Montag, 8. Juni 2015

Alle Jahre wieder - vom Jojo-Effekt der saisonalen Gebrauchsmusik


Wenn es einen Preis für das nervtötendste Musikstück aller Zeiten gäbe: Wer würde ihn wohl abräumen? Und anhand welcher Kriterien ließe es sich festmachen?
Kriterien, die ein Musikstück außergewöhnlich machen, gibt es viele: Neuartig muss es sein, etwas nie dagewesenes wagen, richtungsweisend sein. Beethoven hatte so etwas wie ein Abonnement auf dieses Bewertungsmerkmal. Was auch immer der Herr mit der Hobbitfrisur auf den Musikmarkt warf, stieß alte Regeln um, änderte althergebrachte Schemata, setzte die Messlatte ein Stückchen höher. Plötzlich war das ein Satz mehr als gewohnt, ein Scherzo statt eines Trios, wurde die Tonart an bislang nie dagewesener Stelle verlassen und wieder eingefangen...und doch kann man sich auf einen festen Stil verlassen. Beethoven bleibt Beethoven, er wird niemals ein stiller, zurückgezogener Komponist sein, der ein paar vorsichtige Töne in den Raum wirft und einfach mal zusieht, wie sie sich entwickeln. Trüge er ein Symbol statt eines Namens, so wäre es wohl die erhobene Faust. Insofern gibt es also auch bei den ganz Großen den einen oder anderen Faktor, der nach einer gewissen Zeit anfangen könnte, langweilig zu werden.
Ein weiteres unschlagbares Kennzeichen dafür, dass ein Stück (und sei es auch noch so gut) Gefahr laufen könnte, dem Hörer auf den Wecker zu fallen, liegt in der Art der Rezeption begründet. Wer seine Siebensachen zusammenpackt, sich hübsch macht um dann für teuer Geld in ein Konzert zu spazieren, wird das dargebotene Stück vermutlich eher genießen als jemand, der sich gerade mit 3 heulenden Kleinkindern vollgepackt durch den Supermarkt wühlt und auf den Tod kein Tomatenmark finden kann... das sind die Augenblicke, in denen man die Baumarktabteilung stürmen und den Lautsprechern an den Wänden mittels einer Leiter und eines Eimers Epoxitharz den Garaus machen möchte.

Ganz besonders beliebt sind auch die (weltweit offensichtlich nur 3) Stücke, die jeder Wellensittich in leicht verfälschter Weise auf der Ziehharmonika dudeln und uns an allerhand einstmals lauschigen Plätzchen um die Ohren hauen kann. Ob Mozarts Türkischer Marsch oder das Rennsteig-Lied...man möchte …. ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, was ich da zuerst tun möchte...schön ist jedenfalls keine der Aktionen.
Tja, und dann kommen wir zur Mutter aller Stressfaktoren: Weihnachtsmusik. Sicher, auch Passionsoratorien kommen jedes Jahr wieder um die Ecke und besetzen das Musikprogramm in Gotteshäusern und Konzertsälen, sie halten sich jedoch zumindest weitgehend aus Ladengeschäften und Innenstädten fern. Nicht so die Weihnachtsmusik. Ich vermute, der Dezember ist so ziemlich der einzige Monat, in dem man mich Sätze sagen hört, wie „Dieser Bach geht mir sowas von auf den Senkel!“.
Will Freeman aus Nick Hornbys Bestseller „About a boy“ ist ein Mann, er es schafft, sein ganzes Leben lang nichts zu tun und in den Tag hinein zu dösen, da ihm der Weihnachtspopsong, den sein Vater einst schrieb und der seitdem jeden Dezember in so ziemlich jeder Show, Kneipe und Einkaufsmeile gespielt wird, genug Tantiemen einbringt, um niemals selbst arbeiten zu müssen.
Der besagte Song „Santa's Super Sleigh“ wurde extra für den Film-Soundtrack geschrieben, basiert aber auf der Geschichte eines ganz anderen Songs, der vermutlich mehr Stresshormone produziert, als die gesamte Prozac-Industrie wieder ausgleichen könnte: Wham's „Last Christmas“ aus dem Jahr 1984. 
Seit mittlerweile 31 Jahren dudelt uns der Song ein Zwölftel des Jahres die Ohren voll und jeder in meiner Umgebung zuckt erschreckt zusammen, sobald er die ersten Akkorde nebst dazugehörigem „aaaaahhhhh..o-ho-ho-ho-hoooooooooo“ erklingen hört. Last Christmas, der Song, den jeder kennt und keiner mag.
Und nun kommt der überrasche Teil der ganzen Geschichte: Was an Last Christmas so unglaublich nervt, so glaubt man zunächst, ist (neben dem nicht gerade literaturnobelpreisverdächtigen Text) die scheinbare Einfachheit, mit der er gestrickt ist. Scheinbar? 
Ja, scheinbar. Denn ausgerechnet dieses Meisterwerk der Nervenzerstörung ist gar nicht so simpel, wie es zunächst erscheint. Der Song ist nämlich was Metrum, Reimschema und die Komposition als solche angeht, überraschend kompliziert. Last Christmas ist (man lese und staune) kein typisches Strophenlied, sondern im klassischen schubertianischen Stil durchkomponiert. Wer jetzt protestieren und auf die sich ständig wiederholenden Dudeleien verweisen möchte, möge doch an dieser Stelle bitte einmal die Strophe singen. Nein, nicht den Refrain, die Strophe meine ich. Ja, die gibt es. 2X sogar. Und genau da hakt es, denn die Strophen sind eben nicht identisch. Sie sind auch dem Refrain melodisch nicht ähnlich, scheinen keinerlei sinnvollen Metrum zu besitzen und passen nur irgendwie mehr oder weniger in das gängige Schema aus jeweils acht 4/4-Takten, da sie entweder extrem auftaktig, melismatisch oder aber eine hektische Aufeinanderfolge viel zu vieler Silben auf viel zuwenig Zeit mit dadurch kaum erkennbarer Melodie sind. Selbst das Reimschema ist in beiden Strophen nicht dasselbe, von den üblichen Parametern wie Silbenzahl oder Metrum mal ganz abgesehen.
Packt man den Text des Liedes so in eine Form, dass die Strophen nicht der musikalischen Untermalung entsprechen, sondern quasi als Gedicht lesbar wären, so ergibt sich folgendes Silben- und Reimschema:

Refrain:
8 Silben, A
6 Silben, B
5 Silben, B
2 Silben, C
5 Silben, C
8 Silben, D

Noch interessanter sind die beiden Strophen:
6 Silben, E
11 Silben, E
4 Silben, F
6 Silben, F
11 Silben, E

11 Silben, G
11 Silben, G
8 Silben, H
13 Silben, I

Die beiden Strophen sind also vollkommen unterschiedlich aufgebaut, der Text wimmelt von Stellen, die über überhaupt keinen Endreim verfügen, wie sehr sich das Ganze auch in Punkto Melodieführung voneinander unterscheiden muss, ist also bereits dann klar, wenn man den Song noch nicht einmal gehört hat. So gesehen handelt es sich bei diesem zunächst so stupide erscheinenden Song dann doch noch um ein ganz außergewöhnliches Stück Popmusikgeschichte. Einen durchkomponierten Song mit derart vielen „Ungereimtheiten und Schütteleien herauszubringen, muss man sich erst einmal trauen. Ich vermute, die üblichen Verdächtgen aus der Produzentenbranche würden mich nicht gerade zu einem gemeinsamen Abendessen und weiteren Verhandlungen einladen, wenn ich ihnen einen derartigen Text schickte, aber der Song hat funktioniert und tut es auch heute noch. Und zwar deshalb, weil die weiteren äußeren Voraussetzungen nicht nur stimmen, sonder tatsächlich derart penetrant umgesetzt wurden, dass dem Durchschnittshörer die Eigenheiten des Werkes nicht einmal auffallen. Das eingehende Akkordschema wurde vom ersten bis zum letzten Takt durchgehalten, die 4/4 in Form von durchgängigen Achteln überbetont, und dann hätten wir nicht zuletzt die eingehende Melodie des Refrains, der so lange wiederholt wird, bis wir eine Pause einschieben und wieder etwas essen konnten, damit wir uns weiter übergeben können, und dann wäre da noch das Klimpern des Spielzeugspianos, bei dem ich immer das Gefühl habe, es sei von der Peanutfigur “Schroeder“ eingespielt worden, der sich damit das Geld für die ewig neuen Beethovenbüsten verdient, die Lucy VanPelt ihm ständig zerbricht.
Besonders spannend ist übrigens, dass ausgerechnet dieses Lied quasi stehenden Fußes eine Klage nach sich zog, es sei von vorne bis hinten geklaut und kopiert worden. Und tatsächlich ist der Song, um den es dabei ging, was Akkordschema, Begleitfiguren und Eingängigkeit betrifft, „Last Christmas“ tatsächlich extrem ähnlich, allerdings handelt es sich hierbei tatsächlich um ein Strophenlied, und genau an dieser Stelle muss man Wham tatsächlich mal ein Lob aussprechen: Das Lied des Klägers Barry Manilow übertrifft den Nervfaktor des Weihnachtliedes be Weitem. Die nicht durchkomponierte Form macht „Last Christmas“ zumindest irgendwie erträglich. Wenn auch nicht sehr.

Zu den Songs geht es übrigens hier:





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen