Freitag, 2. Januar 2015

23% Bach




Vor einiger Zeit war ich auf der Suche nach einer DVD, die ich klugerweise bereits sofort nach dem Auspacken an einer Stelle deponiert hatte, die ich mir schon zu diesem Zeitpunkt nicht merken konnte. Dabei geriet mir ein Stapel älterer Bach-Magazine in die Finger, die durchzusehen bedeutend spannender war, als weiterzusuchen, weshalb ich besagte DVD bis heute nicht gefunden habe.

Eines der Magazine stammte aus dem Jahr 2011 und enthielt einen kurzen Artikel,in dem auf eine Umfrage Bezug genommen wurde, derzufolge nur 50% der Deutschen wissen, wer Mozart ist. Und der hat noch Glück gehabt. Derselben Untersuchung zufolge hatten nur 23% der Bevölkerung eine Ahnung, wer Bach war. Das erschien mir da doch reichlich seltsam. Ich konnte und kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Hälfte der Bevölkerung im Umkehrschluss nichts mit dem Namen Mozart verbinden könnte, außer vielleicht diese kleinen schokoladeüberzogenen Marzipanpralinen. Also setzte ich mich an den Rechner und suchte mir die Umstände dieser Umfrage zusammen.

Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich im Kindergarten einmal gefragt wurde, ob ich denn wisse, wer Mozart sei und im Brustton der Überzeugung antwortete, das sei ein Wunderkind gewesen, das mit 5 Jahren bereits Klavier und Geige spielen, sowie autofahren konnte. Gut, ein kleiner Treffer war dabei, aber von der Sache mit dem Autofahren ließ ich mich trotz mehrfacher Belehrung durch die pädagogischen Fachkräfte nicht abbringen. Ich gebe zu, ich konnte sehr halsstarrig sein.

Jedenfalls stellte sich die Sache mit der Umfrage letzten Ende als halb so wild heraus. Man hatte die Leute in dieser Untersuchung lediglich gebeten, einen klassischen Komponisten zu nennen, und 50% hatten eben den Namen Mozart angegeben, was eigentlich nur bedeutet, dass der halben Bevölkerung dieser Name eben zuerst einfällt, wenn sie an klassische Musik denken. Hätte jemand Michael Haydn genannt, oder Leoš Janáček, so hätte dies ja nicht bedeutet, dass er keinen Plan von Mozart hätte, es ist ja schließlich nicht so, dass das Gehirn immer nur Platz für einen Namen lässt und mit dem Abspeichern eines neuen den alten Namen aus dem Speicher in den Papierkorb verschiebt.
Sonst wüssten tatsächlich nur 23 % etwas mit dem Namen Bach anzufangen.

Gut, ich kann mir durchaus vorstellen, dass man auf die Aussage, man sei Bachforscher mit Rückfragen im Stil von “Und was machen Sie im Winter, wenn die Bäche zugefroren sind?” rechnen muss, aber das liegt ja wohl eher an der Namensgleichheit, und vielleicht noch an der Tatsache, dass man sich mit nassen Bächen im Alltag häufiger auseinandersetzen muss, als mit musikalischen. Zumindest, wenn man kleine Kinder oder schlecht erzogene Hunde hält.
Ein Viertel der Unter-30-jährigen findet das musikalische Erbe unserer Gesellschaft übrigens uninteresant und hält den Musikunterricht an Schulen für unwichtig. Wenn man davon ausgeht, dass diese Altersgruppe einen Haufen Pflichtschüler mit einbezieht, die lieber zuhause vor dem Fernseher, als im Musiksaal bei einer Klassenarbeit säßen, wundert einen dieses Ergebnis wahrscheinlich auch nicht besonders. Repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ist es meiner Meinung nach nicht wirklich.
Tatsächlich hatte ich im Laufe meiner eigenen Schulzeit aufgrund akuten Lehrermangels fast ein ganzes Jahr lang überhaupt keinen Musikunterricht, dafür aber Montags bereits so früh Unterrichtsende, dass noch gar kein Schulbus fuhr, der uns hätte nach Hause befördern können. Schulbusse fuhren nämlich erst ab dem Ende der fünften Stunde, weshalb sich die Freude über die freie Zeit, die man dann doch in der Schule verbringen musste, in Grenzen hielt.

Ob es unserer Allgemeinbildung geschadet hat, vermag ich nicht wirklich zu sagen, wir waren ohnehin alle mitten in der Pubertät und in höchstem Maße uninteressiert an allem, was uns in diesem Gebäude erzählt wurde. Unser Lieblingsinstrument war der Pausengong das einzige Streichinstrument, das wir sicher beherrschten, war ein Malerpinsel und Vivaldi es geschafft hatte, das gesamte Händel zu fressen, war uns ohnehin egal.
Generell wundern mich, was die musikalische Allgemeinbildung anbelangt, ohnehin andere Dinge: Kein Mensch kann jeden Komponisten oder jedes Werk kennen, das schafft nicht einmal das MGG (Musik in Geschichte und Gegenwart), für das man immerhin je nach Ausgabe bis zu 6000 Euro berappen darf, und dass nicht jeder über die Funktion von Vor- und Versetzungszeichen, oder die verschiedenen Notenschlüssel im Bilde ist, ist ebenfalls klar. Wer kein Instrument spielt oder singt (und ich meine damit nicht, ein paar Songs aus dem Radio mitzubrummen oder bei der Arbeit vor sich hinzusingen), der kommt mit diesen Dingen im Alltag auch nicht wirklich in Berührung. Aber wenigstens, was ein Lied ist, sollte man meiner Ansicht nach irgendwie wissen. Vielleicht nicht den Unterschied zwischen Volks- und Kunstlied, Songs oder Gospels, aber wie oft ich (nach dem Motto “Du musst das ja wissen, ist ja Dein Gebiet”) nach “Liedern” gefragt werde, die sich dann als Sinfonien, Streichquartette oder Violinsonaten entpuppen, ist schon irgendwie bedenklich.

Versucht man es dann mit der für mich einfachsten Erklärung “Wenn keiner singt, ist es auch kein Lied!”, kommt garantiert irgendein Klugscheißer um die Ecke, der mit hoch erhobenem Zeigefinger auf Felix Mendelssohn Bartholdys “Lieder ohne Worte” verweist und an welchen man den Ratsuchenden mit seiner Liederfrage dann aufatmend verweisen kann. Diese beiden sind offensichtlich füreinander geschaffen worden und können sich sicher noch stundenlang miteinander beschäftigen.
Eine ganz andere, in meinen Augen viel interessantere Umfrage fand ich übrigens in einem Musikerforum im Internet, bei der die “Top 20 Musiker aller Zeiten” gefragt waren.

Dort lag der gute Wolfgang Amadé ganze 3 Plätze hinter Freddy Mercury und Jim Morrison, allerdings wie bereits in der ersten Umfrage weit vor Johann Sebastian Bach, der seinerseits nur noch vom letztplatzierten Michael Jackson gefolgt wurde.

Wie hieß es noch einmal so schön in dem wunderbaren Loriot-Sketch mit dem Beethoven spielenden Altherrentrio? “Wenn Sie Unterhaltungsmusik machen wollen, bitteschön! Aber Sie wissen ja, wo das hinführt: Dann sitzen Sie eines Tages irgendwo in der Provinz und spielen Bach!”
 
Dem Bach bekommt die Wärme nicht.... der Schneebach taut :) 


 

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