Dienstag, 17. Mai 2016

Ring, Ring... von Tinnitus und Smetana und anderen störenden Nebengeräuschen



Wenn ich heute zurückdenke, bin ich ja fast der Meinung, als junges Mädchen kurz vor dem Abitur ein geregeltes Leben ohne allzuviel Stress geführt zu haben. Aber vermutlich ist das nur die Blödheit des Alters, das da aus mir spricht. Klar, Mietsorgen hatte ich damals nicht, auch mein weiteres Leben war einigermaßen überschaubar, zumindest, was die folgenden Jahre (Abi, Studium, notwendige Auslandsaufenthalte) betraf, meine Eltern gab es beide noch und Falten hatte ich auch noch keine aufzuweisen. Trotzdem wachte ich eines Morgens auf und erlebte den Beginn der großen Gregorianik in meinem Kopf, die mich noch einige Wochen lang begleiten sollte: Alles, was an akustischen Geschehnissen um mich herum vorging, hörte ich mehrstimmig. Gespräche zu führen, war wie ein terzverschobenes Parallelorganum, eine Art Antiphon (er singt, sie singt), bei dem ich jedesmal versucht war, ein Alleluja anzuhängen, um dem ganzen einen würdigen Abschluss zu verleihen. Nach ein paar Tagen wurden aus 2 dann 3 Stimmen und wieder ein paar Tage danach hielt ich meine Diagnose in der Hand. Hörsturz.

Seitdem glauben meine Ohren, mich ärgern zu dürfen. Vielleicht, weil ich damals gemerkt habe, wie wichtig sie mir waren und sie sich nun in Sicherheit wiegen konnten, dass ich niemals einen Van-Gogh abziehen und sie hinauswerfen (oder wahlweise, wie der gute Vincent, in Papier einwickeln und an meine große Liebe schicken) würde. Je nachdem, wie ich oder sie so drauf sind, piepsen sie mir gerne mal etwas vor, jammern bei allem, was sich schön anhört „Also weißt Du, Fröken, das ist vieeel zu laut!“ und finden es offensichtlich lustig, vorzugsweise dann, wenn man sich auf Geräusche konzentrieren möchte, die große Charles-Ives-Klangcollage in meinem Kopf anzuwerfen.


Dass der Tinnitus ein A******och ist, wusste schon Friedrich (wahlweise Bedrich ) Smetana, der seinen eigenen Tinnitus mit den folgenden Worten beschrieb: "Die größte Qual bereitet mir das fast ununterbrochene Getöse im Inneren, das mir im Kopf braust und sich bisweilen zu einem stürmischen Gerassel steigert. Dieses Dröhnen durchdringt ein Gekreisch von Stimmen, das mit einem falschen Zischen beginnt und bis zu einem furchtbaren Gekreisch ansteigt, als ob Furien und alle bösen Geister auf mich losfahren würden."

Teilweise können wir beide uns da die Hand reichen, vor allem, wenn ich mich wieder einmal in einer akuten Stressphase befinde (nun raten wir alle ein mal ganz schnell, weshalb ich ausgerechnet jetzt mit ausgerechnet diesem Thema um die Ecke komme? Jup, Volltreffer!), teilweise muss ich jedoch sagen, dass ich ganz froh bin, dass die Regeln der Gastfreundschaft innerhalb des Innenohres nicht gelten und Smetanas Tinnitus nicht mein Tinnitus ist.
 

Von der Tonhöhe her hört sich mein Ohrgeräusch sich an wie Grillen an einem Sommerabend. Wenn ich gestresst bin, nenne ich das Ganze auch mal gerne „Walhalla“, weil dann das große Hallen beginnt (mal rein ausgehend von dem Echo, das innerhalb meines Kopfes möglich ist, scheine ich da drin also eine ganze Menge Platz zu haben... da hat wohl wieder mal jemand das ganze Stroh verbraucht, ohne neues zu bestellen...), was die Zikaden mit ihrem Gezirpe betrifft, haben wir uns einigermaßen arrangiert, das ist auch eine ganz große Frage der Konzentration, Echo finde ich allerdings nur in der allegorisierten Form bei Purcell wirklich gut. Musikalisch wurde das Phänomen selten so wunderbar umgesetzt: Hier und hier.

Den Tinnitus in einem Musikstück zu verbraten, das schaffte der genannte Bedrich in seinem Streichquartett Nr. 1 „Aus meinem Leben“  – oder viellleicht doch eher „Aus meinem Innenohr“, wobei der Tinnitus ja gar nicht dort entsteht, weshalb es sich als ziemlich sinnlose Selbstverstümmelungsmaßnahme herausstellte, dass sich Menschen, die ihren Tinnitus nicht mehr ertragen konten, früher den Hörnerv operativ durchtrennen ließen. Sie waren danach zwar einerseits taub, hatten aber andererseits den dämlichen Tinnituston weiterhin im Ohr. Die ganze Prozedur war also ungefähr so effektiv, wie sich Botox in die Sehnerven zu spritzen, um einen bestimmten Typen in wiederkehrenden Träumen nicht mehr sehen zu müssen.

Wie Tinnitus entsteht, versteht man besser, wenn man sich mit der Idee der sensorischen Deprivation auseinandergesetzt hat (hier schon einmal behandelt), in der Kurzform: Wie sind weit mehr auf unser Gehör angewiesen, als wir glauben mögen. Die meisten Menschen glauben, mit Taubheit besser umgehen zu können, als mit Blindheit, was vermutlich damit zusammenhängt, dass sich unsere Kultur nur deshalb in dieser Form entwickeln konnte, weil wir irgendwann aufgehört haben, uns auf mündliche Überlieferungen zu verlassen und unsere Geschichte verschriftlicht haben. So brauchte man nicht immer alles von neuem zu erzählen oder nach jemandem zu suchen, der sich mit der ganzen Misere auskannte, vor der man gerade verzweifelte, sondern konnte sich Notizen machen, eine Bibliothek besuchen oder mal eben schnell bei Wikihow nachschlagen, wie das mit dem Eintreten einer Türe oder dem Spielen des Cembalos, das ohne Verschriftlichung der Musik in Notenform auch eine ganz andere (nicht unbedingt schlechtere) Spiel- und Improvisationspraxis erleben würde) nochmal funktioniert hat. Jup, in den letzten Jahrhunderten ist die Wichtigkeit unseres Sehvermögens grandios angestiegen. Dass das Gehör allerdings, was das nackte Überleben angeht, eine mindestens ebenso große, wenn nicht sogar viel größere Rolle spielt, zeigt schon die Tatsache, dass wir unsere Augen schließen können, unsere Ohrn aber nicht. Was uns nachts weckt und unter Umständen das Leben rettet, weil die Bude brennt oder ein Säbelzahntiger zu Besuch gekommen ist, das ist unser Gehör. Oder hat schon einmal jemand versucht, einem Schlafenden so lange Photos unter die Nase zu halten, bis derjenige davon erwachte?

Auch was die Reichweite betrifft, so sind wir aufgeschmissen, sobald wir uns nur auf unsere Augen verlassen: Sofern wir nicht gerade wie Polykrates auf unseres Daches Zinnen stehen und auf das beherrschte Samos hin schauen, oder irgendwo im Mastkorb auf dem Ozean vor uns hinschaukeln, ist unser Sichtfeld vermutlich nicht besonders groß. Ich sitze hier gerade auf meinem Bett und starre die Gegenüberliegende Wand an. Nach 3 Metern ist also Schluss mit dem Sehen, was sich dahinter befindet, kann ich nicht sehen, wohl aber hören, was wieder einmal zeigt, wie unterschiedlich der Terminus „Zimmerlautstärke“ ausgelegt werden kann. Jedenfalls hören wir hinter Wände und Bäume, über weite Strecken hinweg, wir hören, was hinter uns ist, was sich gerade von ferne nähert, was direkt neben uns wummert und was sich von uns entfernt. Wir höre die Autobahn, die 7 km von unserem Schlafzimmer entfernt ist und die Katze, die sich schnurrend unter dem Bett versteckt. 

Und wenn wir nichts hören, weil uns jemand den Ton abgedreht , uns in eine schalldichte Kammer gesperrt, oder unsere Hörzellen überstrapaziert hat, dann denken sich unsere Zellen eben einfach Geräusche aus. Ihnen ist also schlichtweg langweilig und sie wollen wieder mitspielen dürfen. Sind nun nur bestimmte Zellen geschädigt, dann mauscheln die sich so durch, indem sie entweder bei heilgebliebenen Zellen in der Umgebung anklopfen und nachfragen, was denn gerade so läuft (Antwort heile Zelle: „456 Hz und bei Dir so?“ Geschädigte Zelle: „Oooch nix... naja, ich geh dann mal wieder...hey, Gehirn, ich hab ne Info für Dich: Hier wurden eben 456 Hz gemeldet. Bin ich jetzt Dein Star? Immerhin hab ich das zuerst gemeldet!“). Als Folge sind dann entweder diese Frequenzen im Gehirn überrepräsentiert und werden dann auch entsprechend laut weitergegeben ( → das berühmte Pfeifen im Ohr), oder die Zellen lügen ganz einfach was das Zeug hält und geben ihre bisherigen Informationen (jede Hörzelle ist immer nur für einen bestimmten Frequenzbereich zuständig, die kleinen Eumel sind leider nicht multitaskingfähig) so weiter, als würden sie sie immer noch hören, wobei sie ganz einfach raten müssen, ob das Gepiepse nun tatsächlich präsent ist. Und unsere armen grauen Zellen wissen zwar ganz genau, dass irgend etwas im Busch ist, müssen aber trotzdem versuchen, den Laden irgendwie am laufen zu halten und erzählen dem armen Hörer daher einen vom Pferd. Oder von der Rassel. Und bei der Märchenstunde sind sogar Gehirnareale beteiligt, die zunächst einmal gar nichts mit dem Hörphänomen zu tun haben, aber unbedingt auch mitspielen wollen, weshalb das Ganze so effektiv zu sein scheint. "Viele Hände, schnelles Ende" sagt man ja nicht umsonst. Im Tinnitusfall wäre das dann wohl "Viele Zellen, lautes Bellen!" ... die Zusammenarbeit beim chronischem Phantomhören  funktioniert in diesem Fall ungefähr genauso, wie die Verarbeitung von chronischen Phantomschmerzen. Ausgehend davon, wie viele Zellen da plötzlich kommunizieren und sich einen Spaß daraus machen, Unwahrheiten zu verbreiten, plädiere ich dafür, den Tinnitus ab sofort in "Akustisches Mobbing" umzubenennen und im Gehirn strafrechtlich zu verfolgen.
Dann hätte er wenigstens Schadensersatz bekommen, der gute Smetana, mit seinem von einem Gekreisch von Stimmen durchdrungenen Dröhnen. Schön klingt vermutlich anders, aber, je länger ich mir das Streichquartett anhöre, desto eher wäre ich bereit, vielleicht doch mit Smetana zu tauschen. Denn insgesamt klingt es doch wieder ziemlich schön. Man muss so einen Tinnitus also nur in den passen tonalen Kontext setzen, dann ist sogar ein Pfeifen im Ohr Kunst. Ziemlich tolle sogar.


                        Es ist nichts wirklich kuschelig oder bequem, 
                       solange der Bauch nicht angewärmt wird.
                    Watt will'se, Zweibein? Bleib so liegen, ich rühr mich jetzt nicht!

 Das Medikamentenarsenal gehörte einem Meerschweinchen, das den Kampf leider verloren hat. Es ist auch nicht immer alles schön im Finemangtal.
 Dafür darf man sich dann ab und zu auch wieder aufbrezeln und in die Oper fahren.




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