Samstag, 16. April 2016

Wie von der Tarantel gestochen - magische Tänze und Heilgesang



Inzwischen ist es schon wieder einige Jahre her, da lebte einmal ein Fröken im schönen Bayern, hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, irgendwo zwischen Wedding, Kissing und Petting (ja, diese Orte gibt es nicht nur wirklich, sie lagen auch tatsächlich auf dem Weg) und ließ sich gesundpflegen. In Bayern steht nämlich nicht nur ein Hofbräuhaus, da gibt es auch eine Rehaklinik, und in eben dieser begab ich mich unter anderem allwöchentlich zur Tanztherapie. Die geführten Bewegungen zur Musik sollten uns zwar vornehmlich wieder beweglicher machen, aber auch ein Gefühl für den eigenen Körper vermitteln, das über das bloße Wissen, wie weit man seinen Arm verrenken kann, ehe es irreparabel knackt, hinausgeht. Wer tanzt, geht nicht nur an die Grenzen der Beweglichkeit, er muss auch lernen, seinem Körper zu vertrauen und ein klein wenig von seiner Selbstkontrolle aufzugeben. Zumindest, solange er die Musik spüren und sich intuitiv dazu bewegen soll. Im klassischen Tanz ist es natürlich Essig mit der Aufgabe irgendwelcher Körperkontrolle. Wer sich da bewegt, wie er gerade lustig ist, schubst möglicherweise sämtliche kleinen Schwänchen von der Bühne oder vergisst, die Arme zum Fangen auszustrecken, wenn sich die Partnerin vertrauensvoll durch die Luft fallen lässt, was vermutlich bedeutet, dass er sich seine Vertragsverlängerung sonstwohin schieben und in der nächsten Spielzeit kellnern gehen kann. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden, wie Michael Ende sagen würde. Und zum Thema Improvisation habe ich mich bereits hier geäußert.

Dass Musik und Genesung unmittelbar zusammenhängen, ist nicht unbedingt etwas Neues, und dass Tanzen als Körpererfahrung auch und gerade bei psychischen Erkrankungen und Körperwahrnehmnungsstörungen eine wunderbare Sache sein kann, zeigt nicht nur die Tatsache, dass unsere Tanztherapiegruppe zu über 50% aus Patienten mit Essstörungen bestand; jeder Mensch, der sich Freitagsabends zappelnd über die Tanzflächen der Innenstädte bewegt, um sich einmal so richtig auszutoben, reinigt vermutlich auch ein Stück weit seine Seele.

Die Heilkraft der Musik findet sich in der Bibel, wenn David seine Harfe spielte, bis sich Saul, der sich mit seiner Aufgabe als König Israels (eigentlich war er ja nur als Fürst vorgesehen worden) zunehmend überfordert sah und unter depressiven Verstimmungen und Heimsuchungen (neueren Forschungen zufolge vielleicht auch unter epileptischen Anfällen) zu leiden hatte, wieder beruhigt hatte und wieder Licht sah im Dunkel seiner Seele. Auch getanzt wurde gerne im Hause Davids, was allerdings (vielleicht aufgrund der Nähe zu Trancetänzen, wie wir sie aus dem Derwischbereich kennen) nicht immer besonders gut ausging. Und dass wir unsere heutige überlieferte Kunstmusik den Tempelgesängen alter Kulturen verdanken, zeigt den Zusammenhang zwischen Musik und Mystik, Klang und Seele.

Wer sich mit den Lehren der Veden beschäftigt, wird Mantragesänge kennengelernt haben, die bekannteste Silbe der tibetischen Meditation (Om) hat ebenfalls die Aufgabe, die Schwingungen im Körper mittels Eigenschwingung auszugleichen und den Meditierenden wieder ins Gleichgewicht und mit der Welt ins Reine zu bringen. Tanz und Kultur, Tanz und Religion, Tanz und Magie?

Vermutlich hat jede Kultur rituelle Tänze in irgendeiner Form im Repertoire, ob es sich nun um Regentänze handelt, um Hochzeitsreigen, Mai- oder auch Kriegstänze. Tänze helfen bei der Anrufung der Götter, halten eine Gruppe zusammen, helfen bei der Meditation und versetzen die besagten Derwische in religiöse Trance.

Geht man davon aus, dass Krankheiten in vielen Glaubensrichtungen auf die schlechte Laune grundsätzlich nicht sonderlich freundlich eingestellter Racheengel, Dämonen oder ähnlicher Wesen, denen man nicht im Dunkeln begegnen möchte, zurückzuführen sind, lässt sich der Glaube, mit Hilfe ein paar hübscher Tanzfiguren oder auch gesungener magischer Formeln etwas ausrichten und den Geist wieder fröhlicher stimmen zu können, durchaus nachvollziehen. Und dazu muss man nicht einmal fremdländische oder untergegangene Kulturen betrachten, das geht auch von zuhause aus: Der altbekannte "Heile-, Heilesegen" ist ein in unseren Breiten recht verbreitetes Beispiel für eine derartige Beschwörungsformel, die uns zu Denken geben sollte: Die meisten von uns, die über die Idee, Krankheiten unter Zuhilfenahme einer Zaubermelodie quasi wegzusingen, eigentlich nur lachen können, saßen schon einmal flennend bei ihren Großeltern auf dem Schoß, um sich durch eben diese Sangesformel von ihren Schmerzen befreien zu lassen. Und -mal ehrlich - es hat geholfen, oder? Spätestens nach 3 Tagen Regen und Schnee tat das aufgeschürfte Knie nicht mehr ganz so weh. Musik ist also quasi Magie für den Hausgebrauch. Sie hilft gegen Schmerzen, gegen Angst (singen im Dunkeln macht Mut), heitert uns auf und hilft sogar gegen Liebeskummer. Zumindest in Verbindung mit einer Tafel Schokolade und einer Flasche Wein. Immerhin leiten sich ja auch beide Begriffe von übermächtigen Zauberwesen ab (Muse und Magus nämlich) und tauchen in vielen Märchen gemeinsam auf: Irische und Walisische Feensagen sind so eine Sache: Feen scheinen eine Menge Zeit zu haben, immerhin treffen sie sich regelmäßig, um auf Waldlichtungen zu tanzen. Macbeths Hexen singen wild fuchtelnd ihre Verse, während sie Kinderfinger und ähnliche Leckereien in ihrem Kochtopf zusammenrühren, sogar Rumpelstilzchen versucht, das Geheimnis seines Namens mittels eines Tanzes um sein Lagerfeuer zu schützen. Wenn auch nicht gerade sonderlich erfolgreich, aber der Typ ist ja ohnehin ein Fall für sich...lässt die schöne Müllerstochter links liegen und holt sich dafür ihr Neugeborenes ins Haus. Was auch immer er damit anzustellen plant.

Ein bisschen eigenartig ist ja auch die Vorstellung des griechischen Arztes Asklepiades (* um 124 v. Chr. -etwa 60 v.Chr.), die Natur sei so ziemlich das Schädlichste, was man seinem Körper zumuten könne. Allerdings hatte der gute Herr auch ein paar sinnvolle Ideen auf Lager und begründete unter anderem den Luftröhrenschnitt, der schon so manches Leben rettete. Bei Geisteskrankheit hatte Asklepiades gleich zwei Mittel zur Hand: Erstens Wasser (Das kann ich nachvollziehen, manchmal möchte man sich abends einfach nur unter die Dusche stellen und alles, was Stress bedeutet, wegduschen)und zweitens Musik. Hätte es damals schon diese spritzwassergeschützten Duschradios gegeben, die man im Badezimmer an die Wand hängen kann, hätte er sicher ein Vermögen mit Merchandising machen können.

Die Krönung der musikalischen Hausapotheke ist übrigens der Taranteltanz. Das Mittel der Wahl gegen die Volkskrankheit des Mittelalters. Tanzwut oder auch Tanzwahn war eine Art hysterisches Gliederzucken, das Menschen dazu brachte, wie angeschossen herumzutanzen, bis sie Schaum vor dem Mund, Rauch aus den Ohren und zehn paar durchtanzte Schuhe hatten und irgendwann bewusstlos zu Boden sanken. Woher die Sache kam, war und ist bis heute nicht vollständig geklärt. Vermutungen reichen von rituellen Zusammenkünften irgendwelcher Sektenmitglieder, die sich sonstwas hinter die Binde gossen und nach Art der Derwische in eine Art Trancetanz verfielen, um Gott, dem Universum oder auch dem fliegenden Spaghettimonster nahe zu sein, über Krankheiten wie Chorea Minor oder ihre große Schwester Chorea Major, die auch unter den Namen Huntington oder Veitstanz bekannt ist ("Chorea" bedeutet übrigens ganz schlicht und einfach "Tanz", was auf die Muskelfunktionsstörungen mit ihren unkontrollierbaren Bewegungen zurückzuführen ist), bis hin zu einer ganz anderen Ursache: Die Tänzer sprangen nicht nur herum, wie von der Tarantel gestochen, sie waren es auch. Zumindest wurde die Apulische Tarantel (fragt mich bitte nicht, ob nun der Ort Tarent nach den dort zahlreich vorkommenden apulischen Wolfsspinnen oder die Spinnen nach ihrem Heimatort benannt wurden, jedenfalls gab es die possierlichen Tierchen dort wohl zuhauf) für die seltsame Tanzeritis (passenderweise Tarantismus genannt) verantwortlich gemacht. Tatsächlich ist die apulische Tarantel ganz einfach nur ziemlich groß und für den Geschmack des typischen Europäers vermutlich auch entsprechend hässlich, weswegen man ihr wenn möglich aus dem Weg ging und sie der Vorsicht halber auch als ziemlich gefährlich verschrie. Zudem sind die kleinen Achtbeiner tagaktiv, so dass man sie auf Spaziergängen über Feld und Wiesen herumkrabbeln sieht. Ein typischer Fall von falscher Zeit, falschem Ort und falscher Körpergröße also, denn der tatsächliche Verursacher hysterischer Gliederzuckungen, die Europäische Schwarze Witwe nämlich, stürzt sich lieber ins Nachtleben und schläft tagsüber friedlich unter Steinen. Nachdem das Gift der schwarzen Witwe auch noch bis zu 2 Tagen brauchen kann, um den Körper zu wildem Gezappel (neurologischen Entladungen) zu animieren, Schaum vor dem Mund (Magenkrämpfe) und allgemeinen Wirrwarr (Migräneanfälle) zu produzieren, und die Witwe mit einer Körpergröße von etwa einem halben Zentimeter (ohne Beine) ein vergleichsweise winziges Spinnchen ist, war der Zusammenhang vielen Betroffenen längst nicht mehr klar, wenn sie zu twisten begannen. So wurde am Ende vermutlich häufiger der Exorzist gerufen, als der Serologe. Und der Tanz, der der ganzen Geschichte entgegenwirken sollte (hier wurde also quasi kontragezappelt), hatte seinen Namen weg: Tarantella. Kleine Tarantel. Eine Tanztherapie der besonderen Art, im 3- oder 6/8 Takt, teilweise unter Zuhilfenahme verschiedentlicher symbolträchtiger Gegenstände, wie Schwerter oder Spieße, die wohl auf den Stachel, beziehungsweise die Beißwerkzeuge der zu unrecht verdächtigten Wolfsspinne verweisen sollten. Ob sie geholfen hat, darüber lässt sich vermutlich streiten. Nachdem Schwitzkuren zu den verbreitetsten Methoden gehörten, Gifte aus dem Körper zu bekommen, und die Tarantella ein Tanz ist, der sich durch Geschwindigkeit und einen starken Rhythmus auszeichnet, den Tänzer also definitiv ins Schwitzen bringt, mag sich ein gewisser Effekt eingestellt haben, immerhin empfahl die spanische Ärztekammer die Tarantella noch bis weit in das 18. Jahrhundert hinein als sinnvolles Heilmittel gegen Spinnenbiss und Wahnideen.  Vielleicht war es auch ganz einfach erleichternd, einmal so richtig die Sau rauslassen zu dürfen, heutzutage macht man statt der Tarantella vielleicht lieber eine Urschreitherapie oder geht einmal in der Woche nach Bayern in die Klinik, um sich mit anderen Patienten um die eigene Achse zu drehen und wieder zu lernen, sich fallen zu lassen, mit dem „Flow“ zu gehen und seinem Körper wieder zu vertrauen. Und weil innerhalb einer solchen Gruppe quasi alle den einen oder anderen Sturmschaden im Gebälk haben, guckt einen auch niemand komisch an, wenn man lachend durch den Raum springt. Da hat nämlich jeder mit sich selbst zu kämpfen.

Wenn ich mir dabei allerdings überlege, wie viele Menschen ich kenne, die ganz offensichtlich vom wilden Affen gebissen wurden, sollte man vielleicht auch über die Einführung einer Schimpansella nachdenken. Oder einer Hanutella für alle die, die ganz einfach nur einen an der Waffel haben. 

 On the road again... an manchen Wochenenden verbringt man mehr Zeit unterwegs, als am jeweiligen Zielort

 Mal wieder im Gloria, mit grünem Tee, Jule und dem Bachdenkmal vor dem Fenster.
  Vielleicht sollte der nette Herr Bach auch ein bisschen tanzen und Dampf ablassen, anstatt sich mit den Herren Görner oder Ernesti herumzustreiten. Wer sich übrigens fragt, wer dieser Veit war, nachdem die ganze Hopserei benannt wurde: Im Gegensatz zu Friedelind aus dem Wagner-Post hatte der Heilige Veit keine übergriffige Mutter, sondern einen ebensolchen Vater, der ihn mitsamt einer ganzen Reihe junger Mädchen in ein Zimmer sperrte, um ihn von den Damen mittels Musik und wildem Tanz zu noch viel wilderen Dingen verführen und damit vom Glauben abbringen zu lassen. Da der Vater nicht nur ein großer Einmischer, sondern auch ein entsprechender Kontrollfreak war, guckte er heimlich durch das Schlüsselloch, um zu prüfen, ob die Sache funktionierte, und erblindete dabei (tja, den Schlüssel sollte man vorher vielleicht aus dem Schloss ziehen, ehe man sein Auge ans Loch hält). Veit war übrigens ein braver Junge, verzieh seinem Vater und betete für dessen Genesung, die dann auch prompt erfolgte. Daher also der Veitstanz.

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