Mittwoch, 31. Dezember 2014

Die Musik ist vorerst gestorben





Und das ist sie nicht nur einmal in der Geschichte. Mal abgesehen von diversen Versuchen, die Musik während der Karwoche aus dem öffentlichen Leben zu verbannen (der liebe Herr Händel ud seine italienischen Kollegen konnten seinerzeit … fast hätte ich geschrieben “ein Lied davon singen”, aber das konnten sie ja gerade nicht. Das war ja verboten. Die Opernhäuser blieben geschlossen), gab es auch Trauertage, an denen man das Singen, Tanzen und Musizieren tunlichst zu unterlassen hatte.

Die Sächsische Landestrauer war so ein Zeitpunkt. Beziehungsweise Zeitraum. Sie dauerte nämlich vom Tod des Landesherrn (gut, genaugenommen war das bereits am 1. Februar 1733, die Landestrauer begann jedoch erst am 15.) bis in den Sommer hinein. Am 2. Juli endete die Trauerperiode, und genau so lange durfte keine Musik aufgeführt werden. Es herrschte also sozusagen Stille im Reich.


Dass unser guter August überhaupt Kurfürst von Sachsen werden durfte, verdankt er schon einem ziemlich dummen Zufall. Er war nämlich eigentlich nur der zweitgeborene Sohn Johann Georgs III von Sachsen und somit zunächst nicht für den Thron gedacht gewesen. Diesen sollte sein älterer Bruder Johann Georg IV besteigen, was dieser im Jahr 1691 auch tat, welchen er jedoch bereits drei Jahre später im Alter von nur 26 Jahren seinem kleinen Bruder überlassen musste. Ziemlich unfreiwilligerweise sogar. Er wurde nämlich auf äußerst unschöne Weise ins Jenseits befördert, wobei es bis heute nicht ganz geklärt ist, ob es sich dabei um die Pocken oder eine Vergiftung gehandelt hat. Wie dem auch sei, toll ist sicher keines von beiden. Ich persönlich würde es bevorzugen, irgendwo im Garten einzuschlafen, mir die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen und mit einer Sonnenbrille und einem guten Buch in der Hand vor meinen Schöpfer zu treten, aber wahrscheinlich fragt mich am Ende eh wieder keiner nach meiner Meinung.



Nun gut, der Herr August war urplötzlich Kurfürst von Sachsen (wenn man den Gerüchten glaubt, hatte er ohnehin kein besonders gutes Verhältnis zu seinem Bruder, weshalb die Thronbesteigung (sollte sich die Vergiftungstheorie als richtig erweisen) vielleicht doch nicht ganz so unerwartet kam), später dann auch König von Polen, was aber wieder eine ganz andere Geschichte ist, im Zuge derer übrigens die Dresdner Hofkirche nebst dazugehöriger Silbermann-Orgel gebaut wurde, denn Polen war im Gegensatz zu Sachsen katholisch und nach seinem Übertritt zum katholischen Glauben (der ihm im Übrigen ziemlich böse angekreidet wurde) hatte er ja auch ein halbwegs brauchbares Gotteshaus vorzuweisen.

Abgesehen von polnischen Kronen, italienischen Dörfchen und ein paar anderen Kleinigkeiten, hatte es dem guten August allerdings der glamuröse Lebensstil der französischen und italienischen Könige angetan... alles golden anstreichen, mit Geld um sich werfen und viele schnörkelige Prachtbauten in die Stadt klotzen, das wollte er auch. Und da die Könige auch die entsprechenden Künstler, Architekten und Musiker am Hof hielten, versammelte auch August eine entsprechende Auswahl um sich.

Was die Kunst betrifft, so hat er tatsächlich einiges hinterlassen, der Starke August. Aus der Renaissance-Stadt Dresden wurde eine Barockstadt, die gotischen Spitzgiebelhäuschen wichen steinernen Bauten und die Elbe wurde von Prachtbauten gesäumt, wie die venezianischen Kanäle von den Dogenpalästen. Das Elbflorenz entstand.

Auch musikalisch zeigte er sich interessiert und scharte Komponisten und Musiker wie Hasse, Benda, Quanzt und Pantaleon Hebenstreit (nach dem das Instrument Pantalon benannt ist... und nein, es handelt sich hierbei nicht um einen musikalischen Hosenboden... etwas mehr Respekt, wenn ich bitten dürfte :D , auch wenn man das Ding gründlich versohlen konnte... Tatsächlich ist ein Pantalon nämlich  eine Art überdimensionales Hackbrett, wobei man später auch eine frühe Art des Hammerklaviers also Pantaleon bezeichnete; wohl weil dieses ebenfalls von Hämmerchen angeschlagen wurde, wenn auch durch Tastendruck, statt durch gezieltes drauflosklöppeln ), sowie Mitglieder der uns wohlbekannten Familie Bach um sich. Für Musik war in der Hofkapelle also gesorgt. Bis der am Ende seines Lebens über 110kg schweren Diabetiker August in himmlische Gefilde abberufen wurde. Danach war erstmal monatelang Ruhe in der Manege.



Und was macht man in der ganzen stillen Zeit, wenn man Johann Sebastian Bach heißt, doch eigentlich Komponist und Kantor ist und sein Auskommen damit bestreitet, Kantaten zu schreiben und die Thomaner zum singen anzuleiten (oder einen gewissen Gottfried Benjamin Fleckeisen und seine Kumpels damit zu beauftragen, während man selbst wer-weiß-was macht)? Richtig: Man nutzt die Zeit und komponiert. So geschehen mit der h-Moll-Messe, die während der sächsischen Landestrauer im Todesjahr des Kurfürsten 1733 entstand. Zumindest die erste Fassung mit dem Kyrie und dem Gloria schrieb er in dieser Zeit und widmete die Messe, da vom alten Friedrich August ja nichts mehr zu erwarten war, gleich seinem Nachfolger und Sohn, Kurfürst Friedrich August II. Damit wäre die Messe zwar kürzer als wir sie heute kennen, aber in sich doch abgeschlossen, denn die Messen Bachs enthalten nach lutherischer Tradition eigentlich nur diese beiden Teile. Später nahm er sich die ganze Sache allerdings noch einmal vor und baute die Kurzmesse zur uns bekannten langen Form aus. Warum wissen die Götter. Oder die Bachforscher. Wobei auch diese es beim gegenwärtigen Stand der Forschung nur vermuten können.



Jedenfalls bewahrheitet sich auch in diesem Fall der Satz, mit dem ich bereits die Geschichte mit Berlioz und den Drogen beendet habe: Es kann nichts so tragisch sein, dass nicht wenigstens ein cooles Musikstück dabei herauskäme.




Ein Schnee-Bach... wenn man ein Buch gewinnen kann, schippt auch das Fröken mit :D



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