Dienstag, 19. Mai 2015

Alle meine Zipperlein - Musikerkrankheiten


Man stelle sich die folgende Situation vor: Ein kleiner Junge kommt vom Geigenunterricht nach hause und erklärt stolz, er wolle eines Tages Musik studieren und ein großer Geiger werden, so etwas wie der Paganini seiner Zeit.
Am nächsten Tag sitzt er in der Hofpause mit seinem Freund aus dem Schulorchester zusammen und erzählt, seine Mutter habe ihm gedroht, ihn aus dem Orchester zu nehmen, wenn er nicht auf der Stelle damit aufhöre, so einen Blödsinn zu erzählen und gefälligst mehr für die Schule täte. „Kenn ich“, antwortet daraufhin sein Freund, „Meine Alten sind genauso. Ich darf auch nur ne halbe Stunde pro Tag üben, Klavier nur am Wochenende und ich soll mir gefälligst endlich mehr Hip Hop anhören, Mozart sei einfach kein guter Einfluss für mich. OK, Mann, ist ja auch irgendwie klar, wenn man bedenkt, wie hart der schon als Kind trainiert hat. Kein Wunder, dass er nicht alt geworden ist.“
Massenweise Eltern, die ihre Kindern anflehen, sich doch lieber einen anständigen, weniger gefährlichen Beruf zu suchen, Kriminalkommissar zum Beispiel, Stuntfrau, Blauhelm, Rennfahrerin...Hauptsache etwas, bei dem man die Versicherung noch bezahlen kann.
Das klingt absurd? Würden sich nicht alle Eltern über fleißig übende Kinder freuen? Wahrscheinlich wären diese naiven „Freu-linge“ das dieselben Eltern, die der Meinung sind, klassische Komponisten seien gute Vorbilder für ihre Kleinen...solange, bis man anfängt, mal aufzuzählen, wer alles sein Studium abgebrochen hat (Friedemann Bach, Robert Schumann, diese Liste ist wahrscheinlich die längste überhaupt), an Geschlechtskrankheiten gelitten hat oder gestorben ist (mal wieder Schumann, Schubert...die Liste ist kaum kürzer), Alkoholiker war (der Friede mal wieder, Beethoven und Consorten), dass Johann Sebastian Bach im Gefängnis saß, Händel sich duelliert und fast seinen besten Freund getötet hat, Schumann nicht mehr alle Noten im System hatte und in der Irrenanstalt gestorben ist... Kinder, hört Heavy Metal, da sterben die meisten Künstler wenigstens bei Autounfällen, das bringt einen bei den Nachbarn nicht so ins Gerede...
Nein, mal ernsthaft: Musiker leben tatsächlich gefährlich und Krankenversicherungen liegen Listen mit Berufskrankheiten der einzelnen Instrumentalisten vor. Wer im Orchester jahrelang direkt vor den Posaunen sitzt, wird eines Tages wirklich nur noch schriftlich kommunizieren können, denn zum Hören reicht es nicht mehr.
Werfen wir doch mal einen Blick auf die Zipperlein, auf die wir uns in den kommenden Jahren so einstellen müssen. Wenn sie nicht schon längst eingetroffen sind. Dass Cellisten irgendwann ein Problem mit der Halswirbelsäule bekommen, kann ich beispielsweise bestätigen: Jedes Mal wenn ich den Kopf drehe, kracht es im Getriebe, dass meine Umgebung vor Schreck beinahe vom Hocker fällt. Aber dass ich einen Knacks habe, ist ja nichts Neues....

Dass man als Orchestermusiker beispielsweise bei einer Wagneroper, bei Philipp Glass' Echnaton oder anderer Musik dieser Spieldauerkategorie einen Energieaufwand betreibt, der mit dem eines Leistungssportlers gleichzusetzen ist, mag einleuchten, dass man sich dabei allerdings einem ähnlich hohen gesundheitlichen Risiko aussetzt, dürfte den meisten Leuten kaum bewusst sein.
Dabei ist die Liste der Musikerkrankheiten nicht nur lang, sondern auch erstaunlich gut nachvollziehbar.
Dass man sich als Cellist ziemlich schief um sein Instrument herumwindet und seine Wirbelsäule dadurch unschön belastet, habe ich am eigenen Leib erfahren. Dass Querflötisten auf Dauer einen scheppsen Hals bekommen, wenn sie ihren Kopf stundenlang zur Seite neigen, kann man sich auch vorstellen, der Klarinetten-Daumen war jedoch auch mir vollkommen neu: Arthrose im rechten Daumen, hervorgerufen durch das Gewicht des Instrumentes, das im Grunde genommen alleine von diesem Daumen gehalten wird, denn die anderen Finger müssen ja frei beweglich und daher locker auf Klappen und Löchern aufliegen und diese wieder verlassen können. Rund 750 Gramm wiegt so eine einfache Feld-Wald-und Wiesenklarinette (wir sprechen hier also nicht von ihren großen Verwandten, die noch so einiges mehr auf die Waage bringen). Wer zuviel Zeit und noch Spielraum von seiner Krankenkasse hat, kann sich ja mal spaßeshalber einen Humpen voll Bier an seinen Daumen hängen und täglich stundenlang damit herumrennen. Vermutlich wird er schon am folgenden Tag keinen Bleistift mehr geradehalten können.
Auch Gebissschäden sind bei Bläsern nichts Ungewöhnliches. Wer die Sendung „Was bin ich?“ noch kennt, kann sich vorstellen, wie einfach es wäre, manche Berufe zu erraten. Da kommt also ein Typ ohne Vorderzähne, krallt sich mit der linken Hand einen Stift, um seinen Namen auf die Tafel zu krakeln, weil er mit rechts schon lange nicht mehr schreiben kann... welches Schweinderl er gerne hätte, das bräuchte er gar nicht mehr zu beantworten, da die erste Frage „Sind sie vielleicht Klarinettist?“ ohnehin ein Treffer wäre und er ohne ein einziges Fünfmarkstück nach hause gehen müsste. Und das, nachdem man als Musiker sowieso nicht gerade im Geld schwimmt... blöde Berufswahl!
Da hat man es als Geiger doch leichter...da kann man sich aussuchen, ob man mit oder ohne Schulterstütze und Kinnhalter spielen will und hat somit die Wahl zwischen dem offenbar musikertypischen Schiefhals oder irgendwelchen Ekzemen und Hautreizungen. Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, ob es ein Geiger und ein Flötist jemals schaffen würden, sich zu küssen, wenn sie mit ihren schiefen Hälsen voreinander stehen. Nicht einmal die Liebe überlebt also, im Reich der schönen Klänge.

Was es nicht alles gibt, nicht wahr? Pianistenfinger, Cellisten mit krummen Hälsen, Knötchen auf den Stimmbändern, Geigerarme.... Lully hat sich sogar mit seinem eigenen Taktstock ins Grab befördert Wer kennt die Geschichte? Da geht ein Mann in der Nähe einer Tennisanlage spazieren und findet 2 fast neue Tennisbälle, die jemand über den Zaun geballert hat, steckt sie jeweils in eine Hosentasche und geht weiter. Nach einer Weile trifft er auf einen weiteren Spaziergänger, der ihm entgeistert auf die Ausbuchtungen in der Hose starrt. „Ach das“ meint er beschwichtigend, „das sind nur Tennisbälle“. Darauf der andere Spaziergänger: „Ach Du meine Güte... und ich dachte schon, mein Klarinettendaumen wäre schlimm!“



Da hinten schleicht sich ein Löwe heran :D

1 Kommentar:

  1. Spannend zu lesen (so als Nicht-Msuiker bzw. nur Gelegenheits-Hobby-Musikmacher), was es alles für Probleme geben kann. Und sehr amüsant geschrieben!

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