Freitag, 18. März 2016

Der Soundtrack meines Lebens



Vor einigen Jahren unterhielt ich mich mit meinem Vater über den Einfluss, den Bücher, Theaterstücke, Opernstoffe, die Leben anderer Leute eben auf unser eigenes Leben haben. Wir kamen überein, dass “Was vom Tage übrig blieb” ein wunderbares Buch ist, um das Haus zu putzen und nebenbei sein Leben zu sortieren, während “Siddharta” eine unübertroffene Einstimmung zum Aussortieren ist. Man kann plötzlich so viel einfacher leben und betrachtet eine Menge Dinge um sich herum als nutzlosen Ballast. Mein Vater meinte damals sogar, er verlöre mindestens zwei Kilo Körperfett in den folgenden zwei Wochen.
Gibt es also für alle Lebenslagen die passende Geschichte mit den richtigen Helden, die uns inspirieren können? Brauchen wir nur danach zu suchen, um Unterstützung bei unseren Problemen zu bekommen? Können wir irgendwann unsere Freunde mit unserem Gejammer verschonen, und, wenn sie uns fragen, wie es denn gerade so aussieht mit dem Herrn Sagichnicht, ganz locker antworten “Danke für Dein Interesse, aber wir brauchen nicht darüber zu reden, ich schaue mir gerade zum fünfzehnten Mal “Das Schweigen der Lämmer” an?
Was nehme ich, wenn mir die Inspiration zum Bloggen fehlt? Sex and the City? Die Protagonistin schreibt schließlich in jeder Folge fleißig an ihrer Kolumne...allerdings schleppen sie und ihre Freundinnen pro Folge auch mindestens zwei Männer mit nach hause,und das entspricht nicht so ganz der frökenianischen Lebensphilosophie. Oder ist der Herr Sagichnicht so etwas wie mein Mister Big? Nur eben ohne Happy Ending? Man weiß es nicht.
Aber bleiben wir dieser Idee einen Augenblick treu und sehen wir uns musikalisch ein bisschen um... vielleicht brauchen wir ja wirklich die eine Heldin, die eine Oper, die eine große Arie unseres Lebens... eben etwas, mit dem wir uns identifizieren können, nur eben mit etwas mehr Glamour, etwas mehr rotem Samt, einer schöneren Bühnendekoration und einem Hornsolo?
Erinnern wir uns einmal einen kurzen Moment lang an unsere Jugend... wer kennt die “Mixed Tapes”, die Kassetten, die wir aufnahmen und unseren Angebeteten in der Schule zusteckten, in der Hoffnung, dass sie sich ein bisschen freuten und über die ausgewählten Musikstücke (bei mir meist eine wirre Mischung aus Arcadia (kennt die überhaupt noch ein Mensch?), Tori Amos (immer noch ganz vorne bei mir), Sting (ditto), Duran Duran (wild boys!!) und der Arie der Königin der Nacht) eine Art innere Brücke zu uns aufbauen konnten (oder auch nur wollten) ? Haben wir nicht vielleicht alle ein Mixed Tape unseres Lebens? Zehn oder zwanzig Songs oder andere Musikstücke, die uns beschreiben, die zeigen, wie wir wirklich sind und die wir in Krisensituationen in der Endlosschleife hören können, bis wir keine Tränen mehr haben? Oder ist das mal wieder so ein Frauending? Hört noch jemand abends Dowland, kippt sich Tee hinter die Kiemen und schließt Frieden mit der Welt? Oder meinen liebsten Jammerchoral “Es ist genug”, wenn alles so furchtbar ist, dass man einfach mal ein Statement setzen möchte und sich von der unglaublichen Ruhe dieses Chorals wieder auf den Teppich bringen lässt?
Es ist vermutlich ein bisschen wie es uns die Bibel im Buch der Prediger lehrt: Ein jegliches hat seine Zeit (pred. 3,1). Ein jegliches hat vermutlich auch seine ganz eigene Musik, seine Arie, seine Sonate oder seinen Song. Ist das dann also die Musik unseres Lebens? Ist jeder von uns ein Song? Nun, vermutlich nicht jeder von uns, denn obwohl die meisten Menschen Musik in irgendeiner Form mögen und mit Empfindungen verbinden, gibt es tatsächlich auch Mitmenschen, deren Gehirn in dieser Hinsicht anders arbeitet. Musik wird zwar gehört, gespeichert und wiedererkannt, und auch das Gefühlszentrum funktioniert in der Hinsicht einwandfrei, als sie der Lage sind, Gefühle zu empfinden, jedoch scheinen die beiden Hirnareale nicht miteinander verknüpft zu sein. Für einen Menschen mit diesem Phänomen (Anhedonie genannt) besteht also keinerlei Verbindung zwischen einem nach „herkömmlicher“ Ansicht „traurigen“ Musikstück und dem entsprechenden Gefühl.
Die gesamte Affektenlehre hat sich so ein Barockkomponist eingehämmert, monatelang, und alles ist für die Katz, wenn der Hörer Anhedoniker ist. Allem Anschein nach scheint das Gehörte keinerlei Einfluss auf das Belohnungszentrum in seinem Gehirn zu haben und der Hörer ist somit unfähig, das Gehörte zu genießen. Für eine Songheulerin wie mich eine seltsame Vorstellung, aber es soll ja auch Leute geben, die überhaupt keine Gefühle anderer Menschen nachvollziehen können. Dann schon lieber mit unbewegtem Gesicht im Konzert sitzen. Auf diese Weise hat man wenigstens immer jemanden neben sich, den man guten Gewissens losschicken kann, um noch ein paar Getränke zu besorgen. Ihm ist es dann ja ohnehin egal, wenn er etwas verpasst.
Was die Frage nach der Musik meines eigenen Lebens betrifft: Wenn wir Gefühle und Musik miteinander verbinden, müsste man für jedes Gefühl ein Musikstück finden können, das unser persönliches Empfinden von Freude, Trauer und so weiter am ehesten ausdrücken kann. Und da wir nicht nur alle unterschiedliche Erfahrungen im Leben machen, die uns auf unterschiedliche Weise prägen, sondern ebenso unterschiedliche Musik hören, müsste eine entsprechende Liste mehr über uns, unser soziales Umfeld, die Musik unserer Kindheit, unsere Freundes- und Bekanntenkreise aussagen, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Also.... wird sich das Fröken soweit öffnen? Will ich das? Mache ich mich zum gläsernen Menschen, wenn ich verrate, dass ich in der Badewanne den Fliegenden Holländer höre?
Vermutlich ja. Vermutlich könnte jeder Hobbypsychologe seinem Zeitvertreib frönen, aber da ich ohnehin eine hoffnungslose Loserin bin, was das strategische Verbergen von Gefühlen angeht und der Herr Sagichnicht dies hier niemals lesen wird (das implizierte ja ein gewisses Interesse an meiner Person), kann ich auch gleich in die Vollen gehen und musikalischen Seelenstriptease betreiben.
Hier nun also eine Liste basaler Gefühle/Gegebenheiten und die Musikstücke, die mir spontan dazu einfallen. Interessanterweise sind einige meiner liebsten Komponisten oder Stücke dabei nicht vertreten. Da scheint also tatsächlich eine Portion Psychologie mit drinzustecken:

  1. Freude: Ist es bezeichnend, wenn mir ausgerechnet hier spontan nichts einfallen mag? Ich freue mich oft. Ganz sicher!
  2. Kummer: Alban Berg: Violinkonzert
  3. Trauer: Johannes Brahms: Ein Deutsches Requiem (wurde auf der Beerdigung meines Vaters gespielt)
  4. Nostalgie: Mozart: Eine kleine Nachtmusik (meine erste Kassette als Kind); Leonard Cohen: Suzanne (zuhause viel gehört); Kim Wilde: Child, come away (erste selbstgekaufte Single... ich bin wohl offiziell ALT)
  5. Verzweiflung / Keine Lust mehr: Joni Mitchell: River
  6. Ruhe, Friede, Tasse Tee am Abend: Philipp Glass: A Night on the Balcony (aus “The Screens”); Carl Michael Bellman: Fredmans sâng No. 5 Sa slâr min Glock nu locket till (ja, ich weiß, der Glock ist tot, aber immerhin trinken sie darauf und das Lied ist wunderschön und nein, ich weiß nicht, wie ich das blöde runde Ding auf das a bekomme bei meiner Tastatur....), Sting: Ghost Song
  7. Ein Song über einen ganz bestimmten Menschen: Tori Amos: China
  8. Was ich immer schon spielen können wollte: Camille Saint Saens: Danse Macabre in der Bearbeitung für 2 Celli
  9. Was ich immer wieder anhören / ansehen könnte: Bach/Bellman/Dowland; Glass/Foday Musa Suso: The Screens; Brecht/Weill: Mahagonny
  10. Was ich nie wieder ansehen / anhören will: B.A.Zimmermann: Die Soldaten (das Trauma sitzt tief); Leoš Janáček: Aus einem Totenhaus (dito)
  11. Ich liebe den Text, ich hasse die Musik: Joni Mitchell: Both sides now
  12. Ich hasse den Text, ich liebe die Musik: Edvard Grieg: Solvejgs Lied (aus Peer Gynt) (Vom Frauenstandpunkt her sollte man der lieben Solvejg mal ein paar Takte erzählen. Warten ist ja schön und gut, aber die Frau braucht eine Therapie)
  13. Was mich zum Lachen bringt: Mauricio Kagel
  14. Was mich zum Weinen bringt: Luigi Nono: Il canto sospeso
  15. Was mich beim ersten Hören umgehauen hat: Mikis Theodorakis: Canto Général


  1. Nein, ich bin nicht dick. Ich liege nur unvorteilhaft und die Zweibeinerin kann nicht fotografieren!

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