Freitag, 11. März 2016

Musik und Handlung: Filmmusik und wozu wir sie brauchen


Wer erinnert sich noch an das gemeinsame Musizieren in der Kindheit? An Hausmusik in der Familie oder mit Freunden. An Vorschuladventszeiten, die angefüllt waren mit Barockschnullergetröte (weshalb lehrte man Blockflöte zu meiner Zeit eigentlich grundsätzlich in Riesengruppen unter dem Motto „Lauter ist besser“? Und je mehr ihr seid, desto weniger hört man, wenn sich der einzelne verspielt, oder mangels Können ganze Passagen lediglich imitiert? Mit aufgeblasenen Backen und konzentriertem Schummlerblick? War das das Mekka derjenigen, die nicht wirklich spielen konnten und das Grab der Musik, oder etwa bereits der Beginn des Punk, dem ja irgendwie dieselbe Philosophie zugrunde liegt? Jeder kann örgentwass örgentwi. Unt zur Not, machma Kunst traus!), mit brummenden Geschwistern im Stimmbruch und den ewig gleichen Weihnachtsliedern? Stille Nacht bis der Baum Feuer fing?
Jedes Mal, wenn ich meine Großeltern besuchte, gab es Hausmusik nebenan. Dann trottete ich, damals noch mit meiner Querflöte unter dem Arm, zur Nachbarin, die aus Böhmen kam, entsprechend gute Marillenknödel machte und am Klavier sang, während ich mich einem Lungenkollaps entgegenblies. Filmmusik gab es, was eigentlich eine tolle Sache gewesen wäre, wenn sie nicht ausgerechnet eine Vorliebe für Heimatfilme gehabt hätte. Ich schwöre, noch heute kann ich jede einzelne Note von Mariandl ausdem Wachauerlandl spielen. Auf jedem einzelnen Instrument, auf dem ich eine halbwegs saubere Tonleiter hinbekomme.
Dabei hätte es so schöne Filmmusik gegeben. Große Werke ebenso großer Künstler. Also sprach Zarathustra wurde ebenso in einem Science-Fiction-Film verbraten, wie das wunderbare „Atmosphères“ des ebenso wunderbaren György Ligety (Wir sprechen hier übrigens von 2001: Odyssee im Weltraum – einem Film, den man sich tatsächlich nur noch wegen der Musik anschauen mag). Übrigens, wo wir gerade bei Weltallfilmen und Musik sind: Sollte jemand planen, in Leipzig Musikwissenschaft zu studieren: Die Frage nach John Williams und seiner Musik zu Star Wars wurde mir damals zumindest gestellt. Im Gegensatz zu mir wusste mein „kleiner“ (er überragt mich um mindestens 2 Köpfe) Bruder sogar, wer es eingespielt hatte....
Zugegeben, in vielen Fällen wirkt Filmmusik so, als sei sie aus vorgearbeiteten Musterstücken zusammengeschustert worden, einsortiert in „Spannung“, „Romantik“, „Inferno“ und „Abspann“, dann ertönt tatsächlich jedes Mal eine schlechte Kopie von Griegs Morgenstimmung, wenn irgendwo die Sonne aufgeht und ein neuer Tag neue Chancen birgt, allerdings ist es auch nicht so einfach, dem teilweise vollkommen überzogen erscheinenden Anspruch zu genügen, gleichzeitig die Handlung zu stützen, die entsprechenden Gefühle beim Zuschauer zu verstärken, dabei aber selbst nicht im Vordergrund zu stehen, denn wenn der Kommissar die Leiche findet, dann ist sollen sich die Leute an genau diesen Moment erinnern, und nicht an die Rückung um einen halben Ton nach oben (billig, aber effektiv, wenn es um die Erzeugung von Spannung geht), sowie eine Verdoppelung der Notenwerte, so dass der Grundschlag irgendwie beibehalten werden kann, während sich gleichzeitig plötzlich 8 statt 4 Töne zwischen den Taktstrichen tummeln und das Gefühl einer Beschleunigung erzeugen. Tonhöhe, Lautstärke, Statik und Tempo spielen dabei eine ebenso große Rolle, wie der gezielte Einsatz von Dissonanzen. Man denke nur einmal an die Duschszene in Psycho. Wer jetzt keine kreischenden kratzigen Geigen im Kopf hat, darf sich setzen.
Ein kuscheliger C-Dur-Dreiklang erzeugt nun einmal bei weitem nicht so viel Bedrücktheit, wie beispielsweise sein Cousin 2. Grades. Ein a-moll7, wobei der für sich alleine gesehen auch nicht besonders spannend ist, wenn das tonale Umfeld nicht berücksichtigt wird. Innerhalb einer d-moll-Tonika will so ein a7 dann aber doch nach Hause, unter die Bettdecke und weinen gehen. Die Generation der Leittonsklaven lässt grüßen.
Die Aufgaben der Filmmusik haben wir ja schon einmal kurz angerissen, nun gibt es aber auch eine Menge Filme, bei denen wir die Handlung getrost in die Tonne kloppen können, alleine die Musik macht den Kinobesuch schon zu einem Erlebnis. Die genannte Weltraumodyssee ist einer dieser Fälle, Koyaanisqatsi wäre ohne die Musik von Philipp Glass absolut unvorstellbar, und was wäre der Planet der Affen ohne die Musik von Jerry Goldsmith? Genau: Ein Haufen Menschen in Affenkostümen nebst einem Haufen Affen in Menschenkostümen.
Andere Filme leihen sich, wie zu den Anfangszeiten des Kinos praktiziert, große Stücke noch größerer Meister: Viscontis Tod in Venedig wäre uns wohl kaum so nahe gegangen, wenn Tadzio zu den Klängen des Ententanzes ins vom Sonnenuntergang gerötete Meer gewatet wäre. Und Zarathustra spricht immer noch zu uns, während das Raumschiff durch das All gleitet. Walt Disney, sonst eher für das typische „Mickey-Mousing“ (Musik, die die Handlung nicht nur unterstützt, sondern quasi die Geräusche dazu mitproduziert, wie etwa einen Paukenschlag, sobald eine Cartoonfigur auf die Schnüss fliegt, oder Castagnettenrasseln, das einen Treppensturz Stufe um Stufe begleitet) bekannt, schuf mit „Fantasia“ einen Film, der quasi eine Geschichte Ton für Ton auf Paul Dukas' wunderschöne sinfonische Dichtung "Der Zauberlehrling“ legt. klick
Da möchte man doch knappe 130 Jahre zurückreisen, den guten Eddie Hanslick schnappen, am Kinosessel festbinden und ihn danach bitten, seine Aussage zur Unmöglichkeit von Programmmusik noch einmal zu wiederholen.
Und dabei war Filmmusik zu seiner Zeit bereits präsent. Allerdings weit weniger ausgefeilt und hauptsächlich einem sehr einfachen Zweck dienend: Die Vorführgeräte der ersten Generation waren derart laut und unangenehm anzuhören, dass sie die Zuschauer beim Filmegucken störten. Somit entschloss man sich, Feuer mit Feuer, bzw. Krach mit noch mehr Krach zu bekämpfen und legte eine Musikspur über das ganze. Zu Beginn handelte es sich dabei eher um eine zusammengewürfelte Mischung all dessen, was das Archiv so zu bieten hatte, Hauptsache laut genug, um den Projektor zu übertönen, bald jedoch stellte sich heraus, dass Musik, die gegen die Handlung arbeitet, mitten in einer Szene wechselt oder sonstwie nichts mit dem Gezeigten zu tun hat, noch mehr nervt, als das Projektorengeratter. Und so tat sich eine neue Geldquelle auf, für all diejenigen, die nach ihrem Musikstudium nicht genügend Auftritte an Land ziehen konnten: Eine Karriere als Kinopianist. Man spielte klassische Stücke, manche mehr, manche weniger bekannt, so schnell oder langsam es sich im Zusammenhang mit der Handlung eben gut anfühlte, mal länger, mal kürzer, dazwischen wurde improvisiert und irgendwie bekam man es mit wachsender Erfahrung dann irgendwann hin, Handlung und Musik ineinander greifen zu lassen. Fast so, wie es die Filmmusik noch heute tut.
Ein besonderes Schmankerl mussten Tanz- und Gesangsszenen gewesen sein. Da sagte man dem Pianisten dann am besten rechtzeitig Bescheid, was beim Drehen des Films gespielt worden war, um unliebsamen Überraschungen vorzubeugen. Und wenn gesungen wurde, dann durfte der Herr am Klavier entweder aus dem vollen Schöpfen (keine Sorge, Musicalfilme, wie West Side Story oder Evita kamen später, blieben dem Mann also erspart), oder man legte eine Schallplatte auf. Idealerweise dann auch dasselbe Stück, das bereits bei der Aufnahme der Szene gesungen worden war. Auch das hätte sonst peinlich werden können.
Der größte Schritt war mit der Schallplattenidee dann auch schon getan: Man hatte eine Ton- zu einer Filmspur geschaffen und mit steigender Aufnahmekapazität, was Schallplatten oder Tonwalzen betraf, stieg auch der Anteil der Filmmusik aus der Konserve.
Als dann in den 1920er Jahren der Tonfilm im wahrsten Sinne „von sich reden“ machte, hätte die Filmmusik theoretisch ausgedient haben können, immerhin springen wir im wahren Leben, an das der Film ja angelehnt sein sollte, auch nicht zur Musik von Benny Hill durch die Gegend, wenn wir jemanden suchen oder verfolgen klick (wer hat nicht sofort lange Flure mit sich öffnenden und schließenden Türen im Kopf, wenn er diese Töne hört?), allerdings stellte sich bald heraus, dass des Filmen ohne die Musik etwas fehlte: Irgendwie wirkten sie flacher, emotionsloser, fehlte ihnen der Tiefgang ohne die Musik. Und so blieben die Töne im Repertoire. Zum Glück, würde ich sagen, denn Yellow Submarine wäre ohne Musikspur einfach nur ein großer Unfall mit zu viel Heroin und einem Wasserfarbkasten.
Was die Musiklosigkeit des täglichen Lebens betrifft, könnten wir ja alle einmal ein kleines Experiment wagen: Nehmen wir einem an seinem MP3-Player festgewachsenen Teenager doch ganz einfach mal seine Musikdose weg und fragen wir ihn am Ende des Tages, ob er das Gefühl hatte, seinem Leben habe es an diesem Tag irgendwie an Tiefgang gefehlt.



 Wenn ich die Weiße Scheiße da draußen so ansehe und das Thermometer sich keinen Milimeter nach oben bewegt, kann ich kaum glauben, dass es in 3 Monaten schon wieder so aussehen soll...


 Momentan müsste die Straße schon beheizbar sein, wenn ich mich tatsächlich hinausstellen sollte :)

Und für diejenigen, die die  offensichtlichste Filmmusik (das Filmmusical) vermisst haben: Da unterscheide ich zwischen verfilmtem Musical (Hair und dergleichen, deren Musik bestenfalls angepasst wurde) und ganz neuer Musik.  Zum Trost gibt es noch schnell mein Lieblingsstück aus "Fame": The body electric

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