Dienstag, 28. Juli 2015

Erst mal Gugge - Von alpenländischen Marchingbands und Pfingstsochsen zur Fastnet


So ab und zu bekommt ja auch das Fröken mal Post von den Lesern dieses Blogs. Manchmal artet das sogar in wilde Diskussionen aus, manchmal gibt es aber auch einen Wunsch nach einem Beitrag zu einem bestimmten Thema.
Häufig denke ich mir in solchen Fällen dann „Ach, das wäre tatsächlich mal einen Artikel wert!“, neulich dachte ich allerdings eher „Guter Witz!“ bis mir einfiel, dass ich viel zuwenig Ahnung von dieser Musikrichtung hatte, um zu wissen, ob es sich überhaupt um einen Witz handeln sollte.
Wie sich unschwer am Titel des heutigen Postings erraten lässt, dreht es sich bei diesem Musikstil um die sogenannte Guggenmusik: In meiner Vorstellung die Art von Musik, die der Alm-Öhi in seinen CD-Player warf, wenn er sich nach einem langen Tag des Ziegenhütens mal wieder ein paar spannende Kräutlein in seine Tabakspfeife stopfte um seinen „Fyrabe“ zu genießen. Na dann: Vöy Vergnüaga, ich hoff äs fägt!

Genug der Verbreitung alpenländischer Vorurteile, gehen wir die Sache mal systematisch an: Was um alles in der Welt ist „eine Gugge“? Eine vornehmere Aussprache von „oiner Gugg“, was dem Schwäbischen Ausdruck für „eine Plastiktüte“ oder einen Einkaufsbeutel entspricht? Tütenmusik also? Nein, das war Reggae... wobei Guggenmusik auch Teil des Schwäbisch-Allemannischen Faschings ist und die Beutelgeschichte zumindest etymologisch gesehen nicht aus dem Rennen ist. Desweiteren ist „guggen“ mundartlich für „schauen“ und möglicherweise mit dem Wort „Guggel“ (Auch Güggel oder Gockel) verwandt: Krähmusik also. Hühnerpop.
Wenn man sich die Herren Musiker einmal genauer ansieht , so finde ich den Vergleich zum Haushuhn sogar einigermaßen angemessen, zumindest, was die Kostümierung betrifft: Klick 

Seit dem 16. Jahrhundert ist diese Art der Fastnachtsmusik schriftlich bezeugt, wobei es doch einigermaßen schwierig ist, den Musikstil an sich genauer zu beschreiben. Es scheint sich dabei eher um die Art der Wiedergabe zu drehen: Marschierenderweise, bunt kombiniert und mit dem Ziel, den Winter endgültig zu vertreiben. Andere werfen dabei mit „Kamelle“, die Guggenmusiker werfen eben mit Noten um sich, die ungefähr genauso schmerzhaft sein können, wenn man sie mit voller Wucht an den Kopf gedonnert bekommt.
Heutige Guggis, wie sie sich anscheinend in der Schweiz zu nennen pflegen, spielen meist ein buntes Repertoire aus Militärmusik, Schlager, „Ohrwürmer“ der klassischen Musik, dann wieder etwas Marching Band...die blockartig hintereinander gesetzt ohne Punkt und Komma ineinander übergehen und mehr oder weniger davon leben, dass die Töne nicht immer ganz unserer klassisch-verwöhnten Erwartung entsprechen. Ein bisschen wie Charles Yves auf Koks also. Wobei ich Yves trotz seiner manchmal etwas radikal-klischeebeladenen Machosprüche trotzdem ganz gerne höre, die Guggenmusik jedoch … gewöhnungsbedürftig... finde. Kurz gesagt: Dass diese Musik ihren Ursprung in der Fastnacht hat, also dazu diente, den Winter zu vertreiben, kann man sich lebhaft vorstellen und sie scheint darin ja auch recht effektiv gewesen zu sein. Erstens hätte ich mich an Stelle des Winters auch auf die Socken gemacht, wäre mir jemand mit einem dudelnden Kuhhorn auf die Nerven gegangen (der Winter wird ja nicht umsonst als die „stille Jahreszeit“ betrachtet; mit dieser Mischung aus Alpenjazz und Heustadelschwoof hatte er wohl nicht allzuviel am Hut) und zweitens ist es ja tatsächlich auch bisher jedes Mal Frühling geworden. Und wenn eine Studie ganz klar zeigt, dass es bei 100 Versuchen, den März einzuläuten auch tatsächlich 100x März wurde, dann könnte man fast auf eine derart bekloppte Idee kommen, einen kausalen Zusammenhang zu sehen. Fast. Nicht wirklich. Hoffe ich. Ansonsten mal ganz schnell die Hand an die Stirn legen und die Temperatur überprüfen, vielleicht lässt sich ja noch etwas machen, wenn man es rechtzeitig erkennt.

Nun sagt man den Bernern gerne nach, sie seien etwas langsamer als andere (die meisten werden den Witz vom Berner kennen, der Schneckensammeln geht und am Abend mit leerem Korb nach Hause kommt. Auf die Frage, wo denn die Schnecken seien, antwortet er „Die sind viel zu schnell weggelaufen, ich hatte keine Chance!“), den Vogel schießen allerdings offensichtlich die Basler ab, die es fertigbringen, am Montag NACH Aschermittwoch den Fasching einzuläuten... das dann allerdings um 4 Uhr in der Frühe beim sogenannten Morga- oder auch Morgestraich.
Angesichts der Uhrzeit dürfte es verständlich sein, dass die Bewohner der Basler Innenstadt zunächst wenig Begeisterung dafür zeigten, als die erste Guggenband im Jahre 1874 mit Getöse durch die Straßen zog und den Morgastraich begleitete. Dorfkinder, die es gewohnt waren, dass riesige Kuhherden mit tosenden Glocken, bellenden Hütehunden und plärrenden, pfeifenden Hirten durch die Straßen zogen, waren vom Klang der Musikgruppen wahrscheinlich weniger aufgeschreckt. Auch die Klamotte dürfte sie an ähnliche Umzüge erinnert haben. Angesichts der Ähnlichkeit zwischen marschierenden Guggenmusikern und Pfingstochsen beim Almauftrieb  wird sich der eine oder andere Schweizer vermutlich gefragt haben „Ja isch denn heut scho Pfingschte?“
Vermutlich nicht, liebe Schweizer. Es ist immer noch Februar, das Murmeltier ist noch nicht aus seinem Bau gekrochen (im Gegenteil, es sitzt in seinem Wohnzimmer, hat die Türen verrammelt und hält sich die Ohren zu) und wir sagen euch eines voraus: Noch weitere 4 Wochen Winter. Da könnt ihr soviel Krakeelen, wie ihr wollt.



Das Fröken neigt ja leider zu entzündeten Augen...da hat kein entrüsteter Guggi draufgehauen. Echt!

 Aber heiß war uns in der letzten Woche... ob Mensch oder Tier, wir waren ein wenig lustlos.


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