Donnerstag, 31. März 2016

Make me clever, Mr. Mozart!

 
Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich in der kinderreichsten Stadt Deutschlands lebe, daran, dass ich selbst Lehrerin bin und mein Bruder Kindergärtner ist, oder einfach nur daran, dass ich den ständigen Vergleich zu den Bachs oder den Marais' vor der Nase habe, die vermutlich aus Zeitmangel keine einzige Note mehr zu Papier gebracht hätten, wenn sie denselben Rummel veranstaltet hätten, aber ich habe zunehmend das Gefühl, dass der Wirbel, der heutzutage um Kinder gemacht wird, nicht wirklich gesund sein kann. Ich will damit nicht sagen, dass ein Kind schon von selbst zu heulen aufhört, wenn man es nur lange genug ignoriert und ihm dann irgendwann der Hals wehtut, aber der Druck, den jede noch so unausgegorene Studie über mehr oder weniger soziale Netzwerke auf Eltern, Schulen, Kindergärten und so weiter ausübt und die sofortige Umstellung ihrer Erziehungsmethoden auf die Ergebnisse irgendwelcher Forschungen fordert, das Aufkommen der Helikopter-Eltern, die es schaffen, ihre Kinder zwar keine Sekunde aus den Augen zu lassen und alles nachzulesen und in Foren zu diskutieren, was mit ihnen geschieht, selbst aber nicht aktiv bei der Bildung mitwirken (kein Musikunterricht der Eltern für die Kinder, keine gemeinsame Lesestunde, ehe das Kind zur Schule geht, kein Waldbesuch mit Malbuch, Heft und Kamera, damit die Tiere und Pflanzen abgebildet und beschrieben werden können... ), das Auf- und Abtauchen von medizinischen “Hypes”, bei denen Kindern massenweise Medikamente gegen Modekrankheiten verabreicht werden, all das nimmt neben der Erfahrung, dass man im Leben auch Fehler machen kann, auch die Ruhe und Beständigkeit aus dem Leben der jungen Generation.

Als ich im Kindergarten war, wurde nach Zeitplan gespielt und aufgeräumt. Es gab Themen, die durchgenommen und in Form von Geschichten, Bildern und Bastelarbeiten abgearbeitet wurden. 
Ein paar Jahre später, als mein Bruder in derselben Gruppe saß, war das längst out und es wurde gespielt, was man wollte, da der Lerndruck die Kinder krank machen könnte. 
Dann entdeckte man die Wichtigkeit bestimmter archaischer Spieleformen (Kim-Spiele) und regte gezielt dazu an, woraufhin man die Kinder erst bei jedem Wetter vor die Türe jagte und dann, als sich der erste einen kleinen Schnupfen geholt hatte und alle vor Sorge über die Aufsichtspflicht verrückt wurden, dazu überging, die Hofpause zu streichen, sobald einWindstoß kam oder ein Regentropfen vom Himmel fiel.

In den 90er Jahren gab es Musik. Von Mozart. Kindergärten in den USA wurden teilweise sogar von der Regierung des jeweiligen Bundesstaates dazu verpflichtet, den Kleinen eine Stunde pro Tag ein Klavierkonzert um die Ohren zu hauen. Während sie fleißig weiter Piraten spielten oder sonstwas taten. Nicht, dass man sich auch nur eine Note davon gemerkt hätte, vor allem, da das Verständnis bezüglich musikalischer Zusammenhänge in diesem Alter normalerweise durch das Singen einstimmiger einfacher Kinderlieder sowie das Spiel mit Rassel und Klangstäben gefördert wird, aber die Regierung sagt: Mozart macht schlau, also her damit. Und zwar nur Mozart. Zur Sicherheit. Könnte ja sein, dass Beethoven dumm macht und die Kinder später n der Schule jede Frage mit “dadada-daaaaa” beantworten (bitte beim Lesen das innere Ohr einschalten und “dadada-daaa” richtig interpretieren :) ).

Verursacherin dieses mozärtlichen Irrsinns war eine Neurologin namens Frances Rauscher, die im Rahmen eines Forschungsprogrammes der University of California eine Studie veröffentlichte, in der sie 2 Gruppen von Kindern bei einem IQ-Test gegeneinander antreten ließ. 
Der ersten Gruppe spielte sie 10 Minuten lang Mozarts D-Dur-Sonate für 2Klaviere (KV 448) vor. Der zweiten nichts. Gemeinheit.

Weshalb es ausgerechnet diese Sonate sein musste, weiß der Geier. Vielleicht hätten die Kinder ja der Tonartencharakteristik zufolge bei einem C-Dur-Stück nur rotzfreche Antworten im Stil vom “Fragen Sie Wayne. Wayne interessiert's!” gegeben (Mattheson zufolge hat C-Dur eine “ziemlich rude und freche Eigenschaft”), vielleicht fand die Frau Rauscher die Sonate aber auch nur schön. 
Fakt war jedenfalls: Die erste Gruppe gab beim anschließenden Test die besseren Antworten und hatte somit im Schnitt eine höhere Intelligenz als die Gruppe, die keine Musik vorgesetzt bekam. Zumindest etwa zehn Minuten lang, danach war der kurzzeitige Effekt wieder weg und die Kleinen waren wieder so klug (oder dumm) wie zuvor.

Ob die Kindergärten nach ein paar Sätzen die Studie zur Seite gelegt und einfach die Musik eingeschaltet hatten? So wie ein Schüler, der keine Lust hat, Iphigenies gesamte Inselabenteuer unter “rohen Skythen” zu verfolgen, einfach nur den Klappentext liest, oder bei “gutefrage.de” um eine Zusammenfassung bittet, oder vielleicht wollten sie auch kein Risiko eingehen, jedenfalls dudelte Mozart daraufhin die Kindergärten und Frauenarztpraxen und Baby-Walz-Geschäfte rauf und runter.

Die Tatsache, dass ich, bei dem Versuch, die genannte Sonate zu verlinken, etwa 5 Minuten lang auf meinen Rechner einschimpfte wie ein Rohrspatz, ehe mir aufging, dass ich den Lautsprecher gar nicht eingeschaltet hatte und somit nichts hören konnte, spricht vermutlich Bände über meine frühkindliche Musikbeschallung (wobei ich tatsächlich Mozarts kleine Nachtmusik auf meiner allerersten Musikkassette hatte (auf der anderen Seite befand sich Peter und der Wolf)), und zeigt, dass das Leben voller Teufelskreise steckt: Wenn Dich der Mozart nicht klüger machen kann, weil Du zu dumm bist, ihn anzuhören, hast Du ein Problem. 
 

Wie dem auch sei, das Ergebnis der Studie bekam einen geschützten und mit Copyright-zeichen versehenen Namen (“Mozart-Effekt”) und wurde vermarktet wie ein nie dagewesenes Apple-Produkt.

Und? Was zeigt mir ein Blick auf die Generation, die in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts die Kindergärten besuchte? Sind sie alle klüger als die Kinder der 80er und 70er Jahre?

Weshalb eigentlich sollte nur Mozart diesen Effekt ausüben? 
Rauscher zufolge macht nämlich Philipp Glass nicht einen Deut schlauer (Hallo, Phil? Hast Du Dich schon beschwert? Wir beide verlangen jetzt eine Neuauswertung, OK?), und vor Allem: Wer sich schon einmal gefragt hat, wie ein Schneepflugfahrer eigentlich morgens zur Arbeit kommt, wenn er den Weg dorthin ja noch gar nicht freiräumen konnte, der fragt sich jetzt sicher auch: Wie konnte Mozart denn selbst klug genug werden, solche Musik zu komponieren, wenn er selbst gar nicht damit beschallt werden konnte, da er sie ja erst nochschreiben musste.... Fragen über Fragen würde der Herr Verratichnicht jetzt sagen. Ja, Fragen bleiben viele offen.

Zum Beispiel die, ob man wirklich so dumm sein kan, zu glauben, dass ein paar Minuten Gedudel am Tag in einem Elternhaus, das sich ansonsten nicht weiter mit klassischer Musik beschäftigt, tatsächlich irgendeinen Unterschied ausmachen können. 
Klar, es gibt Verknüpfungen, die gebildet werden, sobald ein Kind entdeckt, dass sich bestimmte musikalische Strukturen wiederholen (Thema, Bassfiguren, tonale Struktur...), in veränderter Weise daherkommen (Variation, Sequenz) oder auch mal ganz aus der Schiene zu wandern scheinen (Rückung...), aber ich setze doch mein Kind auch nicht 10 Minuten täglich vor die Sportschau und erwarte, dass sich seine motorischen Fähigkeiten im Alltag verbessern, wenn es zusieht, wie ein Fußstoß einen Ball über das Feld jagen kann.

Im Laufe der weiter betriebenen Forschungen wurde der Mozart-Effekt mindestens genauso oft für tot erklärt wie wiederbelebt. Und jedesmal erscheint alles logisch und richtig zu sein, was da so aufgetischt wird, denn, wie bei so zielich allem im Leben, müssen die Umstände mit in Betracht gezogen werden. Klar wurde Mozart klug genug, um Mozarts Musik schreiben zu können, denn das Gehirn eines Musikers funktioniert tatsächlich anders als das eines Menschen, der kein Instrument spielt. Wer mehrere Stunden täglich am Instrument verbringt, trainiert quasi ständig, gleichzeitig zu lesen was da steht (bei Klavierspielern sogar 2, bei Organisten gleich 3 Stimmen gleichzeitig, und wer auch noch dazu singen möchte, muss ein weiteres System mit vollkommen anderen Noten parallel lesen können), innerlich zu hören, wie das so klingen muss, die passenden Bewegungen dazu zu machen (wobei die rechte Hand auch noch etwas anderes macht als die Linke) und dann eben auch noch zu überprüfen, ob der Ton denn überhaupt stimmt (beim Nachbarn mithören oder sich selbst überprüfen). Das ist eine ziemliche Leistung für das vergleichsweise kleine bisschen Denkmasse, das wir so mit uns herumtragen. 
Dass Musik auch das das Sprachzentrum beeinflusst und somit tatsächlich auch sprachlich eloquenter macht, zeigt die Tatsache, dass auch Teile des Sprachzetrums mit animiert werden, wenn man beispielsweise Klarinette spielt. Also ja: So gesehen macht Musik tatsächlich klüger. Zumindest was bestimmte Hirnareale betrifft.

Tja, und das erklärt dann wohl auch, wie es Philipp Glass geschafft hat, seine eigene Musik zu schreiben, obwohl die ja der UC-Studie zufolge kein Stück cleverer machen soll. 
Vermutlich gibt es sogar Musiker, deren Musik im Laufe der Jahre immer einfacher werden müsste, da sie -Frau Rauschers mir ziemlich suspekter Studie nach- mit jedem Ton ein bisschen dümmer werden müssten. Wen das so betreffen könnte, darüber wird wohl jeder Leser anders denken. 
Wäre allerdings mal einen Versuch wert, den einen oder anderen Kalauer darüber zu reißen... so nach dem Motto: Treffen sich ein Geiger und ein Bratschist. Sagt der Geiger: “Mir hat man in der Früherziehung ja von Tschaikowski abgeraten...” 
 

Bliebe noch die Frage, was Frau Rauscher eigentlich selbst so alles gehört hat in ihrer Jugend. 
Sie verteidigt die ersten Ergebnisse ihrer Forschungen noch immer, ihr zufolge muss es auch noch immer Mozart sein. Nun hat sie ihre Versuche auf Ratten ausgeweitet und dabei wohl klipp und klar aufgezeigt, dass die Intelligenz der süßen Nager bei Beschallung mit Mozarts sämtliche Rekorde sprengt. Dem ist nicht viel entgegenzusetzen. Außer vielleicht die Tatsache, dass Ratten Töne unterhalb des hohen C gar nicht wahrnehmen können, was man unschwer daran erinnern kann, dass sie sich selbst mit sehr hohen Fieptönen, die teilweise im für uns nicht mehr wahrnehmbaren Bereich liegen, verständigen. Nachdem also ohnehin nur ein winziger Bruchteil von Mozarts Musik überhaupt ankommt, in der kleinen Rattendenkkiste, da reichen vielleicht sogar 2 Minuten pro Tag. Dann finden wir auch den Käse unter dem Becher.


 Es wird tatsächlich ein bisschen grüner da draußen... hätte ja fast nicht mehr damit gerechnet....



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