Montag, 12. Februar 2018

Verdi im Kopf - von Cocktailparties, Pizzawerbung und neuronalen Verschwörungstheorien


„Sportfreunde“. Ein Wort, das vor wenigen Tagen in meiner Umgebung fiel, und das mich zum großen Grübeln anregte. „Meine Sportfreunde“. 
Sportfreunde, das klingt nach Samstagnachmittagsbier vor der Sportkneipe in meinem Heimatdorf, die einfach nur deshalb Sportkneipe hieß, weil der Sportplatz in Sichtweite war und die Aschenbahn am Biergarten vorbeiführte. In der Sportkneipe gab es Bier, Männer mit Bäuchen, die auf ausgiebigen Genuss desselben schließen ließen, und eine Truhe mit Eis aus der vorletzten Saison, das am Einwickelpapier klebte, wie Fliegen an der Kleisterfalle, und an den Rändern eine seltsame gummiartige Konsistenz angenommen hatte.
Die Sportfreunde, das waren die Bierkerle, die den Sport so lange gerne hatten, wie sie ihm vom Biergartenstuhl aus zugucken konnten. Ging es darum, sich selbst zu bewegen, wollten sie nicht mehr sein Freund sein. So gesehen habe ich keine Sportfreunde.
Oder bezog sich die Äußerung eher auf Freunde, mit denen man gemeinsam Sport treiben geht? Auch in diesem Fall habe ich keine Sportfreunde, denn ich bin so ziemlich der unkompetitivste Mensch, den man sich vorstellen kann. Wenn einer aus der Gegenmannschaft den Ball unbedingt haben will, dann soll er ihn von mir aus bekommen. Mir ist das egal, ich mache Sport, weil ich mich verausgaben möchte, nicht um irgendetwas zu gewinnen. Bei Freunden hängen Turnierschleifen an den Spindtüren, ich besitze eine Reit-Jogginghose. Konkurrenzsportarten sind mir ein Gräuel. Wenn ich mich auspowern will, gehe ich laufen. Vorzugsweise nach der Arbeit, wenn es dunkel ist, was erklärt, weshalb ich eine Studioläuferin bin, und Sportfreunde habe ich dort (was Wunder) auch keine, weil außer mir wirklich kein Mensch so bescheuert ist, in einem 5 Meter langen brett-ebenen Raum 12 Kilometer bergauf zu hetzen, und eineinhalb Stunden später am Rand eines Herzinfarktes in die Dusche zu kriechen. Soviel zur These "Sport ist gesund". Allerdings treffe ich tatsächlich ab und zu auf ein paar Freunde, die sich dann auf das Laufband neben mir schwingen, und ein Schwätzchen mit mir halten, während sie ihr Cardiotraining absolvieren. Mit wummerndem Bass und dröhnender Fitnessmusik im Hintergrund, in einer Lautstärke, die mich normalerweise dazu veranlasst, meine Ohren mit Ohropax, Wachs, Watte und Siegellack (in dieser Reihenfolge) hermetisch abzudichten, nur um mal wieder festzustellen, dass wir durchaus in der Lage sind, den Schotter über die Knochenleitung, Haarwurzeln, Zehennägel und Gott weiß was alles weiterhin „hören“ zu dürfen. Was für ein Wunderwerk doch der Mensch ist, erklärte schon Hamlet, ehe er seine beiden neugierigen Kommillitonen in die ewigen Jagdgründe beförderte. Wie recht er doch hatte.
Jedenfalls schaffen wir es tatsächlich, so etwas wie eine anständige Unterhaltung zusammenzubekommen, und das obwohl die Lautstärke der Musik ...warten Sie kurz, ich muss das schnell in Anführungszeichen setzen...also: obwohl die Lautstärke der „Musik“ die Lautstärke unserer Stimmen deutlich übersteigt. Noch so ein Wunderwerk. Diesmal mit dem schönen Namen „Cocktail-Effekt“. Der sorgt nämlich dafür, dass das Gehirn einen einigermaßen konstanten Frequenzbereich herausfiltern und isolieren kann, also erkennt, was Gespräch ist, und was Musik. Und welches von beiden ich verfolgen möchte. Der Rest wird ausgeblendet, was wiederum eine wunderbare Erklärung für all die Mütter liefert, die es fertigbringen, in aller Seelenruhe auf ihrem Handy zu chatten, während der Zwerg neben ihnen seit einer halben Stunde konstant „Mama, schau mal hier! Mama, schau mal hier!“ plärrt und den Rest der Bevölkerung dazu treibt, sich unauffällig nach stumpfen Gegenständen mit guten Flugeigenschaften umzusehen, mit welchen sich das Kind unauffällig ausschalten ließe.
Der Cocktailparty-Effekt ist übrigens ein binaurales Phänomen, funktioniert also nur so lange gut, wie man auch mit beiden Ohren gleich gut hören kann, womit gleich ein Bezug zur Raumakustik hergestellt wäre. Solange der Kopf weiß, wo der Schall herkommt, ist alles gut, käme er ebenfalls aus dem Lautsprecher, sähe die Sache anders aus.
Und dabei können wir so viele Dinge filtern: Inmitten einer Menschenmenge wissen wir auf einen Schlag „Da vorne ist Emanuela, die habe ich gerade ganz genau gehört!“. Da macht uns so schnell keiner etwas vor, im Erkennen von Geräuschen sind wir ganz groß. Bisher ist es noch keiner künstlichen Intelligenz gelungen, derart schnell und zuverlässig eine Schallquelle auszumachen, abzuchecken und einzuordnen. „Na klar“ mag man da denken, „es hat schon etwas für sich, wenn so ein Urmensch beim Brüllen eines Säbelzahntigers aus nächster Nähe nicht erst eine Viertelstunde überlegen und eine Mindmap erstellen muss, um herauszufinden, dass es Zeit wäre, die Beine in die Hand zu nehmen", trotzdem ist es schon erstaunlich, was für eine unglaubliche Bibliothek unser Hirnkasten beherbergt, und wie schnell die Information abgerufen werden kann.
Das alles funktioniert übrigens nur, weil nicht ein einzelner Bibliothekar von Regal zu Regal rennen muss, wie ein Azubi im Ikea-Lager, sondern weil unser Thalamus eine wunderbare Schnittstelle für alles ist, was sich so vernetzen lässt, da oben. Was nicht so häufig gebraucht wird, oder was keiner mehr haben will, wandert auch schon einmal in einem Archivkarton in den Keller, was erklärt, warum Pschotherapeuten oft monatelang damit beschäftigt sind, unser Unterbewusstsein zu entrümpeln, aber es ist wie beim Aufräumen zu hause: 20% der Zeit verbringt man tatsächlich mit Räumen, die anderen 80 um mit den Dingen zu spielen und herumzudallern, die man beim Aufräumen so gefunden hat. Ist also einmal etwas aus der Schublade „unwichtig“ herausgezogen worden und als interessant eingestuft, so ändert sich unser Filtersystem im Alltag und wir haben das Gefühl, dem Zeug plötzlich überall zu begegnen. Da kann man einen Song oder eine Melodie oder auch nur ein kleines musikalisches Motiv, über das man sich nie zuvor Gedanken gemacht hat, dann plötzlich überall heraushören, bestimmte Musikstücke scheinen einem überall zu begegnen. Tatsächlich ist es erst ein paar Tage her, dass ich in einem Vortrag über den Einsatz von Musik in Werbespots saß, und, ob man es glaubt oder nicht: Überall in dieser Stadt scheint plötzlich der Verdi-ismus ausgebrochen zu sein- Konzertankündigungen. Noten, die man beim Stöbern in Musikgeschäften findet. Klassik-Radio-Programme, Youtube-Videos, die erwähnten Werbespots... überall opert es mit einem Schlag, und den Top-Platz der Liste belegt das im Vortrag erwähnte „La Donna è mobile“ aus La Traviata, das in mir seitdem übrigens auch einen unwiderstehlichen Hunger auf Pizza auslöst. Vielen Dank auch an den Vortragenden. Schwer zu glauben, dass all die Musik auch vorher zu hören war, ich persönlich bin ja der Meinung, sie ist Teil einer großen Verschwörung, bei der sich irgendwelche Sesselwelteroberer Komponisten ausdenken, mittels getürkter Lexikonartikel in unsere Geschichtsschreibung schmuggeln, um uns dann auszuspionieren und mit deren angeblicher Musik vollzudröhnen. Und wenn wir dann am Wahnsinn verendet sind, nehmen sie sich unsere Wohnungsschlüssel und besetzen die frei gewordenen Wohnungen, futtern unsere Kühlschränke leer und vegessen, die Pflanzen zu gießen.
Dass dieses Gefühl, urplötzlich von Musikstücken verfolgt zu werden, Teil eines Phänomens ist, das auch als Baader-Meinhof-Phänomen bezeichnet wird, macht die Sache nicht besser. Der Bibliothekar in meinem Gehirn kooperiert offensichtlich mit der Unterwelt. Der Italienischen. Und das Akronym VERDI stand ja schon einmal für einen Kampfruf einer Bürgerkriegsgruppierung. Na dann: Zu den Waffen, von denen die einfachste, aber auch effektivste die schlichte Ablenkung ist. Nervenzellen brauchen nämlich einen Job. Wenn sie anfangen, sich zu langweilen, hängen sie irgendwann im Jogginganzug in ihrem neuronalen Netzwerk herum, kümmern sich nicht mehr um ihre Fingernägel und verblöden. Damit das nicht geschieht und sie am Ende tragisch absterben (ja, das passiert wirklich), müssen sie sich beschäftigen. Zum Beispiel, in dem sie die digitale Bibliothek anwerfen, sich Noten und Instrumentation heraussuchen, und die Musik einfach selbst produzieren. Ohrwürmer entstehen, wenn unser Gehirn sonst nichts zu tun hat. La Donna è mobile...na, hören Sie es auch schon? Glücklicherweise lassen sich diese Prozesse aber überdecken, indem wir uns mit wichtigeren Dingen beschäftigen. So werden beispielsweise Kopfschmerzen weniger wichtig, wenn wir dringend mal wohin müssen. Und Musik verschwindet, wenn wir uns mit anderen Dingen beschäftigen, die unsere Aufmerksamkeit fordern. Dem Nachvollziehen der Frökengedanken in diesem Blogpost zum Beispiel. Neztäs netlegeipseg nov Nesel med redo. Oder nicht? Und wenn die Musik nun immer noch da ist, dann tanzen Sie doch einfach dazu. Oder singen Sie lauthals mit, es soll nämlich helfen, das Stück auch zu Ende zu bringen, damit es nicht permanent als ungelöste Aufgabe auf Ihrer neuronalen To-Do-Liste stehen bleibt. Und wenn das alles nichts hilft, geben Sie dem Bibliothekar in Ihrem Kopf eine Gehaltserhöhung, denn er scheint wirklich einen Super-Job zu machen.

Ja,  ich weiß, die blühende Palme hat ziermlich penetrant gerochen. Aber sie deshalb umzugraben und mitten hinein zu pinkeln, ist doch auch keine Lösung, liebe Katzen!
Selbst keine Pfote rühren, aber mir dann beim Aufräumen ständig über die Schulter schauen, ob ich auch alles richtig mache...

Na? Wer errät, wo wir waren? Richtig! Mal wieder in der MuKo in Leipzig!

Freitag, 26. Januar 2018

Im Schnepfenaquarium - Richard Wagners Rheintöchter




Als ich noch kein Fröken, sondern höchstens eine Flicka, ein kleines Mädchen also, war, begann das, was mein Leben über eine lange Zeit hinweg bestimmen sollte: Umzüge. Ich erinnere mich an einen Auftritt vor einigen Jahren, bei dem ich einen song („My Town“) mit den Worten ankündigte, ich sei nun 23 Mal umgezogen und hätte endgültig den Kanal voll, sehnte mich nach einem Zuhause, das den Namen auch verdiente. Und was soll ich sagen? Keine 6 Monate später packte ich meine Sachen erneut. Diesmal nur eine Türe weiter, aber immerhin. Wer mich heute erschrecken will, droht mit irgendwelchen weiteren Nomadenaktionen. Huh!
Schlimm an der Umzieherei ist für Kinder meist der Wechsel der Schule, der Nachbarschaft oder des Freundeskreises. Irgendwo neu dazuzustoßen ist immer eine Herausforderung, besonders aber, wenn es sich um Mädchencliquen in Schulklassen handelt. Da gibt es keine Anpassungszeit. Entweder, man wird angenommen, oder eben nicht. Rangordnungen scheinen hier immer eher Hackordnungen zu sein. Meine Stute schlug schon einmal um sich, wenn ihr jemand zu frech wurde, aber danach war die Sache dann auch gegessen. Bei den Mädchencliquen, an die ich mich erinnere, sah die Sache grundlegend anders aus: Wer sich einmal in die Nesseln gesetzt hatte, war aus dem Rennen und bekam keine zweite Chance. Auch getreten wurde weniger, das war eher Sache der Jungs. Bei uns Mädchen wurde man gewissermaßen kaltgestellt, nicht angerufen, wenn es am Nachmittag zum Eislaufen oder ins Freibad ging, nicht zu Parties eingeladen, nicht mit rübergewunken, wenn man sich zufällig in einem Café traf. Da waren die „coolen“ Plätze im Bus (die so genannte „Affenbank“ in der hintersten Reihe) alle besetzt, obwohl noch niemand darauf saß. Wer ganz schlimm verkackt hatte, bei dem zog der Rest der Mädchen schon mal in die andere Ecke des Freibades um, wenn man beschlossen hatte, den Schritt auf sie zuzugehen und sein Handtuch dazuzulegen. Tja, wir merken schon: Ich habe Erfahrung auf diesem Gebiet. Und zwar seitdem ich irgendwann in der achten oder neunten Klasse den Fehler machte, anderer Meinung zu sein, als das damals beliebteste Mädchen in meiner Jahrgangsstufe. Ich glaube, ich trug ganz einfach eine ziemlich auffällige Klamotte (eine mit Glitzergel festbetonierte New-Wave-Frisur mit einer Tüllschleife zu Leggins und einem Jackett meines Vaters...ja, es waren die 80er Jahre, direkt nach der Schule ging es mit besagtem Jackettbesitzer in die Oper und ich fand es so todschick, dass ich mich heute noch daran erinnern kann, wie lange ich an den Haaren gebastelt habe). Ein Outfit also, das nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun hatte, was zu dieser Zeit in dieser Gruppe angesagt, beziehungsweise gewissermaßen Vorschrift war. Danach hatte ich dann modisch alle Freiheiten (die ich auch nutzte), dafür aber keine Freunde mehr. Bis auf ein Mädchen, das ebenfalls andere Interessen hatte, als das Kleeblatt von der letzten Bank, und das noch immer zu den Menschen gehört, denen ich alles anvertrauen würde.
Indirektes Mobbing nennt sich die Methode der sozialen Ausgrenzung, wird amerikanischen Studien zufolge von Lehrern und Eltern nicht wirklich ernst genommen, und scheint wohl auch mädchentypisch zu sein. Zumindest legen diese Studien nahe, dass es etwas mit Gruppendynamik und Einzelbeziehungen zu tun haben, und in Gehirnregionen stattfinden soll, die sich erheblich von denen der Jungs unterscheiden. Na, prima, dann kann ich mir also ein Attest besorgen, das mein unoziales Verhalten einer genetischen Disposition zuschreibt, und dem ausstellenden Arzt beim Hinausgehen vermutlich noch in den Hintern treten. Ich kann ja nix dafür, ich hab die Arschlochkrankheit.
Die Arschlochkrankheit haben ganz offensichtlich auch die drei Rheintöchter in Wagners Rheingold, dem Vorabendsingsang zur Operntrilogie „Der Ring des Nibelungen“. Drei Mädels im Teenageralter, bei denen Geld, beziehungsweise Gold keine Rolex zu spielen scheint, und denen ganz offensichtlich auch noch niemand aufgezeigt hat, wo ihre Grenzen sind. Die Hellsten scheinen sie auch nicht zu sein, denn so sehr sie Alberich auch verspotten, wo das Gold ist und wie man sich seiner am einfachsten bemächtigen kann, das verraten sie ihm ohne auch nur die leiseste Spur von Argwohn. Lieber Vater Rhein: Du kennst Deine Kinder doch nicht erst seit gestern, und bei aller elterlichen Liebe und der dazugehörigen Portion Selbstbetrug: Dass es nicht unbedingt klug ist, halbwüchsige Mädchen ohne Lebenserfahrung alleine in der Schatzkammer spielen zu lassen, hätte Dir eigentlich auch ohne Supernanny klar sein müssen. Und wo wir schon beim Thema Nanny sind: Ich weiß ja nicht, wo Mama Rhein ist, und mit wem Du Dich sonst so triffst, aber selbst als alleinerziehender Vater solltest Du Deinen Töchtern mal ein paar Takte über das Leben erzählen: Dass man nicht unbedingt halbnackt vor fremden Männern herumhüpft beispielsweise. Und, dass es so etwas wie grundlegende Manieren gibt, zu denen auch gehört, sich nicht über Fremde lustig zu machen. Schon gar nicht zu dritt gegen einen, und erst recht nicht, wenn der Fremde gehbehindert und kleinwüchsig ist. Kein Wunder, dass er irgendwann den Kanal voll hatte, von den drei Rheinschnepfen und von der Liebe, die er ja niemals zu bekommen scheint.
Zugegeben, sein stolperndes, Motiv lässt auf ein unschönes Äußeres schließen, und als Handwerker verdient er vermutlich auch nicht genug, um sich zum Ausgleich eine Villa und einen Sportwagen zu kaufen, obwohl es vermutlich auch nur darauf ankommt, was man so zusammenzimmert. Immerhin hat ja auch Richard Lugner mit einer einfachen Handwerkerkonzession und zwei Kumpels angefangen, und die Rheintöchter würden ihn vermutlich ohne mit der Wimper zu zucken zum Opernball begleiten. Alberich jedoch stellt sich ungeschickt an, im Umgang mit den drei „fraulichen Kindern“, man merkt ihm an, dass er hier nicht auf sicherem Boden steht. Die fiesen Spielchen der Rheintöchter, die ihm einerseits  vorgaukeln, ihn tatsächlich attraktiv zu finden, nur um ihn in der nächsten Sekunde bloßzustellen und auszulachen, treiben ihn erst dazu, materiellen Besitz über Gefühle zu stellen. So verhöhnt zu werden, das schmerzt gewaltig. Dazu darf man davon ausgehen, dass ihm so etwas auch nicht zum ersten Mal passiert. Und mal ehrlich: Wenn das die vielgepriesene Liebe sein soll, die ihm da vorgeführt wird, dann wüsste ich auch, wofür ich mich in dieser Germanenversion von „Geldoder Liebe“ entscheiden würde. Dann setzt sich so ein Typ doch lieber vor den Computer, den er sich vn einem Bruchteil des frisch gehobenen Goldes gekauft hat, mit einer Packung Taschentücher und einem frisch erstellten Zugangskonto bei Rheinporn.de.
Ich weiß nicht, was Jürgen Baader in seinem Essay „Die Rheintöchter und das Rheingold“ zu der Aussage treibt, „die Rheintöchter verkörpern die ursprüngliche Unschuld des Werdens [...] ohne die Beigabe scmerzlicher Missklänge“, aber so interessant der Aufsaz auch ist, hier hat er entweder niemals ähnliche Erfahrungen gemacht, selbst Töchter im Teenageralter, die er vergöttert und bei denen er sich fröhlich in die Tasche lügen kann, oder ganz einfach den Schuss nicht gehört. Weia, kann ich da nur sagen, au weia, Woge! Und später wundern sich dann alle, wenn so ein ständig gemobbter Mitschüler Amok läuft. Hat ja keiner kommen sehen.
Dabei hätten wir es kommen hören müssen, das Geplätscher der Rheinschrapnellen, das Rheintöchterleitmotiv, das auf-und-ab-Gewarbel wenn es um ihr Rheingold geht. Was im Vorspiel noch nach Wellen klingt, die sich immer weiter brechen und immer kleinere Bewegungen formen, wird  eine Geräuschkulisse, die ich aus der Straßenbahn kenne: Kichernde Teenies, ebenfalls in Grüppchen aus drei oder vier Freundinnen, die, weshalb auch immer, jedes mal direkt hinter mir Platz nehmen, und einen Klangteppich aus Getuschel und Gekicher weben. Ein Mikrokosmos innerhalb der Weiten der DVB. Abgeschottet in ihrem Gackerversum und ein klein wenig verstörend, weil mir in einem solchen Augenblick die Erziehunsversuche meiner Großmutter in Erinnerung gerufen werden, die mir erklärte, wie unhöflich es sei, in der Öffentlichkeit zu flüstern. Flüster-und-Kichergruppen sind ein wenig wie Menschen, die während eines gemeinsamen Essens plötzlich anfangen, sich in einer Fremdsprache zu unterhalten, und den Rest der Tischgesellschaft dem großen Rätselraten überlassen, was es denn mit der plötzlichen Geheimniskrämerei auf sich hat. Man könnte sich auch ein Schild um den Hals hängen, mit der Aufschrift: "Nee, Du darfst nicht wissen, was wir zu sagen haben. Du gehörst nicht dazu". Ich weiß nicht, ob Wagner jemanls Straßenbahn gefahren ist, aber rein körperlich gesehen zählte er ja auch nicht gerade zu den Hühnen, und Rheintöchter gibt es eben überall. Leider. Auch an der Elbe.
Was die fehlenden schmerzlichen Mißklänge betrifft: Weshalb sollten die denn ausgerechnet bei den Rheintöchtern in Erscheinung treten, lieber Herr Baader? Selbstverständlich haben wir es hier mit großer innerer Unruhe zu tun, aber die Rheintöchter sind dabei lediglich die Verursacher, nicht jedoch die Opfer. Es ist ihnen nicht einmal egal, was Alberich fühlt, sie können es sich nämlich ohnehin nicht vorstellen. Sie sind derart empathielos, dass sie sich nicht hineinfühlen könnten, selbst wenn sie es aus einem wie auch immer gearteten Grund heraus versuchen würden. Man möchte ihnen eine Rhein-hauen, wenn sie nicht so niedlich lächeln würden. Wobei es ja eine ganz wunderbare Inszenierung der katalanischen Gruppe La Fura Dels Baus gab, in der die drei Rheintöchter in Aquarien von der Decke hingen ( was ein wenig an die Kritik an der Münchner Uraufführung von 1869 erinnert, in der vom „Huren-Aquarium“ die Rede war), und in der Alberich am Ende des Szene kurzen Prozess mit den drei Ungrazien machte, indem er ihnen ganz einfach das Wasser abließ. Das nenne ich mal einen starken Abgang.
Sollte sich ein Geschichtswissenschaftler, Politikologe oder Soziologe  hierher verirrt und Interesse an der ganzen Sache haben: Wie wäre es, wenn wir uns einmal zusammensetzten und überlegten, wie viele Konflikte in der Weltgeschichte darauf zurückzuführen sind, dass irgend ein Depp eine unüberlegte Bemerkung nach der anderen rausgehauen hat? Oder wir lehnen uns zurück, beobachten Donald Trump bei der Arbeit, setzen ein Häkchen nach dem anderen und warten auf dem Augenblick, an dem irgendeinem Alberich der Kragen platzt und er sich ein Stück modernes Rheingold zu Nutze macht. Denn so weit sind wir gar nicht mehr entfernt, von der Götterdämmerung.

"My Town" habe ich leider nicht finden können, aber wo wir uns schon im Rhein befinden, wäre ja auch so ein Fluss ganz angebracht. 

            Wie immer, wenn man eine der Katzen sucht, liegen sie irgendwo herum und schlafen.
Nach dem Dresdner Regalsturz ist auch die Laute wieder repariert.

Montag, 15. Januar 2018

Hall aus Sachsen? Händel-Rezeption und -Idealisierung in der DDR




Das Problem einer neuen Ideologie, einer neuen Regierung oder eines neu geschaffenen Staates besteht zunächst einmal darin, dass er oder sie nun einmal genau das ist: Neu. Altes soll hinter sich gelassen, Neues in den Vordergrund gerückt, und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit auf Basis neuer Werte geschaffen werden. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit stellt sich dann ein, wenn Menschen Dinge teilen: Erinnerungen, Geschichten, Wertvorstellungen. Wir wissen (noch) nicht, wer wir sind, haben unsere Geschichte hinter uns gelassen, aber wir sind einander verbunden; das ist eine Idee, die sich nicht so einfach verwirklichen lässt. Ohne gemeinsame Hintergründe sind wir keine Gemeinschaft.
Nun sind diese Hintergründe glücklicherweise gar nicht so schwer zu finden, wie man zunächst glauben könnte: Steckt man drei einander völlig fremde Menschen in den Warteraum einer Tierarztpraxis, bilden sie bereits wenige Minuten nach dem Abspulen der allgemeinen Begrüßungsformel ("oooh, was hat er denn?") eine Notgemeinschaft, die der Gruppe von Menschen, deren Zug gecancelled wurde, in nichts nachsteht. Die Nutzung allgemein verständlicher sprachlicher Codes („Oh, was hat er denn?“, „Die lassen sich aber auch Zeit hier?“ „Das wird aber auch alles teurer!“) regt dazu an, sogar dort Leidensgemeinschaften zu bilden, wo zuvor gar kein wahrnehmbares Leid existierte, wobei diese Codes auch über Einzelsprachen hinaus erkannt und verstanden werden. Wer das nicht glauben mag, der werfe einmal wahllos vor einer Touristenattraktion Ziegelsteine auf die Füße der Menschen um sich herum. Ich garantiere, die Reaktionen werden sich ähneln und man wird relativ schnell wissen, wo ein schuldbewusstes Gesicht genügt, und wo man besser die Beine in die Hand nehmen sollte, ganz gleich, ob der Ausruf nun Aua, Ouch, Itai oder Waiwai lautet. Man muss also nicht derselben Rasse angehören, um zusammenzufinden, genaugenommen noch nicht einmal derselben Art. Rudeltiere, zu denen wir übrigens ebenfalls zählen, nehmen andere Tiere unter bestimmten Umständen in ihre Gemeinschaft auf, säugen fremde Babies, nehmen den Findling ohne Eigenrudel auch mit auf die Jagd. Wir können also auch zusammenwachsen und uns eine Art gemeinsame Geschichte erschaffen, wobei wir Menschen,  durch unseren Tick, alles aufschreiben oder weitererzählen zu wollen und für kommende Generationen aufzubewahren, wahrscheinlich doch eine Sonderstellung einnehmen, zumindest solange kein Holzfäller entdeckt, dass Elche ihre Stammesgeschichte mittels ihrer Geweihe dort ins Unterholz ritzen, wo die Kälte eine gewisse Konservierung garantiert. Daher empfiehlt es sich, doch ein wenig herumzustochern in der Geschichte, und die Fakten herauszufiltern, die sich eignen, zum Aufbau einer gemeinsamen Tradition.
Neben großen Dichtern und Denkern gehören natürlich auch Künstler zu dieser gefilterten Tradition. Selbstverständlich nur diejenigen, auf die wir tatsächlich stolz sein können, was erklärt, weshalb handgemalte Postkarten eines gewissen Österreichers (ja, damit hat sich der Adi tatsächlich einmal seine Brötchen verdient) eher unter der Hand gehandelt werden, als in den großen Galerien zu hängen. Und dabei ist er nicht der Einzige: Viele in der DDR groß gehandelte und hochgepushte Künstler wurden nach dem Mauerfall langsam aber sicher in die Versenkung befördert.
Dass man auf Musiker wie Mozart, Beethoven, Bach, Wagner oder Händel stolz sein kann, hatten bereits die Anhänger des Postkartenmalers entdeckt, und so erlebten diese Künstler unter den Nazis einen Boom, den sie zwar im Grunde verdient hatten, der allerdings durch die politische Funktion des Volkszusammenhaltes (und des großen Angebens anderen Nationen gegenüber) im Nachhinein einen etwas unangenehmen Nachgeschmack bekam.
Nationbuilding oder Identitätsstiftung nennt sich das Verfahren, bestimmte Werte und deren Vertreter besonders herauszustellen und mit den Mitgliedern der zu bildenden Gemeinschaft zu vebinden. Ihre Vergangenheit muss etwas sein, das nur diese Mitglieder als Gruppe gemeinsam haben, und gleichzeitig etwas, auf das sie stolz sein können.
Dass das so allerdings nicht immer funktioniert, zeigt bereits die Definition Deutschlands als das Land der Dichter und Denker: Ja, sicher, wir hatten Kant und Nietzsche, allerdings starb letzterer in der Psychatrie (was seine letzten Werke durchaus erahnen lassen), hielt Sklaverei und Ausbeutung für ein notwendiges Vorrecht der Übermenschen und hätte, wenn er gewusst hätte, dass er selbst als jahrzehntelanger Pflegefall enden sollte, vielleicht zweimal nachgedacht, ehe er erklärte, schwache Menschen würden quasi die Entwicklung der Starken sinnlos aufhalten - ich zumindest habe über sehr weite Strecken große Schwierigkeiten, mich mit Nietzsche als Nationaldenker zu identifizieren, und wage außerdem zu behaupten, dass in einem Bekanntheitswettstreit (nicht nur was die Namen, sondern auch die Inhalte angeht), noch immer die Griechen mit Sokrates,  Platon, Aristoteles und Konsorten die Nase vorn hätten. Und auch wenn jeder Deutsche den Namen Goethe kennt, blieben in einem „most famous play“-Tag die Kenntnisse über den Inhalt von Faust vermutlich hinter denen über Shakespeares Romeo und Julia zurück.  Und trotzdem halten wir sie hoch, die Goethe-Flagge (und das ja auch mit Fug und Recht, denn was Sprache und ihren Einsatz betrifft, hatte der Herr so einiges auf dem Kasten).
Aber wenn ich mich recht erinnere, wollte ich ja etwas über Händel erzählen. Georg Friedrich, nicht politische, wobei auch mit Händel immer wieder solche getrieben wurden, denn, wie bereits mehrfach erwähnt, eignen sich Helden der Künste auch ganz gut dazu, Helden der Arbeit zu repräsentieren. Kurz: Nicht nur das Dritte Reich, auch die DDR wusste genau, wie man Jumbo Händel ins rechte, bzw. linke Licht rücken kann.
Im Gegensatz zur Reichsmusikkammer, die, wie bereits hier beschrieben, gar nicht so erpicht darauf war, Händels Werke zu bearbeiten (die Initiative ging in diesem Fall ja eher von besonders eifrigen Privatspinnern aus, die entweder zu viel Zeit, zu wenig Gehirn, oder eine wie auch immer geartete Kombination aus beiden Faktoren besaßen), sah es die SED jedoch durchaus als ihre große Mission an, ein für alle Seiten verbindliches Händelbild zu gestalten, das die Marxistisch-Leninistische Ideologie unmissverständlich verkörperte und nach außen trug. Gut, dass Händel zu diesem Zeitpunkt seit knapp 200 Jahren unter der Erde, bzw. dem Fußboden der Westminster Abbey lag, wäre er ein paar Jahre jünger gewesen, hätte er sich vermutlich eigenhändig freigeschaufelt (Kraft hatte er ja, immerhin soll er ja verschiedene Sportarten, wie etwa Instrumenten- oder Operndivenweitwurf ins Leben gerufen haben) und wäre nach Berlin marschiert, um ein für alle Mal klar Schiff zu machen und zu erklären, dass er nicht für das Volk komponiert, sondern für denjenigen, der am meisten bezahlt und die beste Publicity bietet. Dass seine Musik nur deshalb nicht rein höfisch war, weil er dort keine feste Anstellung hatte, sondern sein eigenes Unternehmen leitete, aber sonst kein Problem damit hatte, sich von den werten Herren mit Titel und Schlösschen einladen und durchfüttern zu lassen. Ein sozialistischer Komponist, der Auftragswerke für Königs fabriziert? Der sein Geld in den Sklavenhandel investiert und es schafft, trotz zahlreicher in den Sand gesetzter Geschäfte, als (auf heutige Währungen umgerechnet) Millionär zu sterben? Nicht, dass er nicht freigiebig gewesen wäre, wenn es um den guten Zweck ging, davon weiß das Foundling Hospital ein Lied, beziehungsweise eine Arie zu singen, aber als Sozialist hätte er sich sicher nicht bezeichnen lassen, das wäre ja quasi ruf- und somit geschäftsschädigend gewesen.
Neben der kleinen Unannehmlichkeit, dass es sich bei Händel quasi um den Oberkapitalisten schlechthin handelte, der Anekdoten zufolge derart verfressen war, dass er zwar zum Essen lud, sich die besten Teile und Weine jedoch mit Vorliebe selbst hinter die Kiemen steckte, der durchaus nicht Willens war, die gleiche Bezahlung wie sein Gardinennäher zu akzeptieren, und der eben auch für Monarchen komponierte, wenn die Kohle stimmte, gab es bei Händel noch einen weiteren Schönheitsfehler, der schon den Knalltüten bei der Reichsstelle für Musikbearbeitung eine Menge Arbeit beschert hatte: Wenn es etwas gibt, das weltliche Mächte nicht gebrauchen können, dann ist es ein gläubiges Volk. Schließlich soll man sich an die Gesetze halten, die von den Parteien gebastelt wurden, nicht an die, die ein alter Mann eines Tages auf einem Berg mitten in der Wüste gefunden hat. Bei einem König, der sich bezüglich seiner Macht auf die Gnade Gottes beruft, mag das noch angehen, aber frisch gewählte und jederzeit wieder absetzbare Menschen fühlen sich gemeinhin sicherer in ihrer Position, wenn ihnen keine höhere Macht dazwischenpfuscht. Dass man, indem man Religion weitestgehend ignoriert, die Grundfrage nach der Existenz Gottes nicht lösen kann, ist ihnen vermutlich bekannt, aber zunächst geht es ja um Machterhaltung und je weniger sich das Volk auf einen zweifelhaften Unbekannten beruft, desto sicherer ist der weltliche Machtapparat. Kurz gesagt: Ein kräftiges „Die Partei hat immer recht“ (ja, dieses Meisterwerk sozialistischer Liedkunst gab es tatsächlich, auch wenn ich persönlich die Idee, dass die Partei den Menschen Sonne und Wind gebracht hat, für eine interessante Neuinterpretation der Schöpfungsgeschichte halte, und gerne einmal sehen würde, wie Genosse Erich versucht, den Wind einzufangen...hat etwas von einer Schildbürgergeschichte, aber gut, hier ist der Link, ) eignet sich da verständlicherweise besser, als ein ebenso kräftiges Halleluja, bei dem es traditionell auch den weltlichen Monarchen nicht auf seinem Sessel hält.
Im Gegensatz zur SED befand die CDU (ja, es gab tatsächlich andere Parteien in der DDR, auch wenn diese dann eben NICHT immer recht hatten und wahrscheinlich vergessen haben, einen Eimer voll Sonnenlicht für das Volk zur Verfügung zu stellen) das „Schaffen des Meisters“ auch bei seinen religiösen Werken für „geeignet zur Volkserziehung“. Immerhin sei sie „ein Beweis dafür, dass auch ein vom machtpolitischen Mißbrauch befreites Christentum (...) vorwärtsweisende Impulse zu entbinden vermag“. Sprich: Solange es die Leute zusammenhält, darf man auch ruhig mal Halleluja singen. Und dass sich mit der richtigen musikalischen Untermalung so ziemlich alles verkaufen, verharmlosen, oder ein bisschen aufputschen lässt, dürfte mittlerweile jedem klar sein, der einen Fernseher besitzt.
Der 1984 ausgestrahlte Defa-Film „Unterwegs zu Händel“ zeigt die „tiefe Verbundenheit Händels mit seiner Stadt“ Halle an der Saale. Jo. Oder vielleicht auch nicht, immerhin zeigt er Halle. Und das Händel-Museum. Und eine Menge Leute, die sich ihrerseits mit Händel verbunden fühlen. Im Jahr 1984 hatten diese Leute alle noch ein Recht auf Arbeit, allerdings kein Recht auf Arbeit genau im Händel-Museum, weshalb es vielleicht doch besser war, nicht unbedingt herauszustreichen, dass Händel bereits im zarten Alter von 18 Jahren die Mücke machte und während der folgenden Jahrzehnte nur alle Jubeljahre mal schnell eine Eierschecke bei Mama dazwischenschob. Zumindest nicht, wenn man seinen Job dort gerne machte. „What Handel tells us“ heißt die englische Version des Filmes, wobei er uns da wohl eher so einiges verschweigt. Dass er anderorts eben mehr geboten bekam, als nur die Fiedel im Orchester zu schwingen. Gut, das kann man der DDR nicht vorwerfen, immerhin existierte diese noch nicht, als Händel aus Hall in Sachsen, wie es damals noch genannt wurde, verschwand, um seinen Hall nach Hamburg, Italien und England zu bringen. Aber auch, wenn er nicht Gefahr lief, mangels Papierbögen seine letzte Oper zu opfern, um sich doch noch in die Warteliste für einen Trabant einschreiben zu können, macht die Beziehung zwischen Händel und seiner Heimat doch einen eher einseitigen Eindruck.
What Händel tells us auch nicht ist die Tatsache, dass man ihn in der DDR tunlichst vor Verwestlichung (und ganz besonders vor westlichen Politikern) zu schützen gedachte. Wo käme man denn hin, wenn beispielsweise hochrangige westdeutsche Politiker oder deren Familien in der Händel-Gesellschaft herumspukten und die gute sozialistische Volkserziehung (nach der ich noch immer verzweifelt suche) gefährdeten? Wenn beispielsweise die Frau des Bundespräsidenten der BRD in die Händelgesellschaft eintreten und im Zuge dessen sogar bei öffentlichen Ver-händ-lungen aufkreuzen würde? Na, ein Glück, dass das Ministerium für Staatssicherheit....äh...mal eben kurz übersah, dass eine gewisse Veronica Carstens als Privatperson auf der Mitgliederliste stand. Mist aber auch. Nicht aufgepasst. We can Händel this, nur kein Drama! Dumm nur, dass die Wessis doch mit Karlsruhe ihre eigenen Händeltage und später auch -Festspiele veranstalteten. Eignete sich der Komponist etwa auch zur vollkommen gegensätzlichen Volksverhetzung...Verzeihung: -Erziehung? So, wie sie sich eben auch geeignet hat, den britischen König zu krönen, den Frieden von Aachen zu begießen, sich kostenlos Logis und jede Menge Gelati in Italien zu sichern, die Oberschicht ins Theater am Haymarket zu locken, oder auch Levi’s Jeans mittels einer Sarabande an den Mann, beziehungsweise die Frau zu bringen? 
Auf lange Sicht haben sie ja gewonnen, die Wessis, mit ihrem ganzen marktwirtschaftlichen, aus DDR-Sicht betrachteten ausbeuterischen System. Ob Händel da heimlich mitintregiert hat, indem er die sozialistische Volksseele schlussendlich doch im Stich ließ, um mit dem verdienten Westgeld eine Runde Bananen einkaufen zu gehen, wage ich allerdings zu bezweifeln. Dafür sehe ich den Unterschied zwischen einer in Köln gespielten Alcina und einer, die verzweifelt versucht, ihr Zauberreich in Dresden aufrecht zu erhalten, nun einmal nicht deutlich genug.
Wo auch immer sie also liegen mag, die erziehende Wirkung der Musik, so ganz offensichtlich scheint ihr Endzweck eben doch nicht immer zu sein, sonst würden sich mit „Zadok the Priest“, einer von Händels bekanntesten Hymnen, die rein textlich gesehen, die Erhebung Salomons zum König des Volkes Israel zelebriert, eben nicht sowohl die Krönungen des britischen Königshauses, als auch die Champions’ League der Fußballwelt feiern lassen. Vielleicht ist es aber auch an der Zeit, der Vergewaltigung der Musik ein Ende zu bereiten, und künftig eine Armeslänge Abstand zu halten. Das genügt, um sich und sein Instrument dazwischen zu klemmen und ein bisschen zu spielen. Für sich selbst. Für Freunde und Musikliebhaber. Und einfach, weil es so schön klingt.


         Im Ernst, ich wusste gar nicht, dass Zimmerpalmen blühen können...man lernt nie aus.
                                                        Gruselig, so ein Garten im Januar
       Und auch traurig. Kaninchengräber auszuheben gehört nicht zu den tollsten Gartenarbeiten.
 Fotostrecke: Die Welt aus der Sicht und Körperhöhe eines Vierjährigen, der die Kamera in die Hand bekommen hat... am Ende des Abneds waren tatsächlich 6 Batterien leergeknipst :D













Sonntag, 31. Dezember 2017

Silvester im Regen - Händels Feuerwerksmusik




Als ich noch ein ganz kleines Froeken war, da war Silvester eines der coolsten Ereignisse im Jahreslauf und kam gleich hinter dem Hexenfeuer am Schmutzigen Donnerstag und dem Tag, an dem die  Kartoffeln eingefahren wurden und man nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Feld sitzen und die Restkartoffeln im Feuer garen konnte. Man merkt schon: Ich hatte einen nicht unerheblichen Hang zur Pyromanie, was aber nicht ganz so schlimm ist, wenn man noch so klein ist, dass man die Kerze in der Martinslaterne nur anzünden darf, wenn Papa daneben steht und aufpasst, dass man nicht die ganze Papierlampe in Brand setzt.
Jedenfalls gab es an Silvester Gäste, vorzugsweise mit Kindern in meinem Alter, wir durften Rauchbomben abfackeln und mussten nach dem Abendessen ins Bett, zum „Vorschlafen“. Kurz vor Mitternacht wurden wir dann geweckt und starrten vor dem Haus auf das Geknalle und Geflimmer im Nachthimmel, bis uns die Ohren schmerzten und sich an den Nasenhaaren Eiszapfen gebildet hatten. Danach war wieder ein Jahr lang Ruhe, was Feuerwerke betraf. Knallen durfte man damals nämlich nur in der Neujahrsnacht oder mit ausdrücklicher Genehmigung bei großen Feierlichkeiten, was Privatmenschen vor der Erfindung des Internethandels schon dadurch quasi unmöglich gemacht wurde, dass es weit und breit keinen Laden gab, der außerhalb der letzten paar Tage eines Jahres überhaupt Knallgedöns im Angebot hatte.
So ab und an, besonders in den Sommermonaten, beschleicht mich das Gefühl, dass heutzutage ganz einfach jedes Ereignis, jeder Geburtstag und jede Grillparty mit einem Feuerwerk geschmückt werden muss, um überhaupt noch als Feier anerkannt zu werden. Nahezu an jedem Wochenende fliegen mir die Böller um die Ohren (und einmal auch in mein Strohlager, was ich bedeutend weniger witzig fand, als der Nachbar, der den Böller losgelassen hatte). Der Bub hat eine 2 geschrieben? Lasst die Raketen knallen! Oma wird 70? Bumm! Viel älter wird sie nach dem Schrecken vermutlich nicht mehr werden. Dabei gibt es durchaus Ereignisse, die ein bisschen Getöse verdient haben: Wenn ein Erbfolgekrieg zu Ende geht und das eigene Land daraus als siegreichste und größte Seemacht Europas hervorgeht, zum Beispiel. Da darf es auch mal ein bisschen lauter werden, dachte sich zumindest King George II von England, als er im Jahr 1748 die große Fete anlässlich des Friedens von Aachen ausrief.
Und weil so ein Feuerwerk alleine noch nicht laut genug ist, musste auch noch die passende Mugge dazu her. Dass die Auswahl auf denjenigen fiel, der nicht gerade durch leise Töne und ein bescheidenes Auftreten von sich Reden gemacht hatte, war da wohl verständlich. Georg Friedrich Händel hatte bereits ordentlich für Budenzauber gesorgt, als das österreichisch-britische Militär in der Schlacht bei Dettingen über die französischen Truppen gesiegt hatte, und war ohnehin sozusagen der Pompmeister unter den Pomösen; ein mit seinen damals 64 Jahren nicht mehr ganz junger Mann mit einer Nase fürs Geschäft, einem Sinn dafür, mit wem man sich vernetzen sollte, und einer wohl dokumentierten Vorliebe für Eiscreme. Letzere brachte ihm zwar einen beachtlichen Bauchumfang und die eine oder andere Karrikatur mit einer Schweinenase ein, half ihm aber in dieser Geschichte ebensowenig weiter wie sein Gefühl für den Einsatz von Instrumenten. Voll, rund und ausgeglichen hatte die Siegesmusik seiner Meinung nach zu sein. Dies bedeutete einen ausgewogenen Einsatz aller Instrumente und vor Allem einen Haufen Streicher, um für ein möglichst volles, samtiges Klangerlebnis zu sorgen. Wenn Musik dem Wein nahekam, den man sich beim Komponieren hinter die Binde kippen konnte, war sie gut.
Das Feldherrengehör des Königs war hingegen mehr auf ordentlich Wums gestimmt. Er wünschte praktisch eine erweiterte Militärkapelle mit Bläsern, die dem letzten Fein das Trommelfell wegposaunieren. Die Trompeten von Jericho mitten in einem englischen Feuerwerk. „Warum auch nicht?“ mag man sich denken, immerhin ist so ein Streichensemble eine doch recht schwächelnde Geschichte, wenn man sich ein riesiges Geknalle und Raketengefeuere dabei vorstellt, in etwa so, als würde man versuchen, eine Zugdurchsage zu verstehen, wenn man mit einer Gruppe Kindergartenkinder unterwegs ist. Kann man also nachvollziehen, was der König da so wünschte. Händel sah die Sache allerdings ein wenig anders.
„Boh, Alter, nimm das Krönchen von den Ohren und hör genau hin!“ wird er sich gedacht haben, als er dem König den Federkrieg erklärte und einen Brief nach dem anderen schrieb, in dem er den Streichereinsatz verteidigte.
Nun galt Händel nicht gerade als der komporomissfreudigste unter den Komponisten. Einer Anekdote zufolge soll er die auch nicht gerade als umgänglich bekannte Sängerin Francesca Cuzzoni aus dem Fenster des 2. Stockes gehalten und damit gedroht haben, sie fallen zu lassen, sofern sie nicht auf der Stelle und ohne zu murren ihre Arie aus „Ottone“ singt, und dem ersten Geiger aus seinem Orchester eine Pauke (Pauke, nicht Bongo, nur mal so, um sich die Größe vorstellen zu können) an den Schädel gedonnert haben, nachdem sich dieser einen Spaß daraus gemacht hatte, entgegen der Anordnung sein Instrument im Konzertsaal zu stimmen. Man kann sich also vorstellen, dass bei Hofe vermutlich Wettbüros und Popcornstände aufgemacht haben, während man darauf wartete, wie die Sache Georg gegen Georg denn ausgehen würde. Nun denn: Georg gewann! Haha!
Nein, ernsthaft, Händel schien tatsächlich nachzugeben, die Musik wurde von einem Ensemble aus Bläsern und Pauken streicherlos in die Nacht hinaus getrötet, nur so ganz scheint sich der Maestro dann aber doch nicht abgefunden zu haben, mit den Anweisungen von oben:
Erstens klingt die Feuerwerksmusik zwar durchaus pompös und dem feierlichen Anlass angemessen, hat aber bei genauerer Betrachtung weit mehr tänzerische als kriegerisch-marschierende Elemente, und zweitens vermerkte der Komponist gleich danach in der Partitur, dass - und an welcher Stelle - eben doch die Streicher loszulegen hätten. So kann man es eben auch machen: Am Ende haben beide ihren Willen bekommen und ihr Gesicht gewahrt, das Volk hatte seinen Spaß, und bereits einen knappen Monat später gab es die Version mit den Streichern (und abzüglich ein paar Bläsern) anlässlich eines Benefizkonzertes zugunsten des Londoner Foundling Hospitals, das sich um ausgesetzte Babies kümmerte, Dank der als Ausstellungs- und Konzertsaal genutzten Säle und Kapellräume jedoch auch zu einem von Händel oft unterstützten Kulturzentrum entwickelt hatte, zu hören.
So weit, so gut, mag man denken, allerdings schöpfte Händel bekanntlich gerne aus dem Vollen, und behielt diese Angewohnheit auch bei, wenn es ums Streiten ging. Zoffen kann man sich nämlich nicht nur um die Musik selbst, sondern ebensogut um die Aufführung, beziehungsweise den Aufführungsort oder auch die Frage, was man sich an Publikum vorgestellt hat. Was die Aufführung als solche betraf, war die Sache klar: Eine öffentliche Feier ist eben öffentlich, da kann kommen, wer will, oder zumindest, wer es sich leisten kann, anzureisen, ein der dem Anlass entsprechend überteuertes Quartier zu beziehen, und in angemessener Klamotte im für die Feierlichkeiten vorgesehenen Green Park vorbeizurauschen, solange es noch Plätze gibt.  Anders sieht die Sache aus, wenn es um die Proben geht: Da kann man die Läden offenlassen, muss es aber nicht. Für Händel war klar, dass die Türen geschlossen blieben, auch während der Generalprobe: Wer braucht schon Gaffer, wenn er arbeiten will, und zudem ist so eine öffentliche Generalprobe einer Premiere  ja auch ein bisschen wie ein Adventskalender-Unboxing bei Youtube: Der ganze Spaß und die Aufregungen sind beim Teufel, wenn man ohnehin weiß, was sich hinter den Türchen so verbirgt. Auch in diesem Punkt gab der Meister allerdings nach, und so fand die öffentliche Generalprobe dann am 21. April 1749 vor den Augen der Öffentlichkeit in Vauxhall Gardens statt, was im übrigen für einen unfassbaren Verkehrststau gesorgt haben muss, aber so ist das eben, wenn G.F. Händel oder Justin Bieder öffentlich proben.
Immerhin schien es an diesem Tag wenigstens gutes Wetter gegeben zu haben, ganz im Gegensatz zum tatsächlichen Festtag, dem 27. April, an dem das englische Wetter mal wieder zeigte, was so ein schöner Nieselregen so alles kann. Vor allem für das anzünden von Feuerwerkskörpern eignet sich nasskaltes Wetter ganz vorzüglich *hust*, weshalb es auch nicht verwundert, dass man ein bisschen großzügiger umgegangen ist, mit dem Feuer, und bei der Gelegenheit gleich die Bühne mit in Brand gesteckt hat. Zumindest ein Teil der Konstruktion fing Feuer, im Gegensatz zu den Knallern und Raketen, die eher an Flatulenzen, als an Gewehrschüsse erinnert haben mussten. Aber immerhin hatte man ja gute Musik im Gepäck, und die reißt ja bekanntermaßen jede Fete heraus. Und für jemanden, der bereits sein Geld in ein nie wirklich zustande gekommenes Sklavenhandelsunternehmen aus Südamerika (die sogenannte „Südsee-Blase“, die Südsee bezeichnete damals nicht dasselbe Gebiet wie heute) investiert und verloren hatte, der mit seinen Opern in England gnadenlos baden gegangen war, und der bereits ein komplettes Opernunternehmen in den Sand gesetzt hatte, ist ein verregnetes Feuerwerk vermutlich Kinderkram. Denn außer in seinem Kompositionen war Herr Händel noch in einer anderen Sache unschlagbar: Aufstehen, Perücke zurechtrücken und weitergehen, als wäre nie etwas passiert. 

 Wir sind wieder unterwegs
 Weihnachtsfeier im Institut für Musikwissenschaft
 Feuerzangenbowle, vom Meister M. persönlich kurz- und kleingefackelt

Dienstag, 26. Dezember 2017

Händel with care! Der Meister in der Nazizeit





„Ich lese keine Märchenbücher mehr, ich bin schon groß!“ las ich neulich in einem Forum als Antwort auf die Frage, wer denn die Bibel gelesen habe. Die Antwort ist deshalb witzig, weil sie die Frage gleichzeitig beantwortet und nicht beantwortet. Nicht beantwortet, weil kein Mensch etwas über Märchenbücher wissen wollte, und die Bibel auch kein solches ist. Da scheint wohl jemand Geschichte mit Geschichten verwechselt zu haben (und fragt sich in der Schule im Geschichtsunterricht jedes Mal, wann denn endlich das Märchen von Rotkäppchen erzählt wird), denn genau das ist die Bibel: Ein Geschichtsbuch. Ein Geschichtsbuch, ein Gesetzbuch, ein Handbuch für den Umgang mit den irrsten Situationen. Vielleicht wird es einfach Zeit, das Ding umzubenennen: statt unter „Bergpredigt“ fassen wir die wichtigsten Tipps einfach unter dem Titel „Coole Alltagshacks, die Du gelesen haben musst“ zusammen und stellen die Sache ins Netz. Mal sehen, was dann passiert. Aber zurück zur Nicht-oder doch-Beantwortung der Eingangsfrage: Ein bisschen war das Ganze so, als würde ich auf die Frage „Kochst Du oft Rote Bete“ mit „Ich esse keine tierischen Produkte“ antworten. Einerseits sinnfrei bis zum Abwinken, andererseits benatwortet es die Frage eben doch, denn wenn ich nicht einmal weiß, dass Rote Bete nicht vom Tier stammt, dann habe ich wohl nicht allzuviel Erfahrung mit der Färberrübe, koche sie daher also vermutlich eher selten. Insofern hatte das Forenmitglied die Bibel wohl auch nicht gelesen. Schade eigentlich, denn bezüglich all der Dinge, die wir nicht kennen (bzw. gar nicht erst kennenlernen wollen, obwohl wir täglich die Möglichkeit dazu hätten), kann man uns quasi das Blaue vom Himmel und die Geschichte vom Pferd erzählen, ohne dass es uns auch nur auffallen würde. Erzähle einem Bibelnichtleser, Amos habe einen Sohn namens Juckus Kratzus gehabt, der die Antifaltencreme erfunden habe, und er wird es dir vermutlich glauben. Nachprüfen wird er es zumindest nicht, denn dazu müsste er sich für die nächsten paar Tage von seiner gewohnten Lektüre verabschieden.
Wäre man davon ausgegangen, dass Biblische Geschichte ein Thema ist, das in deutschen Haushalten ausgiebig diskutiert wird, so hätte man sich im Dritten Reich vielleicht auch ein bisschen zurückgehalten, was die Überarbeitung von Werken, wie etwa Händels Oratorien betraf. Dabei war es weder verboten, das Alte Testament zu lesen und sich mit dem Makkabäeraufstand und der Geschichte des Hanukkafestes (was im Übrigen ein und dasselbe ist) auseinanderzusetzen, noch gab es irgendeine direkte Weisung von Oben, die die Aufführung von Händels Werken im Original ausdrücklich untersagt hätte, allerdings ist ja bekanntlich nichts so anstrengend wie der Umgang mit neubekehrten Menschen, die sich mit Freuden in den Fanatismus stürzen. Dabei wird dann nicht nur völlig vorschnell reagiert (ich musste mir einmal erzählen lassen, mein Pferd würde an Diabetes sterben, weil ich ihm Melisse gegeben habe ... ich denke ja, da hat jemand den Unterschied zwischen Melisse und Melasse nicht verstanden, wahrscheinlich war das dieselbe Person, die gerade frustriert aus der Geschichtsstunde gestiefelt kam, weil die Schneekönigin immer noch nicht durchgenommen worden war), sondern auch derart hysterisch durchgegriffen, dass man sich als Andersdenkender nicht mehr traut, den Mund aufzumachen und der Sache Einhalt zu gebieten, die sich da mit Feuereifer auf Freddie Händels Noten stürzt.
Neben Bach und Beethoven, Mozart und Haydn schien Händel den Nazis durchaus geeignet, die deutsche Musikszene weltweit zu vertreten. Er hatte nur einen kleinen Fehler: Der Mann hatte sich verschrieben. Sein Heilsbringer hieß leider nicht Adolf, im Gegenteil: Händel und sein Zeitgenosse Johann Sebastian schrieben eine Menge ihrer Geschichten aus der Bibel ab. Und da die nun einmal das Volk Israel betrifft, lässt sich der eine oder andere Jude im Skript  nicht vermeiden. Nun könnte man denken: „Sch... drauf, wen juckt das schon, es geht hier um ganz große Kunst!“, und dieser Meinung war - man lese und staune - auch Joseph Goebbels, allerdings gab es eine Reihe von Verschwörungstheoretikern, die wohl vermuteten, man solle hier quasi von hinten durch die Brust ins Auge semitisiert werden. Und so machte man sich ab 1941 in der Reichstelle für Musikbearbeitung frisch ans Werk, eben diese großen Werke zu decontaminieren.
Nun behandeln Händels Oratorien nicht nur Themen der jüdischen Geschichte, sie heißen auch so: Esther, Solomon, Samson, Joseph und seine Brüder... das ließ sich nicht so einfach verlustfrei umbenennen. Einzig Joseph hätte man lassen können, zu Ehren des Reichspropagandaministers, der sich allerdings vermutlich wenig darüber gefreut hätte, wenn man ihm seine schöne neue Uniform weggenommen und ihn in einen Brunnen geworfen hätte. Und die anderen? „Karl-Heinz“ klingt zwar urdeutsch, macht sich aber nicht so gut, als Titel eines Oratoriums. Da musste etwas anderes her. Aber was das Ersetzen  unerwünschter Ausdrücke betraf, war man mittlerweile ja ins Profilager übergewechselt. „Israel in Egypt“, das den Auszug aus Ägypten behandelte, ging beispielsweise gar nicht. Immerhin hätte man in Deutschland seine Ruhe vor den Juden gehabt, wären diese einfach weiterhin als Sklaven in Ägypten geblieben. Der Opfersieg bei Walstatt (dafuq?!?) klingt da doch schon bedeutend nazifreundlicher.
Ich persönlich hätte mir vermutlich einen Spaß daraus gemacht, „Israel in Egypt“ einfach Note für Note rückwärts zu spielen, so dass sie alle wieder zurückwandern, nach Ägypten, Moses quasi als allerletzter im Rückwärtsgang hinterher, aber ich schätze, dabei hätte selbst der dümmste Nazi gemerkt, dass ich mich gerade lustig mache, über sein System. Abgesehen davon hatten sie noch einen Haufen nette Ideen für Umbenennungen parat (Samson wurde beispielsweise zum Wieland-Oratorium...darauf muss man erst mal kommen). Zudem gab es da den Aspekt des aufstrebenden Volkes, beziehungsweise des ungebrochenen „Volkswillens“ in den Oratorien, den man sich programmatisch zu Nutze machen konnte. Und welches Oratorium eignet sich besser zur programmatischen Verhunzung als „Judas Maccabäus“?
Judas Maccabäus war ein jüdischer Feldherr, nach dem Tod seines Vaters Marcus Anführer des Makkabäeraufstandes, der quasi die Antwort auf die Politik des Antiochus Epiphanes war. Antiochus brachte Jerusalem im Jahre 167 v. Chr. nach einer Zeit der Unruhen wieder in seine Gewalt, gründete mitten in der Stadt eine griechische Siedlung, verbot die herrschende Religion und weihte den Tempel des JHWH mal kurz zum Zeustempel um. Dass er dafür eins auf den Deckel bekam, ist noch heute Anlass des jüdischen Hanukkafestes: Die neue Weihung des Tempels, quasi die Wiedereinsetzung des jüdischen Glaubens in der Stadt.
So weit, so unnationalsozilistisch, doch schon Händel hatte erkannt, dass sich die Grundidee, die Rückeroberung verlorener Erde, die Ausbreitung des eigenen Volkes und der eigenen Ideologie, ganz gut nutzen lassen, wenn es darum geht, spätere Kriegserfolge zu feiern. In Händels Fall war das der zweite Jakobitenaufstand, bzw dessen Niederschlagung. Und im Grunde ließ sich die Idee dann doch ganz nazimäßig an, denn Erobern war sozusagen der Heiße Scheiß, entsprach also dem Zeitgeist. Womit die Frage nach dem Namen recht schnell geklärt war: Statt Judas Maccabäus als Person, nehmen wir ganz einfach dessen Berufsbezeichnung und schon haben wir ein Werk, dass dem Führer vor Rührung die Tränen in die Augen treibt: „Der Feldherr“ sollte das Ganze heißen, statt JHWH wählte man dann doch lieber „Gott“, schon um die Volksfront von Judäa nicht gegen die Judäische Volksfront aufzubringen, und die Israeliten wurden „das Volk“, dem es nach Gerechtigkeit und Ausbreitung dürstet. Damit auch alles seine Ordnung hat, wurde dann auch der Meister selbst noch ein bisschen aufgehübscht, damit aus Deutschland sucht den Superstar nicht „Er war ein Star, holt ihn da raus!“ wird. Gut, Photoshop hatten sie damals noch nicht zur Hand, gegen den Bauch ließ sich also so schnell nichts machen, aber die Biographie hatte noch ein paar Verschönerungen nötig: Immerhin war Händel ja in allen Biographien bis zur Machtergreifung quasi übergelaufen und hatte die Englische Staatsbürgerschaft angenommen. In den späteren Biografien, wie sie ab 1933 auf den Markt geworfen wurden, ist dies nicht mehr der Fall. Ebenso wurde deutlich herausgestellt, dass der Meister keineswegs von der englischen Musiktradition beeinflusst worden war, er hingegen habe maßgeblich daran gearbeitet, den englischen Stil positiv zu beeinflussen. Kurz gesagt: Die Tatsache, dass wir überhaupt in der Lage sind, englische Musik zu hören, ohne augenblicklich an Ohrenkrebs dahinzuscheiden, verdanken wir Händels großartiger Arbeit. Ein bisschen klingt das alles nach „Ich mach mir die Welt wiedewiede wie sie mir gefällt“, beziehungsweise, um bei Händel zu bleiben: „Ich mach mir den Fred wiedewiede wie ich ihn gern hätt!“. Ich weiß nicht, wie es euch geht, liebe Leute, aber „I don’t think I can Händel this“, wie man so schön sagt.



 Nein, meine Beine sind nicht falsch herum angewachsen. Die Löwenfrau und ich haben nur jeweils einen Reitschuh und einen Chap angezogen und die Beine nebeneinandergestellt :)

                                                            Bitte WAS soll ich da spielen?!?

 Die scheinen das ernst zu meinen!


Sonntag, 17. Dezember 2017

Tochter Dingsda freue Dich! Bach-Korrekturen zur Naziweihnacht








Dass unsere ach so vertraut klingenden Weihnachtslieder während der Zeit des Dritten Reiches auch nicht das waren, was wir heute so vor uns hinsummen, während wir über den Weihnachtsmarkt schlendern, habe ich je bereits im letzten Blogpost erwähnt, aber was bei den Ochsen erlaubt ist, ist ja bekanntlich bei Jupiter noch lange nicht erlaubt. Oder war es umgekehrt? Auf jeden Fall gibt es bei Volksliedern und -Bräuchen zumindest keine Urheber- und Kunstrechtsstreitereien zu erwarten; bei dem, was im Allgemeinen unter „Kunst“ verstanden wird, hingegen schon. Sosehr mich mein Ästhetikerherz auch quält: Schleiche ich mich des Nachts mit einem Meißel ins Museum, um dem ungewaschenen Lockenkopf von Michelangelos David mal eben eine ordentliche Frisur zu stösseln, erwartet mich vermutlich Ärger. Wie aber sieht es aus, wenn ich nur ein paar Noten verschiebe, um diesen unsäglichen Tristanakkord endlich in ein klar erkennbares C-Dur zu verwandeln, und den ewigen Spekulationen über seine tiefergehende, unterschwellige Fast-Auflösung ein Ende zu bereiten? Darf ich das? Nun, ich selbst vermutlich nicht, aber, um mit Rio Reiser zu sprechen: Würd ich das alles und noch viel mehr machen, wenn ich König von Deutschland wäre? Vielleicht. Zumindest, wenn ich es schaffe, auch den letzten Gehirnsittich davon zu überzeugen, es handele sich um eine wichtige Maßnahme zur Erziehung der Volksseele. Dann darf ich nämlich sogar Johann Sebastian Bach den Stift aus der Hand nehmen. Nachträglich natürlich.
„Kunst im absoluten Sinne, so wie der liberale Demokratismus sie kennt, darf es nicht geben. [...] Gut muß die Kunst sein: darüber hinaus aber auch verantwortungsbewusst, gekonnt, volksnah und kämpferisch.“  äußerste sich Joseph Goebbels in einem Brief gegenüber dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler, woraufhin ihm dieser kurze Zeit später Amt und Insignien vor die Füße schmiss. Wenigstens gab es sie noch, die Künstler, die Eier in der Hose hatten.
Ob man es glaubt oder nicht: Die vielgelobten Werke Johann Sebastian Bachs, mit denen man sich nach außen hin als „Kulturnation“ rühmte, wurden genauso zensiert und „korrigiert“, wie man Filme oder Bücher zensierte, oder bestimmte Gemälde aus Ausstellungen entfernte.
Viele andere Komponisten hätte man vermutlich einfach in der Schreibtischschublade verschwinden lassen, mit Bach, Beethoven und Konsorten konnte sich der deutsche Staat jedoch schmücken, so war der Präsident der Reichsmusikkammer Peter Raabe ebenfalls hoch geschätztes Mitglied der neuen Bachgesellschaft, und das Leipziger Bachfest wurde im Jahr 1935, anlässlich des 250. Geburtstags des Vorzeigediabetikers, sogar zum großen Reichs-Bachfest erklärt. Wobei der größte Witz an der neuen Bachgesellschaft ja darin besteht, dass sie unter anderem von Felix Mendelssohn Bartoldy gegründet wurde, also ausgerechnet von einem Komponisten, der im Dritten Reich dann nicht mehr gespielt werden sollte. Da frisst nicht die Revolution ihre Kinder, sondern die Kinder die Revolution. Wünsche wohl gespeist zu haben.
Diese Komponisten konnte man also nicht so einfach eliminieren, die wurden noch gebraucht. Das war irgendwie doch Kunst, das konnte noch nicht weg. Die eine oder andere Arie, wie beispielsweise das etwas prekäre „Bereite Dich, Zion / mit zärtlichen Trieben“, welche das kritische Wort „Zion“ enthält, hat Bach ja praktischerweise bei sich selbst gecovered und nur den Text überarbeitet, so dass sich ganz einfach der ursprüngliche Kantatentext wieder einsetzen lässt, ohne irgend etwas am Versmaß verändern zu müssen. In diesem Fall konnte man also einfach die Arie aus dem Bachwerkeverzeichnis 213 aus der Schublade ziehen („Ich will dich nicht hören, ich mag dich nicht wissen“, was vermutlich ohnehin der Einstellung vieler Kirchgänger zur Bereinigungspolitik der NSDAP entsprach). Schwieriger wird es beim folgenden Altrezitativ „Nun wird mein liebster Bräutigam, nun wird der Held aus Davids Stamm zum Trost, zum Heil der Erden, einmal geboren werden“. Das ging gar nicht, wie man so schön sagt. Da musste gefeilt werden.
Und nun? So viel kirchliches Zeug, das große jüdische Könige preist und das Wort Heil so gar nicht mit der Idee verbindet, sich Polen einzuverleiben... so einfach ist es also nicht mit der Bachrezeption und einige Kirchen, wie etwa der Dom zu Trier spielten größere Bachwerke auch erst wieder in den 60er Jahren, nachdem sie sich vermutlich erstmals wieder in Sicherheit wähnten.
Ansonsten wurde das geistliche Werk Bachs ganz einfach umgedichtet. Offiziell zur Gebrauchslyrik erklärt, bastelte man aus dem „jüdischen Land“ , das der Evangelist gleich im ersten Rezitativ besingt, flugs „der Väter Land“ und wo Dich sonst „dein Zion“ mit Psalmen erhöht, tat dies nun eben „die Seele“. Ach, und hatte ich nicht gerade etwas vom „größten Witz“ erwähnt? Streicht die Stelle bitte großflächig, es gibt nämlich noch einen viel größeren:
Der Leipziger Thomaskantor Erhard Mauersberger, ehemals Mitglied des „Kampfbundes für deutsche Kultur“, brachte es allen Ernstes noch in den 70er Jahren fertig, das Wort „Israel“ aus einer Motette verschwinden zu lassen. Wobei ich fast noch empörter darüber bin, dass der Chor und Gemeinde nicht geschlossen den Saal verlassen haben, als die Stelle ertönte. So viel Fairness müsste eigentlich sein. Aber wie man sieht, verschwinden Dinge eher aus Gesetzbüchern als aus Köpfen.
Einige der während des Dritten Reiches so aktiv meinungsbildenden Musikwissenschaftler hielten sich nach 1945 höflich zurück oder beschlossen, ihre Meinung bestimmten Gattungen oder Komponisten gegenüber noch einmal zu überdenken, anderen hörte ohnehin kein Mensch mehr zu, und wieder andere fuhren weiterhin die alte Schiene und passten sich lediglich in den Formulierungen an die Gegebenheiten der heutigen Zeit an. Wer auf wissenschaftlichem Gebiet ernstgenommen werden will, erklärt Musik nicht für „entartet“ oder „verjudet“ oder sonst etwas. Er bezeichnet einen Komponisten statt dessen als substanzlos („Musikwunder ohne seelische Substanz“), wie es beispielsweise der Über-Nazi (wie viele politische Ämter kann man eigentlich gleichzeitig innehaben, ohne überlastet zusammenzubrechen?) Hans Schnoor mit Mendelssohn-Bartoldy tat, oder schnreibt vernichtende Kritiken über Schönbergs Musik. Eigentlich ist alles beim Alten geblieben, was die musikalische Auffassung gewisser Wissenschaftler betrifft. Blöd nur, dass man niemanden für seine Meinung zur Verantwortung ziehen kann, solange diese sachlich formuliert ist und zumindest gut begründet scheint.
Das Problem an der Geschichte liegt nämlich darin begründet, dass jeder Mensch einen eigenen Geschmack hat, den man ihm weder nachweisen noch absprechen kann. Anders gesagt: Erzähle ich einer für mich wichtigen Professorin all das, was sie selbst über ein bestimmtes Musikstück geschrieben hat und stimme ihr dabei in allen kritischen Punkten zu, dann bin ich möglicherweise die größte Schleimerin der Musikgeschichte, möglicherweise aber auch eine Seelenverwandte. Wissen wird das nur mein engster Freundeskreis, dem gegenüber ich hinterher äußere, was für eine tolle Wissenschaftlerin, oder möglicherweise eben auch für eine unglaubliche Kuh sie ist... wir werden es nie erfahren. Das Leben ist eben kein Tatortkrimi, in dem am Ende alles aufgedeckt wird.
Alles in allem kann man eben nur vermuten, wer wem nach dem Schnabel redet. Was das Abkanzeln von Musikstücken oder gleich ganzen Komponisten betrifft, befindet man sich also in der Zwickmühle: Sollte ich mich zurückhalten, wenn ich nichts Freundliches zu sagen habe, oder setze ich mich damit dem Vorwurf aus, eine Mitläuferin zu sein, die sich nicht traut, den Mund aufzumachen, wenn ihr etwas missfällt? Vielleicht sollte man sich manchmal auch einfach an den Ratschlag halten, den ich vor vielen Jahren (witzigerweise bei einem Ärztetreffen, mit dem ich ja eigentlich gar nichts zu tun habe) zu hören bekam: „Meinungen sind wie Pobacken. Jeder hat welche, jeder hat ein Recht darauf, sie zu besitzen, aber man muss sie nicht unbedingt ungefragt anderen Leuten unter die Nase halten.“
Klingt etwas radikal, ist aber im Grunde durchaus richtig. Und stößt nicht ganz so viele Leute vor den Kopf, wobei ich mir das im Zusammenhang mit den Pobacken jetzt nicht unbedingt vorstellen mag. Alles in Allem wünsche ich eine schöne vierte Adventswoche und viel Spaß beim Besuch der hoffentlich unzensierten wunderschönen Weihnachtskonzerte da draußen. Ich für meinen Teil gehe mir erst einmal die Nase putzen, da hat sich so ein unangenehmer Geruch festgesetzt. Und danach höre ich vielleicht eine Runde „Tochter Zion“. Und freue mich!

 Kaum zu glauben, wie klein die Katzen mal waren... die Bilder haben der Herr Verratichnicht und ich auf einer alten Festplatte gefunden. Das hier ist der kleine Huck

 Mit Mama

 Und so ein Klops ist der große Rote heute :D