Mittwoch, 6. Mai 2015

Blogparade: Musikalische Auswanderung


Schon wieder eine Blogparade... dabei passen diese Bloggerveranstaltungen eigentlich höchst selten zu einem Blogthema wie meinem, aber diese Idee hat mich tatsächlich ein bisschen herausgefordert. Und dabei ist die ganze Sache eigentlich schon längst vorbei: Maribel Skywalker warf Anfang des Jahres die Frage nach Lieblingsmusik auf, die nicht der gängigen Sprachauswahl bei Songs oder Liedern entspricht. Musikalische Auswanderung nannte sie das Projekt, bei dem andere Blogger ihre Lieblingsmusik mit Texten in außergewöhnlichen Sprachen nennen sollten. Da das Ganze auf Hörer eigentlich moderner Musik in deutschsprachigen Ländern gemünzt war, bedeutet „außergewöhnlich“ in ihrem Fall alle Sprachen außer Deutsch und Englisch, womit eben die meisten Songs entfallen, die man zu hören bekommt, wenn man einen gängigen Pop- oder HipHop-Sender im Radio einstellt. Maribels Beitrag findet sich hier, anbei auch eine Liste der Blogger, die sich im Januar an der Aktion beteiligt haben. Das Fröken kommt wie üblich ein paar Monate später vorbeigetigert, hat aber ebenfalls Musik im Gepäck und macht sich daran, sich der Herausforderung zu stellen.
Kein Deutsch und kein Englisch also...nun, was für einen Rocker vielleicht eine tatsächliche Herausforderung sein mag, kann einem Klassikblogger nur ein müdes Lächeln entlocken. Wer klassischen Gesang studiert, hat Italienischkurse an der Hochschule, so verbreitet ist die Sprache in unserem Milieu. Selbst Mozart ließ den einen oder anderen latent ausländerkritischen Spruch vom Sockel, weil er sich im eigenen Land schwertat, eine Anstellung oder einen Auftrag an Land zu ziehen. Wo immer er auch hinflitzte: Überall saß bereits ein Italiener, prostete ihm mit seinem Spumante zu und rief "Ück bün schon da!". Oder besser: "Sono già qui", was so ungefähr demselben entspricht. Fast alle Opern der Zeit waren Italienisch, egal, wer sie verfasste. Georg Friedrich Händel läutete mit seinem "Messias" praktisch einen neuen Trend ein, in dem endlich einmal nicht italienisch gesungen wurde und die Leute auch verstanden, worum es eigentlich ging. Sofern sie keine Italiener waren, selbstverständlich. In Italien hätte die Methode vermutlich wenig gefruchtet. Und in welcher Sprache singen sie nun, der Messias und seine Kollegen? Auf Englisch natürlich, denn Händel hatte sich zu dieser Zeit bereits endgültig auf der anderen Seite des Kanals niedergelassen. Fällt somit also auch flach, der Erlöser, denn Englisch ist ja verboten in diesem Blogpost und italienisch verbiete ich mir aus naheliegenden Gründen selbst; es wäre ganz einfach witzlos, das Ganze dann noch als "Auswanderung" verkaufen zu wollen.
Ich als Bachstelze könnte mich ja jetzt noch selbst behumpsen und die lateinische Sprache wählen, aber auch die ist für die eigentlichen Zwecke dieser Blogparade ungeeignet, denn damit begäbe ich mich auch wieder nicht auf Neuland. Wir halten also fest:
  • Kein Deutsch
  • Kein Englisch
  • Kein Italienisch und
  • Kein Latein.

Bliebe theoretisch der Blick nach Frankreich mit Lully und Co, oder aber wir schweifen eben tatsächlich ein bisschen ab von den Sprachen, die wir tagtäglich so zu hören bekommen und wenden uns dem Volksliedgut zu. „Llwyn Onn” ist so ein Lied, das ich immer irgendwie geliebt und als Kind und Jugendliche jahrelang im Ohr gehabt habe. „Llwyn Onn” ist übrigens walisisch, bedeutet so viel wie „Eschenhain“ und ist dem einen oder anderen möglicherweise in der englischen Übersetzung unter dem Titel „The Ash Grove“ bekannt, die in der Folk-Song-Arrangements-Sammlung von Benjamin Britten erschien und das Lied recht schnell überregional populär machte.Textlich ist es, wie irgendwie alle derartigen Lieder recht schnell erklärt: Spätestens in der letzten Strophe (im Falle von „The Ash Grove“ sind das gerade mal zwei Stück) ist die Holde tot und der Protagonist schwört ewigen Kummerspeck. Die Melodie dazu ist allerdings wunderschön und wer die Bildhaftigkeit der Walisischen Sprache mag (viele Begriffe sind aus Einzelwörtern zusammengesetzt und beschreiben die Sache aufs Trefflichste: „Fusselpflaume“ ist beispielsweise die ungefähre Übersetzung für „Pfirsich“ und „Meergrille“ für „Ameise“) wird das Lied wahrscheinlich lieben. Somit sollte ich es also einfach verlinken und den Fall für abgeschlossen erklären. Wenn...ja, wenn ich denn eine halbwegs nette Version davon auf einer gängigen Plattform fände. Und genau da fängt die Sache an, schwierig zu werden.
Sofern man auf der Suche nach einer reinen Instrumentalversion ist, die ein Gitarreschüler auf seiner Klampfe mehr schlecht als recht herunterzupft, kann man sehr schnell fündig werden. Auch die englische Übersetzung, aus unerfindlichen Gründen grundsätzlich von Opernsängern bei irgendwelchen Feierlichkeiten herausgeknödelt, findet sich recht häufig, aber Leute... das ist ein Volkslied! Kein Kunstlied. Und erst recht keine Arie. Der Charme eines Volksliedes liegt nun mal in der Einfachheit, die es eben jedem Volksmitglied ermöglichen sollte, wenigstens ein bisschen mitzubrummen, wenn man schon die Koloraturen der Callas-Imitatorin aus dem Nebenhaus überlässt. „Llyn Onn“ und ein Herr Jammersänger mit Jodeldiplom...das ist wie „Alle meine Entchen“ in einem Arrangement für ein Orchester von wagnerianischen Ausmaßen. Einfacher ausgedrückt: Es ist blöd.
Und dann gibt es noch die Chöre, die in der Heimatgemeinde die Sprachpflege wiederbetreiben. Irgendeinen harmlos klingenden Erstnamen haben sie immer, doch dann folgt mit ziemlicher Sicherheit das Wort, das das Grauen verkündet: Meibion.
Nichts gegen die Heimatchöre, aber wenn bei den Interpreten der begriff „Meibion“ steht, meide ich die linke Maustaste zumeist wie Dracula eine Schale Tsatsiki. Meibion bedeutet nämlich „Jungs“, was heißen will: Sofern es sich nicht um eine Kantate oder ein ähnliches Stück handelt, das ausdrücklich für mehrstimmigen Knabenchor geschrieben wurde, wird man bei „Meibion“ in Verbindung mit Volksliedern zumeist Versionen finden, bei welchen die Kackbratzen...sorry, „Knaben“ meinte ich natürlich, offenbar einen Gutschein für ein Eis bekommen, für jede Oma, die sie mit ihrem Gewimmere zum heulen bringen. Und dann wird es schon ziemlich dünne, was die möglichen verlinkbaren Aufnahmen angeht.
Springen wir also aufs Festland zurück und sehen wir uns dort um... am besten, wir beginnen möglichst weit oben und arbeiten uns dann nach unten vor (na gut, wirklich besser als von unten anzufangen ist es nicht, aber irgendwo muss man ja schließlich anfangen, nicht wahr?).
Ganz oben hätten wir beispielsweise Norwegen mit Edvard Griegs Peer Gynt...Solvejgs Sang wäre eine Verlinkung wert, ist aber auch nichts wirklich Außergewöhnliches, zumal Grieg ob seiner eingängigen Melodik mittlerweile leider ziemlich abgenudelt ist. Irgendwie scheint er sich für Kinderfilme und Margarinewerbung ausgesprochen gut zu eignen. Sogar im Tal der Schlümpfe darf zu seinen Tönen ( der "Morgenstimmung" nämlich) die Sonne aufgehen und all die langhaarigen überschminkten Damen, die sich nicht ganz sicher sind, ob sie sich nun eher der Heavy-Metal- oder der Klassikszene zugehörig fühlen, haben Solvejg schon einmal in die Blindheit und die Zuschauer in die Taubheit begleitet. Schade eigentlich um ein grundsätzlich sehr schönes Stück Musik. Wir stellen also fest: Europa hat eine musikalische Verjüngungskur nötig. Frische DNA sozusagen, die sich mit dem musikalischen Erbe des (fast hätte ich das böse Wort geschrieben, das mit A beginnt und mit bendlandes endet :) )vermischt. Wie sieht es denn beispielsweise in Südamerika aus? Meinen Argentinischen Großonkel muss ich leider aus dem Rennen nehmen,auch wenn er als Komponist und Organist eine Menge Werke hinterließ, doch seine musikalischen Wurzeln liegen irgendwie recht eindeutig in der Steiermark. Mauricio Kagel ging den Weg in die umgekehrte Richtung: Von Buenos Aires nach Köln und er hat sich mit seinem Anagrama tatsächlich einen Platz in meiner "Ich verstehe kein Wort, aber ich mag das Stück trotzdem"-Liste verdient. Verlinkungen finden sich übrigens alle unter dem Beitrag. Auch der Osten hat ein paar ungewöhnliche Dinge zu bieten, wenngleich ich ein halbes Jahr mit einem großen Fan der Peking-Oper zusammenarbeitete und klar zugeben muss, dass ich froh war, als die Zusammenarbeit beendet war. Er selbst war (und ist es hoffentlich noch immer) Chinese, der Sprache somit mächtig und mit den Grundlagen der Musik vertraut, für mich, die kein Wort verstand und daher niemals zuordnen konnte, worum es eigentlich gerade ging, klang das Ganze, besonders wenn es im Hintergrund lief, immer ein wenig nach einem Tierquäler, der bei seinen Aktionen ein Tonbandgerät mitlaufen ließ. Wer auf diesem Gebiet bewandert ist, darf mich aber gerne mit der Schönheit dieser Musik vertraut machen. Nur ohne Anleitung fand ich sie schwer begreiflich. 
Ehe ich diesen Post nun beende, möchte ich allerdings noch einen kleinen Abstecher auf den afrikanischen Kontinent machen und bei dieser Gelegenheit auf ein Werk hinweisen, das ich wirklich sehr liebe: Der amerikanische Minimalist Philipp Glass schrieb gemeinsam mit dem aus Gambia stammenden Komponisten Foday Musa Suso die Musik zu dem während der französische Kolonialzeit in Algerien spielenden Theaterstück „The Screens“ des französischen Dramatikers Jean Genet, das während eines Aufenthaltes in Griechenland geschrieben wurde und seine Premiere in Stockholm feiern durfte. Internationaler geht es nun wirklich nicht mehr, oder? Und schön ist die Musik auch. Und genau das ist der dritte Link, den ich hiermit geben möchte:
Zunächst darf Solvejg jedoch noch eine Runde ihrem ständig untreuen Peer hinterherjammern (Ganz ehrlich: Vom Frauenstandpunkt her kann ich diese Dame nur bitten, sich therapieren zu lassen. Aber erst darf sie noch ein bisschen singen, das kann sie nämlich ziemlich gut)
und zu guter Letzt kommen wir hier zu Musik aus „The Screens“. Leider habe ich kein Stück mit Gesang gefunden, aber ich kann versichern: Die Anschaffung der CD lohnt sich in jedem Fall.
Nein, das ist nicht Peer Gynt, obwohl er auch ganz gerne mal ausfliegt :)


Glorias Balkonszene. Unten steht allerdings leider kein Romeo.







Kommentare:

  1. Hey du! der Post und auch dein Blog sind echt wunderschön *-*
    Ich mag es total wie du schreibst!
    Vielleicht hast du ja Lust bei meiner Blogvorstellung mitzumachen?
    http://streetstylefashiion.blogspot.de/2015/04/blogvorstellung-5-monate-blogger.html
    Ich würde mich sehr freuen!
    Liebste Grüße deine Elsa ❤️

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    1. Danke, das freut mich, wenn es Dir gefällt! Die Vorstellungsrunde hab ich leider verpasst, sorry. Aber es finden sich sicher noch weitere Gelegenheiten zur Zusammenarbeit!:)

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  2. Hallo du liebe. Es tut mir so leid, dass ich mich bisher nicht hier drauf gemeldet habe, aber ich habs einfach nicht gesehen.. deswegen warst du auch nicht bei der Sammlung mit drin, aber ich werde dich einfach noch nachträglich reinpacken :)

    Wenn du das nächste Mal mitmachst den Link am besten unter den jeweiligen Themenpost schreiben, sonst seh ich das einfach nicht und ich muss mir das alles nicht so zusammensuchen. Hoffe das verstehst du :)

    Ich hab mich aber eben riesig über deinen Beitrag gefreut, als ich es beim Updaten der Seite entdeckt hab. Gerne immer her mit deinen Beiträgen zum Projekt!! ♥

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    1. Mache ich, liebe Maribel! Und ich mache sicher auch gerne wieder mit! So eine Blogparade macht immer viel Spaß, weil man sonst ja selten mit einem vorgegebenen Thema arbeitet :)

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