Donnerstag, 18. Dezember 2014

Sex and Drugs and Berlioz


Fans, die ihren Lieblingskünstlern mit unzähligen Liebesbekundungen auf die Nerven fallen, sind nichts Neues in der Branche. Künstler, die ihren Zuhörern auf den Geist gehen sind wohl ebenso zahlreich zu finden. Künstler, die ihre eigenen Lieblingskünstler mit Werken und Stücken überschütten, in der Hoffnung, bei diesen irgendwann doch noch einmal Anerkennung zu finden... auch die gibt es. Zwar meist nicht so offensichtlich, aber Bruckner hatte es mit Wagner, Bach stiefelte eigenfüßig von Arnstadt nach Lübeck, um Buxtehude spielen zu hören, Schubert soll sich niemals wirklich getraut haben, Beethoven anzusprechen, weil er so beeindruckt von ihm war... tja, und dann gibt es da noch Hector Berlioz. Der war in jeder Hinsicht ein Kapitel für sich.

Dass er zunächst nicht Komposition sondern Medizin studierte, soll hier nur insofern erwähnt werden, als er auf so manchen Zeitgenossen (und späteren Hörer) den Eindruck machte, er wisse genau, wo er sich welche Substanz verschreiben oder besorgen lassen konnte, was allerdings auch im Bezug zu seiner Zeit gesehen werden muss. Die sogenannte „Grüne Stunde“, in der man sich nach getaner Tat noch das eine oder andere Schlückchen Absinth hinter die Binde goss, oder der Besuch eines Opiumhauses waren damals nicht gleich mit polizeilichen Razzien oder ähnlichem verbunden, was zu einigen sehr interessanten Werken der Kunst- und Musikgeschichte geführt hat... Jean Cocteau sei an dieser Stelle als Zeichner und Schriftsteller angeführt. Aber bleiben wir bei Berlioz.
Im Jahr 1827 gab die irische Schauspielerin Harriet Smithson die Ophelia in einer Hamlet-Aufführung im Théâtre National de l' Odéon in Paris, wo Hector Berlioz beinahe die Augen aus dem Kopf und von seiner Loge ins Parkett hinunter fielen. Er war hin- und hergerissen von ihrer Schönheit (was jetzt nicht weiter verwunderlich ist, wenn man sich einmal die Bilder der Frauen aus seiner Herkunftsfamilie betrachtet). Dumm nur, dass sie ihn überhaupt nicht toll fand und die darauffolgenden Briefe zusammen mit der übrigen Fanpost ihrem Management zur Beantwortung oder zum Wegschmeißen übergab. Tja. Erstmal könnte man das unter „dumm gelaufen“ verbuchen und sich eine andere Schmachtette suchen, aber dann wäre man ja nicht Berlioz. Der setzte sich nämlich hin und schrieb mal schnell eine fünfsätzige abendfüllende Sinfonie, eigentlich ein „Drame Musical“, ein musikalisches Drama also sozusagen, was auch erklärt, weshalb das Ding nun ausgerechnet 5 statt der üblichen vier Sätze verwendet. Für solcherart Veränderungen war bislang ja eigentlich Beethoven zuständig aber der stand zum Entstehungszeitpunkt der Sinfonie Fantastique ja schon nicht mehr zur Verfügung. 5 Akte hat das antike Drama, somit hat das musikalische Drama eben 5 Sätze. Dachte sich jedenfalls Berlioz und schrieb ein Stück über einen jungen Künstler, der sich in eine schöne Frau verliebt, die nichts von ihm wissen will. Haben wir irgendwo schonmal gehört, oder nicht?

Nachdem er sich grundlegend verknallt hat und ebenso gründlich abgewiesen wurde, trifft der Künstler seine Angebetete im 2. Akt auf einem Ball wieder, dargestellt durch eine Menge Anmerkungen zu Beginn des Satzes und die sogenannte „Idée Fixe“, einer Sache, die Wagnerianer ganz einfach als Leitmotiv bezeichnen würden. Jedes Mal, wenn sich die Holde zeigt, erklingt auch ihre „Erkennungsmelodie“ (ein Wort, für das ist wahrscheinlich gesteinigt würde, wenn dies hier kein Blogbeitrag, sondern eine Seminararbeit wäre). Der dritte Satz bringt uns rein von der Geschichte her wenig neues: Der junge Künstler trifft die Dame seiner Herzens. Und ist ihr mal wieder egal. Darauf einen Dujardin.

Diesmal allerdings zeigt sich, dass er nicht der einzige ist, dem sie gefällt: Zwei Hirten, die sich (durch ihre Flöten) unterhalten, sehen sie ebenfalls, und als einer von ihnen die Idee Fixe auf der Flöte übernimmt, kommen dem Künstler ernsthafte Zweifel an ihrer Treue... na klar...hallo? Sie mag ihn nicht... will ihn noch nicht einmal kennenlernen, soll sich aber vollkommen auf ihn beschränken? Finde den Fehler!

Zugegeben, der Absinthgenuss war damals wie bereits erwähnt auf seinem Höhepunkt und Opium zu rauchen war auch kein Sport für Kriminelle, aber ??? Was uns übrigens gleich zum Thema des vierten Satzes bringt: Drogen und Drogenräusche. Der gute Künstler pfeift sich nämlich unverzüglich eine große Portion Frustopium rein (also quasi das Pendant zum weiblichen Kummerschokoladenkoma) und ist auf seinem Trip überzeugt, er habe die schöne Geliebte eigenhändig umgebracht, weil die nicht die Seine werden wollte. Daraufhin lässt er sich zum Richtplatz führen, wo ihm selbst der Garaus gemacht wird.... Kinder lasst die Finger von den Drogen, ihr seht ja, wozu das führen kann...

Im fünften und letzten Satz befindet er sich dann urplötzlich kurz hinter Hogsmeade, trinkt ein Butterbier mit Professor Mc Gonagall und fällt vor Schreck fast von seinem Besen, als sich Bibi Blocksberg, die soeben auf ihrem Nimbus 2000 an ihm vorbeiflattert, als die tot geglaubte Geliebte entpuppt. Schließlich veranstalten die Hexen zu den Klängen des Cantus Firmus des Dies Irae („Tränenreich wird dieser Tag“, ein Teil der (= seiner??) katholischen Totenmesse) eine Flugshow, bei der uns Hören und Sehen vergeht.

Im Grunde also ein Libretto, aus dem sich auch eine Doom-Metal-Oper erschaffen ließe. Soviel zum Thema „Hört Klassik, die ist harmlos und nicht so gefährlich wie dieser ganze Rock'n'Roll.

Wozu die ganze Geschichte? Um drei wichtige Dinge auszudrücken:
  1. Hartnäckigkeit kann sich lohnen. Wenn man ganz viel Zeit hat.
    Die gute Harriet Smithson bekam die Sinfonie nämlich tatsächlich zu Ohren. Genau zwei Jahre nach ihrer Erstaufführung allerdings, was sie aber nicht davon abhielt, sich einigermaßen geschmeichelt zu zeigen und dem guten Hector ausrichten zu lassen, man könne sich ja vielleicht doch mal treffen. Wer nun lacht und sich denkt „Na klar, der hatte ja nichts besseres zu tun, als herumzusitzen und auf Antwort zu warten“, der kannte den Herrn Berlioz nicht (wie auch, er weilt seit 1869 nicht mehr unter uns, den habe ja nicht mal mehr ich erlebt, und ich fühle mich des öfteren ziemlich alt). Der hatte nämlich tatsächlich nichts besseres zu tun, willigte in das Treffen ein, und ein Jahr später läuteten die Hochzeitsglocken. Man kann also alles erreichen, wenn man nur am Ball bleibt.
  2. Manchmal sollte man doch auf die Zeichen der ersten Stunde hören und sich auf die erste Intuition verlassen. Weitere 2 ziemlich unglückliche Jahre später, waren die Berlioz-Smithsons nämlich bereits wieder geschiedene Leute.
  3. Es kann gar nicht so dumm laufen, dass nicht wenigstens noch ein cooles Musikstück dabei herausspringen kann.



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