Freitag, 16. Januar 2015

Litanei des Lituus




Es gibt eine überraschend große Anzahl von Themen, die zum Bereich Musik gehören wie der Löffel zum Müsli, in welchen allerdings Kenner aus ganz anderen Bereichen der Wissenschaft die Nase weit vorne haben, wenn man sie bittet, etwas zum jeweiligen Thema zu erzählen. Die Akustik ist so ein Bereich. Ohne Akustik keine Musik, soviel ist klar, aber mal kurz wissenschaftlich zu erklären, wie Schwingungen funktionieren, oder weshalb die Quinte zu den reinen Intervallen zählt, die Sekunde aber nicht, da brillieren die Physiker und die Musiker gehen weinend nach hause.

Dass allerdings bei der Frage nach einem Musikinstrument die Mathematiker als erstes die Finger heben, ist selten. Fragt man nach einem Lituus, so rennen sie los und malen ein Koordinatensystem mit schwungvoller Kurve auf das Blatt auf der Flipchart, während den meisten Musikern nicht viel mehr einfällt, als zu bemängeln, dass sich mit einer Zeichnung keine Musik machen lässt. Was im Übrigen gar nicht stimmt. Nimmt man die Zeichnung ab, rollt sie konisch zusammen und pustet mit der angemessenen Lippenspannung hinein, erhält man eine prima Papiertröte auf Basis der Naturtonreihe, die tatsächlich gar nicht so weit vom echten Lituus entfernt ist. Zumindest nicht von dem, was die Schola Cantorum Basiliensis, die Hochschule für Alte Musik in Basel, dafür hält.

Das Problem mit dem Lituus ist nämlich folgendes: Kein Mensch weiß wirklich, wie so ein Ding aussieht, wie es gespielt wird, woraus es gemacht wurde oder wie es klingt. Die besten Voraussetzungen also, um es nachzubauen. Oder nicht? Das dachte sich zumindest ein Häufchen offenbar unterbeschäftigter Wissenschaftler und beschloss, sich an die Rekonstruktion des Instrumentes zu wagen, von dem so ungefähr niemand irgend etwas wusste. Dass so ein Ding existiert haben muss, wusste man allerdings ganz genau. Und das haben wir mal wieder unserem geschätzten J.S.Bach zu verdanken, der diese mysteriösen Klangerzeuger in einer seiner Kantaten eingesetzt hat. In einer, wohlgemerkt. Offensichtlich liefen die Lituisten schon damals nicht in Heerscharen durch Leipzig, so dass man sich jederzeit einen hätte herauspicken und für ein Glas Ur-Krostitzer ins Orchester hätte stellen können.

Und genau diese Kantate „O Jesu Christ, meins Lebens Licht“ (BWV 118) gab die Bedingungen vor, die für den Nachbau des Unbekannten zugrunde gelegt wurden: Den Tonumfang und den ungefähren Klang in Anlehnung an die ebenfalls verwendeten weiteren Instrumente, zwischen denen es nicht untergehen, die es allerdings auch nicht gnadenlos übertönen durfte. In diesem Fall musste das Lituus also klanglich seinen Platz zwischen Cornett und Posaune finden. Zwei Litui in unterschiedlichen Stimmungen und Tonumfängen (Lituus 1 zwischen g' und h'' und Lituus 2 zwischen c' und b'') waren verlangt und diese sollten nun auch gearbeitet werden.

Was macht man in so einer Situation? Tonumfang hin oder her, wenn man noch nicht einmal weiß, ob es sich um ein Metall-, ein Holzblas- oder ein Streichinstrument handelt, muss man sich genauer umgucken. Bei der Instrumentengruppe an sich hilft es ja zunächst einmal, sich anzusehen, wo die Dinger in der Partitur denn stehen, also zwischen welchen Instrumenten sie gruppiert sind. Hat man nur Einzelstimmen als Auszüge, oder ist vielleicht (wie zu barocken Zeiten recht häufig der Fall) gar nichts angegeben, was die Instrumente betrifft, kann man nur raten. Oder Wissenschaftler anderer Fachgebiete befragen. Und da wären zunächst einmal die genannten Mathematiker, die immerhin eine Lituuskurve kennen, die in etwa so aussieht, als hätte jemand ein Schneckenhaus genommen und an der Schnecke darin gezogen, bis sie kurz vor dem Davonschnalzen war. Dann gibt es da noch die Theologen, die einen sehr ähnlich geformten Lituus-stab kennen: Den Hirten- oder Insignienstab hoher geistlicher Würdenträger nämlich. Im Grunde das Ding, das etwas teurere Schokoladennikoläuse auf der bunten Folie mit sich herumtragen. Sehr geschnörkelt und kurvig, wie sein mathematisches Pendant. Die Historiker kennen die Dinger ebenfalls: Zwischen 800 und 100 v. Chr. Hüpfte ein Volk namens „Etrusker“ durch Mittelitalien, das sogar ein Instrument dieses Namens kannte: Ein langes, gebogenes Blechblasinstrument.

    Wir fassen zusammen:
  1. Antikes Instrument: Gebogene Form. Aus Blech.
  2. Mathematische Kurve: Gebogene, verschnörkelte Form.
  3. Bischofsstab: Gebogene, verschnörkelte Form.
  4. Lituusnachbau? Ha! Wer jetzt sagt „Naja, dann wird das Ding wohl eine gebogene Form haben und aller Wahrscheinlichkeit nach aus Metall sein!“ ist voll in die Falle getappt. Nix is mit Schnörkeln, das Instrument ist kerzengerade, dadurch mehrere Meter lang und sieht aus, als habe der Terminator im Streit mit einem Waldhornisten gesagt „Ätsch, jetzt bieg ich Dir Dein Horn gerade, dann kannste nicht mehr so nen Krach machen, Du Ruhestörer!“ Und mit Blech ist auch Blech. Der/das (???) Lituus ist aus Holz. Ah ja. Logisch. Wieso sind wir nicht gleich darauf gekommen.
Im Grunde ähnelt ein Lituus also einem Alphorn, das übrigens neben einer Nagel-Trompete auch als Vergleichsinstrument gedient hatte. Die Familie der Alphörner (die allesamt aus Holz gebaut sind, aber (wie die Querflöte) trotzdem zu den Blechblasinstrumenten zählen) war auch in Bachs Umgebung nicht unbekannt, und wenn man davon ausgeht, dass selbst Leopold Mozart knappe 6 Jahre nach Bachs Tod eine Sinfonia Pastorella für Alphorn und Streicher schrieb, gar nicht so selten, wie man vielleicht denken möchte. Familie? Ja, richtig gelesen. Die Alphörner kommen in ganz unterschiedlichen Größen und Gestalten daher. Das heute bekannteste Alphorn in F ist mit einer Länge von etwa 3,60m zwar schon nicht mehr wirklich als Reisegröße zu bezeichnen, da könnte es dem Oktobass mangels Händen die Wirbel schütteln, allerdings beileibe nicht der Lulatsch des Clans. Sogar gefaltete und aufgewickelte Versionen gibt es darunter, wie beispielsweise das Büchel und das Alpensaxophon, beide allerdings zu Bachs Zeiten noch unbekannt.

Mit diesen doch recht dürfigen Informationen wandte man sich an Alistair Braden von der University of Edinburgh, der bisher mittels eines Computerprogramms Posaunen optimiert hatte und endete mit dem König der Unhandlichkeit. 2,7 Meter misst so ein Lituus, bringt wie alle Alphörner die Naturtonreihe hervor, benötigt Stützen, um es überhaupt halten zu können und macht irgendwie klar, weshalb das Ding in der Versenkung verschwunden ist. Praktisch geht eben doch anders. Auch wenn der Klang, den ein Lituus erzeugt überraschend weich und doch klar ist. Reinhören lohnt sich. Und wahrscheinlich auch fleißiges Üben, denn ich könnte mir vorstellen, dass Lituuslehrer ziemlich rar sind und von daher horrende Summen für ihre Dienste verlangen könnten. Falls sich denn tatsächlich einmal ein Schüler zu ihnen verirren sollte, der unbedingt das Lituusspiel erlernen möchte.



Spiegelspielerei


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