Dienstag, 22. März 2016

Ein Klavier, ein Klavier!

 
Was ist das?“ fragte mein Musiklehrer in der 6. Klasse (ja genau der Kerl mit den
Schrumpfkopfnotenund den durchstochenen Augäpfeln bei der Bachbiographie) und hämmerte in die Tasten, dass die Noten nur so stoben.
Ich habe nicht die geringste Ahnung, was er damals gespielt hat, vermutlich hatte die gesamte Klasse keinen Schimmer von der ganzen Sache, aber eines hatten wir: Das, was die meisten pubertierenden Zwerge haben:Chuzpe. „Ein Klavier“ rief M. Und hatte damals erst mal die Lacher auf seiner Seite, was der Herr K. Natürlich nicht zulassen konnte. „Nein!“ konterte er bestimmt. „Das ist ein Flügel!“
Und nun? Wer hatte nun recht? Irgendwie ja alle beide, obwohl sie einander in dieser Sache widersprachen. Herr K. hatte insofern recht, als wir den Ausdruck „Klavier“ landläufig für ein Pianino verwenden, er selbst aber auf einem Konzertflügel spielte. Andererseits handelt es sich bei dem Begriff „Klavier“ („Clavier“) genaugenommen um einen Oberbegriff für sämtliche Instrumente, die über eine Klaviatur verfügen und das schließt sowohl das Piano mir den aufrecht stehenden Saiten, als auch seinen großen Bruder, den dicken schwarzen „Schimmel“ (finde das Paradox... ) aus unserem Musiksaal mit ein.
Auch wenn wir heutzutage hauptsächlich diese beiden Tasteninstrumente in unseren Räumen stehen haben: Die Liste der Klaviere ist lang, die Instrumentenfamilie in etwa so groß wie die Bachfamilie, sollte man auf die Idee kommen, eine Familienfeier zu veranstalten, empfiehlt es sich, einen großen Saal zu reservieren. Alleine die Hammerklaviertypen gab es in Bauweisen, die unsere Pianinos- obschon sie die weitaus jüngeren Instrumente sind – ziemlich alt aussehen lassen. Dasselbe gilt für den Klang, der bei den kürzeren Saiten eines modernen Wohnzimmerpianos, einem langsaitigen Flügel gegenüber erheblich an Fülle eingebüßt hat. Frühere Klavierbauer lösten das Platzproblem, das so ein voll ausgewachsener Flügel mit sich brachte, auf weitaus kreativere Art und Weise: Nach derselben Methode, mit der man möglichst viele Menschen auf möglichst wenig Grundfläche unterbringt -indem man Wolkenkratzer in die Höhe baut- stellten sie das Klavier ganz einfach die Wand hoch. Ein Beispiel für eines dieser Platzwunder war das Giraffenklavier. Quasi ein an die Wand gefahrener Flügel. Das Ganze sah ein wenig so aus, wie ein mit Hammermechanik ausgestattetes Harfenklavier, welches seinerseits ein seltsames Hybridwesen war: Sein Papa war gewissermaßen ein Klavier, seine Mama hingegen eine Konzertharfe. Heraus kam eine Tastenchimäre, ein Mischlingswesen, das sicherlich im Instrumentenkindergarten ausgelacht wurde und niemals mitspielen durfte. Armer Kleiner.
Sah das Harfenklavier aus wie eine Harfe, können wir uns die Form eines Lyraklaviers wahrscheinlich in etwa vorstellen: Jup, richtig geraten, es ist der Form einer Lyra -also einer Leier- nachempfunden. Troubadix hätte vermutlich auf der Stelle zu sparen begonnen, wenn es das Instrument zu seiner Zeit bereits gegeben hätte, aber wie beim nach einem ähnlichen Prinzip aufgebauten Pyramidenflügel, beziehungsweise eigentlich den meisten leicht überkitscht wirkenden Tasteninstrumente im „Retro-Style“, mit Intarsien und Schnörkeln an den Beinen, handelt es sich um eine Biedermeierspielerei. Hätte es damals feine Damen mit Youtubekanälen gegeben, die sich per Videotutorial gegenseitig ihre neuesten Flechtfrisuren präsentiert hätten, hätten sie es vermutlich an einem Schminktisch getan, der gleichzeitig als Klavier fungiert, denn Klavierspielen war bei Mädchen aus gutem Hause ebenso en Vogue wie eine nette Frisur und ein Kleid mit Empiretaille.
Es sind die Zeiten der Umbrüche, Neuerungen, politischen Wirrungen, in denen sich der Mensch nach dem Althergebrachten, "Gediegenen", einfacher ausgedrückt: Nach der trügerischen Sicherheit vergangener Zeiten (die Erde dreht sich noch, ergo kann die Welt damals nicht untergegangen sein) sehnt. Das Höhlenleben oder irgendwelche schlecht geheizten zugigen mittelalterlichen Trutzburgen erscheinen einem dann ganz ungeheuer romantisch und erstrebenswert. Freilich nur, solange man sich vom eigenen Sofa, am besten mit einer Tasse Tee in der Hand und einer Suppe auf dem Herd damit beschäftigen kann. Lesen fördert bekanntlich die Phantasie und so kann man sich, während die politischen Probleme der Zeit den Alltag beherrschen, wenigstens in der Freizeit in ein von bösen Zauberern belagertes Märchenschloss oder gleich ins Auenland träumen - Während die napoleonischen Kriege und die darauf folgende Restauration über das Land zog, ließ man die Gebrüder Grimm ihre Märchensammlungen anlegen, baute sich Klaviere nach den Formvorbildern antiker Instrumente, und spielte das, was man für echte, unverbrauchte Volksmusik hielt. Auf dem Lyraklavier. Oder dem Pyramidenklavier. Oder auf dem alten Instrument mit Janitscharenzug, auf dem sich schon die Großmutter den Orient ins Haus geholt hatte, ohne ihr sicheres gutbürgerliches Wohnzimmer (das ebenfalls eine Mode der Zeit ist) zu verlassen.
Wer sich übrigens schon einmal über die Angewohnheirt gewundert hat, Spiegel über die niedrigeren Tischklaviere und Pianinos zu hängen: Auch dieser Trend entstammt dem Biedermeier, als die Töchter klimpern lernten, und diente dazu, sein Gesicht während des Spiels von Zeit zu Zeit zu überprüfen und gegebenenfalls wieder auf Werkseinstellung zurückzusetzen, denn verbissene Grimassen, während des Übens schneller Läufe und anderer schwieriger Stellen waren nicht "niedlich", somit unweiblich und abzulehnen. Da wusste man wenigstens, was man tun musste, um anzukommen. Nett lächeln. Wobei das auch heute ein paar Menschen nicht schaden würde, immerhin soll das ja auch umgekehrt einen positiven Einfluss auf die Laune haben.
Insgesamt scheint es den Klavieren an sich nicht vie anders zu ergehen als den Menschen, die sie spielen: Sie unterliegen Trends und Moden, werden mal schlanker, mal größer gewünscht, sollten stets guter Stimmung sein und am Ende zählen dann doch nicht die Äußerlichkeiten, sondern die inneren Werte, denn da spielt ja bekanntlich die Musik. Was also steckt im Inneren eines Tasteninstrumentes? Womit wird der Ton tatsächlich erzeugt? Haben die tatsächlich alle einen Hammer, oder gibt es auch ein paar, die sich gewissermaßen gerne einen blasen lassen? (Orgel oder oder Harmonium fallen beispielsweise unter diese Kategorie) Ist ein Spinett einfach nur ein quergestreiftes Cembalo? Wenn es so viele Klavierformen gibt, welches Instrument hatte der alte Bach eigentlich im Sinn, als er sein wohltemperiertes Klavier schrieb? Und: Ist so eine Melodica eigentlich ernsthaft ein Klavier oder doch nur eine sehr laute Methode, unreflektiert in ein Rohr zu pusten und sich zeitgleich durch das permanente Schielen auf die Tastatur eine Augenmigräne zu holen? 
Rollen wir die Sache mal von hinten auf: Jup, die Melodica bringt mit Hilfe des Luftstroms Metallzungen zum Schwingen, ist, Dank der ebenfalls vorhandenen Klaviatur, ergo ein Harmonium im Westentaschenformat und somit, gemeinsam mit seinem Bruder, der Quetschkommode, ein Klavier. Wennauch ein ziemlich schreckliches.
Bach allerdings hätte sich angesichts der Idee, das wohltemperierteKlavier auf diesem Pustefix zu spielen, vermutlich krank gelacht. Erstens kannte er das Ding noch gar nicht, denn die heutige Melodica wurde erst in den 1950er Jahren erfunden, und zweitens gestaltet sich das Spiel auf mehreren Tasten als relativ schwierig. Und auch, wenn erstzunehmende Komponisten wie beispielsweise Steve Reich tatsächlich für Melodica komponierten, hätte man seine Probleme mit dem bachschen Werk.
Für das moderne Klavier wurde es vermutlich ebensowenig geschrieben, obwohl es sich auf dem Piano natürlich wunderbar spielen lässt, aber der gute Jojo hatte so seine Probleme mit dem Hammerklavier. Während sein Sohn Carl Philipp Emanuel gerne dafür komponierte, fand Papa bach das Ding ganz einfach unschön im Klang und blieb lieber bei seinem Cembalo, das im Übrigen tatsächlich die Konzertvariante des Spinetts ist (bei welchem, wieauch beim Virginal) die Saiten deutlich platzsparender angeordnet sind. Bei diesen Instrumenten werden die Saiten auch nicht angeschlagen, sondern angezupft, was allerdings die Dynamit deutlich einschränkt. Jeder, der sich schon einmal geprügelt hat, weiß, dass es Schläge gibt, die man eher erträgt, da sie deutlich sanfter sind, und Schläge, bei denen man die Sterne sehen kann. So oder so ähnlich geht es auch dem armen Klavier, also überlegt euch zukünftig, was ihr ihm antut mit eurer Tastendrescherei (ok.... vergesst das). Was bleibt? Die Orgel? Immerhin eines von Bachs am häufigsten genutzten Instrumenten, aber auch diese Idee können wir vergessen, da der Organist 3 Systeme zu lesen hat (linke Hand, rechte Hand, Fußpedale), das wohltemperierte Klavier aber nur 2 Systeme aufweisen kann. Also doch das Cembalo. Und darauf klingt es ja auch ausgesprochen gut.
Somit hätten wir die meisten Varianten der Tonerzeugung auch schon abgehakt. Was bleibt neben einigen Mischformen und Vorläufern anderer instrumente? Das Carillon vermutlich, das nun wieder eine ganz eigene Schiene fährt, denn hier wird über die Klaviatur erstens ein Glockenspiel bedient und zweitens sieht die Klaviatur mit ihren hölzernen Zapfen, auf die mit der ganzen Hand eingedroschen wird, ziemlich eigentümlich aus.
Eigentümlich ist allerdings mal wieder Ansichtssache, denn die heutzutage in der westlichen Kunstmusik gängigen 12 Tasten pro Oktave sind zwar verbreitet, jedoch nicht zwingend. Auch so ein Cembalo konnte seine 19 Tasten pro Oktave aufweisen , denn die musikalische „Relativitätstheorie“ (e= f+b) (ich spreche hier von der enharmonischen Verwechslung) hätte ein Renaissancemusiker vermutlich äußerst befremdlich gefunden. Das wohltemperierte Klavier baut auf diese Idee der „alles ein bisschen falsch, aber in sich fast sowas wie stimmig“ - Stimmung auf, doch je reiner die Stimmung, desto weniger e das fes. Hier ist das Cembalo Universale übrigens sehranschaulich beschrieben. 
Und wer schon einmal ein Orthotonophonium gesehen hat (zu bewundern beispielsweise im Grassi Museum für Musikinstrumente in Leipzig), der wird vermutlich doch erstmal Blockflöte lernen wollen. Später kann man ja dann immer noch umsteigen. Auf die Melodica beispielsweise.
 Die Klaviere im Hause Finemang: Der alte, stets ein wenig verstimmte Hektor (ein "grumpy old man" sozusagen)
 Und "Junior", der irgendwie gleichzeitig auch eine Orgel, ein Cembalo und ein Kinderchor ist, je nachdem, welche Knöpfe man drückt. Nur "Melodica" habe ich im Klangrepertoire bisher nicht gefunden.
Der neue Lieblingsplatz der Miezen... solange dieses Plüschungheuer auf dem Boden lag (wie es sich für einen Teppich gehört) haben sie eine Bogen darum gemacht...kaum legte ich das Ding auf die Kommode, um besser wischen zu können, wurde es beschlagnahmt. Na gut, dann lasse ich es eben da liegen.Wie sagt man so schön? Es ist ein "Look"!

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