Dienstag, 2. Juni 2015

Was ist Musik? Der Tragödie zweiter Teil



Willkommen zu Teil Zwei der offensichtliche vergeblichen Suche danach, was Musik eigentlich ist. Oder besser vielleicht: Der Frage danach, was Musik für uns ausmacht, denn es scheint offensichtlich nicht möglich zu sein, eine vernünftige Antwort nach der Natur der Musik zu bekommen. All die Dinge, die uns zu dem Thema so einfallen, wie beispielsweise Melodie und Rhythmus, Mehrstimmigkeit, formale Regeln, Sonatensatz-, Rondo-, oder weitere Formen, Themen, Motive, Imitationen...nichts davon scheint notwendig zu sein, wenn es um das Schreiben von Musik geht.
Vielleicht werden ja deshalb die bekanntesten Stücke immer wieder gespielt, weil wir Dinge brauchen, an denen wir uns halten können. Bekanntes gibt irgendwie immer ein gewisses Gefühl der Sicherheit: Das hat uns beim letzten Mal nicht gebissen, also wird es das vermutlich auch diesmal nicht tun. Gehen wir also in die Zauberflöte, statt in Unsuk Chins Alice im Wunderland.
Und dabei gäbe es so viele wunderbare Stücke, die mittlerweile teilweise auch schon ihre 50-70 Jahre auf dem Buckel haben und dennoch viel zu häufig unter der Bezeichnung „neumodischer Kram“ abgetan und außer Hörweite verbannt werden. Und das von denselben Menschen, die einen Popsong nach 2 Wochen von ihrer Playlist löschen, weil er ihnen nicht mehr aktuell genug ist. Wobei man sich bei den meisten Popsongs darauf verlassen kann, dass sie wiedererkennbare Melodien und eingängige Rhythmen besitzen und somit also im Grunde alles andere als neumodisch sind. Da wird im Gegenteil, auf eine Liedform zugegriffen, die man auf jedem Mittelaltermarkt hören kann. Hätte sich der Erfinder des Strophenliedes rechtzeitig ein Patent auf diese Form in die Höhlenwand meißeln lassen, wäre er vermutlich Mammutmillionär gewesen und seine Familie bis heute finanziell abgesichert.
Und woher kommt nun diese Ablehnung, die ausgerechnet in jungen Menschen so verankert scheint? Liegt es einfach nur an der fehlenden Beschäftigung mit der sogenannten „Neuen Musik“? Braucht es 20 Jahre Gewöhnungszeit? Und wenn ja: Weshalb?
Möglicherweise liegt es ja tatsächlich daran, dass wir bereit sind, vieles zu akzeptieren, das sich innerhalb der Grenzen bewegt, die wir im Kindesalter vermittelt bekommen haben, in einer Zeit also, in der wir noch klare Definitionen vorgesetzt bekamen und (hoffentlich) ebenso klare Grenzen, die wir nicht zu überschreiten wagten. Selbst denken war noch nicht gefragt, wer sich absonderte, wurde von den Kameraden ausgegrenzt oder vom Kindergartenmob verprügelt. Dieselbe Situation also, die gewisse Politiker heute noch fordern, welche übrigens stark in eine politische Richtung tendieren, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bereits Komponisten wie Arnold Schoenberg (Damals noch mit „ö“) dazu gebracht hat, ihre Koffer zu packen und das Reich zu verlassen. Fehlt uns da einfach ein Stück Musikgeschichte?
Was diese Musik so ungewohnt, vielleicht sogar verstörend, macht, ist das Erweitern oder gar negieren der Parameter, die wir in der Feld-Wald-und Wiesenmusik des alltäglichen Radiogedudels immer wieder vorgesetzt bekommen: Melodien, Rhythmus, Takt. Ein Wiedererkennungsfaktor durch Themen und Motive die das gesamte Stück durchziehen. Ob ein Popsong eine Überlebenschance hätte, wenn er auf das Strophenformschema verzichten und statt dessen durchkomponiert würde, ist fraglich und wäre den Versuch aus finanzieller Sicht vermutlich nicht wert. So etwas kann man sich vermutlich nur trauen, wenn man Freddie Mercury heißt und mal eben eine Bohemian Rhapsody aus dem Ärmel schüttelt.

Was in der Romantik mit dem Aufbrechen der Tonalität begann, erweiterte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts auf die übrigen Eckpunkte. Die bis dahin geltenden Regeln der Tonalität waren spätestens mit Schönberg in ihre Bestandteile zerkloppt worden, danach konnte man, was Kon- und Dissonanzen betraf, so ziemlich machen, was man wollte, aber wo sich eine Grenze öffnet, da erkennt man dahinter ja bekanntlich eine neue. Und so weiter. Und das, was diese Grenzen sprengt, fordert den Hörer tatsächlich, genauso wie den Veranstalter, der diesen Forderungen nach Freiheit erst einmal gerecht werden muss. Das können ganz einfach Platzprobleme sein, wie bei Stockhausens Oper „Licht“, die mal eben 2 Säle und einen Raum für einen Mischer benötigt, oder gar das Helikopter-Quartett, in dem sich die Musiker in, ihr habt's erraten, Helikoptern befinden (wobei man den mal eben angemieteten Flugplatz auch gleich für eine Aufführung von „Gruppen für 3 Orchester“ nutzen könnte, denn auch das lässt sich eigentlich nur in einem Hangar verwirklichen), Ligeti setzte neue Maßstäbe in Puncto Rhythmus (bzw. er ließ ihn in seinen „Atmospheres“ einfach weg oder gab ihm in seinem Poème Symphonique eine Solorolle und stellte 100 Metronome spezifisch ein, löste die Verbindungen und schon ging das Geklacker los. Musik ohne Klang also, nur Geräusch und doch trotz allem Musik, denn es steckt eine musikalische Absicht dahinter, das Ganze ist alles andere als ein Zufallsprodukt. John Cage beschloss dann eines Tages einen Radikalschlag und ließ ganz einfach alles weg, was wir gemeinhin als musikalische Bausteine aufzählen würden. Sein 4' 33'' enthält keinen einzigen Ton. Alles, was geblieben ist, ist die Auführungszeit von 4 Minuten und 33 Sekunden. Und eine sehr klassische Einteilung in 3 Sätze. Dafür lässt er dem Musiker in Puncto Instrumentenwahl völlig freie Hand. Ist ja irgendwie tatsächlich egal, aus welchem Instrument nun kein Ton kommt. Ein Klavier, das nicht spielt, klingt überraschenderweise genauso wie eine Trompete, die nicht spielt. Irgendwie faszinierend, dass alle Pausen gleich klingen können, egal, wer die Pause macht... ich frage mich, wie lange man über derartige Phänomene nachdenken kann, ehe einem der Kopf platzt.
Zwei Aufführungen dieses wunderbaren Stückes (ja, ich liebe es, auch wenn ihr euch jetzt leise tonlos 4 Minuten und 33 Sekunden lang an die Stirn tippt) durfte ich erleben, eine war ganz unglaublich laut (hö? Wie jetzt?), da das Publikum nach den ersten 2 Minuten ein Wahnsinnsgezeter veranstaltete, tuschelte, im Programmheft blätterte, sich das Stück von den Leuten in der Reihe hinter sich erklären ließ..., die andere war ganz einfach doof, da der Solist (oder in dem Fall besser der Nihilist :D Er macht ja praktisch null) meinte, unbedingt beweisen zu müssen, dass er tatsächlich spielen kann, und eines dieser Großmutterheulstücke wie die Ballade pour Adeline hinterherwarf, wohl aus Angst, er könne hinterher mit Kommentaren wie „Hey, sind Sie Beamter? Die werden ja auch für's Nichtstun bezahlt!?“ überhäuft werden. Traurig und schade um das tolle Stück.

Ganz aus dem Ruder scheint übrigens Cages Atlas Eclipticalis zu laufen: Die Töne selbst entstammen der Sternenkarte Australiens und wurden auf Notenlinien durchgepaust, wobei die Tonhöhen hier relativ zu sehen sind und der Einschätzung des jeweils ausführenden Musikers (und derer gibt es viele, es handelt sich um ein Orchesterstück) unterliegen. Die Länge der Töne ist ebenfalls grob selbst abzuschätzen (wie man es schafft, grob zur selben Zeit aufzuhören, ohne zwischenzeitlich einen Kaffee trinken zu gehen, bis auch der dritte Bratschist am Ende angelangt ist, ist mir ein Rätsel) und die Lautstärke gibt eine ungefähre Vorstellung von der Helligkeit der Sterne. Ich vermute mal: Hätte der gute Mann das ganze mit dem Tageshimmel statt des Nachthimmels gemacht, wären wir wohl spätestens bei der Sonne allesamt taub gewesen!
Das Stück selbst hat eine Entstehungs- und Bearbeitungsgeschichte, bei der man sich erstmal nen Kaffee holen sollte und die eigentlich ihren eigenen Artikel verdient. Alles in Allem lässt sich wahrscheinlich ohnehin nie wirklich sagen, was Musik denn nun so wirklich ausmacht, aber das wussten wir ja bereits. Einen guten Teil scheint ja auch die Zeit dazuzugeben, die einem zunächst als unzumutbar angesehenes Stück seinen Platz in der Musikgeschichte gibt. Cages 4'33'', das mittlerweile eines der bekantesten Cage-Stücke ist, wäre so ein Fall, aber auch die Uraufführung von Strawinskis Sacre du Printemps oder Stockhausens Fresco, das frühzeitig abgebrochen werden musste, weil einige Musiker Schilder mit Aufschriften wie „Tut uns Leid, aber wir müssen das so spielen“ hochhielten, die Lichter an den Notenpulten ausknipsten oder ganz einfach irgendwann ihre Instrumente einpackten und ungefragt nach hause gingen. Schade um die ganze Arbeit und insgesamt eine ziemlich schief gelaufene Aktion, denn das Stück gewann dadurch nicht unerheblich an Popularität. Ich schätze, anzuecken kann auch ein guter Weg in eine musikalische Zukunft sein!




1 Kommentar:

  1. Gibt es denn hier gar keine Kommentare?

    Das finde ich schade, denn die Artikel sind ausnahmslos (ich hab so an die zwölf gelesen - Fazit: gerne mehr!) ausgesprochen locker und trotzdem (!) interessant, und würden mehr Interesse/Anteilnahme des "Publikums" verdienen.

    Private deutschsprachige Blogs über ernsthafte* Musik gibt es grob gesagt überhaupt keine (ich kenne 4 oder 5), die Newsfeeds von Musikverlagen, Rundfunkstationen, etc. interessieren als reine PR Aktionen nur marginal. (Wenn ich Neuerscheinungen von CDs suche, suche ich bei jpc.de).

    Also weiter so! Ich werde dich im Auge behalten.

    *ich wollte zuerst "klassisch" schreiben, aber das ist inhaltlich zu eng.

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