Mittwoch, 22. Juli 2015

Musikalische Volksverdummung - unfreiwillige Dauerbeschallung und die Folgen





Friedemann Bach heißt der Mann, der mich nun schon mein halbes Leben lang begleitet hat. Wilhelm Friedemann Bach, um genau zu sein. Ich kann nicht sagen, was mich an ihm fasziniert, aber wohin ich auch gehen, ich kehre immer wieder zu ihm zurück. Auch im Flugzeug nach Dresden hatte ich ihn im Ohr, in meinem ansonsten kaum genutzten mp3-Player. 
Seitdem ich mir das Ding vor etwas mehr als einem Jahr gekauft habe, weil ich es für eine clevere Idee hielt, mich damit auf Stücke vorzubereiten, die ich zu spielen habe, hat es vermutlich etwa 3x das Tageslicht gesehen. 
Ich hasse es, überall mit Musik beschallt zu werden, unfreiwilliges Hören ist für mich eine der größten Qualen, die es gibt,die Dresdner Dudelfolter das sächsische Pendant zur Chinesischen Wasserfolter. So ein paar Tropfen auf die Stirn bringen einen ja nicht um, aber wenn man es nicht mehr abstellen kann, wird das Ganze zum Problem.
Könnte man sich den Player mit Stille beladen, die dann das tägliche Gedudel beim Sport oder beim Einkauf übertönte, wäre das mein nächster Download.
Musik im Einkaufszentrum, im Supermarkt, an der Tankstelle, in Büros und Fitnessstudios, Musik, die ich nicht leiden kann, Musik, die ich mir normalerweise niemals anhören würde, Musik, die mir den Spaß an der Musik madig macht, die mich zu einem Musikmuffel werden lässt, der sich beim Ausdauersport auf dem Laufband Ohrenstöpsel in die Gehörgänge schiebt, um nicht die gesamte eineinhalb Stunden hindurch beschallt und be-beatet zu werden.
Der Beat ist das Schlimmste an dieser Art von Musik. 
In Geschäften, die sich die Mühe machen, sich ordentlich zu informieren oder eine Agentur zu Rate zu ziehen, ist er so eingestellt, dass man, so sich der Herzschlag entsprechend an die Schläge anpasst -was er übrigens beinahe grundsätzlich tut, ein Relikt aus Urzeiten, in denen Massenpanik oder Ruhigbleiben der Gruppe überlebeswichtig waren- dass der Herzschlag beschleunigt wird, man in eine gewollte Unruhe verfällt und dabei so hektisch wie unüberlegt Dinge in den Einkaufswagen wirft, die man zwar eigentlich nicht brauchen und somit auch nicht kaufen würde, die einem aber später, auf der eventuell bevorstehenden Flucht, möglicherweise von Nutzen sein könnten. 
Auch die Tonhöhe spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle, denn Affen stoßen Kreischtöne in hohen Frequenzen aus, sobald Gefahr droht, was im übrigen auch der Grund dafür ist, dass die meisten Menschen bei lauten Qietschgeräuschen (Gabel über einen glasierten Teller schieben oder fettig gewordene Kreide, die über die Tafel quietscht...wir hatten mal einen Satz handgetöpferte Teller mit einer Glasur, die das Waschen in der Spülmaschine nicht überstanden hatte und eine Oberfläche bildete, die zwar aussah, als sei sie mit einem Ölfilm überzogen, sich aber gleichzeitig knochentrocken anfühlte und bei jedem Stück Brot, das darauf auch nur den Ansatz einer Rutschbewegung machte, Geräusche von sich gab, als würde man auf Mäusen tanzen... nachdem irgendwann die gesamte Familie in Hungerstreik getreten war, wurden die Teller weggeschmissen und durch spülmaschinenfestes Geschirr ersetzt) eine Gänsehaut bekommen.
Möglichst hohe, quietschige Frauenstimmen in Verbindung mit einer BPM-Zahl, die den Normalpuls übersteigt, verführt also zu hektischen Hamsterkäufen, vermutlich würden wir uns alle noch ein Zweimannzelt, eine Grubenlampe und Pfeil und Bogen in den Wagen packen, so es diese Dinge in Kassennähe an einem Wühltisch gäbe (wobei mir bei dieser Gelegenheit einfällt, dass ich neulich tatsächlich an einem dieser kassennahen Grabbeltische im Supermarkt meines Vertrauens einen Outdoor-Schlafsack und eine Thermoskane eingepackt habe... ich sollte mal fragen, was damals für Musik gelaufen ist).
Anders ist es bei den so genannten Wohlfühl-Artikeln, bei deren Anblick wir uns schon im Geiste in einer wohlig warmen Badewanne aalen sollen. Und zwar unabhängig davon, ob man als Kunde überhaupt über eine Wanne verfügt und nicht am Ende zusammengefaltet in einer Pfütze am Boden seiner Duschwanne kauert und mit trockenem Badesalz um sich wirft, als wolle man “Helau!” schreien und die Konfettikanone füllen. Mit Rosenholz-Moschus-Spa-Duft, versteht sich). 
Spätestens beim Betreten eines dieser Lavastein-Relax-Tempel im der Art eines Rituals-Geschäftes setzen wir ein Häkchen hinter die Gehirnwindung, die für den Umbau des Badezimmers zuständig ist und ein zweites hinter die Erinnerungsfunktion, selbige Aufgabe an den Herrn des Hauses zu delegieren. Und zwar umgehend. Dann folgen wir der fernöstlich angehauchten (also das, was der belgische Massenkompositeur für “fernöstlich, aber noch gut verkäuflich” hält – Debussy, Ravel und seine Kollegen würden sich freuen. Der Exotismus ist zurück, zumindest in der Badewanne.) langsamen, ruhigen und wesentlich tieferen Wasserplätschermusik und fassen beherzt ins Kosmetikregal. Beziehungsweise zum Mann, der gerade überlegt, welche Wand er entfernen muss, um eine Zwei-Mann-Eckbadewanne in ein 3m² kleines Badezimmer zu bekommen, welcher wiederum zur Kreditkarte fasst, sofern er überhaupt noch mal eine Chance sehen möchte, jemals selbst wieder angefasst zu werden. Was Musik nicht so alles bewirken kann. Inklusive neuer Lavasteinfliesen.
Musik, die eigens für diese Zwecke geschrieben wird, folgt all den Parametern, die uns Hörern ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit geben, was erklärt, weshalb frühbarocke oder spätromantische Musikstücke für derartige Zwecke nicht in Frage kommen. Von neuer Musik mal ganz abgesehen: Weder Bachs berühmte Toccata und Fuge in d-Moll noch Gustav Mahler kuscheln mit unseren tonal und harmonisch mittlerweile eng begrenzten Hörgewohnheiten, klingen für den typischen Pop-Hörer sogar eher verwirrend, wenn nicht gar verstörend, von Leuten wie Stockhausen wollen wir erst gar nicht anfangen...nein, da will man nicht verweilen und vielleicht doch noch eine Duftkerze kaufen. Wobei es glatt eine Überlegung wert wäre, eine Ausverkaufsstimmug weiter anzuheizen, indem man ein bisschen mit dem Walkürenritt beschallt....wer es lebendig bis zur Kasse schafft, kann hinterher einen Mega-Haul bei Youtube hochladen. "Ich hab heute 20 Tüten voll Sachen gekauft, von denen ich selbst noch nicht genau weiß, was sie sind...schauen wir uns das mal zusammen an" 

Während eine konstante Beschallung mit Musik oder Stimmen bei Menschen in Einsamkeit (also beispielsweise alleine in Büroräumen oder im Auto auf längeren Strecken) offensichtlich das für Rudeltiere (und zu denen zählen wir bekanntlich) Angstgefühl, praktisch den Anschluss an die schützende Herde verpasst zu haben und nun für immer irgendwelchen wilden Raubtieren ausgeliefert zu sein, verringern kann (jup, Dauerradiohörer fühlen Beklommenheit, sobald sie die Dudelkiste über längere Zeit ausmachen und alleine in der Stille fahren müssen – ihre Fahrweise wird nervöser und aggressiver), kann unfreiwillige Beschallung das Gehirn schädigen.
Mitarbeiter der Yale University School of Medicine gingen Versuchstieren mit mehrstündiger täglicher Beschallung derart auf die Nerven, dass sich die Bildung neuer Blutgefäße im Gehirn um 70% reduzierte und das Längenwachstum der paar Gefäße, die sich überhaupt noch bildeten, um etwa 80% reduziert war, was womöglich sogar ein Glücksfall war, da die armen Tiere (ja, ich fide Tierversuche schrecklich, auch wenn ich nicht abstreiten kann, dass die Ergebnisse äußerst aufschlussreich sind) vermutlich irgendwann derart abstumpften, dass ihnen die Beschallung nichts mehr ausmachte. Beheben ließen sich die Schäden übrigens nur währed eines gewissen Zeitraumes. Überstieg die akustische Nervensägerei einen gewissen Zeitraum, erwiesen sich die Schäden als irreparabel.
Selbstverständlich handelt es sich bei uns Menschen nicht um Nagetiere, jedoch sind Aufbau des Gehirns und des gehörs so nah verwandt, dass die Forscher es für gut möglich halten, dass sich Dauermusikberasselung bei uns ganz ählich auswirken könnte. Für mich als absolute Wenighörerin (ja, ernsthaft, ich höre kaum Musik. Wenn, dann höre ich bewusst zu und schalte hinterher ab, oder gehe in ein Konzert, wo ich mich auf die Musik an sich konzentrieren kann. Und wenn die dann gut ist und ich den Abend als gelungen abspeichern kann, wäre mir das vielleicht sogar die eine oder andere verabschiedete Gehirnzelle wert.


Vielleicht wäre das ja ein Kriterium, anhand dessen wir die Qualität von Musik ermessen können... wenn ein gewisser Prozentsatz der Studienteilnehmer bereit wären, ihr Gehirn gegen eine Stunde mit Friedemann Bach, seinem Papa oder seinen Kollegen einzutauschen, dann gibt es dafür ein neues Gütesiegel. Prädikat besonders Synapsenverkürzt, oder so etwas. In diesem Sinne: Hier klicken


 Mal wieder am Wohnungsumgestalten...der schwarz-weiß-Wahn greift diesmal um sich.
 Mit Freunden Konzerte besuchen und vorher mit Heißgetränken dopen - perfektes Wochenende

 Wie schon erwähnt...schwarz-weiß....
Nur draußen darf es grün bleiben.

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