Donnerstag, 14. April 2016

Wenn Strauss, dann Vogel. Wenn Wagner, dann Friedelind


„Huch? Was ist denn mit dem Froeken los?“ werden einige Leser denken, „Hat ihr der Herr Sagichnicht so zugesetzt? Hat sie ihre Wut auf den Ikeamann eingeholt? Hat sie zuviele Fragwürdigkeiten aus dem AfD-Programm unter die Nase bekommen? Oder weshalb hat sie sich in der letzten Zeit ihr blauen Strümpfe angezogen und ihren Jeanne D'Arc Harnisch umgeschnallt?“
Neulich erst, im Post zur Musiksoziologie, war die Frage nach den musizierenden Frauen aufgekommen, in „Il Ballo delle Ingrate“ wird fleißig Suzanne Cusick zitiert, parallel zu diesem Blogpost suche ich nach Material zum Thema „was ist eigentlich ein Klavier“, was ebenfalls nicht ohne die typisch weibliche Rolle der ausführenden Musikerin mit Spiegel über dem Schminktischpiano auskommt, und nun hole ich Winifred Wagners Enfant Terrible, das schwarze Schaf unter ihren Kindern hervor? Friedelind, die sich als einziges Mitglied der Wagnerfamilie öffentlich gegen das Naziregime stellte, das sich von Hitlers langem Arm entfernt, an dem sie noch in den 1930er Jahren gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester Verena so werbewirksam gehangen hatte? Tja...was ist los mit mir? Noch vor einem haben Jahr habe ich klipp und klar gesagt, dass es meiner Meinung nach unerheblich ist, ob nun Johann Sebastian oder Anna Magdalena Bach irgendwelche Stücke komponiert haben, ob Carl Philipp derjenige war, der die Korrekturen vornahm, oder Catharina Dorothea, denn man kann Musikgeschichte nicht außerhalb ihrer Zeit betrachten. Geschichte ohne Zeitbezug, das ist wie Vanilleeis ohne Kühlung...es funktioniert ganz einfach nicht. Und für eine Familie wie die Bachs ist die innerfamiliäre Urheberschaft einer Melodie oder Generalbassbegleitung in etwa so wichtig wie es bei der Betrachtung des Kölner Domes ist, ob der jüngere Sohn des Steinmetzes Haudraufwienix bei einem bestimmten Stein auch mal den Hammer schwingen durfte.
Und jetzt? Ist die musikalische Weltfrauenwoche angebrochen? Oder war es vielleicht der folgende Tweet, der mich vor Kurzen vor Lachen fast vom Stuhl fallen ließ? 
 Nein, eigentlich nicht. So lustig die Idee auch sein mag, Frauen, deren feinmotorische Fähigkeiten nachweislich besser ausgebildet sind als bei Männern, als zu dusselig zu bezeichnen, eine Gitarrensaite an der richtigen Stelle herunterzudrücken (wir sind offensichtlich noch für viel mehr zu blöd... ein Anruf bei der Hotline von Gilette, was eigentlich so „speziell für Frauen geeignet“ sei, an ihrer neuen (und ***teuren) Reihe an Damenrasierern ergab folgende Klarstellung: 1) Sie sind in rosa erhältlich (was für das Entfernen der Haare offensichtlich unerlässlich ist... vielleicht fallen sie ja vor Schreck von selbst ab, wenn sie die pinkfarbene Waffe erspähen) und 2) sie sind besonders sicher. Die Klingen wurden sogar extra „hinter Gitter“ gesteckt, damit wir uns nicht aus Versehen die Beine abschneiden...interessant an der ganzen Geschichte ist nur, dass es die blutstillenden Alaunstifte und speziellen Pflaster gegen Rasierschnitte ausschließlich in der Männerabteilung zu kaufen gibt... was lernen wir daraus? Männer zerschnippeln sich auch. Aber sie tun es ganz offen und mit der nötigen Prise Männlichkeit), eigentlich geht es bei der Sache mit Friedelind um etwas ganz anderes: Friedelinds Mutter Winifred Wagner hatte bereits bewiesen, dass es für eine Frau sehr wohl möglich war, die Festspiele ihres Schwiegervaters Richard Wagner zu führen. 14 Jahre lang hatte sie die Bayreuther Festspiele geleitet und sich auch als starke Persönlichkeit einen Namen gemacht. Allerdings eben auch in Bereichen, die die Familie heute lieber aus de kollektiven Gedächtnis streichen würde: Vermutlich wäre die Welt von literarischen Ergüssen wie „Mein Kampf“ verschont geblieben, hätte die liebe Frau Wagner dem Herrn mit dem Schnuppelbärtchen (bald im ganzen Hause Wagner unter dem klangvollen Namen „Onkel Wolf“ bekannt) nicht fürsorglich Care-Pakete mit Schreibmaschinenpapier geschickt. Manchmal sollte man eben aufpassen, wen man zum Schreiben ermutigt. Oder zum Lesen.
Versteht mich nicht falsch, Fehler kann man immer machen, aber wer sich im Jahr 1975 in einem Filminterview noch folgendermaßen äußert: „Also, wenn heute Hitler hier zum Beispiel zur Tür hereinkäme, ich wäre genauso so so so fröhlich und so so glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben, als wie immer …“ , dann hat man vermutlich den Schuss nicht gehört. Oder keine Ahnung von Public Relations und Selbstvermarktungsstrategien. Denn zumindest nach außen hin empfiehlt es sich, sich als Mensch mit Herz und Hirn zu geben. In der inneren Villa Wahnfried (oder besser Wahnunfried, denn der Wahn scheint sich da ja kaum zur Ruhe begeben zu haben) kann sie ja meinetwegen denken, was sie will.
Dem Ansehen der Festspiele hat das Ganze komischerweise nie geschadet. Vielleicht, weil man ohnehin weiß, auf was für einen Clan man sich einlässt, wenn man irgend etwas in die Hand nimmt, das (zumindest bis zu Wielands Zeiten) mit der Familie Wagner im Zusammenhang steht, vielleicht auch, weil tatsächlich die Musik zählt und man ja auch nicht auf die Idee käme, gegen eine Aufführung von Lully zu protestieren, obwohl der meinen Freundeskreis wohl ebensowenig bereichert hätte wie der gute Richard.
Die letzten von Winifred geleiteten Festspiele fanden 1944 statt, ehe alle deutschen Theater geschlossen wurden, und wurden hauptsächlich zur Erbauung angeschossener, kriegstraumatisierter, kurz gesagt seelisch und körperlich verstümmelter (jup, da mag ich nichts schönreden, keine Chance) Soldaten genutzt. Wenigstens ein paar Takte nette Musik sollte man noch anhören können, wenn einem schon die Beine weggeschossen und die Familie ausgebombt worden war.
Nach der Wiedereröffnung gab Frau Wagner die Leitung dann an ihre Söhne Wieland und Wolfgang weiter. Und nicht, wie im Testament ihres Mannes ursprünglich festgelegt, an alle vier Kinder.
Friedelind hatte nämlich gegen ein Gebot verstoßen, das ihr ihre Mutter nicht verzeihen konnte.
Hätte sie weiterhin an Hitlers Arm gehangen, wie hier zu sehen ist; niemand hätte sie verurteilt. Hätte sie ihn in ihrem Hause zum Dauerehrengast gemacht, ihre Kinder Adolf und Adolfine genannt und schriftlich um Fremdarbeiter zur billigen Erledigung ihrer Wäsche und Putzarbeiten gebeten (heutzutage wird so etwas gerne unter dem Label „made in Bangladesh“ versteckt), man hätte sie mit offenen Armen empfangen.
Hätte sie eine Hymne geschrieben, nach der politische und religiöse Häftlinge in die Gaskammern der Konzentrationslager geführt wurden, vermutlich hätte man ihr auch das irgendwie verziehen. Und auch die Tatsache, dass sie im Internierungslager auf der Isle of Man eine für die damalige Zeit ziemlich fragwürdige Freundschafts- oder doch Liebesbeziehung führte, hätte man ihr wohl nur deshalb angekreidet, weil es sich bei der geliebten Frau um eine Jüdin handelte.
Aber Friedelind tat das Unaussprechliche: Sie begann, an den Worten des lieben Onkel Wolf zu zweifeln, wollte Regisseurin werden, bereiste andere Länder, traf dort Schauspieler, Künstler und andere ehemalige Deutsche, die aufgrund ihrer jüdischen Abstammung in Deutschland mit einem Berufsverbot belegt wurden, oder sogar um ihr Leben fürchten mussten. Und dann fasste sie einen Antschluss, den sie dem Dirigenten Artur Toscanini, mit dem sie zeitlebens eine äußerst komplizierte Beziehung verband (und den sie, nachdem er ihr einmal empfindlich zu hae getreten war, in einem Brief als „Lieber ehemaliger Freund“ betitelte) folgendermaßen erklärte: „Gerade weil ich deutsch bin, lebe ich nicht in Deutschland – weil dies kein Deutschland mehr ist. Ich bin eine Wagner – und ich liebe meine Familie – selbst wenn ich wenig Liebe erhielt. Ich bin es meinem Vater schuldig und der gesamten Familie. Ich glaube, sobald der Krieg vorbei ist, dass meine Familie das erkennen wird.“ :Friedelind zog nach England (von woher ihre Mutter stammte und wo sie nach Verschärfung der Regelungen für feindliche Ausländer eine Zeitlang als „enemy alien“ selbst in einem Internierungslager auf ihre Ausreise in die USA warten musste), verfasste Zeitungsartikel, die sich gegen das Naziegime richteten und kehrte erst zurück, als Hitler tot, der Krieg vorbei und die Wagnerspiele in den Startlöchern zur ersten Saison unter neuer Leitung standen.
Und Mama Winifred? Die reagierte wie ein Teenager, dessen Justin-Bieber-Poster beschmutzt worden war und wollte mit ihrer Tochter nicht in Verbindung gebracht werden.
Nicht einmal die Tatsache, dass Friedelind ihre Familie während der schwierigen Jahre nach Kriegsende mit Lebensmitteln unterstützte, konnte sie umstimmen. Die Sache mit dem Erbe umging Winifred übrigens mal wieder mit der ihr eigenen Raffinesse: Sie behielt das Festspielhaus samt Leitung als Vorerbin und vermietete es ganz einfach an ihre beiden Söhne, womit dich die Sache mit Siegfried Wagners Testament erst einmal erledigt hatte.
Nicht, dass die beiden unfähig gewesen wären; Wieland Wagners radikal runderneuerte Inszenierungen waren Vorbild für eine ganze Generation von Theaterregisseuren, aber wir lernen mal wieder, was wirklich wichtig und was unverzeihlich ist im Leben: Du darfst einen Weltkrieg anzetteln und einen nicht unerheblichen Teil Deiner eigenen Bevölkerung vernichten. Aber Du darfst Dich nicht gegen die Moralvorstellungen Deiner Mutter stellen. Und damit gehe ich mich jetzt verabschieden und das Treppenhaus putzen. Sonst steigt mir nämlich meine eigene Mutter aufs Dach. Für manches ist man eben nie zu alt.
                 Ganz echte richtige Sonne... kaum zu glauben, aber leider auch nicht von Dauer...
                    So langsam kommen die Krokusse ("Krokeen" :) ), aber auch nur die blauen.
                                            Lauti ist krank :(   Die Gitarre ist noch viel kränker,
                                  aber zum Glück kann der nette Onkel Doktor beiden helfen

                       Doch, das kann man trinken...schmeckt gemischt sogar überraschend gut.

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