Montag, 6. Juli 2015

Alle Ohrwürmer sind gut drauf! Warum Musik so penetrant sein kann



Das war nicht besonders nett von mir, nicht wahr? Ohne Vorwarnung so einen grenzdebilen Song zu verlinken. Aber weshalb sollte ich die einzige sein, die diese musikalische Essstörung seit geschlagenen 20 Jahren nicht mehr aus dem Kopf bekommt? Beinahe jedes Mal, wenn sich irgend jemand darüber beschwert, dass das Leben im Berufsbereich Musik ein ewiger Kampf sei, geht es wieder los, in meinem Kopf. Und nicht irgendwie, sondern a la Bordelaise. 
Grund dafür ist eine Unterhaltung, die ich damals anlässlich eines Lachflashes über diese kulinarische Volksverdummung mit meinem Bruder führte, und bei der wir uns einig waren, dass es ein Jammer sei muss für einen studierten Sänger, auf Jobs angewiesen zu sein, bei welchen man Geschirr synchronisiert. Noch schlimmer ist es allerdings, den singenden Fischteller in seinen Lebenslauf aufzunehmen, um etwas vorweisen zu können, sollte man nach Referenzen gefragt werden.
Und genau das scheint der Punkt zu sein, wenn es um das Abspielen von Ohrwürmern geht: Unser Gehirn koppelt Musik (die wir im Übrigen noch nicht einmal besonders gerne mögen oder bewusst gehört haben müssen) an Gefühle oder Situationen. In meinem Fall ist die Bordelaise (Klingt irgendwie wie ein Barocker Tanzstil, nicht wahr? Allemagne, Courante, Gigue und Bordelaise) eben an meinen Bruder und die Situation im Wohnzimmer gekoppelt. Oder an den Konsum von Werbung an sich. Und sobald uns etwas an diese Situation, diesen Menschen oder eben dieses Gefühl erinnert, kann es theoretisch losgehen mit der Endlosschleife im Kopf. Ja, endlos. Dem Kasseler Musikwissenschaftler Jan Hemming zufolge können diese Undinger nämlich auch wochenlang anhalten. Oder eben jahrzehntelang immer wieder auftauchen. Darauf einen Dujardin. A la Bordelaise.
Das nervt, nicht wahr? Immer wieder dasselbe Muster, dieselbe Idee, die man einfach nicht aus dem Kopf bekommt, die einen im Alltag dazu bringt, ungleichmäßige Schritte zu machen, um im Kopf nicht aus dem Takt zu geraten, oder abzuwarten, bis die Phrase zu Ende ist, ehe man einen neuen Raum betritt oder eine neue Handlung beginnt. So gesehen verwundert es eigentlich nicht, dass Ohrwürmer als sehr schwache Form einer Zwangsstörung gelten, wobei ich vermute, dass es schwierig werden könnte, sich mit der Diagnose „Ohrwurm“ krankschreiben zu lassen. Schade eigentlich, dann hätte ich endlich ziemlich viel Freizeit, denn ich gehöre sozusagen zur „Risikogruppe Nummer eins“ unter den Ohrwurmhörern: Ich bin erstens eine Frau (Ja, die sind häufiger davon befallen), zweitens künstlerisch tätig, drittens ohnehin ziemlich sensibel und außerdem häufig gestresst. Schlimmer kann es eigentlich gar nicht kommen. Es sei denn, man ist ein weiblicher, musikalisch-gestresster Fischteller. Das wäre dann vermutlich nicht mehr zu überbieten.

Das wirklich Blöde an einem Ohrwurm ist aber die Eigendynamik, die sich beim „inneren“ Hören des Musikstückes entwickelt, denn bekanntlich bleiben uns Dinge desto besser in Erinnerung, je öfter wir sie tun, sehen oder hören. Im Falle eines Musikstückes stellt sich dieses Wiedererkennungsprinzip bereits nach mehrmaligem Durchspielen eines Stückes ein. Unser Gehirn freut sich schon bei der ersten Wiederholung, der ersten Wiederaufnahme eines Themas: Es ist nicht mehr allein in der Fremde, da ist ihm soeben etwas Bekanntes über den Weg gehüpft. Da lassen wir doch gleich ein paar Schmusehormone ausschütten und die Finger spielen die ja eigentlich nie gespielte Passage fast schon von alleine. Manche Stellen gehen uns dabei natürlich schneller und leichter von der Hand als andere. Diese Stellen erscheinen uns besonders einleuchtend oder besonders schön, erinnern uns unbewusst an etwas anderes, das wir kennen oder werden einfach oft genug wiederholt. Der Rest stinkt dann ein bisschen ab gegen diese „Lieblingsstellen“ und hat es noch ein Stückchen schwerer, sich im Gehirn zu manifestieren. Wer es nicht glaubt, summe mal aus dem Stegreif eine Passage aus J.S. Bachs drittem Brandenburgischen Konzert, in dem NICHT das dreitönige Fortspinnungsmotiv erscheint (joooooor, so eine gibt es...mehrmals...auch wenn sie nicht ganz so präsent ist). Im Zweifelsfall tut es dann auch das Anstupsen des Nachbars mit der Aufforderung „Sing mal schnell eine Stelle aus Beethovens 5., aber nicht die mit dem Dädädädääääää“... Tja, so macht man sich Feinde.
Nun spult unser Gehirn also diesen Ohrwurm immer wieder ab, was einer hundertfachen Wiederholung des Stückes, bzw. des entsprechenden Fragmentes beim Üben gleichkommt. Und „üben“ tun wir es quasi jedes einzelne Mal, wenn wir es innerlich mitsingen. So etwas prägt sich ein. Fürs Leben. Selbst dann, wenn wir und nur eine ganz kleine Stelle aus dem Stück merken konnten (im tollsten Fall noch fehlerhaft...das bekommt man gefühlt nie wieder aus dem Hirn, wenn man es dann tatsächlich einmal irgendwo „in echt und fehlerfrei“ spielen muss) oder (was häufig genug vorkommt) der Sprache des (in diesem Falle dann wohl) Liedes nicht mächtig sind und Bits und Bytes unserer Gehirnspeichermasse mit „hmmm-iswonnofea-loooo“ zuspammen. A la Borderlaise.
Dass man sich mit Ohrwürmern infizieren und diese quasi im Selbstläufermodus immer wieder hervorholen und perfektionieren kann, wissen wir nun also, wobei uns das ein Blick in unseren Erfahrungsschrank auch hätte sagen können. Bleibt noch die Frage: Wozu muss das denn dann überhaupt jemand erforschen? Damit diese ganzen kognitiven Musikwissenschaftler ihre teure Ausbildung irgendwie vertreten können? 
Die Antwort liegt wie fast immer auf der Hand: Weil man damit unter Umständen eine Menge Kohle machen kann. Und das nicht nur, weil man sich auf diese Weise eine Stelle an einem teuren Institut sichert, sondern weil im Endeffekt ganze Wirtschaftszweige von der Geschichte profitieren können. Allen voran natürlich die Musikindustrie: Wenn sich unzweifelhaft vorhersagen ließe, welche Eigenschaften ein Song haben müsste, um als absoluter Ohrwurm zu gelten, könnte man quasi „flopfrei“ produzieren. Und auch die Werbeindustrie hätte ihre Freude an der Geschichte, denn so ein eingängiger Werbesong, der kann schon die Kasse klingeln lassen.
Dass sich die tatsächlichen Ohrwürmer zwar häufig aus individuellen Erlebnissen heraus entwickeln, ist bei der Erschaffung eines Verkaufsschlagers zwar hinderlich, allerdings nicht unumgänglich, denn die besagten „schönen Gefühle“ lassen sich ja auch mittels eben dieser Musik in diesem Augenblick erzeugen, so dass uns die Situation, in welcher wir das Stück hören, im Grunde auch egal sein Kann. Dazu klopfen wir mal wieder bei unserem mit Erinnerungen und Gefühlen verbundenen Gehirnbereich „Amygdala“ an (Nein, das ist nicht die Prinzessin aus Star Wars) und messen mal flugs nach, bei wie vielen Probanden welches Stück das Belohnungszentrum unter unseren Denkzellen aktiviert. Und schon haben wir zumindest einen Anhaltspunkt dafür, welche Motive dazu beitragen könnten, quasi einen oralen Orgasmus auszulösen und uns mit flatternden Einkaufstaschen in die nächste Drogerie oder den Supermarkt zu schicken. Soweit jedenfalls die Theorie. Wenn da nicht das blöde Problem mit dem Individualismus des Hörers wäre. Wir springen eben nicht alle auf die gleichen Sachen an. Und so ganz lässt sich auch kein Zusammenhang zwischen „Finde ich schön“ und „Kaufe ich“ herstellen. Jedenfalls nicht so klar, wie die Damen und Herren Forscher das gerne hätten. Leider. Oder Gott sei Dank.
Noch vor wenigen Jahren, bzw. Jahrzehnten, drehte die Werbeindustrie die ganze Geschichte übrigens gerne herum und nahm einen bekannten „Gassenhauer“, ein Stück, das sich über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte in den Köpfen der Leute gehalten hatte (Auch vor Jahrhunderten gab es bereits Ohrwürmer der allernervigsten Sorte...fragt mal den guten Johann Wolfgang Goethe, was er zu Carl Maria von Webers „Wir winden dir den Jungfernkranz“ zu sagen hatte...da kommt garantiert nicht Nettes dabei heraus, so präsent war das Stück, dass keine Flucht davor möglich schien.), legte einen neuen Text darüber und sorgte dafür, dass die „jungen Leute“ bald nicht mehr wussten, was denn nun eigentlich das Original war...“Radetzky-Marsch? Was soll das denn sein? Ach soooo, der Mais marschiert. Warum hast Du das nicht gleich gesagt? Lecker, lecker Bonduelle! Aber wer dieser Strauss war, weiß ich irgendwie immer noch nicht. Hat der etwas mit Gemüse zu tun?" Oder Rossinis Wilhelm-Tell-Ouvertüre, die sich mit dem Text der die Spartarife der Bahn anpries, noch besser schmettern lies... dann schon lieber Maggi Fix. A la Bordelaise.
So ganz den Stein der Weisen haben sie noch nicht gefunden bei ihren Ohrwurmforschungen, aber sie sind fleißig dabei und werden die Werbeindustrie vermutlich irgendwann revolutionieren.
Und für diejenigen unter uns, die inzwischen verzweifelt versuchen, den Fischtellersong aus dem Kopf zu bekommen, habe ich zwei Tipps auf Lager:
Erstens: Sucht den Song, der euch quasi fragmentarisch im Kopf herumtanzt und immer wieder denselben kleinen Ausschnitt vorspielt, heraus und lernt ihn ganz. Von Anfang bis Ende. Dann hört wenigstens diese Endlosschleife einer einzelnen Partie daraus auf.
Und zweitens: Hört euch doch ganz einfach das hier an. Das schlägt jeden bisherigen Ohrwurm um Längen. Versprochen.




 Tja, so harmlos hat es angefangen... "bitte nur ein bisschen Spitzen schneiden, 
die Länge soll bleiben"
 Dann wurde es doch noch etwas kürzer...
-Frau Finemang, was ist Ihr Laster?
-Amok sägen, mit dem Hoch-Entaster!

Keine Sorge, der Garten ist noch da... immerhin hat die neue Frisur gezeigt, dass ein paar schon vor Monaten fürs Fällen vorgesehene Bäume doch noch bleiben können.

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