Samstag, 10. Januar 2015

Von 0 auf Bach in 10 000 Stunden



Einer Studie der Berliner Hochschule für Künste zufolge, benötigt ein Mensch etwa 10 000 Übungsstunden, um auf seinem jeweiligen Gebiet ein professionelles Niveau zu erreichen. Wer 10 000 Stunden mit der Violine unter dem Kinn verbringt, ist demzufolge zwar kein Paganini, jedoch durchaus in der Lage, seinen Lebesunterhalt als professioneller Geiger zu bestreiten. So er denn einen guten Agenten findet, der ihm ausreichend Muggen verschafft.
Sollte mich der Teufel (in diesem Fall wohl Diabolo in Musica) reiten und mir in den Kopf setzen, ich müsse als Geigerin durchs Leben gehen... tja, wie lange würde ich bei einem einigermaßen realistischen Übepensum wohl brauchen, um meinem Chef die Kündigung auf den Schreibtisch werfen zu können?
Angenommen, ich nähme mir 3 Stunden Zeit pro Tag (ich habe ja auch noch ein bisschen so etwas wie ein Leben nebenher), dann käme ich auf etwa 12 Jahre, ehe ich soweit wäre. Statt eine Kündigung zu schreiben, könnte ich dann eigentlich gleich in den Frühruhestand gehen. Bei den Problemen mit der Halswirbelsäule, die ich dann hätte, würde mir das jeder Arzt unterschreiben.
Glücklicherweise ist diese Studie zwar weitläufig bekannt, aber lange nicht das Nonplusultra der Forschung, denn sie vernachlässigt wichtige Faktoren, wie Talent, Vererbung, Vorbildung auf dem zu erlernenden, wie auch auf ähnlichen Gebieten, allgemeine Intelligenz, Alter und Abstraktionsvermögen, um nur einige zu nennen.

Spielten diese Faktoren allesamt keine Rolle und käme es nur auf die Anzahl der geübten Stunden an, so hätten wir Schwierigkeiten, Phänomene wie beispielsweise Wunderkinder zu erklären.
Geht man davon aus, dass man Kind üblicherweise im Alter von etwa 4 Jahren mit wirklich ernsthaftem Klavierunterricht traktieren kann, so hätte der kleine Wolfgang Amadé grob gerechnet um die 14 Stunden pro Tag trainieren müssen, um zwei Jahre später die Familien an den deutschen Fürstenhöfen zu erfreuen. Blieben etwa 2 Stunden um zu essen, zu trinken und die Toilette aufzusuchen, wenn man dem kleinen Mann noch ausreichend Nachtschlaf zugestehen wollte.
Und dann wäre da ja auch noch die Sache mit dem schwindenden Enthusiasmus und der nachlassenden Motivation.

Das Kleinkind, das geade neben mir im Zug sitzt, befindet sich was die Motivation betrifft, offensichtlich noch auf einem Höhenflug, wobei es sich allem Anschein nach vorgenommen hat, professioneller Schnellsprecher oder Rapper zu werden. Noch ist sein Wortschatz allerdings relativ begrenzt. Auf ein einziges Wort nämlich. Mama, um genau zu sein. Aber das kann es bereits ganz gut. Ich würde mal auf ein bisheriges Übepensum von etwa zweieinhalbtausend Stunden tippen, zweieinhalb davon in meiner Gesellschaft. Schön, dass es noch so etwas wie Ausdauer gibt, bei der Jugend von heute.
Hätte dasselbe Kind auch dasselbe Niveau erreicht, wenn es sich bei dem gegenübersitzenden Elternteil um einen alleinerziehenden Vater handelte, der gerade von der Kindsmutter verlassen worden wäre und dem Wort Mama daher wenig Begeisterung entgegen brächte? Wäre der kleine Carl Philipp Emauel Schumacher, zweitältester Sohn eines Leinenfärbers genauso musikalisch wie sein Namensvetter aus Weimar, der sich mit seinem großen Bruder Friedemann gerade einen Wettstreit im Kinderliederverdrehen liefert? Vielleicht hätte CPE Schumacher seine Kreativität ja auch in das Mischen trendgebender Farbzusammenstellungen gesteckt, ein berühmter Komponist ist aus ihm jedenfalls nicht geworden. Liegt es also doch in den Genen, in der Frühförderung und der Begeisterung, die einer Sache im Elternhaus entgegengebracht wird?

Andererseits haben wir aber auch den jungen Gottfried Heinrich Bach nie bei "Deutschland sucht den Superstar" gesehen. Noch nicht einmal bei "Leipzig sucht den Superstar", und das obwohl ihm großes musikalisches Talent bestätigt wurde.
Es mag nicht unbedingt die Zeit gewesen sein, in der man geistig behinderte Kinder nach dem Motto “Mein Kind ist anders und das ist gut so!” an die Öffentlichkeit zerrte, doch die Tatsache, dass ihm der Ruhm wohl aufgrund außermusikalischer Umstände verwehrt war (was im Übrigen auch für seinen finanziell etwas unbekümmerten Bruder Johann Gottfried Bernhard galt), zeigt doch, dass wir uns nicht auf unser Talent verlassen können.

Weitaus interessanter für die ganze Talenttheorie finde ich ja die Tatsache, dass die Bach-Familie zwar über Generationen hinweg das musikalische Leben ihrer Zeit mitbestimmte (zurückverfolgen lässt sich die Familie aus Organisten, Komponisten und Stadtpfeifern bis zu dem um das Jahr 1550
geborenen “Ur-Bach” Veit), die musikalische Berufung aber mit dem Tod der Bach-Söhne ein geradezu schlagartiges Ende nahm. Wo es zuvor in dem von Johann Sebastian erstellten Stammbaum nur einen einzigen “Ausrutscher” gegeben hatte, (der 1628 geborene Johann Nicolaus Bach nämlich fällt als Chirurg quasi völlig aus dem Rahmen), sticht nun Wilhelm Friedrich Ernst als einziger Berufsmusiker unter Johann Sebastians Enkeln hervor. Trotz allerbester musikalischer Voraussetzungen.
Meine eigene Familie aus (allerdigs nicht ganz so ausschließlich) Musikern und Komponisten übersprang eine Generation. Meine Großmutter warf ihre Geige eines Tages einfach in den Müll (Oh mein Gott, wie kann man nur!) und mein Vater bekam einen Wasserfarbkasten, um seinen kreative Ader auszuleben). Somit blieben meinem Bruder und mir zwar die genetischen Anlagen, allerdings keinerlei musikalische Vorbildung innerhalb der Elterngeneration. Und eben ziemlich viele Stunden, in denen unsere Nachbarn für baldige Taubheit gebetet haben.

Michael Freissmuth und Stefan Offermanns schreiben dazu: “Wenn es “ein Gen” für Musikalität gäbe, müssten in der Generation der Enkel und Urenkel hervorragenden Komponisten wie Johann Sebastian Bach auch hervorragende Komponisten zu finden sein. Dass dies nicht der Fall ist, beweist die Bedeutung der Kooperation von Genen” (Michael Freissmuth/ Stefan Offermanns, Pharmakologie und Toxikologie: Von den molekularen Grundlagen zur Pharmakotherapie,Springer Science & Business Media, 09.03.2012)

Auf ein Einzelgen können wir uns also nicht verlassen, was ja auch ein Wunder wäre. Auch mit dem tollsten Schreibprogramm kann man nur dann einen Text produzieren, wenn man des Lesens und Schreibens mächtig ist, und sich ein offenes Auge und Ohr für Stil und Inhalt der anderer Schreiber bewahrt. Und ganz ehrlich: Es würde mich nicht wundern, wenn ein guter Schreiberling beim Addieren der eigenen Lesezeit auf etwa 10 000 Stunden käme.


Ich hab das Buch doch noch geschossen! Dem Schnee-Bach sei Dank! :D Und vielversprechend sieht es auch nach kurzem Überblättern schon aus!

Ein paar Stunden fehlen uns noch :D

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