Donnerstag, 11. Dezember 2014

An das Ferne Vorbild


 
Wie ist das eigentlich, wenn man für einen anderen Menschen komponiert? Ich spreche hier übrigens nicht von Auftragswerken oder Kompositionen, die man unter Pseudonym oder gleich ganz unter der Prämisse schreibt, dass sie ein anderer als die seinigen ausgeben kann. Was ich meine ist, eine andere Person oder ein anderes Wesen vor Augen zu haben, und mit eben diesem Bild an die Arbeit zu gehen.
Dabei muss es sich auch nicht notwendigerweise um die Liebe zwischen Frau und Mann (oder eben Mann und Mann oder Frau und Frau...ich denke, es ist klar, von was für einer Art Gefühl ich hier spreche) handeln. Wer jetzt an Johann Sebastian Bachs Motto "Soli Deo Gloria" denkt, hat verstanden, worum es mir geht. Der Andere im Herzen ist ein ziemlich flexibles Bild. Sogar eine politische Idee kann damit verbunden sein. Wellingtons Sieg beispielsweise, oder ein paar ziemlich absurde nationalsozialistische Gedanken. Liebe im Sinne von Begeisterung für eine Person oder eine Sache, kann auch im musikalischen Sinn sehr anregend sein. Erschreckend anregend sogar.
Große Werke wurden auf diese Weise geschrieben. Beethovens Liederzyklus "An die Ferne Geliebte" beispielsweise. Alban Berg hat die Initialen seiner Angebeteten auf dieselbe Weise in die Noten geschummelt, wie Bach seinen eigenen Nachnamen, wie viele Songs auf dem hetigen Popularmusikmarkt handeln denn mal NICHT von Liebe? Genau!
Wie aber fühlt es sich dann an, von eben dieser Person abgelehnt und enttäuscht zu werden? Beethovens "Ferne Geliebte" blieb hauptsächlich eben das. Fern. Das Titelblatt der Napoleon Bonaparte gewidmeten dritten Sinfonie "Eroica" soll derselbe Ludwig van übrigens wütend zerrissen haben, nachdem eben dieser Napoleon die Ideen der Gleichheit und Brüderlichkeit verraten und sich selbst zum Kaiser gekrönt hatte. Und Schubert, der beinahe siebzig Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe vertont hatte (unter anderem eines seiner bekanntesten Lieder: "Der Erlkönig", das man sogar dann kennt, wenn man eigentlich nichts von Schubert kennt), bekam nicht einmal einen müden Rückschein mit Autogramm oder zumindest eine Empfangsbestätigung vom guten Johann Wolfgang, nachdem seine Freunde das ganze Paket an der großen Dichter geschickt hatten. Frustrierend, oder nicht?
Nicht, dass ich es selbst nicht auch erlebt hätte. Gerade andere Künstler haben oft weder Zeit noch Lust, sich mit unbekannten "Fangeschenken" zu beschäftigen, die entweder stümperhaft, oder, was noch viel schlimmer wäre, sehr gut sind. (Im allerschlimmsten Fall wären sie dann besser als die eigenen, aber das darf es in der Kunstwelt ja eigentlich gar nicht geben :D )
Wie dem auch sei, Schubert hat Goethes Mailadresse jedenfalls unwiderbringlich von seiner Festplatte gelöscht und ihm nie wieder etwas von sich geschickt. Und dabei soll Goethe doch einige Jahre später eine Aufführung "seiner" Lieder gehört haben. Der Legende zufolge meinte er daraufhin: So hätten sie ihm tatsächlich auch gefallen. Aber da war der Zug bekannterweise bereits abgefahren.
 

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