Samstag, 24. Januar 2015

Der Friedi... in Berlin


Teil 5 des Friedemann Bach Geplauders.
Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4

Halle hatte er nun hinter sich gelassen, der Friedemann. Ob er neben viel Ärger auch schöne Erinnerungen mitgenommen hat, können wir nur vermuten. Lauschige Kaminabende, an denen sich die Mitglieder des Hallenser Rats zusammengesetzt und über die schöne Zeit mit dem ältesten Bach-Sohn geplaudert haben, wird es allerdings definitiv nicht gegeben haben. In den Akten des Rates wird Friedes Verhalten folgendermaßen beschrieben: “Sonderbares Betragen, unanständiger Wandel und Eigensinn”. “Genau!” ruft ein unsichtbarer Carl Friedrich Zelter aus dem Off, “Und pritzelhaft! Pritzelhaft am allermeisten!” :D
Irgendwie klingt das alles verdächtig nach Johann Sebastians Streitereien mit der Universität... der alte Bach wollte sich geausowenig sagen lassen, wie der junge. Und indem der junge Bach krampfhaft versuchte, seine Kompositionen von denen seines Vaters und seiner Brüder abzuheben, schuf er einen ebenso einzigartigen Stil, wie es sein alter Herr zuvor getan hatte. Es ist schon ein Kreuz. Wer einen genialen Vater hat, braucht eben dieselbe Genialität, um anders zu sein (# Teufelskreis). Und wenn der Vater dann auch noch ein ziemlich sturer Kopf sein konnte, kann man sich selbst noch so sehr den Schädel einrennen, man wird ihm dadurch nur noch ähnlicher. Wie man's macht, macht man's falsch. Armer Friedemann, darauf einen Dujardin, denn einen Kaffee konnte er darauf ja wohl kaum trinken, Kaffee war ja schon belegt. Vom Vater nämlich. Wo der seine Niere reizte, forderte Friedemann seine Leber zum Duell. Immer wieder, je nachdem, wie es ihm gerade ging, konnte er monatelang keinen Tropfen anrühren, um dann wieder vollkommen abzustürzen und irgendwo in einem Hauseingang zu sich zu kommen. Wilhelm Bipolar Bach, Sklave seines eigenen Anspruches, der immer wieder von seinen Selbstzweifeln zerstört wurde? Da sind wir wieder, mit der Hobbypsychologie. Es ist aber auch schwer, ihn nicht verstehen zu wollen.



Hach, Friedi... Alkohol löst keine Probleme. Zugegeben, Mich, Wasser oder Apfelsaft tun dies ebensowenig, aber sie wirken wenigstens weder halluzinogen, noch verändern sie die Persönlichkeit dermaßen nachhaltig, dass irgendwann kein normaler Umgang und kein vernüftiges Arbeitsverhältis mehr möglich ist. Wobei er von den Angestelltenverhältnissen offensichtlich ohnehin den Hals voll hatte, in der Folge beschloss er nämlich, nach Berlin zu gehen, seine eigene Suppe zu kochen und freischaffender Künstler zu werden. Vielleicht war ihm allerdings auch sein pritzelhafter Ruf ein wenig vorausgeeilt...man weiß es nicht. Was seine Frau dazu gesagt hat übrigens ebensowenig, wobei das ja offiziell ohnehin egal war, es sei denn, sie wollte zukünftig auf eigenen Beinen stehen (immerhin konnte sie noch stehen. Und geradeaus gehen. Und sich an die Nasenspitze fassen, ohne sich dabei ins Auge zu polken).

So, und an dieser Stelle muss man mal damit aufhören, ihn die ganze Zeit wie einen lebensuntüchtigen Alkoholiker zu betrachten. Immerhin hielt er sich bis an sein Lebensende mit seiner Musik über Wasser, auch wenn er dafür ziemlich heftig rudern musste, während seine ehemaligen Kollegen auf der Königlichen Yacht vorbeigeschippert sind. Zudem wurde er ja nicht jünger und man stellt nicht so einfach einen alternden Herrn ein, mit möglicher Schrumpfleber und dem Ruf, nicht gerade der Teddybär unter den Organisten zu sein. Da wird ein jüngerer, anpassungsfähiger Kandidat sicher vorgezogen, auch wenn man damit einen der besten Organisten der Zeit auf der Ersatzbank versauern lässt.
Insofern war Wilhelm Friedemann seiner Zeit voraus: Freie Kunst war damals noch lange kein Massenphänomen, tatsächlich kann man ihm da eine gewisse Vorreiterrolle zugestehen, auch wenn diese Lebensweise vermutlich nicht gerade einem ganz neuen Kunstverständnis, sondern viel eher einer wirtschaftlichen Notlage entsprang. Eine Anstellung wäre ihm dann irgendwann höchstwahrscheinlich doch wieder tausendmal lieber gewesen, nur fand er zu dieser Zeit eben keine.

Auch heute noch ist es nicht einfach, als freischaffender Künstler durchs Leben zu gehen. Die verhältismäßig kurze Zeitspanne zwischen Hochklassik und Spätromantik, in der Musiker nicht nur (wie fahrende Spielleute im Mittelalter) von der Hand in den Mund leben mussten und aufgrund ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage immer wieder in Verdacht gerieten, auch den Inhalt fremder Hände mitgenommen zu haben, sondern tatsächlich ein Leben führen konnten, das dem eines “Stars” nahe kommt, war zu Wilhelm Friedemanns Zeiten noch lange nicht möglich und wird heute wieder von einer Musikindustrie verdrängt, die Musik genauso zur kurzlebigen Handelsware macht, wie zu bachschen Zeiten. Das Klischee vom Künstler, der irgendwo kellnern muss, um überleben zu können, findet sich nicht nur in Hollywoodfilmen, die Hochschulen sind voll von Schulmusikstudenten, die einen sicheren Job dem täglichen Kampf um Muggen vorziehen, fast jeder unterrichtet an irgendeiner Musikschulen oder bei sich zuhause, um ein einigermaßen sicheres Einkommen zu haben. Am Ende einer Spielzeit oder eines Konzertprogrammes ist die große Unsicherheit zurück. Aber vielleicht gibt es sie ja auch zu tausenden, die Sänger und Instrumetalisten, die ohne feste Anstellung ein Leben im Luxus führen...falls das hier einer davon liest: Ich hätte gerne eine Anleitung :)

Wie dem auch sei, Willifried lebte vielleicht in Rausch und Bausch, aber mit Sicherheit nicht in Saus und Braus. Und sobald ihn die morgendlichen Kopfschmerzen nach dem ersten Glas Aspirin in Zauberwasser verlassen hatten, machte er sich wieder auf, um Unterricht zu geben oder irgendwo vorzuspielen. Und vielleicht ein paar Noten seines Vaters zu verscheuern, wenn sich die Rechnungen vor seier Wohnungstüre allzuhoch stapelten.

Als er 1784 im alter von 73 Jahren starb, war er als Künstler noch immer bekannt und geschätzt, jedoch arm wie eine Kirchenmaus.
Wieder so eine Lebensgeschichte, als der sich zahlreiche Lehren ziehen lassen:
  1. Aus den verhätscheltsten Goldkindern werden irgendwann die größten Stinkstiefel.
  2. Irgendwann muss man sich einfach von der Übermacht der Eltern lösen: Wer sein Leben lang dagegen ankämpft, statt zu vergeben, löst sich nie, sondern macht die Sache zum Lebensinhalt und vergisst dabei das eigene Leben. Und wer bereits während seiner ersten Jahre weg von zuhause Sachen wie die Sinfonia in d-Moll schreiben kann, *klick* , der befindet sich auf dem besten Wege in die kompositorische Eigenständigkeit.
  3. Geld allein macht natürlich nicht glücklich. Aber in einem Sportwagen heult es sich bequemer, als auf einem Fahrrad.


Die Mietz... findet Kameras äußerst befremdlich...

 Er hier ist bereits Profi...
 
Und Finn ist ohnehin alles egal, hauptsache, er wird gekrault und bekommt danach Abendbrot.


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