Montag, 22. Dezember 2014

Wie viele Musiker bilden ein Rankett?





Eine ganze Riege vielleicht? Die sich aneinander entlangranken? Einmal quer über die Bühne?

Oder kommt Rank statt dessen von Ränke, also Hinterhalt, Komplott, Bosheit, Machenschaft? Musiker also, die sich gegenseitig fertigmachen und gegeneinander verschwören? Ach nein, so etwas bezeichnet man ja als Orchester.

Dann ist es ja am Ende ein Schreibfehler und bezieht sich auf das Bankett, das Festessen nach dem Konzert?

Nicht ganz. Bei einem Rankett braucht man nur einen einzigen Musiker, den Bläser desselben nämlich, denn es handelt sich bei diesem kompliziert gebauten, wennauch einfach aussehenden Gerät um ein Holzblasinstrument, das sich in der Renaissance und später (in abgewandelter Form) im Barock großer Beliebtheit erfreute.

Kurz und rund ist ein Rankett, in etwa so groß, wie ein italienisches gerolltes Weißbrötchen (diese bröseligen Dinger, die immer ein wenig nach Bauschaum schmecken und deren Geschmack unausweichlich mit dem Gefühl eines sonnigen Urlaubstages in Florenz oder einer ähnlichen Stadt verbunden ist). Wer jemals seinem quengelnden Zweijährigen so ein Brötchen in die Hand gedrückt hat, damit es etwas hatte, auf dem es herumschnullen konnte und somit die Backen hielt, weiß auch, wie das Instrument gehalten wird. Genau so nämlich, wie der Zwerg das Brötchen packt: Mit beiden Händen, die sich gegenüberliegen. Mehr Platz ist auf so einem Rankett nämlich nicht. Um die Hände untereinander anzuordnen, wie man es auf einer Blockflöte, einer Klarinette, Oboe und dergleichen macht, müsste man schon ein zweites Rankett darunterhalten. Wir sehen: Die Dinger sind kurz und breit. Der Danny DeVito der Holzblasinstrumente sozusagen.

Was so kompakt aussieht, in etwa wie das Innere einer Rolle Toilettenpapier, in die jemand das Mundstück einer Oboe gesteckt hat (an dieser Stelle vergessen wir den vergleich mit Danny DeVito bitte wieder) und von daher wirkt, als könne es nur einen sehr kümmerlichen, hohen oder zumindest gepresst-leisen Ton erzeugen, klingt allerdings überraschend tief und sonor.
 
Den Grund hierfür finden wir in der speziellen Bohrung des Instruments. So ein Rankett ist gewissermaßen die Tardis der Rohrblattinstrumente: Innen beträchtlich länger als außen, zumindest, was den „Luftweg“ betrifft, ermöglicht durch eine Bohrweise, die aussieht, als habe sich ein sehr dicker Holzwurm (nennen wir ihn „Danny“) mit Orientierungsproblemen darin ausgetobt. Neunmal windet sich die Innenbohrung, als hätte man versucht, die röhre zusammenzufalten, damit sie in den viel zu kleinen Korpus passt.

Fragen Sie mich nicht, wie so etwas möglich ist. Vermutlich haben sie tatsächlich übergroße Holzwümer in einen Brummkreisel gesteckt und anschließend auf einem Holzzylinder freigelassen, die Tierquäler! :)

Gustav Mahler soll ja einmal auf die Frage, wie man denn eigentlich komponiert, geantwortet haben: „Wie man komponiert? Tja, wie komponiert man? Wie macht man eine Trompete? Man nimmt ein Loch und wickelt Messing darum herum. So ungefähr komponiert man auch.“

Auf die Frage, wie man ein Rankett baut, hätte er vermutlich gesagt: „ Man wickelt ein Loch auf und steckt es in ein dickes Stück Ast!“

Das Heinrich-Schütz-Haus in Bad Köstritz hat folgende, recht anschauliche Darstellung dieser Bohrung auf seiner Webseite: *klick*


Das Renaissance-Rankett ist seit etwa 1580 schriftlich belegt (1576 taucht es in einer Auflistung unter dem Namen Raggett auf), in der Barockzeit ändert sich die Bauweise, wobei die Namensgebende Rankung der Bohrung mitsamt dem kompakten Korpus erhalten bleibt. Anstatt oben auf dem Instrument ein schalmeiähnliches Doppelrohrblatt anzubringen, wurde das Barockrankett in der Länge des Rohres sogar noch erweitert. Zwar nicht durch eine weitere Schlingung im Inneren des Körpers, jedoch wurde der Doppelrohraufbau durch ein Metallrohr nach außen ersetzt, an dessen Ende sich ein Fagottmundstück befindet. Lediglich die Windung der Bohrung unterscheidet ein Barockrankett also noch von einem kleinen Fagott. Anders gesagt: Käme jemand auf die glorreiche Idee (die jeder Fagottspieler sofort begrüßen würde), ein Klappfagott zu erfinden und trabte damit stolz zum Patentamt, so würde man ihn da mit einem Verweis auf ein Rankett und einem müden „Gibt es schon!“ wieder nach hause schicken. Eine Runde Mitleid für den Klappfagottbaumeister!

 
Zugegeben, es gibt noch einen weiteren Unterschied zum Renaissancerankett: Das Anblasrohr führt am unteren Ende des Instrumentes (also quasi am eigentlichen „Ausgang“ des unrprünglichen Instruments) durch die Windungen nach oben und entlässt den Schall an der Stelle, an der in der Renaissance eigentlich hineingeblasen wurde: Am türmchenartigen Aufsatz, der einst das Rohrblatt (bzw alle beide) enthielt. Man bläst also sozusagen falsch herum in das Instrument, zum ehemaligen Auspuff hinein und zur Mundöffnung wieder heraus.

An dieser Stelle muss ich mich nun leider verabschieden, um mir die Assosation mit Danny DeVito mittels einer eiskalten Dusche und eines gut durchgekauten Stücks Seife ein für alle Mal aus dem Kopf zu waschen. Wer allerdings ein Rankett „in Action“ erleben möchte, kann es sich hier anhören: klick 




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