Dienstag, 3. Mai 2016

Rock me, Johann Sebastian - braucht man Bach, um Pop zu machen?




Es geschah während eines Blockseminars an einem Wochenende: Eine Teilnehmerin, die selbst in der Popbranche tätig ist, und ich gerieten mitsamt Dozenten (die arme Socke, der hatte es sicher nicht leicht mit uns) in eine Diskussion über die Frage, ob man Musiker wie Bach getrost in die Tonne kloppen kann, wenn man nur vorhat, sich mit Popularmusik zu beschäftigen, oder ob der Herr B. Auch in diesem Fachbereich die Grundlage für alles ist.
Meine Einstellung zu diesem Thema dürfte der geneigten Leserschaft mittlerweile ja hinlänglich bekannt sein: Meiner Meinung nach kann man vermutlich nicht einmal vernünftig husten oder schnarchen, wenn man die Grundlage, also den Johann Sebastian, nicht verinnerlicht hat. Meine Gesprächspartnerin sah das Ganze etwas anders und der Herr Analyselektor (Amboss, der Analysator...für alle die, die die Ottofilme noch kennen) saß zwischendrin, lauschte unserer „Argumentation“ („Ohne Bach und Werckmeister hättet ihr nicht mal alle Tonarten!“ „Hör auf, mich überzeugen zu wollen! Du Bach-Groupie!“) und blickte irgendwann nur noch von einer zur anderen. Verzweifelt. In schiss-Moll.
Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, sobald ich die Haustüre hinter mir geschlossen hatte, alles herauszukramen, was in den Bereich der Popmusik fällt, aber auf meinem „Schwiegervater“ (wie J.S. Bach mir gegenüber zuweilen bezeichnet wird, weil ich ja so für seinen Ältesten schwärme) beruht, und die Ergebnisse schnellstmöglich, mit zahlreichen hämisch grinsenden Smileys versehen, durch das Internet in ihre Richtung zu jagen, aber mit dieser Fülle von direkten Zitaten hätte ich dabei tatsächlich selbst nicht gerechnet.
Was dies betrifft, hätte ich viel eher auf Kontrapunkt, Fugato im Jazz, Improvisationstechniken, typische Harmoniefolgen oder ähnliches getippt, aber wie häufig man dem guten Mann doch tatsächlich mehr oder weniger im Original begegnet, das hat mich selbst überrascht.
In diesem Beitrag hatte ich die Progressive-Rock-Band Vertreter Ekseption je bereits erwähnt und eines ihrer Videos nebst Toccata und Fuge in d-Moll BWV 565 verlinkt (jup, das war das mit den geblümten Printleggins), dasselbe Stück fand allerdings auch weiterhin Verwendung im Bereich der populären Musik:
2 Unlimited gehört jetzt so ungefähr zum letzten Kader, bei dem ich erwartet hätte, etwas von Bach zu finden, und die Kostümierung finde ich gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig (dieser Po gleich zu Beginn.... * schüttel * … Leggins scheinen bei bachorgelnden Männern offenbar große Mode zu sein. Der Herr Sagichnicht behauptet zum Glück von sich selbst, kein großer Organist zu sein, daher wird mir sein Anblick in glänzenden Gymnastikhosen vermutlich erspart bleiben), aber den Bach hat er drauf, da kann man nichts sagen! Klick hier!
Wem Ekseption und die beiden Grenzenlosen noch nicht reichen, der kannsich das Ganze auch (etwas langsamer) bei Sky anhören, auf der E-Gitarre bekommen wir es hier unter dem etwas irreführenden Titel „Dracula-Theme“ vorgesetzt  (da muss ich wohl den einen oder anderen Film verschlafen haben) und, ich muss zugeben, die Gitarre „fegt“ (wie die Schweizer zu sagen pflegen), allerdings gibt es auch eine ganze Menge weiterer Stücke, die es in die Charts geschafft haben.

Bachs „Jesu bleibet meine Freude“ ist sowohl Bestandteil von „LadyLynda“ der Beach Boys  als auch von Apollo 100s Song „Joy“ (der nicht umsonst so heißt, immerhin nennt sich die Kantate in der englischen Übersetzung „Jesu Joy of man's desiring“), wobei die Apollo-Version definitiv mehr rockt als die lahme Beach-Boys-Variante. Wer die beiden Bach-Adaptionen im Kontrast hört, kann nachvollziehen, dass sich der 2. Leadsänger der Strandjungs, Brian Wilson, der Legende nach eines Tages einfach ins Bett legte und ein gesamtes Jahr in den Federn verbrachte. Wenn ich mir Lady Lynda anhöre, möchte ich jedenfalls dasselbe tun. Schlaf gut, Brian.

Verwirrend wird es, wenn es um die Menuette geht, insbesondere diejenigen, die sich zwar in Anna Magdalena Bachs Notenbüchlein befinden, aber, wie man heute zu wissen glaubt, nicht von Bach stammen. Wobei man, was dieses Notenbuch betrifft, ohnehin feststellen muss, dass da nicht der nette Sebastian allabendlich herumgesessen und seiner Ehefrau Liebesbezeugungen in Form von
kleinen Musikstücken geschrieben hat, so wie andere Männer (mein ehemaliger Professor für historische Musikwissenschaft beispielsweise) ihrer Frau abends Gedichte vorlesen oder andere Rituale pflegen, sondern das Ding wohl von sämtlichen Familienmitgliedern genutzt wurde, um schnelle Ideen zu notieren, bestimmte Kompositionstechniken zu üben, das begonnene Stück eines Bruders, einer Schwester oder eines Elternteils zu vervollständigen...die Urheberschaft innerhalb der Bachfamilie zu klären, würde einen Gema-Inspektor vermutlich in den Selbstmord treiben. Jedenfalls wird das Menuett in G-Dur , von dem hier die Rede ist, nicht nur von den Toys verarbeitet (und dabei in einen vieltanzbareren 4/4-Takt gesetzt), was ich ja längst hier beschrieben hatte, sondern (wie ich selbst erst vor ein paar Stunden erfahren musste) in einer deutschen Version endgültig zu Tode geprügelt: 

Love is all you need von den Beatles klingt nun wieder so gar nicht nach Bach, nicht wahr? Obwohl ein Mann, der es geschafft hat, 20 Kinder in die Welt zu setzen, das vielleicht sogar zu seinem Familienmotto hätte machen können, nur leider hieß das ja schon Soli Deo Gloria... jedenfalls scheint der Song zunächst meilenweit vom Bachschen Repertoire entfernt zu sein. Hört man sich in dieser Aufnahme ab etwa 2.55 die Trompetenstimme aber etwas genauer an, so befindet man sich ganz plötzlich hier, wobei es der Hörer bei einem Stück, das die Liebe besingt, jedoch mit der Marseillaise beginnt, vermutlich aufgegeben hat, sich zu wundern. Eingeworfen haben die Beatles zu diesem Zeitpunkt ja ohnehin alles mögliche,da ist ihnen der eine oder andere Johann Sebastian zwischen all den Rosa Elefanten und bunten Farben vermutlich gar nicht mehr aufgefallen.

Der absolute Hammer unter den Bachstücken scheint jedoch das Air auf der G-Saite (aus der 3. Orchestersuite BWV 1068) zu sein.... in diesem Fall hätte ich zwar nicht eine gute und eine schlechte Nachricht parat, wohl aber die eine oder andere gute und schlechte Adaption. Da man ja bekanntlich aufhören soll, wenn es am schönsten, und nicht, wenn es am unerträglichsten ist, beginne ich diesen Reigen mit...(Trommelwirbel)... Helmut Lotti, den ich zuvor (glücklicherweise) gar nicht kannte. Mann, waren das noch Zeiten. Jetzt bin ich sozusagen verdorben und werde mir das Air niemals wieder anhören können, ohne diese Bilder und Töne im Kopf zu haben: Jeder soll singen, was er will, aber in diesem Fall, da bin ich mir sicher, hätte Johann Sebastian dem Herrn Lotti die Schnüss poliert. Und, ganz ehrlich, ich hätte vermutlich applaudiert.
Den meisten von uns dürfte die folgende Version bekannt sein, die es im Jahre 1997 in die Top Ten in Österreich, Belgien, British Columbia, Finnland, Frankreich, Irland, Norwegen und was-weiß-ich wo noch alles schafften: Sweetbox, „Everything's gonna be alright“. Netterweise wird J.S. Bach hier übrigens als Komponist gelistet.Immerhin etwas, wenn er schon keine Tantiemen dafür einstecken konnte.
Etwas älter, aber nicht minder bekannt dürfte wohl „A whiter Shade of Pale“ von Procol Harum sein, der zunächst 1967 erschien und danach selbst unzählige Male gecovered wurde.
Gehen wir jedoch an den Anfang der weißeren Blässe zurück, so bemerken wir einen weiteren Umweg, den die Musik genommen hat: Procol Harum wurden nämlich gar nicht direkt von Bach inspiriert, sondern vielmehr von ihrem Kollegen Percy Sledge, der das Air ebenfalls verbraten hatte, allerdings weitaus weniger auffällig: „When a Manloves a Woman“ basiert nämlich ebenfalls auf der Akkordfolge dieses Stückes. Als Procol Harum dies hörten, dachten sie sich wohl „Geil, das machen wir auch, aber wir haben eine Hammond-Orgel, also machen wir es richtig!“ und legten los.
Zusätzlich zum Air verarbeiten sie in diesem Stück übrigens auch noch den Eingangschor aus „Wachet auf ruft uns die Stimme“, aber das würde jetzt zu weit führen.
Der Song wurde ein Riesenhit, Bach konnte sich keinen Blumentopf dafür kaufen, und das Stück wurde unzählige Male gecovered, unter anderem im Jahre 1985 von der wunderbaren Annie Lennox,  einer der ganz großen Damen im Popgeschäft, wobei ich aber doch anmerken muss, dass mir die Kostümierungen ein Rätsel sind: Annies Pierrotklamotte entstammt einer Zeit, die Bach zwar nicht mehr bewusst erlebt haben dürfte, aber noch stark in die Denkweise seiner Zeit hineinspielte: Die Pierrotfigur gehört zum Standardrepertoire der im 16. Jahrhundert entstandenen Commedia Dell' Arte, kam allerdings erst relativ spät hinzu und schaffte es (im Gegenzug zu Dottore oder der Colombina) irgendwie, sich samt Maske in die heutige Zeit hinüberzuretten. Die Fozzy-Bär Kostümierung der Instrumentalisten im Hintergrund entstammt wohl eher der Muppet-Show, aber hey, es waren die 80er und da war irgendwie alles erlaubt, solange es Tiefgang suggerierte.
Jedenfalls hätten wir auch hier wieder ein Beispiel für einen Bachcoversong, der seine ganz eigene Entwicklung durchmacht. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Hammondorgel-Zeit mittlerweile als der Elterngeneration zugehörig empfunden wurde und somit der Vergangenheit angehörte, aber deren deutliche Zurücknahme zugunsten der Basses ist nicht zu überhören.
Beinahe keine Rolle mehr spielt sie zumindest als Intro in dieser Versionvon Joe Cocker, was der Theorie widerspricht, das Orgelintro sei prägend für den Song gewesen. Aber dafür hat er 3 Damen mit Katzengesang und schimmernden Gymnastikleggins auf die Bühne, und das ist ja immerhin auch nicht zu unterschätzen.

Die norwegische Band Titanic wiederum schnappte sich ihrerseits „A whiter Shade of Pale“ und verarbeitete diesen selbst aus einer Verarbeitung eines verarbeiteten Originals entstandenen Song weiter zu einem ihrer bekanntesten Stücke: „I see no Reason“.  Auf diese Weise reist unser Bach-Air mal eben um die Welt und durch die Zeit...vielleicht war das ja gar keine Orgel, die Bach in Halle damals abgenommen hat, sondern eine Art Tardis, deren Chamäleonmechanismus damals noch funktionierte und die Form eines Tasteninstrumentes annahm, man weiß es nicht. Rein von der Bedienung her scheinen mir die neiden Geräte ja nicht unähnlich zu sein... Bach der TimeLord? Eine Vorstellung, die ich persönlich sogar ganz schön finde: Dann st er vielleicht gar nicht gestorben, sondern sitzt gerade irgendwo zuhause auf Gallifrey, trinkt sein Schälchen Heesn und ersinnt neue Melodien, die er nachts heimlich irgendwelchen Musikern ins Ohr flüstert, die am nächsten Morgen erwachen und denken „Hey, hab ich heute Nacht von einem coolen Song geträumt! Den muss ich gleich mal aufschreiben, noch bevor ich mir Kaffee mache....“


 Leute... ernsthaft.... Schnee? Jetzt noch? Das kann doch wohl nicht wahr sein...
meine armen Schlüsselblumen!

 So sieht es übrigens aus, wenn ich Bilder mache... die Softboxen schummeln so viel Tageslicht in den dunklen Alltag, dass ich sie hinterher zuweilen noch ein bisschen anlasse und mich sommerlich fühle.


 Und wenn es draußen schon lauter blöden Schnee hat, dann gibt es drinnen wenigstens Tee und Porridge mit Obst!

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