele“.
Fragt sich nur, wie man die Menschen dazu kriegt - Verzeihung: bekommt- , das bisher beliebte und allseits gesungene Liedgut durch neue Lobgesänge zu ersetzen. Verbieten bringt nichts, wie wir festgestellt haben. Im Gegenteil: Es fördert den Widerstand. Menschen lassen sich einfach nicht gerne vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Ganz besonders, was liebgewonnene Traditionen, wie etwa Weihnachten, betrifft. Kleinere Veränderungen erfüllen uns mit weitaus weniger Widerstand, wenn man sie richtig zu verkaufen weiß. Ich weiß, ich bin ein Mädchen und ein Verpackungsopfer und ein bisschen leicht zu ködern, was bestimmte Produktkategorien betrifft, aber ich schaffe es von Zeit zu Zeit, ein Rouge oder einen Lippenstift, dessen Farbe mir noch nicht einmal gefällt, zu kaufen, weil die Verpackung so cool ist. Und limitiert. Und weil alle anderen das Zeug auch besitzen und tragen. Und dabei auch aussehen wie Transvestiten an Rosenmontag. Schlagt zu, ich weiß, ich bin bekloppt, aber Tatsache ist: Das Sytem funktioniert.
Da traf es sich doch ganz gut, dass das hier bereits erwähnte „Institut zur Erforschungund Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ noch Kapazitäten frei hatte zwischen seinen Versuchen, die Bibel so umzuschreiben, dass quasi alles Jüdische herausgestrichen wurde (was ich mir in etwa so vorstelle, als versuche man, ein Backbuch herauszugeben, bei dem die Begriffe „Mehl“, „Zucker“, „kneten“ und „°C“ unbedingt zu vermeiden sind*)  und sich sogleich ans Werk machte, all die Begriffe, die die „Knechtung des deutschen Volkes durch die Macht Alljudas“ demonstrieren, zu entfernen. Und dazu zählen alle jüdischen Namen, wie beispielsweise Jessaia (Jesse), Matthäus oder zuweilen auch Jesus selbst, Ortnamen wie „Betlehem“, oder Aussprüche wie „Halleluja“. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich hatte ein unwillkürliches „Jesses“ auf den Lippen, als ich das las. Die ganze Mischpoche muss meschugge oder beschickert gewesen sein, so einen Schmus zusammenzumalochen.
Da merkt man doch, wie nahe die Begriffe „Ideologie“ und „Idiotie“ beieinander liegen. So empfahl der Arbeitskreis „Gesangbuch“ des oben erwähnten Instituts  das von der „Nationalkirchlichen Einung Deutsche Christen“ herausgegebene Gesangbuch Großer Gott wir loben dich zur Erprobung und Nutzung in den Kirchen. Ein kleiner Auszug gefällig? Hier also das Original (mit Anmerkungen) und danach die Fälschung.

Original:
Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all’!
Zur Krippe her kommet in Bethlehems **Stall,  
und seht, was in dieser hochheiligen ***Nacht
der Vater im Himmel für Freude uns macht.

Da liegt es – das Kindlein – auf Heu und auf Stroh;
 Maria und Josef **** betrachten es froh;
die redlichen Hirten knien betend davor,
hoch oben schwebt jubelnd der Engelein***** Chor.

**Jüdischer Ortname
*** Heilig (von: Heil): falsch konnotiert, Heil in Verbindung mit Hitler, nicht Jesus
**** Jüdische Vornamen
***** Engel setzen Bezüge zum Alten Testament (Jüdische Volksgeschichte) und sind mit Vorsicht zu behandeln. Hoch oben auf gutdeutschen Weihnachtsbäumen wurde der Engel, dem man ohnehin immer ein wenig befremdet die Christbaumspitze unter den Rock polken musste, in vielen Fällen durch ein Sonnenrad ersetzt.

Fälschung:
Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch her
vernehmet zur Weihnacht die uralte Mär
und seht, welch ein Baum trotz der eiskalten Zeit
geschmückt ist mit grünem, lebendigen Kleid.

Das deutet auf uralte Zeiten zurück
und lenkt auf die Sitte der Ahnen den Blick
und lehrt, daß dies Erbe bis heutigem Tag
und weiter in Zukunft bewahrt bleiben mag.

Heimelig, nicht wahr? Da braucht man doch glatt etwas, das den Blutzuckerspiegel wieder hebt und die Folgen des ersten Schocks beseitigt. Stollen gibt es allerdings keinen mehr, der wurde durch altnordische Gebildbrote ersetzt, aber bitte, bedient euch! Auch Neudichtungen gab es, einige davon noch immer in Umlauf, viele vergessen, die meisten davon zu recht. Es ist ein wenig so, wie mit den geflügelten Jahresendfiguren der DDR, man weiß nie so richtig, ob und inwiefern man bestimmte Begriffe oder Gebräuche noch verwenden darf, wenn die Zeit vorüber ist. Dass so etwas ganz gewaltig in die Hose gehen kann, bewies der ohnehin schwer einzuordnende Volksmusiker Heino, als er im Jahr 1969 das von dem Lyriker und NS-Funktionär Hans Baumann gedichtete Jul-, also Neuweihnachts-Lied „Hohe Nacht der klaren Sterne“ auf Schallplatte presste. Es hat eben alles seine Zeit. Und manchmal ist es höchste Zeit, nicht zum Konzert zu gehen, sondern zuhause zu bleiben und über seine Taten nachzudenken. Danke, Mama.

*Die Nazi-Neuausgabe des Neuen Testaments kann man übrigens unter dem Titel „DieBotschaft Gottes“ finden




Mittwoch, 29. November 2017

Und Sonntags gehts zum Türken. Janitscharenmusik und Mozart in Gaza





Seitdem der Herr Verratichnicht in mein Leben getreten ist, habe ich eine zwischenzeitlich vernachlässigte Angewohnheit wieder aufgenommen: Türkisch essen. Vor meinem Umzug nach Sachsen eine Selbstverständlichkeit, nachdem ich sowohl in London als auch in Stuttgart in Gegenden gewohnt hatte, in denen es von türkischen Supermärkten (und den dazugehörigen türkischstämmigen Mitbürgern) nur so wimmelte. Sie (die Mitbürger, nicht die Supermärkte) machten einen beachtlichen Teil meines Freundeskreises aus, mein ehemaliger Freund (selbst Kurde) besaß sogar einen entsprechenden Laden, so dass ich damals lebte wie die Made im Schlemmerland und mir auf meinem ersten Raubzug durch die Dresdner Supermärkte die Gesichtszüge entgleisten. WO waren all die Sachen, die ich mir täglich einverleibte? Wo waren die eingelegten Artischockenböden? Wo gab es gute Bakklava? Warum kosteten die Spitzauberginen ein Vermögen? Und warum bekam ich verwirrte Gesichter präsentiert, wenn ich nach Okraschoten fragte? Wo, wo, wo waren die ganzen Türken?
Ein halbes Jahr und 2 verlorene Kilo später hatte ich mich auf meine neue Umgebung eingeschossen und häufelte nun eben Schanghai-Kohl und eingelegten Kimchi auf meinen Teller. Kulturelle Anpassung nennt sich so etwas. Und ich begann, die asiatischen Einflüsse auf meine Küche zu genießen, bis ich auf die perfekte Verbindung stieß: Zusammen mit dem Herrn Verratichnicht durch den Geheimstädter Stadtteil, der im Allgemeinen als „Korea“ bezeichnet wird zu schlendern. Der wimmelt nämlich von türkischen Lebensmittelhändlern. Besser gehts nicht, oder? Multikulti at its best!
Während hier also immer noch jeden Montag protestiert wird, schleiche ich mich auf dem Nachhauseweg am Mob vorbei und hoffe, dass mich niemand anspricht, denn ich fürchte, meine Aussage im Sinne von „hoffentlich haben ganz viele Migranten Erfahrung als Händler und machen haufenweise regionalspezifisch-orientalische Lebensmittelläden auf!“ dürfte nicht unbedingt auf fruchtbaren Boden fallen. Schade eigentlich, sonst hätte ich dort vielleicht Okraschoten züchten können. Aber da ist wohl nichts mehr zu holen.
Musikalisch macht sich so eine Zu-, Ab- oder Umwanderungsbewegung im Übrigen auch ganz gut. Selbst dann, wenn sie nicht ganz freiwillig geschieht. Da brauchen wir gar nicht so weit zurückzudenken, da reicht die Nachkriegszeit mit den überall auftauchenden Kaugummis, den „Meckie“ genannten amerikanischen Militärfrisuren, die der Heiße Scheiß bei der Jugend waren, dem Hype um Getränke wie Coca-Cola und eben auch der amerikanischen Unterhaltungsmusik, die man nun endlich überall spielen durfte. Da gab es zudem jahrelangen Nachholbedarf.
Und hätte es keine Türkenkriege gegeben, gäbe es vielleicht noch nicht einmal das Froeken selbst, denn ich entstamme einer Familie, die ihre Kinder (also meine Vorfahren) mit dem Geld ernährte, das sie in der Hotel- und Gastronomiebranche verdiente. Hauptsächlich mit einem großen wiener Kaffeehaus, das eben nur deshalb existieren konnte, weil Wien eine unglaubliche Kaffeekultur besitzt. Mit Sorten und Namen (Einspänner? Zarenkaffee (enthält Ei), Kosake mit Schlag? Großer Schwarzer? Ist das überhaupt jugendfrei??), bei denen sich Starbucks weinend verziehen kann. Klar, den Kaffee haben ja auch nicht die Amerikaner nach Wien gebracht, auch wenn sie sich damit zunehmend breitmachen, sondern eben die Türken, die die Stadt zwischen 1529 und 1683 zweimal belagerten und (vergebens) versuchten, den Habsburgern zu zeigen, wo der Hammer, beziehungsweise die (Mond-)Sichel hängt.
Versteht mich nicht falsch, ich bin gegen jegliche Art von Gewalt. Ich glaube, ich habe schon mehrmals erwähnt, dass ich beim Anblick von Salamibroten zu weinen beginne, weil ich mir immer vorstelle, dass die Schweinemama ihren Kindern erzählt, dass Papa nie wieder nach hause kommt und dass sie ganz tapfere kleine Schweinchen sein müssen (und, ja, ich heule fast, wenn ich das nur tippe...), also nochmals ganz kurz für alle: Krieg ist doof. Und das töten von Lebewesen jeglicher Art (ja, auch Busfahrer, die einem vor der Nase wegfahren, obwohl sie einen ganz genau gesehen haben) ist gemein. Aber wenn verschiedene Kulturen aufeinander klatschen, dann kommt es zwangsläufig auch zu einem Austausch unterschiedlichster Kulturgüter, sei es als Kriegsbeute oder auch als Dinge, die man vor Ort sieht und ganz einfach schön findet. Die osmanische Kultur, die sich oft unter dem Stichwort „Orientalismen“ in der Kunst, der Mode oder der Musik ab dem 18. Jahrhundert an überraschend vielen Stellen wiederfindet (Ganz ehrlich: Hand hoch, wer wusste, dass der Lappen, den sich das Model in Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ um den Kopf gewickelt hat, kein Handtuch zum Haaretrocknen, sondern ein hochmodischer „Turban“ ist?), übte offensichtlich eine gewaltige Faszination auf die Abendländer aus. Laut Gregor Maier, dem Leiter des Kulturdezernats beim Hochtaunuskreis und des Kreisarchivs, verdanken wir den Türken sogar die sonst als typisch deutsch angesehene Blasmusik. Wer den Blogpost über die Guggenmusik gelesen hat, darf also eine neue mögliche Wurzel für den Alpenradau hinzufügen. Die Türken sind schuld, die ihre Musik dem Österreichischen Musiklexikon zufolge als Kriegstaktik einsetzten, um mithilfe des Dauergedudels sämtliche Alarmglocken der Städte zu übertönen, und somit unerwartet zuschlagen zu können. Auch eine Einsatzmöglichkeit im Sinne von „Musik als Waffe“.
Besagtem Gregor Maier zufolge entspringt also die Blasmusik der hochbeliebten türkischen Militärmusik, auch Janitscharenmusik genannt (Yeñiçeri Ocaġı, die Leibwache des Sultans und Elitetruppe des türkischen Militärs). Tuben und Posaunen hatten die Janitscharenmusiker zwar nicht dabei, wenn sie mit Getöse durch die Straßen zogen, wohl aber jede Menge Gerassel und Getrommel, welche in den entsprechenden Zusatzfunktionen der sich damals großer Beliebtheit erfreuenden Janitscharenklaviere imitiert wurden: Ein zusätzliches Pedal, das beim Durchtreten für Geräusche im Stil von „umstürzender Geschirrschrank“ sorgte und besonders bei Mozarts „Türkischem Marsch“ ein paar spaßige Effekte bringt.
Nun ist Mozart bei weitem nicht der Einzige, der den Radau mit den vielen Becken und Perkussionsinstrumenten liebte, auch sein großes Vorbild Josef Haydn nutzte in seiner 1794 komponierten 100. Symphonie (nicht ohne Grund als „Militärsinfonie“ bekannt), sowie in seiner Oper Armida die typisch türkisch klingende Musik, Friedrich Witt nannte seine 6. Symphonie nicht umsonst „Turque“, Gluck orientalisiert sich in „Die Pilger von Mekka“ quasi einen Wolf... die Liste ist lang. Wer sich allerdings einen schnellen Eindruck darüber verschaffen will, wie das Ganze son klingt, der wird in Mozarts „Entführung aus dem Serail“, sowie im Rondo alla Turca schnell fündig.
Wie groß der Hype um die Janitscharen in Mozarts Tagen gewesen sein muss, zeigt sich unter anderem daran, dass man, statt den Wienerwald zu durchwandern (nein, nicht die Händlbraterei, das grüne Zeug mit den Blättern meine ich), an den Wochenenden die Militärkapelle anhören ging, was dann als „Türkische Musik“ bezeichnet wurde. Und der Dienstgrad der entsprechenden Musiker lautete im preußischen Militär noch bis weit in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein „Janitschar“.
Ziemlich militärisch geht es ja bis heute zu auf diser Welt. Im Gazastreifen beispielsweise. Und genau dort dirigierte Daniel Barenboim (wer auch sonst?) vor etwas über 6 Jahren auf Einladung der Vereinten Nationen ein Konzert, das „ein Zeichen gegen die kulturelle Blockade setzen“ sollte, und gab - genau! - Mozart. Einfach wird es nicht gewesen sein, so gab es bis zuletzt Widerstand gegen das Konzert, später wurden die Musiker in einem Militärkonvoi (und ich verkneife mir an dieser Stelle den Bezug zum „Janitscharenzug“) unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen zum Konzert und zurück gefahren, und Angaben von UN-Sicherheitsleuten zufolge waren während des laufenden Konzertes Terrordrohungen einer salafitischen Extremistengruppe eingegangen. Und auch wenn die Verteter der Hamas, die sich so gegen das Konzert gewehrt hatten, leider draußen warten mussten: Man kann so einiges zusammenbringen, alles ein bisschen wenigr be-fremdlich machen, wenn man sich bemüht.
Ja, guuuut, Barenboim, mag man durchaus argumentieren, der kann ja irgendwie gar nichts fremdländisches mehr spielen, für  jemanden, der 4 Staatsangehörigkeiten besitzt und so ziemlich überall sonst gearbeitet hat, ist ja alles irgendwie von „zu Hause“. Aber was hält uns denn davon ab, unsere eigene Definition von „Heimat“ zu überdenken? Nun bin ausgerechnet ich jemand, der nach jahrzehntelangem Umherziehen von Stadt zu Stadt und Land zu Land (Kennt noch jemand ein paar freiberufliche Geisteswissenschaftler? „Lasst uns schutteln die Hande“, wie Teefax sich ausdrücken würde) ganz froh ist, einen einigermaßen sicheren festen Wohnsitz gefunden zu haben, den ich „zuhause“ nennen und bei dem ich die Türe hinter mir zuwerfen und die große böse Welt draußen lassen kann, aber so eine zweite Heimat ist doch eigentlich nichts Schlechtes, oder? Da kennt man dann gleich ein paar Leute, weiß, welcher Bäcker frische Simit im Angebot hat, und wo es guten Kaffee gibt. Und einen Herrn Verratichnicht, der einem das Herz warm und trocken hält. Das einzige, das das noch schlagen könnte, wäre eine dritte Heimat. Und eine vierte oder fünfte. Oder die Neue Heimat, die hat man zu Zeiten sogar für eine D-Mark kaufen können. Aber das hat nun wirklich nichts mehr mit Musik zu tun.

Noch ein kleiner Tipp zum Abschluss: Den Kosaken mit Schlag (wahlweise Obers genannt) bitte nicht probieren...ich weiß nicht, was sich der Barmensch, der das erfunden hat, dabei gedacht hat, aber vermutlich hat er einfach alles zusammengeschüttet, mit dem er sich gerade betrunken hatte, und die Sache mit Kaffee aufgefüllt.
Und falls er sich danach noch hingesetzt und Mozart gespielt hat, hat sich dasvermutlich so angehört. Ersetzt in Gedanken einfach die hinzukommenden Biere durch Kaffee  Zarenbrühe Suppe das entsprechende Heißgetränk.

 So, hier die versprochenen Katzenbilder. Es ist wie bei Kindern: Nie sind alle zuhause, wenn man sie mal auf ein Foto bekommen möchte. Der Graue links oben ist erst vor Kurzem eingezogen, bringt dafür aber eine Menge Erkrankungen mit. Also Pfötchen drücken für den Herrn im schon sehr schön nachgewachsenen Pelz!


                                                                   Kaninchencontent :D


Mittwoch, 22. November 2017

Kriegswichtige Spottmusik? Wenn Musik eine Waffe ist






Nachbarn und Musik, das ist so ein Thema, das Generationen von Menschen, die eigentlich friedlich nebeneinander herleben, oder einander sogar freundschaftlich zur Hand gehen könnten, zu erbitterten Feinden machen kann, ja mitunter Gerichtssäle füllt. Und das vermutlich seit der Erfindung der Klopfgeräusche oder der Singstimmen Wenn also Uga-Uga mit seinen Kumpels eine Sause veranstaltete und mit seiner Knochentrommel den Beat gab, während Nunu und Gaga lauthals sangen und mitklatschten, dann tat er gut daran, seinen Höhlennachbarn im Neandertal vorher darüber in Kenntnis zu setzen und um Erlaubnis zu bitten, sonst konnte dieser auf die Idee kommen, seine Keule einzupacken und ein bisschen mitzufeiern. Einen direkten Zusammenhang zu der Tatsache, dass  die meisten Schädelfunde aus dieser Zeit fragmentarisch sind, also hauptsächlich aus Splittern oder abgefallenen Unterkiefern bestehen, möchte ich an dieser Stelle nicht ziehen, das Problem der allabendlichen Privatdisko in der Wohnung nebenan dürften die meisten von uns jedoch kennen. Es sei denn, sie gehören selbst zu den Radaubrüdern und haben nur deshalb keinen Ärger mit der Nachbarschaft, weil sie deren genervtes Klingeln und Klopfen nicht hören, da ihre Musik zu laut ist.
Ja, Musik kann eine Waffe sein, zuweilen sogar eine sehr wirksame. Und ich spreche hier nicht davon, Menschen in Privaträumen so lange mit Bibis Wap-Dap-Gedudel zu bestrahlen, bis diese freiwillig alles tun, was man von ihnen verlangt, oder alle Gerätschaften so lange extralaut zu nutzen, bis sich der ungeliebte Mitbewohner entnervt eine neue Bleibe gesucht hat (besonders geeignet bei Mitbewohnern, die Nachtschichten arbeiten), sondern von unterschiedlichen Versuchen, Musik im großen Stil für politische Zwecke zu nutzen.
Im Grunde beginnt so etwas bei der Frage, welche Musik man NICHT hören sollte. Das Recht auf Religionsfreiheit ist beispielsweise felsenfest im Grundgesetz verankert und garantiert uns wenigstens ein kleines bisschen Individualität. Ebenso darf man den Herrn Nachbarn nicht dumm anreden, weil er sein rotes Pailettenkleid schon wieder mit diesen unsäglichen knallgrünen Stöckelschuhen kombiniert. Weil es nämlich ganz alleine seine Sache ist, für welche Schuhe er sich entscheidet, auch wenn die Farbe zehnmal nicht passt. Vielleicht ist er ja auch ganz einfach rot-grün-blind und hält beides für grau. Soll es ja geben, in der Männerwelt. Über seinen Musikgeschmack darf ich mich allerdings aufregen. Inwiefern das zur freien Entfaltung der Persönlichkeit gehört und ich mich auf dünnes Eis begebe, wenn ich öffentlich schreibe, dass er mir mit seiner Affenmusik auf den Wecker geht, wäre zu diskutieren. Dass Dschungelmusik (wie bitte klingt denn eigentlich so ein Dschungel, lieber Herr Göbbels, der den Begriff damals. in den 30ern und 40ern entscheidend mitgeprägt hat? So vielleicht?) im dritten Reich offiziell unerwünscht war, ist eine Geschichte, die zwar wahr ist, aber doch recht oberflächlich betrachtet wird, denn Ausnahmen gibt es immer und die Frage geht meist dahin, wer etwas ausüben darf und wer nicht, sondern wem diese Ausübung nutzt, beziehungsweise wessen Gelder in wessen Taschen fließen.

Wenn Jugendliche spätabends vor den Türen der Supermärkte herumlungern und die automatischen Türen blockieren, um gerade in den kalten Monaten noch etwas Licht und Wärme abzubekommen und alle paar Minuten ein Mitglied der Gruppe hineinschicken, um Limonade und Alkohol zum Zumischen zu besorgen, kann das durchaus auch geschäftsschädigend werden, zumal mit steigendem Alkoholpegel auch die Lautstärke der Untergaltungen, sowie die Wahrscheinlichkeit irgendwelcher Streitereien zunimmt. Die Tatsache, dass das Gehör im Alter immer schlechter wird und bestimmte Frequenzbereiche immer weniger gehört werden können, machte sich eine britische Firma zu Nutzen und entwickelte eine Lärmmaschine, deren „Lärm“ angeblich nur von jungen Menschen bis etwa zum 25. Lebensjahr gehört werden kann. Damit soll eine ähnliche Wirkung erreicht werden, wie mit Ultraschallgeräten, die Moskitos oder Hunde vertreiben. Nur eben mit Jugendlichen. Der feuchte Traum eines jeden spießigen Nachbars sozusagen. Gerät einschalten und ein „Jugendfreies“ Leben genießen. Warum nicht. Wer’s braucht... „The Mosquito“ nennt sich das Ganze dann auch recht passend. Immerhin blieb es bei der Ultraschallverscheuchung nach Art der Insektenvertreibung. Sie hätten ja schließlich auch eine riesige Fliegenklatsche erfinden und damit schwundvoll zuklatschen können, oder nicht? Wäre unter Umständen sogar wirksamer gewesen, da die geplätteten Teenies nicht an den Ort des Geschehens zurückkehren könnten. Wir sehen: Das System ist ausbaufähig.

Wer wie ich in einer Zeit zur Schule gegangen ist, in der das Wort „Mobbing“ noch in seiner eigentlichen Bedeutung verwendet wurde, in der keine Schulpsychologen Grundschülern erklärten, wie man sich untereinander zu verhalten hat, und in der man glaubte, „politisch korrekt“ zu sein, wenn man sein Kreuzchen auf dem Wahlzettel ordentlich und leserlich malte, kennt wahrscheinlich auch die Waffen der Kinder, die zu schwach oder zu feige sind, sich auf eine offene Prügelei mit einem unbeliebten Klassenkameraden einzulassen: Man schart ein paar Freunde um sich, gibt einem allseits bekannten Kinderlied einen neuen Text (wobei es sich empfiehlt, das Säckchen mit den Fäkalausdrücken gründlich auszuschütteln, da es für Lacher und somit für weitere Verbreitung sorgt), und singt es dem Opfer bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor, wobei der Text natürlich zum Kind passen muss. So wurden dicke Kinder mit dem Lied von der Dickmadam beglückt, die mit ihrem Gewicht eine ganze Eisenbahn zerlegte und am Ende von der herbeigerufenen Polizei geschlagen wurde, dumme Kinder mit Songs im Stil von „Heinz, Heinz, was ist eins und eins?“ (Immer vorausgesetzt natürlich, es handelte sich auch um einen Heinz, ansonsten musste man die Zahlen entsprechend ändern), und Kinder, die aus anderen Kulturkreisen kamen und unübliche Vornamen trugen, mit dem unschlagbaren „Erbek (Zlata, Gökhan...)  ist ein schöner Name / Erbek will ich heißen / Erbek heißt mein Klopapier / darauf will ich... (den Rest können wir uns ja vermutlich denken).
„Zehn kleine Negerlein“ war damals schon grenzwertig, wurde aber noch gesungen,  Zigeuner durfte man einander noch nennen, insgesamt aber brauchte man nicht besonders tief in die Spottkiste zu greifen, um in immer braunere Schichten vorzudringen. Unbeliebte Kinder wurden auch in der NS-Zeit mit entsprechenden Gesängen bedacht, interessant war allerdings, dass das Ganze auch im großen Stil betrieben und sogar gefördert wurde.
Dabei kann man nicht nur jede Menge Bösartigkeiten in Lieder hinein- und diese dann bei wechselnden Feindbildern auch entsprechend umdichten (so wurde aus „Bomben auf Polenland“ kurzerhand „Bomben auf Engelland“ - viel Phantasie hat der Texter da nicht gebraucht), man kann auch Textstellen aus Liedern herausfiltern. So zum Beispiel, wenn in Weihnachtsliedern jüdische Namen oder Orte vorkommen, was ja nicht besonders verwunderlich ist, wenn ein kleines jüdisches Kind mitten in Israel das Licht der Welt erblickt. Sofern nicht sein Schwippschwager Heinz (das war der, der so schlecht in Mathe war) aus Wanne-Eickel vorbeigekommen ist, um Weihrauch und Myrrhe durch einen guten deutschen Rosinenstollen zu ersetzen, konnte man mit dem einen oder anderen jüdischen Besucher oder Biographen rechnen. So zum Beispiel Jesaja, der Jesus als Heilsbringer beschreibt, der wie ein neuer Sproß aus einem alten Baumstumpf erwächst. Ja, richtig, wir sind bei der Geschichte mit dem Reis (Reisig, nicht Rose, das ist Volksetymologie), der aus der Wurzel entspringt. Jesaja als Jude flog in der Naziversion aus dem Song, und heraus kam das Kirchenlied, in dem nicht mehr „von Jesse kam die Art“ gesungen wurde, sonern die Art eben vom „Himmel“ kam, was unverfänglicher war, befindet sich doch der Himmel haargenau über Wanne-Eickel. Ein Blick aus einem dortigen Fenster genügt.

Der Theologe Wilhelm Caspari, der quasi davon lebte, „jüdische Ausdrücke“ wie „Zion“ oder (kein Witz!) „Halleluja“ in Kirchenliedern durch gutes deutsches Wortgut zu ersetzen,  veröffentlichte im Jahr 1933 sogar eine Studie names „Über alttestamentliche Bezugnahmen im evangelischen Gesangbuch und ihre Beseitigung“ und schaffte es, dabei, die Textzeile „Durch der Engel Halleluja / tönt es laut von Fern und nah“  zu „Durch der Engel heiliges Wort“ zu ersetzen. Beschaulich. Besonders, wenn sich die Folgezeile nicht mehr reimt, und die Familie vor dem Weihnachtsbaum verwirrten Blickes versucht, so etwas wie „tönt es laut von Fern und Nord“ oder „Ort“ oder „aus dem Hort“ zu singen, weil wir uns so an den Endreim gewöhnt haben. Da sind wir froh, dass Betlehem so weit weg ist, sonst hätte die arme Maria, die gerade ohne jegliche medizinische Versorgung mitten auf einer Wanderung  in einem Schafstall ein Kind entbunden hatte, den Stall zugesperrt und alle Hirten draußen gelassen. Nur um sich das nicht lnger anhören zu müssen. Halleluja!

Nun gab es also das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das kirchliche Leben“ mit Sitz in Eisenach (gegründet übrigens auf der Wartburg, die diesbezüglich ja schon einiges erlebt hatte), die Reichskulturkammer, ihre Schwester, die Reichsmusikkammer mit der Reichsmusikprüfstelle, die es sich allesamt zur Aufgabe gemacht hatten, alles was fremdländischen Odem hat aus dem Musikleben zu entfernen, und trotzdem gab es sie weiterhin, die Dschungelmusik, die man doch zu bekmpfen suchte. Und zwar ganz offiziell.
So blieb beispielsweise die Musik des französischen Gitarristen Django Reinhard von den Nazis einigermaßen unbehelligt. Und das, obwohl er nicht nur Manouche war (die französischen Ableger der Sinti), sondern auch noch durch einen Unfall behindert, und mit seiner verstümmelten rechten Hand so ziemlich all das auf der Gitarre vollbrachte, was anderen Musikern sofortiges Berufsverbot eingebracht hätte. Aber Reinhard war viel zu berühmt und beliebt, um derart abgewatscht zu werden. Man kann es sich eben nicht mit jedem verscherzen. Und der eine oder andere Obernazi hörte die Musk zudem selbst ganz gerne. Sowas muss es also auch geben.
Interessanter ist da eine Band, die sich um den Sänger und Texter Karl „Charlie“ Schwedler und den Saxophonisten Lutz Templin gebildet hatte. Und zwar auf allerhöchstes Geheiß. Die Musiker kassierten bis zu 500 Reichsmark pro Monat, was in etwa dem doppelten des Durchschnittseinkommens der Zeit entsprach, waren vom Kriegsdienst freigestellt und mussten nicht einmal ihre Instrumente selbst bezahlen. Und was spielten sie? Swing.
Da erließ die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft ein "Verbot des Nigger-Jazz für den gesamten deutschen Rundfunk", das den Swing genauso beinhaltete, wie alles andere, das US-Tanzhallen füllte, um dann dafür zu sorgen, dass genau diese Art von Musik über das Radio in alle Welt gesendet wurde? Hallo? Wer hat da denn den Schuss, beziehungsweise den  Göbbels nicht gehört?
Aber so war es ja gar nicht. Klar wurde gesendet. Aber eben nicht in alle Welt. Ausgerechnet innerhalb Deutschlands bekam man Charlies Orchester nicht zu hören. Und warum nicht? Weil das sozusagen die Swing-Variante der Heinz-kann-nicht-rechnen-Musik darstellte. Bekannte und beliebte Stücke, Jazz-Standards, Songs wie „Bey mir bist Du Scheyn“ (das aus einem jiddischen Musical stammte) wurden quasi „gecovered“ und mit neuen Texten versehen. „Charlie“ Schwedler, der zuvor viele Jahre in den Vereinigten Staaten verbracht hatte, nutzte seine Englischkenntnisse, um aus den Songs flugs Spottlieder zu machen. Und diese dann per Radio in feindliche Wohnzimmer zu senden.
Dass so etwas funktionieren kann, hatten sie vermutlich schon in der Schule getestet: Singen, bis die dicke Else weint und Heinz mit der Rechenschwäche nicht mehr zum Unterricht erscheint, weil er sich beim Versuch, in die Spree zu gehen, eine Lungenentzündung zugezogen hat. Rechnen konnte er nicht, schwimmen schon.
Man spielte also umgedichtete US-Gassenhauer, um die Moral der Feinde zu untergraben. Irgendwie ja absurd, aber nennt mir etwas, das sich die langen Arme der NSDAP ausdachten, das NICHT absurd war. So gesehen passte die Geschichte also ins Programm. Musik kann also kriegswichtig sein und den Musikern gleichzeitig das Leben retten, denn ganz so sortenrein waren auch diese nicht, hätten also früher oder später auch mit ein paar unangenehmen Besuchern rechnen müssen. Auf die Frage „Wollt ihr den totalen Jazz?“ antwortete man also besser mit „ja, bitte!“
Moderiert wurden die kriegswichtigen Einsätze von Charlie and his Orchstra von zwei Scherzkeksen namens „Lord Haw-Haw“ und „Axis Sally“, die zwischendurch ihre Witze über die feindlichen Streitkräfte rissen, was ein wenig an Monty Pythons Sketch mit dem lustigsten Witz der Welt erinnert. Eine unschlagbare Möglichkeit also, die übelsten Mobber direkt aus der Schule weg an Stellen zu engagieren, an denen sie mit ihrer rücksichtslosen Art möglichst viel Schaden anrichten konnten. Im Auftrag ihrer Majestät des Reichspropagandaministers.
Und falls sich jemand fragen sollte, wie es sich so angehört hat, wenn Charlie und seine Gang zu den Instrumenten griffen; Hier habe ich mal ein paar Texte und Links zusammengestellt:

Aus dem bekannten
„Let’s go slumming
Let’s go slumming
Let’s go slumming on Park Avenue“
„Let’s go bombing
Let’s go bombing
Just like good ol’ British airmen do“

Ein nettes Hörbeispiel misamt eingestreuten Witzen über Winston Churchill und dem „schönen“ Text „Yes, Jews, you're driving me crazy, 
what did I do, what did I do? 
My fears for you make everything hazy clouding the skies of blue. 
Ah, Jews are the friends who are near me to cheer me, 
believe me they do. 
But Jews are the kind that will hurt me, desert me 
when I need a Jew“ 


für diejenigen, die den Monty Python Sketch nicht kennen: Bitte hier klicken!

                                     Sorry, Leute, heute ohne Katzenbilder. Bald wieder. Versprochen!