Montag, 26. Juni 2017

Besingen auf eigene Gefahr - Bühnenunfälle bei Wagner-Opern






„Bühnenunfälle!“ erklärte der Herr Verratichnicht auf die Frage, worüber man denn im Bezug auf Richard Wagner noch so alles bloggen könnte und seine Augen begannen zu leuchten. „Menschen, die von geworfenen Speeren durchbohrt oder von zuschnappenden Drachenmäulern verletzt werden. Walküren, die vom Pferd fallen oder Brünnhilde, die sich in Siegfrieds Scheiterhaufen stürzt, samt Pferd! Was man sich dabei alles brechen kann!“
Nanu? Was hatte ich denn da für ein Thema angeschnitten? War das wirklich derselbe Mann, mit dem ich die Gräber von den Nazis verfolgter Juden besucht hatte und der so oft mit nachdenklichem Gesichtsausdruck dasaß und in die Ferne starrte? Gingen ihm dabei vielleicht Gedanken durch den Kopf, die ich mir so niemals ausgemalt hätte und vor denen ich mich fürchten sollte?
Aber ich musste zugeben, die Sache mit den Unfällen klang durchaus interessant. Wenn man sich so manche Bühnenkonstruktion genauer betrachtet, ist es ein Wunder, dass nicht viel mehr passiert in Theatern. Da darf man im Publikum nicht einmal eine Wunderkerze anstecken und ein paar Meter weiter auf der Bühne stürzt das brennende Walhall in sich zusammen. Kein Wunder, dass in Frankfurt am Main in den 80er Jahren die gesamte Oper abgefackelt ist. Ein Wunder nur, dass das nichts mit einer Aufführungspanne zu tun hatte, sondern lediglich auf einen ehemaligen DDR-Flüchtling zurückzuführen war, der frei nach dem Motto „Wir hatten ja nichts, nicht mal Feuer, wir mussten unser Essen warm hauchen oder in die Sonne halten. Woher hätten wir also wissen sollen, dass das gefährlich werden kann?“ den Brand gelegt hatte. (Mal ehrlich, da kommt John Cage einmal nach Deutschland um in erreichbarer Nähe seine Oper Europera aufzuführen und dann brutzelt ihm die Bühne vor der Nase weg... eigentlich eine Frechheit vom Schicksal, aber dazu ein andermal).
Jedenfalls war mein Interesse geweckt und ich machte mich auf die Suche nach entsprechenden Dokumenten und durchbohrten Sängern.

„Warum man im Auto nicht Wagner hören sollte“ heißt ein populärwissenchaftliches Buch des
ehemaligen Pianisten Thomas Richter. Mittlerweile arbeitet er als Berater pharmazeutischer Untenehmen und hat es auf knapp 150 Seiten geschafft, Otto Normalmusikhörer zu erklären, was die Wissenschaft über den Zusammenhang zwischen Musikhören, Musikmachen und den dazugehörigen Gehirnarealen so herausgefunden hat.
Dass das Hören von lauter und schneller Musik während derAutofahrt zu einem schnelleren und aggressiveren Fahrstil führen kann, wurde inzwischen bereits mehrfach bewiesen, mittlerweile existieren sogar Negativlisten mit Songs, die man bei der Fahrt durch die Innenstadt besser meiden sollte, sofern man nicht irgendwann Gefahr laufen möchte, den trödeligen Sonntagsfahrer vor einem endgültig auf die Motorhaube zu nehmen und dort wieder abzuladen, wo ihn niemand sucht. Mehr Beats pro Sekunde als Kilometer pro Stunde, alles, was den Herzschlag erhöht, verführt zu schnellerem Fahren und kann böse enden.
Dass man da nicht unbedingt den typischen Deppen-Techno mit seinen bekannten Rückungen und ähnlichen Passagen hören sollte, der ja tatsächlich dazu dient, Aggressionen abzubauen, indem man sich dem Beat hingibt und auf einen Puls kommt, bei dem sich gewöhnliche Blutdruckmessgeräte selbst krankmelden und einen Urlaubsantrag einreichen würden, ist einleuchtend. Doch auch klassische Musik kann dazu verleiten, so mitzugehen, dass man die Konzentration nur noch auf das Gehörte verbraucht, was dann unter Umständen den Knall mit einbezieht, wenn man den Kofferrauminhalt des Vordermannes von innen betrachten kann.
Gerade Richard Wagners Walkürenritt scheint uns da besonders mitzunehmen. Wahrscheinlich brettern wir gedanklich mit über die Schlachtfelder und aus einem „Ruhig, Brauner“ wird ganz schnell ein „Hej-ho, Silver! Auf geht’s!“
Wagner ist also gefährlicher, als man glaubt und der gemeine Wagnerianer, dem man in Anlehnung an den Ober-Wagner-Fanboy Adolf, gerne mal einen Hang zur Aggression und gruseligen mythologischen Kämpfen nachsagen möchte, ist seinen schwertschwingenden Sagengestalten vermutlich näher als er glaubt. Was man sich durchaus mittels Außenbeschallung zunutze machen könnte, um die Trödelspur der Autobahn im Sommer wieder freizubekommen und den NL-beschilderten Wohnwagen vor sich mal flugs in einen fliegenden Holländer zu verwandeln. Hej-ho Silver... ach, das hatten wir schon.

Interessanterweise ließen sich so viele Unfälle gar nicht finden, beziehungsweise wurden all die Dinge, die man gemeinhin als gefährlich einstufen würde, wohl auch schon von anderen Leuten als dergestalt eingeordnet und entsprechend gesichert und entschärft. Rheintöchter, die -je nach Inszenierung- von ihren Schaukeln hinab ins Publikum fliegen (beziehungsweise bei entsprechendem Schwung hinter diesem an die Wand klatschen) sind in keinem Dokument verzeichnet, dafür finden sich Verletzungen, mit denen man vermutlich niemals gerechnet hätte.
So brach sich der Darsteller der in den „Meistersingern von Nürnberg“ aus Lehm geformten Adamsfigur auf offener Bühne die Leiste, als er splitternackt aufsprang, auf dem Lehm um ihn herum ausrutschte und quer in den Beckmesser-Darsteller hineinbretterte, der ihn zwar auffangen, den Bruch jedoch nicht verhindern konnte. Ich gebe zu, das muss lustig ausgesehen haben, auch wenn einem der gute Mann natürlich Leid tun kann und sollte. Und es wirft die Frage auf, ob es sich auch dann noch um einen „Auftritt“ handelt, wenn der Betreffende gar nicht vollständig aufgetreten, sondern dabei bereits abgeschmiert ist. Da kann aus eiem Auftritt ganz schnell ein Ausrutsch und aus einem Darsteller ein Darlieger werden.
Was die Rheintöchter angeht, die hatten bei den Festspielen im Bayreuth der 20er und 30er Jahre eine Art Wellenkarussell, das sie in Auf- und Abbewegungen über die Bühne fuhr, was das eine oder andere Mal für Unwohlsein sorgte. Wagner-Enkelin Frieledlind berichtet, sie und ihre Geschwister hätten als Kinder die Bühnenarbeiter beschwatzt, sie in den Mittagspausen so lange auf dem Gerät herumfahren zu lassen, bis sie sich ihres Mittagessens entledigt hatten. Wirkliche Unfälle, wie man sie ab und zu bei ähnlichen Fahrgeschäften auf Rummelplätzen findet, habe es aber nicht gegeben. Gut für die Wagners, schlecht für meinen Artikel.

Kollabierende Kulissen gab es bei den Festspielen im Jahr 2014, als während einer Tannhäuser-Aufführung Stöcke aus einem Käfig brachen, allerdings gab es keine berichtenswerten Folgen, weil der Saal umgehend evakuiert und die Stöcke gekittet wurden. Dafür musste ein paar Jahre zuvor (2010 um genau zu sein) die Generalprobe zum Lohengrin abgebrochen werden, weil die Darstellerin der Elsa von einem herabstürzenden Requisit, das ihr zielgenau auf die Schädeldecke fiel, ausgeknockt wurde und auch bei zehn noch keine Anstalten machte, wieder aufzustehen.
Dabei gab es aber tatsächlich Todesfälle, die nicht nur im groben Zusammenhang mit Wagner-Opern stehen, sondern sich tatsächlich inmitten des Auftritts ereigneten. Und nein, Lohengrin ist nicht auf seinem Schwan abgesoffen (wobei ich mich immer gefragt habe, wie erstens ein einzelner Vogel einen ausgewachsenen Mann tragen kann und weshalb er dies zweitens überhaupt tun sollte, wo doch Lohengrins Papa den Schwanenpapa auf dem Gewissen hat), sondern es waren gleich 2 Dirigenten, die im selben Stück den Löffel, beziehungsweise den Stab aus der Hand gelegt haben: Im Jahr 1911 war es der erst 55-jährige Felix Motti, der während des zweiten Aktes von „Tristan und Isolde“ einen Herzinfarkt erlitt, 1968 brach dann der Dirigent Joseph Keilberth im selben Akt, tatsächlich sogar an beinahe derselben Stelle, tot zusammen. Ich gebe ja zu, der zweite Akt ist hochemotional, jedoch kann es ganz so spannend doch nicht gewesen sein, immerhin sahen die beiden das Stück ja nicht zum ersten Mal, wussten also genau, wie es weitergeht.
Vielleicht sollte man einen Sicherheitshinweis auf der Dirigentenpartitur anbringen. „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie zunächst die Textausgabe und fragen Sie ihren Kardiologen oder Apotheker“. Oder Sie wechseln die Seiten und stellen sich als Darsteller auf die Bühne, das scheint sicherer zu sein. Solange Sie nicht einen auf Wolfgang Anheisser machen und sich zuvor vergewissern, wo ihr Balkon zu Ende ist, kann da nicht allzuviel passieren.


                         Ich weiß, das ist nicht Wagner, aber deshalb lasse ich mir kein Bachfest entgehen.
                                    Und wie man sieht, war der Jo-Se zu Scherzen aufgelegt :D



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