Mittwoch, 14. Januar 2015

Falstaff – Ein Klopper zum Feierabend


In München steht ein Hofbräuhaus... und in Mailand? Da steht ein Altersheim. Klingt nicht ganz so toll? Das Bier wäre Ihnen lieber? Dann werfen wir doch mal einen etwas genaueren Blick auf die Seniorenresidenz: Über das Casa Verdi habe ich hier *klick* bereits ein paar Worte fallen lassen, wer mag findet auch hier *klick* einen Artikel dazu, handelt es sich doch um ein Altersheim für ehemalige Musiker, gegründet mit dem Geld, das Giuseppe Verdi (1813 – 1901) eigens zu diesem Zweck hinterlassen hatte. Mittlerweile leben sogar junge Musikstudenten mit den älteren Herrschaften unter einem Dach, und lassen sich von den ehemaligen Größen inspirieren und so einiges erklären.

Verdi war nämlich nicht nur einer der berühmtesten Komponisten seiner Zeit (wobei ihm die Tatsache, dass der einst so gefeierte Gioachino Rossini inzwischen lieber Pastasaucen zusammenrührte und mehr Kochbücher als Opern schrieb, und sowohl Vincenzo Bellini als auch Gaetano Donizetti ihr Leben bereits ausgehaucht hatten, gewaltig unter die Arme griff – In Italien war neben ihm ganz einfach nicht mehr allzuviel übrig, was die Oper wesentlich mitgestalten hätte können), sondern auch politisch äußerst aktiv: Nachdem Italien vier Jahrhunderte lang aus Stadtstaaten bestanden hatte, die jeweils von unterschiedlichen Fürstenfamilien und später teilweise von anderen europäischen Mächten regiert wurden, wurde die Halbinsel im Jahr 1861 politisch vereint und Giuseppe Verdi, der sich für das Risorgimento(„Wiedererstehen“) eingesetzt hatte, ließ sich sogar kurzzeitig überreden, für die Abgeordnetenkammer zu kandidieren.

Seinen Wunsch nach fairer Behandlung und Bezahlung der Arbeiterklasse setzte er auf seinem Landgut Sant' Agata bei Busseto in die Tat um und lebte dort später das Leben als Landwirt, das er in seiner Kindheit kennen- und liebengelernt hatte. Zudem hatte er auf dem Land seine Ruhe und konnte mit seiner Freundin, der Sängerin Giuseppina Strepponi in aller Ruhe zusammenleben, ohne sich die nervigen Fragen über einen Hochzeitstermin anhören zu müssen. 
Als die beiden 1859 schließlich doch vor den Altar traten, hatten sie bereits 12 Jahre lang zusammengelebt. 
Warum sie sich schließlich tatsächlich dem Fluch des Ringes unterwarfen, vermag ich nicht zu sagen. Vermutlich hatten sie den Kanal ganz einfach gestrichen voll von der ganzen Fragerei. 
Mit Ehe und Familie hatte Verdi ja bisher nicht die besten Erfahrungen gemacht, bzw. ein ziemliches Trauma hinter sich. Immerhin hatte seine erste Ehe damit geendet, dass seine Frau den Löffel abgab, und das nur mit wenigen Monaten Abstand zu seinen sämtlichen Kindern. Das prägt, würde ich sagen. Wobei die Verdis damals lediglich 2 Kinder ihr Eigen nannten. Ein solches Massensterben möchte ich mir im Hause Bach oder Marais lieber nicht vorstellen... hätten dort sämtliche Kinder und Ehefrauen gleichzeitig Lebewohl gesagt, hätte es eine 23-, bzw 21-fache Beerdigung gegeben. Wahrscheinlich wäre es in einem solchen Fall billiger gewesen, gleich eine ganze Baugrube ausheben zu lassen, statt Einzelgräber zu schaufeln.

Die gute Giuseppina (Giuseppe und Giuseppina...klingt irgendwie wie Bastien und Bastienne, oder nicht? ob er das damals wohl so in irgendwelche Baumrinden geschnitzt hat?) hatte zwar keine Kinder mit Verdi, arbeitete jedoch fleißig an seinen Opern mit, indem sie die literarischen Vorlagen zu Il Trovatore, Simon Boccanegra und Aida übersetzte, den Großteil der nervigen Verwaltungsschreiben erledigte und ihrem Lebenspartner auch sonst beratend zur Seite stand, oder, wie Verdi sich ausdrückte: „Peppina liest, schreibt, arbeitet: Ich mache nichts.“ (Irene Tobben: Ich wollte eine neue Frau werden. Giuseppina Strepponi, Verdis Frau. Ein Lebensbild. Verlag Das Arsenal, Berlin 2003, s. 99 )

Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, dass Verdi eine „Komponiermaschine“ war, die zwischen 1839 und 1893 zwischen Kammermusikkompositionen, Messen und Kantaten glatte 32 Opern auf den Markt warf. Dass es nicht mehr geworden sind, ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass er 1886 im Alter von immerhin 73 Jahren auch mal ein bisschen so etwas wie Ruhestand genießen wollte, ehe er sich überreden ließ, doch noch ein weiteres Werk rauszuhauen, schließlich verkauft sich so eine „letzte Arbeit“ (der liebe Giuseppe war bei Erscheinen der letzten Oper bereits 79 Jahre alt, es war also abzusehen, dass danach auf diesem Gebiet nicht mehr viel kommen würde) ja immer ganz gut. Man denke nur einmal an Showgrößen wie Tina Turner, die Rolling Stones und Konsorten, die so ungefähr jedes Jahr auf ihre absolut allerallerletzte Abschiedstournee gehen und wieder vor ausverkauften Häusern spielen. 
Witzig an dieser Geschichte ist bei Verdi nur, dass der gute Mann in den vergangenen 53 Jahren nur ernste Opern auf die Bühne gebracht hatte, und nun, ausgerechnet im gesetzten Alter von fast 80 Jahren, in dem die meisten Männer froh sind, wenn sie wenigstens noch einen Stift senkrecht halten können, eine Komödie verfasst. 
Nicht, dass es seine erste gewesen wäre, seine zweite Oper „König für einen Tag“ war ebenfalls eine komische Oper gewesen, allerdings war diese beim damaligen Publikum gnadenlos durchgefallen. „Nie wieder komische Opern!“ mag sich der ausgepfiffene Verdi damals gedacht haben, um nun, als letztes Werk doch wieder eine von der Sorte zu bringen. Vielleicht war er bereits ein wenig seniler, als er zugeben wollte und konnte sich an das Opernfiasko vor 53 Jahren nicht mehr erinnern, vielleicht hatte er aber auch ein Alter und einnen Entwicklungsstand erreicht, in dem es ihm egal war, was die Leute über ihn und seine Opern dachten. Erfolg brauchte er zu diesem Zeitpunkt jedenfalls tatsächlich nicht mehr, darauf konnte er sich einen pfeifen und auf seinem Landsitz ein Ciabatta mit selbstgeernteter Birnenkonfitüre bestreichen. Und wenn es ganz schlimm kam und er sich nicht mehr vor die Türe trauen konnte, ohne Gefahr zu laufen, mit Tomaten beworfen zu werden, ja dann konnte er ja immer noch in ein Altersheim ziehen und sich bedienen lassen. Am besten ganz weit weg, in Mailand oder so. Das Geld dafür hatte er ja bereits auf die Seite gelegt.




Wunderschöne Sonne! Einen ganzen Tag lang! So lässt sich sogar der Januar ertragen!

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