Sonntag, 14. Dezember 2014

Wagner überleben, oder: Warum Walküren ins Gras beißen


 
“Es (= die Oper) ist erst vorbei, wenn die dicke Frau gesungen hat”, sagt man im angelsächsichen Raum und meint damit so viel wie “Da kommt noch was nach”, oder “Freu Dich nicht zu früh!”

Irgendwo las ich das ganze einmal in einer “überarbeiteten” Version. Sie lautete: “Die Oper ist erst vorbei, wenn die dicke Frau tot ist”. Ich nehme an, der Verfasser dieses Spruches hat eine Menge Wagner-Opern gesehen. Gut, die Damen mögen nicht alle dick sein, aber am Ende sind sie trotzdem tot, was uns zum 2. Punkt der erweiterten Fassung bringt: “Wenn die dicke Frau am Ende nicht stirbt, sondern heiratet, handelt es sich um eine Operette. “ Soweit, so gut. Ich stelle mal schnell noch eine dritte, diesmal eigene, These zu der ganzen Sache auf und behaupte: Wenn die dicke Frau eigentlich eine sehr dünne und junge Frau ist, aber trotzdem ins Gras beißt, sitzen Sie vermutlich in einem Musical.
All diese toten Frauen beschäftigen mich nun schon eine ganze Weile lang. Was für ein seltsames Trauma schleppte Richard Wagner eigentlich (neben den bereits bekannten ) noch mit sich herum, dass er am Ende seiner Opern allen möglichen Leuten die Erlösung zukommen ließ, die Frauen aber eine nach der anderen unter die Erde brachte? Nehmen wir doch mal den fliegenden Holländer zum Beispiel: Der wird erst dadurch gerettet, dass sie sich für ihn das Leben nimmt. Jetzt muss er nicht mehr ewig herumsegeln, hat dafür aber auf immer das Bild vor Augen, wie sich seine Senta von der Klippe wirft. Auch nicht viel besser. Kundry im Parsifal wird sogar selbst erlöst und getauft, woraufhin sie augenblicklich den Löffel abgibt.

Dass Isolde die ganze Tristangeschichte nicht überstehen wird, war vermutlich schon in dem Augenblick klar, als Brangäne anfängt, mit Drogen herumzuexperimentieren und Tristan und Isolde als Versuchskaninchen missbraucht. Als Elsa ihrem Lohengrin im Brautgemach die Frage stellt, die eine Frau niemals dem Mann stellen sollte, mit dem sie gerade in den Laken wühlt (“Sag mal, wie heißt Du eigentlich?”), ist ihr Schicksal besiegelt. Natürlich ist sie nicht die Einzige, die am Ende der Oper über die Regenbogenbrücke geht, es gibt ja mit Ortrud auch noch eine zweite Frauengestalt in der Oper, und so bricht zunächst Ortrud zusammen, dann folgt ihr Elsa, wobei vermutlich kein Pathologe mit Sicherheit sagen könnte, was ihr denn eigentlich gefehlt haben mag. Allerdings haben Opernpathologen wahrscheinlich ohnehin ein eigenes Vokabular für derartige Todesursachen. Wer sich hier den Terminus “finaler Schockzustand” registrieren lässt, erspart sich bei Kundry im Parzifal das Erfinden eines neuen Begriffes.
Werfen wir mal einen Blick auf Wagners Frauengestalten im wahren Leben. Wagners erster Ehefrau Minna gingen der Höhenflug und das mangelnde Verantwortungsbewusstsein ihres Gatten wohl gründlich auf die Nerven. Er selbst war enttäuscht von ihrer fehlenden Bereitschaft, ihn anzuhimmeln und in jeder Lebenslage zu unterstützen. Ich denke, die Anekdote, dass Minna ihrem Papagei beigebracht haben soll, “Wagner ist ein böser Mann” zu sagen, spricht nicht unbedingt für ein glückliches Eheleben. Und wer sich fragt, weshalb in keiner Wagner-Oper am Ende auch noch ein Papagei sein Leben lassen muss, der sei auf Parzifals erste Handlung verwiesen: Den heiligen Lieblingsschwan seiner Gastgeber abzuknallen und dann auch noch damit anzugeben.

Dame Nummer 2 fand er vielleicht deshalb so faszinierend, weil er sie nicht haben konnte (Mathilde Wesendonck (denkt außer mir eigentlich noch jemand jedes Mal an Fräulein Müller-Wachtendonck, wenn er den Namen hört? :) )), und um seine 2. Ehefrau Cosima Wagner, ehemalige von Bülow, geborene de Flavingy tatsächlich heiraten zu können, hatte er sich gewaltig ins Zeug legen müssen und es sich mit ein paar Menschen in seinem Umfeld ganz gehörig verscherzt. Dafür war diese dann auch fast ein Vierteljahrhundert Jahre jünger und entsprechend verblendet von ihrem Richard. Immerhin hatte sie in ihm eine Aufgabe gefunden in die sie ihre nicht unbedeutende Kreativität und Schaffenskraft stecken konnte.Was hätte sie auch sonst tun sollen. Nachhause zu Papa Franz Liszt konnte sie jedenfalls icht mehr. Der war nämlich zunächst einmal gründlich sauer auf seinen ehemaligen Sonnenschein.
Mehr zu den Bühnenleichen, die die Wege der Oper pflastern, in Kürze. Für eine Mottowoche scheint mir das Thema zwar etwas zu düster, aber der eine oder andere Todesfall von Zeit zu Zeit, kann so einem Blog ja sicher nicht schaden.


Konzert in der Auferstehungskirche/Plauen: Haydns 104, (Für alle, denen Zahlen so wenig sagen, wie mir: Es ist die "mit dem Dudelsack") und Reinbergers "Stern von Bethlehem". Sehr schönes Stück.
 
Wenn man nicht mehr weiß, ob man es mit dem Fröken, oder mit Schlumpfine zu tun hat, ist es vermutlich ziemlich kalt draußen.
 
 
Und ich hab neue Schuhe. Ich liebe diesen "Papa war Easy-Rider, Mama war Mary-Poppins"-Stil :)


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