Freitag, 4. März 2016

“Weiberkram Musiksoziologie”, oder: Warum Frauen immer alles verstehen müssen



“Historische Musikwissenschaft” musste ich mir neulich anhören, “das ist ja mal wieder ganz typischer Weiberkram. Von Musiksoziologie will ich mal gar nicht reden. Passt zu Dir. In den Privatangelegenheiten toter Komponisten rumzuschnüffeln, statt mit Zahlen zu hantieren!”
So, Herzchen, jetzt pass mal auf: Mal ganz abgesehen davon, dass Du es mit Deiner sytematischen MuWi auch nicht gerade zum Raketenwissenschaftler bringen würdest, bis 8 kann ich nämlich auch noch zählen, statt wie ein Mathematiker halbwegs reale Zahlen zu verwenden, kommst Du mir hier mit kleinen und großen Dreiern und verminderten Siebenern an... und was bitte hat denn die Frage danach, wie Beethoven von seinen Zeitgenossen aufgenommen worden ist, mit Privatsphäre zu tun? Oder die Frage nach den Aufführungsmöglichkeiten, Publikumsschichten, oder den Zeitgeschmack beeinflussenden politischen Entwicklungen?
“Ja, Klar”, heißt es, “Nun wird also die Rolle des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft beleuchtet. Hauptsache, Ihr habt irgendwo ein “Sozio” im Namen, oder? Musiksoziologie, sozialgeschichtliche Musikrezeption, sozialverträglichkeit der Kompositionsgeschichte...”
“Soziopath hat auch ein Sozio im Namen” denke ich, während ich mich krampfhaft bemühe, mich so wenig wie möglich zu bewegen, damit mir nicht das festbetonierte Lächeln aus dem Gesicht fällt und womöglich am Boden zerschellt. Das brauche ich nämlich noch für ein paar andere Besserwisser.
“Wusstest Du eigentlich” nölt er weiter, “dass über 2/3 der Sozialpädagogen weiblich sind, aber nur ein verschwindend kleiner Anteil davon in diesem Bereich auch Karriere macht? Aufwärts gehts es dabei nämlich auch nur für die Männer, weil die sich nicht gleich jeden Komplex zu eigen machen, von dem sie im Laufe ihrer Arbeit hören oder lesen.”
Nein, Komplexe hat der systematische Herr Klugscheißer nicht. Aber dafür noch ein paar Rundumschläge im Repertoire. “Warum eigentlich nicht gleich Musikpsychologie? Hat Dein Friedemann unter seinen 19 Geschwistern Probleme bei der Ichfindung gehabt? Hatte sein Papa nicht genügend Zeit für ihn? So zwischen Toccata und Fuge?”
Wenn man ernsthaft erwägt, das Instrument zu wechseln, weil es sich mit einer Geige ganz einfach viel besser zuschlagen lässt, als mit einem Konzertflügel, dann...ja dann sollte man sich kurz entschuldigen, den Raum verlassen, einen grünen Tee trinken und dem Portrait auf dem Cover der Wilhelm Friedemann Bach CD, die neben dem Computer liegt, beruhigend über die Wange streicheln und schwören, ihn zu rächen, sobald sich eine halbwegs legale Möglichkeit dazu bietet.
Nun aber mal abgesehen von persönlichen Animositäten... sind wir Frauen tatsächlich anfälliger für den ganzen Soziokram? Wollen wir wirklich immer alles verstehen (und wenn wir das nicht täten: Gäbe es dann überhaupt noch Männer auf dieser Welt, oder hätten wir sie längst ausgerottet)? Oder fallen wir in diesem Bereich ganz einfach nur ein bisschen mehr auf als beim Intervallezählen, ganz einfach, weil es bei allem, was irgendwie mit Geschichte zu tun hat, auch immer ein Stück weit um die Rolle der Frau in ihrer Gesellschaft geht?
Wer über Fanny Mendelssohn-Bartholdy/Hensel schreibt, wird nicht umhin kommen, zu erwähnen, was für einen Glücksgriff die Gute mit ihrem Gatten getätigt hat, der ihr nicht nur erlaubte, weiterhin zu komponieren, sondern sie sogar dabei unterstützte. Bei den Schumanns und Mahlers, bei denen die Frauen mindestens ebenso begabt waren, wie ihre Männer, sah die ganze Geschichte schon erheblich anders aus. Während Mahler das Ansehen von Almas Kompositionen ganz einfach nur so lange aufschob, bis er selbst keinen Aufschub mehr bekam und Tadzios altem Verehrer in die ewigen Kompositionsgründe folgte, war Schumann da rigoroser und sprach ein Antiweiberkompositionsmachtwort. Nicht mal üben durfte die Arme, während er an seiner Sinfonie schrieb, die er dann allerdings zu seiner Ehrenrettung auch relativ fix über die Bühne bekam.
Wie auch immer, wir werden kaum eine Biografie finden, in der ausdrücklich erwähnt wird, wie nett es von Constanze Mozart war, dass sie ihrem Wolferl erlaubte, weiterhin zu komponieren, anstatt einem ordntlichen Beruf nachzugehen oder sich um die Kinder zu kümmern, denn immerhin war sie selbst ja Sängerin und verdiente Geld. Die Anna Magdalena Bachin übrigens auch. Und das nicht schlecht. Immerhin war sie die Person mit dem zweitbesten Gehalt unter den köthener Hofmusikern. Dass sie später nicht mehr regelmäßig singen konnte, lag allerdings eher an der Tatsache, dass es in Leipzig, wohin die Familie übersiedelte, einen Knabenchor gab, der dem Herrn Gatten unterstellt war, und in welchem Weibsvolk in etwa soviel zu suchen hatte, wie bei einer Steinigung zur Zeit des Brian von Nazareth. Auch wenn die Musikologen der Welt bei so manchen Stücken, die angeblich aus der Feder ihres Gatten Johann Sebastian stammen, rufen “Sie war's, sie war's!” “Nein, er war's, er war's!”
Gehen wir doch mal für einen kurzen Augenblick davon aus, dass Männer und Frauen trotz unterschiedlicher Verbindungen der Gehirnhälften, Verschiedenheiten im Körperbau und meinetwegen auch unterschiedlicher Interessen (jup, Fußball interessiert mich nicht die Bohne. Dafür mag ich alles, was irgendwie glitzert und räume ungefähr alle 20 Minuten die gesamte Wohnung um. Einschließlich beider Klaviere....wieder etwas, was mit einer Geige bedeutend einfacher wäre...) trotzdem einigermaßen gleich begabt sind und somit auch gleich gute Komponisten wären (was die Menge an Komponistinnen des 20. und 21. Jahrhunderts wohl ausreichend belegt). Dann nennt mir doch einmal ohne groß nachzudenken fünf Komponistinnen vor 1800. Ok, dann eben vier. Drei müssten hinzukriegen sein, oder? Ich nenne mal eine ganz frühe Vertreterin: Hildegard von Bingen, die neben der Komposition auch noch so ziemlich alles andere auf dem Kasten hatte, was damals (1098 – 1179) so notwendig war. Und dann? Die Fanny hatten wir bereits abgefrühstückt, die war auch nicht vor 1800...dann wird es schon einigermaßen eng, nicht wahr? Anna Amalia von Preußen wäre noch zu nennen, die verfügte allerdings auch über das nötige Kleingeld, um sich die besten Lehrer zu leisten, und über genügend Autorität, um kein “Spinnst du?” zu riskieren. Die Flamen können noch mit Leonora Duarte aufwarten, von der allerdings bis auf eine Handvoll kleiner Gambenstücke nichts erhalten geblieben ist. Und die Frau Auenbrugger? Und dann? Dann ist irgendwie schon Schicht im Schacht. Und das verstehe, wer will. Denn zumindest mitschreiben hätten die Ehemänner ja können, wenn die Dame des Hauses den Kindern ein Schlaflied vorspielt, Oder wanderten diese dann unter seinem Namen ins Repertoire? Womit wir wieder bei der Steinigung mit “Sie war's, er war's” und den falschen Bärten wären.
Da bin ich dann schon ganz froh, in einer Zeit zu leben, in der ich schreiben und komponieren kann, soviel ich will. Selbst wenn, und ich möchte, dass das absolut klar ist, selbst wenn irgend jemand Jehova sagt! Klick 


Falls sich übrigens jemand fragen sollte, weshalb ich zwei Klaviere in meiner Wohnung beherberge: Eines ist alt und krank und kann nicht mehr richtig bespielt werden. Aber es hat Charakter und einen Namen (es heißt “Hektor” :) ) und ich habe es lieb und würde es niemals in ein Heim geben. Ja. Ich bin ein Mädchen. Und versuche immer, alles und jeden zu verstehen sogar ein altes Klavier. Und sozialpianistisch eingestellt bin ich auch. Und: Ich bin stolz darauf!

                                                                         Richtig! :)

                                   
                             Theatergarderobe. Dahinter gab's nen Riesenteller Obst und Schnittchen!
                                                         Gastspiele sind die besten :D
                         Nein, das ist kein Kindle...das ist ein original elizabethanischer Teleprompter :)

Kommentare:

  1. Es gibt schon noch ein paar weitere Komponistinnen vor Johann Sebastian Bach (von denen ich Musik gehört habe, und mir gefallen):
    Francesca Caccini (* 18. September 1587 in Florenz; † 1640 ebenda)
    Isabella Leonarda (* 6. September 1620 in Novara; † 25. Februar 1704 ebenda)
    Chiara Margarita Cozzolani (* 27. November 1602 in Mailand; † zwischen 4. Mai 1676 und 20. April 1678 ebenda)
    Élisabeth-Claude Jacquet de La Guerre (geb. Élisabeth Jacquet; getauft 17. März 1665 in Paris; † 27. Juni 1729 in Paris)
    Kassia (auch Cassia oder Kasia, mittelgriechisch Κασσιανή * um 810 in Konstantinopel; † um 865)
    Barbara Strozzi (getauft 6. August 1619 in Venedig; † 11. November 1677 in Padua)

    Das sind 6 gegenüber 270 Männern aus dem selben Zeitraum (= geboren vor dem 21. März 1685).

    Seit JSB's Zeiten holen die Damen aber heftig auf...

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  2. Hallo und danke für die Information! Ein paar der Damen waren mir tatsächlich bis dato unbekannt, da muss ich schnellstens aufholen :)
    Dein Kammermusikblog gefällt übrigens sehr gut, Du hast also eine Leserin mehr. LG

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