Dienstag, 10. Mai 2016

The Rhythm of my Heart


Allen Unkenrufen und Meteorologen zu Trotz: So langsam wird es doch wärmer in unseren Gefilden. Und mit der Wärme kommen die Zugvögel zurück. Alle Vöglein sind zwar noch nicht ganz da, befinden sich aber gewissermaßen in der Einflugschneise. Es ist Hauptrückreisezeit. Der Nistkasten für die kommende Saison ist gebucht, die Anzahl der Eier in der Diskussion mit dem Partner, und spätestens in der Woche nach dem Einzug wird er losgehen: Der Run auf nestgeeignete Zweige und Polstermaterial.
Und trotzdem ist es friedlich am Himmel, staut sich nichts beim Umfliegen der Gewitterwolke, sind sie im perfekten Formationsflug unterwegs, einschließlich synchronisiertem Flügelschlag, unter perfekter Einhaltung der vorgegebenen Fluggeschwindigkeit.
Und die selbsternannte Krone der Schöpfung? Die schafft es nicht einmal über das Kamener Kreuz zu fahren, über einen Weihnachtsmarkt (oder auch nur durch einen Supermarkt) zu gehen, ein Konzert zu besuchen oder 90 Minuten lang Fußball zu spielen (und dabei haben die 22 Hänslein auf ihren 10 Quadratkilometern (kein Witz, 120x90m) eigentlich ausreichend Platz zur Verfügung), ohne ständig übereinander zu stolpern, ineinander zu rempeln oder sich sonstwie zu verletzen. Bekanntlich sterben bei Massenpaniken zumeist mehr Leute an ihren alles niedertrampelnden Mitflüchtern als an dem Ereignis, das die Flucht ursprünglich ausgelöst hat. Menschen sind eben nur bedingt herdentauglich. Sehr bedingt.
Würden Pferde so fliehen, bräuchten die Schakale, die sie jagen, ganz einfach nur „Buh!“ zu rufen und danach die herumliegenden Kadaver aufzusammeln; Vögel, die beim Fliegen ständig ineinanderrasseln, würden vom Himmel fallen wie Kamelle beim Karneval in Köln und somit Bandnamen wie „Abstürzende Brieftauben“ erklären. Dass es Katzen und Hunde regnet, habe ich in England des öfteren erlebt, „Es regnet Haubenlerchen“ oder Blaumeisen, oder Klapperstörche, das wäre mir neu. Und sicher nicht besonders angenehm, zumal Störche ziemlich spitze Schnäbel haben.
Offensichtlich fehlt uns etwas, über das andere Herdentiere verfügen: Die Fähigkeit, aufeinander zu achten, zu gucken, was um uns herum passiert, und aufeinander ein- und zu verlassen, anstatt das eigene Leben zu retten und blind durch die Gegend zu pesen wie die Schlümpfe, wenn Gargamel das Dorf entdeckt.
Wenn Menschen irgendetwas synchron veranstalten wollen, dann brauchen sie dazu gewissermaßen
einen Taktgeber. Am besten jemanden, der vor ihnen steht und mit einem Taktstock herumfuchtelt, idealerweise damit auf den Boden schlägt, dass die Bude wackelt, denn auf hörbare Schläge reagieren wir erwiesenermaßen besser als auf Lichtsignale oder Handzeichen. Früher waren Taktstöcke deshalb auch noch groß und schwer und zum Herumdonnern geeignet, eher so, wie man sie heute noch von Spielmannszügen kennt. Damit aufgehört hat man übrigens nicht, nachdem sich der liebe Herr Lully das Ding in den eigenen Fuß gerammt hat und kurze Zeit danach an den Verletzungen verendet ist, sondern als Carl Maria von Weber im Jahr 1817 erstmals auf die Idee kam, es müsse auch mit einer Taschenversion funktionieren. Vielleicht hatte er ja keine Lust mehr, ständig so einen schweren Brecher mit sich herumzuschleppen, vielleicht fand er das kleine Dig aucj ganz einfach praktischer, wenn es darum ging, weitere musikalische Eigenschaften, wie Sanftheit, leises Hineinschleichen in die Töne oder einen lauten, wirkungsvollen Tuttieinsatz anzuzeigen, denn die Rolle des Dirigenten hatte ihre eigene Evolution hinter sich gebracht und war längst überdas bloße Taktgeben hinausgewachsen.
Dabei war Lully übrigens nicht der Einzige, der sich mit seinem eigenen Taktstock erstach: Steven Sloane, der Dirigent der Bochumer Sinfoniker, rammte sich seinen (modernen kleinen) Zauberstab bei einer Probe im Jahr 2012 volle Kanne in die Hand und musste daraufhin operiert werden. Offensichtlich schaffen wir Menschen es zuweilen nicht einmal unsere eigenen Körperteile halbwegs zusammenstoßfrei zu bewegen, und das, wo der Dirigent das Taktgefühl doch eigentlich gepachtet haben sollte und unser Rhythmusempfinden sich allem Anschein nach (wie die meisten Dinge, die mit dem Ohr in Zusammenhang stehen) direkt aus dem Gleichgewichtssystem entwickelt hat. .
Deswegen sind unsere Bewegungen auch direkt an einen Rhythmus gekoppelt, zucken schon Säuglinge rhythmisch mit den Gliedern, wenn sie Musik vorgespielt bekommen, geraten wir ins Stolpern, wenn wir sozusagen „aus dem Takt“ kommen.
Das Phänomen der still sitzenden Menschen, die Musik hören, ohne den „Beat“ auch mit ihren Körper zu fühlen, scheint übrigens auf unsere westliche Musikkultur beschränkt zu sein. Irgendwann im Laufe unserer Kindheit wird uns das musikalische Gezappel und Geschwinge wohl aberzogen und damit nehmen die Probleme ihren Lauf, denn nicht nur die Musik, auch Sprache selbst hat ihren Rhythmus. Wörter, Betonungen, Laute, all das verkäme zu einem unverständlichen Geleiere, wären wir nicht in der Lage, entsprechend zu betonen. Und damit machen wir mal wieder einen kleinen Sprung ins Tierreich: Wer kein Rhythmusgefühl hat, kann auch nicht tanzen, richtig? Und nun zur Preisfrage: Können Tiere tanzen? Und wenn ja: Welche?
Dass das Rhythmusgefühl mit dem Gleichgewichtssinn und somit auch dem Gehör verbunden ist (denn genau dort sitzt ja unser Gleichgewichtssinn), haben wir bereits abgehakt. Auch das Sprachzentrum spielt eine Rolle. Und da haben wir auch schon unsere Antwort: Tiere haben nur dann ein Rhythmusgefühl, wenn sie Rhythmen auch als wichtigen Bestandteil der Lautäußerung benötigen. Und dazu zählen vorrangig die Tiere, die andere Geräusche und Sprachen imitieren können, denn genau das funktioniert nicht, wenn man die Rhythmen nicht mit übernimmt. Daher sind Vögel auch die besten Tänzer, und ganz besonders die Arten, die Geräusche imitieren können, also Beos und Papageienvögel. Dieser Kerl hier machte gleich mit einer ganzen Serie von Tänzen Furore, während jener Piepmatz weiß, an welchen Stellen eines Musikstücks sein Einsatz kommt. 
Übrigens ist die Verbindung zwischen Rhythmik und Sprache so eng, dass Kinder, die Schwierigkeiten zeigen, einen Takt zu halten oder ein Lied durch rasseln oder trommeln zu begleiten, in der Schule häufiger Auffälligkeiten beim Lesen und Schreiben zeigen. Teilweise wird sogar darüber nachgedacht, Lese-Rechtschreibschwächen vorzubeugen, indem man die rhythmischen Fähigkeiten von Kindern schon früh fördert. Dass diese sich erlernen und durch Üben eklatant verbessern lassen, sieht man übrigens daran, dass Kinder aus Kulturen, in denen die Musikstücke rhythmischer und Percussionsintrumente verbreiteter sind (südamerikanische Staaten beispielsweise), erheblich seltener „rausfliegen“, wenn es darum geht, irgendwo mitzuklatschen.
Nun mag man meinen, die Klatscherei stelle kein Problem dar und sei vollkommen unabhängig von jeglicher Vorbildung sofort ausführbar, immerhin schaffen es ganze Fußballstadien zu einem festen Rhythmus zu klatschen, zu skandieren, zu singen, und dies tatsächlich ohne weitere Instruktionen. Insofern schaffen wir es tatsächlich, uns aneinander anzugleichen, andererseits gibt es durchaus Menschen, die steif und fest behaupten, nicht tanzen zu können, da sie keinerlei Rhythmusgefühl besitzen. Ganz ehrlich: Ich halte mindestens drei Viertel dieser Geschichten für absolut dumme Ausreden, um nicht tanzen zu müssen, was allerdings weniger mit einem fehlenden Rhythmusgefühl zu tun hat, als vielmehr mit der Tatsache, dass Männern die Koordination ihrer Bewegungen wesentlich schwerer fällt als Frauen (Arme und Beine gleichzeitig zu bewegen und dabei darauf zu achten, niemanden über den Haufen zu walzen ist gewissermaßen Multitasking und bedarf der Übung), es gibt allerdings (genau wie es die Anhedonie gibt, bei welcher man einen Trauermarsch und ein Tanzlied als gefühlsmäßig gleich nichtssagend beschreibt, weil ganz einfach die Fähigkeit fehlt, Gefühle mit bestimmten musikalischen Strukturen zu verbinden), ein Krankheitsbild, welches sich kongenitale oder angeborene Amusie nennt und tatsächlich bedeutet, dass jemand absolut unfähig ist, auch nur einen Grundschlag aus der Musik herauszuhören, die gerade läuft. Zwar sind diese Menschen zumeist durchaus in der Lage, mit dem Fuß mitzuklopfen, wenn man ihnen ein Metronom vor die Nase stellt, sobald jedoch weitere musikalische Elemente dazukommen, ist es Essig mit dem rhythmischen Fußwippen. Dass nun ausgerechnet der eigene Tischherr bei einer Tanzveranstaltung zu den vermutlich weit unter 4% der Weltbevölkerung zählt, die tatsächlich nicht tanzen können, ist allerdings schon sehr unwahrscheinlich. Statistisch gesehen wäre es um einiges wahrscheinlicher, jemanden zu erwischen, dessen Nase das Ergebnis einer Schönheitsoperation ist (das sind immerhin 8% der Männer). Aber wenn man rein nach der Statistik geht, essen auch 15% der Männer ihre Popel oder haben dies zumindest schon einmal getan.... vielleicht wäre es am sichersten, den Herrn mit einer guten Ausrede mit sich, seiner Amusie und seinen Popeln alleine zu lassen, sich ein Taxi zu rufen und schnellstens nach hause zu fahren. Vielleicht kann man ja am nächsten Abend mit der besten Freundin tanzen gehen. Frauen haben das Problem mit dem Rhythmus nämlich bedeutend seltener. Und das größere Sichtfeld (zwecks Zusammenrasselns) haben sie auch. So gesehen: 1-2-3-4, ich geh tanzen, was macht ihr?

 Statistisch gesehen gibt es auch viel mehr Katzen in diesem Haus als Menschen... eigentlich ein Wunder, dass ich häufiger auf Fotos zu sehen bin, obwohl es mich doch nur einmal gibt... oder machen die Katzen ihre Arbeit vielleicht hinter der Kamera und schießen die Bilder?

You make me feel like dancing....

                                                                        Kaninchengucken




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