Mittwoch, 6. April 2016

tot oder unlebendig - Reger, Bach und Emerson



Bei all den Dramen um die großartigen Musiker, die in diesem Jahr schon ihr Stimmgerät abgegeben haben (Otis Clay, David Bowie, Glen Frey, Black, Pierre Boulez, Keith Emerson, Nikolaus Harnoncourt, um nur einige zu nennen, und das, obwohl das Jahr erst 3 Monate abgefeiert.hat.. ich bin versucht, Leonard Cohen, Helmut Lachenmann und, da die Sterberitis derzeit ja auch jüngere Jahrgänge umfasst, Sol Gabetta, Leibwächter mit Knoblauch und Kreuzen an die Seite zu stellen), da vergisst man doch allzuleicht, dass es auch ein paar freudige Ereignisse zu feiern gibt.
In den letzten Jahren waren es gleich mehrere Bachs, die ihre Ehrentage begingen und der Reihe nach die 300er-Schallmauer durchbrachen, zuletzt Johann Sebastian selbst, der im letzten Jahr denn 330. feierte.
So richtig krachen lassen wird es der Herr Bach vermutlich erst bei seinem 333. und, da es sich um eine Schnapszahl handelt und der liebe JoSe diesem Getränk ohnehin nicht abgeneigt war (von seinem Ältesten wollen wir an dieser Stelle gar nicht sprechen, der bekommt ein Glas Kindersekt in die Hand gedrückt und der erste, der ihm verrät, was Sache ist, fliegt in hohem Bogen auf den Thomaskirchhof), wird man vermutlich noch Generationen später rufen "Drei-drei-drei, bei Jojos Zecherei!". Immerhin gelang es ihm, im Rahmen einer simplen Orgelabnahme innerhalb weniger Tage einen Betrag von über 15 Talern, was heutzutage beinahe 1.100 € entspricht, für Branntwein, Tabak und seine geliebten Schälchen Heesn auf den Kopf zu hauen. Zusätzlich zu den 30 Talern, die er als Honorar ohnehin einsackte, versteht sich.Und damals waren die Bachs nur zu dritt gereist.
Ob sich die Damen und Herren vom Bach-Archiv bewusst sind, was sie sich da ins Bosehaus geholt haben? Vielleicht sollten sie vorsorglich schon einmal eine Crowdfunding-Aktion ausrufen.
Nun gibt es neben den Geburtsjubilaren auch noch die Künstler, die zwar in diesem Jahr, allerdings in einem anderen Jahrhundert das Zeitliche gesegnet haben, was es trauernden Musikfreunden ermöglicht, ihren Schock zu überwinden und sich angemessen auszutrauern, auch wenn die Vorstellung, überhaupt einen Todestag zu feiern, also quasi eine Flasche aufzumachen, weil ein anderer den Klavierdeckel für immer geschlossen hat, ohnehin eine große Gratwanderung ist.
Max Reger ist so ein Fall. Mit einem Jahrhundert Unterschied hat er vor ziemlich genau hundert Jahren das Zeitliche gesegnet. Und, als wenn das für ihn nicht schon dumm genug gelaufen wäre, bliebe da noch die Tatsache, dass der gute Mann mit demselben Jahrhundert Unterschied auch in meinem Geburtsjahr das Licht der Welt erblickte. Sprich: Würde ich es darauf anlegen, genauso alt wie Max Reger zu werden, hätte ich noch knapp 6 Wochen zu leben. Nun habe ich mich in der letzten Zeit ja des öfteren ein wenig alt gefühlt, aber das schlägt dem Fass den Boden aus. Ehrlich.
Was Reger mit den bechernden Bächen verbindet, ist unter anderem seine Liebe zur Orgelmusik. Sauschwerer Orgelmusik, wie ein sonst recht wohlgelaunter Bekannter einst zähneknirschend und mit ziemlich grimmigem Gesichtsausdruck bemerkte. Ich zog es daher vor, ihn in aller Ruhe weiterüben zu lassen. Wer mich kennt und weiß, wie schwer es mir fällt, eine derartige Gelegenheit zu Kalauern und Fiesheiten ungenutzt verstreichen zu lassen, kann sich ungefähr vorstellen, wie schwer das besagte Orgelstück gewesen sein muss.
Regers Musik wurzelt in vergangenen Zeiten; im Barock, in der Klassik, vermischt sich mit der Klangwelt von Wagner, Brahms und anderen ebenfalls verstorbenen Komponisten und holt sich unterwegs ein paar ganz eigene, aufgebrochene Harmonien und regersche Spezialklänge mit ins Boot. So gesehen wäre er sicherlich ein guter Neoklassizist geworden, wenn er sich denn ein wenig zurückgehalten hätte, mit der Sterberei. So aber muss er mit den Romantikern am Tisch sitzen und bekommt keinen Nachtisch. Dafür aber eine Sonderausstellung.
Das Bach-Museum in Leipzig hat dem guten Herrn nun eine solche gewidmet. Unter dem Motto »Alles, alles verdanke ich Joh. Seb. Bach!« wurden wertvolle Stücke aus der Sammlung des Karlsruher Max-Reger-Instituts nach Leipzig verfrachtet und sind noch bis zum 23. Oktober im Bosehaus am Thomaskirchhof in Leipzig zu sehen. Den Flyer zurAusstellung verlinke ich hier. 
Der Raum für die Sonderausstellungen ist zwar nicht besonders groß und die Ausstellungsfläche somit begrenzt, allerdings gibt es trotz allem eine Menge interessanter Dinge zu sehen.
Ein bisschen wie ein Maze Runner fühlt man sich, wenn man sich zwischen den Zwischenwänden bewegt (Links sind Wände, rechts sind Wände, und dazwischen Zwischenwände... ) um sich von Text zu Text vorzuarbeiten und dabei von Erstdrucken zu Autographen, Briefen zu Fotos und Konzertprogrammen und wieder zurück zu wandeln. Oder wie Alice im Spiegelland, denn die Rückseiten dieser Texttafeln sind verspiegelt und schaffen damit ganz neue Bezüge der einzelnen Informationsinseln zueinander. Was also auf den ersten Blick aussieht wie ein Text über Bach, entpuppt sich möglicherweise bei genauerem Hinsehen als Spiegelung und ist am Ende doch wieder die Rückseite eines Regers (beinahe hätte ich "Hinterseite" geschrieben, doch das hätte man unter Umständen falsch verstanden). So hängt eben irgendwie alles zusammen und greift ineinander.  
Mal wieder eine Fuge, wie man sie von Bach ja kennt. Eine Spiegelfuge, um genau zu sein
Also wieder ein ganz altes Element in der hochmodern wirkenden Ausstellung.  
Nichts stehts für sich selbst, alles ist Teil eines größeren Bezugssystems. Bei Bach und Reger, bei den musikalischen Elementen und bei den Besuchern, die Teil dieser Spiegelwelt werden und ihre eigenen Reflexionen im Raum verteilen. Sind wir nicht alle ein bisschen Reger?
Und wer Reger ohnehin schon kennt, kann sich mit demselben Ticket auch noch in die Etagen der bachschen Dauerausstellung begeben, Rezepte für die Herstellung von Eisengallustinte abschreiben, virtuelle Notenblätter nach Übereinstimmungen untersuchen und sich ein bisschen Musik aufs Ohr knallen.
Sonderausstellungen des Bacharchivs sind ja immer so ein bisschen Leipziger Roulette, was den Informationsgehalt angeht (die Schuhkartonaquarien der Kinderbastelgruppe fand ich zwar hübsch, aber eine Seminararbeit in historischer Musikwissenschaft über das Thema der Bach mit dem Blubb wäre vermutlich nicht besonders gut angekommen), diesmal jedoch kommt man aus dem Gucken und Lernen gar nicht mehr heraus, wird also sicher nicht enttäuscht. Und wenn doch, kann man sich unten im Gloria einen Doppelten bestellen oder, falls sein Kaffee-, nicht aber sein Wissensdurst gestillt ist, im Hof herumlungern und warten, bis sich ein Mitarbeiter aus der Forschungsabteilung auf den Weg macht, um mittagessen zu gehen. Die wissen eine Menge, haben einen Haufen zu erzählen und sind viel zu höflich, um den Besucher vors Schienbein zu treten und sich den Weg freizuboxen (Ok, wir wissen es alle: Nicht zuhause nachmachen! Fremde Menschen darf man nicht belästigen :)  ). Oder man geht in die Thomaskirche um sich an Bachs Grabplatte auszuweinen und folgt dann der Leipziger Notenspur an anderen Komponistenhäusern entlang zum Grassi-Museum, ungewöhnliche Musikinstrumente gucken. Was die Musik angeht, hat die Stadt Leipzig ja einiges zu bieten. 
Neben Bach und Reger lebte auch Robert Schumann an der Pleiße (in die er allerdings nicht springen wollte, damit hat er gewartet, bis er sich am Rhein befand und nach den Flusstöchtern tauchen ging...ich weiß ja nicht, wie gefährlich die Pleiße so ist, aber selbst als er, entgegen seiner Hoffnungen, nicht zum Kapellmeister des Gewandhauses berufen wurde, schien sie ihm nicht attraktiv genug, um Bekanntschaft mit ihren Untiefen zu machen. Statt dessen zog er es vor, die Stadt zu verlassen), Telemann ärgerte hier den Herrn Kuhnau, indem er ihm Musiker wie Zuhörerschaft nahm und mit fetzigen Opern und einer guten Bezahlung lockte...tja und die Oper selbst war das erste bürgerliche Opernhaus im "Osten", das zweite in ganz Deutschland und das dritte in ganz Europa. Auch wenn es sich nicht um dasselbe Gebäude handelt, in dem heute gefiedelt und gefeiert wird.
Wer Zeit und Lust hat, sucht sich am besten einen der Tage heraus, an dem man auch im Bachmuseum ein bisschen fiedelt. Veranstaltungen im Sommersaal sind besonders zu empfehlen, wer es allerdings schafft, sich bis zum Juni zurückzuhalten, kann gleich noch das Bachfest mit seinen zahlreichen Konzerten mit einsacken (Veranstaltungen verlinke ich hier). Vielleicht sieht man sich ja im Gloria, wo der Kaffee süße schmeckt und das Fröeken Finemang Blogposts in den Laptop hämmert. Mal guggn, wie der alte Bach sagen würde.


               Der Jojo neben dem, was sein Haus wäre, wenn man es nicht längst abgerissen hätte :)
 Der Turm der Nicolaikirche. Wenn man den erreicht hat, ist es nicht mehr weit zum Thomaskirchhof.
            Das Deckengewölbe der Thomaskirche. Wunderschön  und mein Handyhintergrund :)


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