Donnerstag, 14. Mai 2015

Ich mach mir die Welt widewidewie sie mir gefällt - historische Musikforschung und Weltbild




Im Zuge der historischen Musikforschung kommen über die Jahre eine Menge Fakten aus dem Leben derer Musiker und Komponisten ans Licht, die längst nicht mehr unter uns weilen und somit nicht mehr selbst befragt werden können. Jedes weitere aufgetauchte und auf historische Zusammenhänge untersuchte Dokument vergrößert den Stapel an Informationen aus zweiter oder dritter Hand und sollte doch eigentlich dazu beitragen, den jeweiligen Tonkünstler näher kennenzulernen, seine Lebensumstände und Handlungen in Relation zueinander zu setzen und ihn somit als Mensch wie als Musiker besser zu verstehen. So sollte man zumindest meinen, aber wer meint, liegt ja meistens daneben.

Tatsächlich liegen weitaus mehr Ebenen zwischen Hörensagen und historisch verbürgten Daten:
Carl Philipp Emanuel Bach, der dem ersten Biographen seines Vaters, Johann Nikolaus Forkel, Daten über das Leben Johann Sebastian Bachs zukommen ließ, wird dabei wohl das getan haben, was wir vermutlich alle täten, wenn ein Außenstehender versuchen würde, sich Informationen über unsere frischverstorbenen Eltern zu verschaffen: Nein, selbstverständlich meine ich nicht „lügen“, aber die eine oder andere Wahrheit würden wir uns schon zurechtbiegen, ein bisschen aufhübschen, die ganz besonders peinlichen Fotos in Badehose und Basecap verschwinden lassen und eben insgesamt nur die Dinge herausgegeben, die für wichtig und der Nachwelt erhaltenswert gehalten werden. Selbst wenn dabei möglicherweise nicht bewusst gewertet wurde, stecken in Biografien dieser Art wohl mehr als bloße Fakten: Hier spielen zwei weitere Leben eine Rolle: Die des Biografen selbst und die des Übermittlers eben jener Daten. Im oben genannten Beispiel sind das eben entweder wir selbst, oder der liebe Carl Philipp, dessen weitere Anstellungen im musikalischen Bereich möglicherweise auch davon abhängen, dass mögliche Plagiatsklagen gegen den alten Bach unter Verschluss blieben. Beide, also Autor und Informant, unterliegen dem Geschmack und den Moralvorstellungen ihrer Zeit, weshalb sich dieselbe Biografie, wären genau dieselben Fakten einhundert Jahre Später niedergeschrieben worden, vermutlich vollkommen anders gelesen und ein anderes Bild des Komponisten transportiert hätte.

Sobald Biografien von den eigentlichen Faktensammlungen abweichen und versuchen, das Leben des Künstlers auf irgendeine Weise in Romanform zu erzählen, was Spielraum für Interpretationen lässt, Lücken füllen muss und den Protagonisten ja schließlich auch irgendwie so sympathisch erscheinen lassen muss, dass man gewillt ist, sich die Sache weiter anzusehen, anstatt sich zu denken „Ach, spinn doch alleine weiter“ und das Buch in eine Ecke zu werfen, spielen auch die Moralvorstellungen der Entstehungszeit des Werkes, sowie die Persönlichkeit und emotionale Anlage des Autors eine Rolle Und zwar eine Rolle, die groß genug ist, das tatsächliche Künstlerbild derart zu verzerren, dass es mit der Wirklichkeit nur mehr ein paar Daten und Zahlen gemein hat. Erlangt dieses Werk Popularität, wird es das fehlerhafte Image des Künstlers zwangsläufig in den Köpfen der Bevölkerung verankern. Auf diese Weise kann sich jede Zeit ihr ganz eigenes Bild eines Komponisten erschaffen.

So wird es wohl einige Zeit brauchen, ehe Antonio Salieri in den Köpfen der breiten Masse vollständig rehabilitiert ist und sich nicht länger als Mozarts Mörder betiteln lassen muss. Wilhelm Friedemann Bach, der durch Albert Emil Brachvogels Romanbiografie1 und dessen Verfilmung, trotz mittlerweile erschienener, sorgsam recherchierter und nicht wertender Folgebiografien2, wird das Bild des missratenen Bach-Sprößlings wohl so schnell nicht ablegen können, und auch das Bild, das die Öffentlichkeit von Franz Schubert hat, wurde maßgeblich von einem biografischen Roman geprägt. Schwammerl heißt das Werk, das Schuberts Bild romantisieren, verklären und ihn selbst als ein wenig weltfremd und unorganisiert erscheinen lassen sollte3,, und das in einem Ausmaß, dass wir ihm heute noch nicht wirklich zutrauen würden, seine Steuererklärung korrekt auszufüllen. Schubi, das ist das etwas schusselig aussehende kleine Männchen, das die irgendwie immer leicht alpenländisch anmutenden Lieder schreibt und nie eine Frau abbekommen hat.

Da sich der Roman so gut verkaufte und wir ja alle nicht gerne von unseren Vorurteilen abweichen und umdenken mögen, sollten sich die folgenden Biografien dieser Beschreibung zunächst anschließen. So schreibt beispielsweise Heinrich Kreissle von Hellborn: „Der Ausdruck seines Gesichtes konnte weder als geistreich noch als freundlich gelten, und nur dann, wenn ihn Musik oder Gespräche aufregten, besonders aber, wenn es sich um Beethoven handelte, fing sein Auge zu blitzen an, und belebten sich die Züge.“4 Nett, nicht wahr? Weder geistreich noch freundlich...kein Wunder, wenn der Kerl in seinem Zimmerchen in Wien versauern musste.

Auch Schuberts Liebesleben bot immer wieder Anlass zu Spekulationen. Heißt es in „Schwammerl“ noch „"O ja, meine Musik wollen sie; mich will keine."5, so wird das romantiserte Bild vom armen ungeliebten hässlichen Entlein, das all sein Herzeleid in seine Musik legt, in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts aus dem Weg geräumt, um einem neuen Schubert-Bild Platz zu machen: Der unverheiratete junge Mann, der bei seinen Kumpanen wohnte und immer wieder von deren Unterstützung erfuhr und an der Geschlechtskrankheit Syphillis litt, war diemal nicht unglücklich verliebt, sondern homosexuell6 Hätte es Iljia Dürhammer nicht getan, hätte ihn spätestens Rosa von Praunheim öffentlich geoutet. Und zwar ohne Rücksicht auf Verluste.

Da haben sie also den heutigen Musikern nichts voraus, die Klassiker. Was Gerüchte und Geplapper angeht, können sich Schubi, Friedi und Justin Bieber vorraussichtlich die Hand geben. Und Salieri würde heute vermutlich eine Unterlassungsklage anstreben und öffentliche Gegendarstellungen fordern. Zurecht. Dass sie es nicht tun, liegt nicht nur daran, dass sie tot sind (was an sich schon eine ziemlich gute Begründung wäre), sondern eben auch daran, dass die Herren und Damen Biografen, sofern sie sich der ernsten Musik zugewandt haben, zumindest hieb-und stichfeste Quellenangaben liefern und die Thesen vorsichtig genug formulieren. Und für Romanschriftsteller gelten ohnehin die Regeln der Kunstfreiheit. Wer ganz sichergehen will, dass ihm niemand auf die Füße treten kann, erklärt gleich zu beginn die Handlung und Personen für, wennauch nicht frei erfunden, aber doch für frei interpretiert. Was sich so manche moderne Musik- und Tageszeitung übrigens ebenfalls auf das Titelblatt drucken könnte.





1 Albert Emil Brachvogel, Friedemann Bach, CreateSpace Independent Publishing Platform, 2012.

2 Als Beispiel sei genannt: Ulrich Kahmann, Wilhelm Friedemann Bach. Der unterschätzte Sohn, Aisthesis Verlag Bielefeld 2010.

3Rudolf Hans Bartsch, Schwammerl, Ulan Press, 2012. Erstausgabe von 1912.

4Heinrich Kreissle von Hellborn, Franz Schubert, Carl Gerold's Sohn, Wien 1865, S. 465-466, digitalisierte Ausgabe.

5Rudolf Hans Bartsch, Schwammerl, S. 27


6Vergleiche hierzu: Ilija Dürhammer, Geheime Botschaften. Homoerotische Subkulturen im Schubert-Kreis, bei Hugo von Hofmannsthal und Thomas Bernhard, Böhlau, Wien 2006 und: Sigrid Weise (Übersetzer), "Mythen werden Menschen", The New York Times Magazine, in: DIE ZEIT Archiv Jahrgang 1999, Ausgabe 11.

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