Hall aus Sachsen? Händel-Rezeption und -Idealisierung in der DDR




Das Problem einer neuen Ideologie, einer neuen Regierung oder eines neu geschaffenen Staates besteht zunächst einmal darin, dass er oder sie nun einmal genau das ist: Neu. Altes soll hinter sich gelassen, Neues in den Vordergrund gerückt, und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit auf Basis neuer Werte geschaffen werden. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit stellt sich dann ein, wenn Menschen Dinge teilen: Erinnerungen, Geschichten, Wertvorstellungen. Wir wissen (noch) nicht, wer wir sind, haben unsere Geschichte hinter uns gelassen, aber wir sind einander verbunden; das ist eine Idee, die sich nicht so einfach verwirklichen lässt. Ohne gemeinsame Hintergründe sind wir keine Gemeinschaft.
Nun sind diese Hintergründe glücklicherweise gar nicht so schwer zu finden, wie man zunächst glauben könnte: Steckt man drei einander völlig fremde Menschen in den Warteraum einer Tierarztpraxis, bilden sie bereits wenige Minuten nach dem Abspulen der allgemeinen Begrüßungsformel ("oooh, was hat er denn?") eine Notgemeinschaft, die der Gruppe von Menschen, deren Zug gecancelled wurde, in nichts nachsteht. Die Nutzung allgemein verständlicher sprachlicher Codes („Oh, was hat er denn?“, „Die lassen sich aber auch Zeit hier?“ „Das wird aber auch alles teurer!“) regt dazu an, sogar dort Leidensgemeinschaften zu bilden, wo zuvor gar kein wahrnehmbares Leid existierte, wobei diese Codes auch über Einzelsprachen hinaus erkannt und verstanden werden. Wer das nicht glauben mag, der werfe einmal wahllos vor einer Touristenattraktion Ziegelsteine auf die Füße der Menschen um sich herum. Ich garantiere, die Reaktionen werden sich ähneln und man wird relativ schnell wissen, wo ein schuldbewusstes Gesicht genügt, und wo man besser die Beine in die Hand nehmen sollte, ganz gleich, ob der Ausruf nun Aua, Ouch, Itai oder Waiwai lautet. Man muss also nicht derselben Rasse angehören, um zusammenzufinden, genaugenommen noch nicht einmal derselben Art. Rudeltiere, zu denen wir übrigens ebenfalls zählen, nehmen andere Tiere unter bestimmten Umständen in ihre Gemeinschaft auf, säugen fremde Babies, nehmen den Findling ohne Eigenrudel auch mit auf die Jagd. Wir können also auch zusammenwachsen und uns eine Art gemeinsame Geschichte erschaffen, wobei wir Menschen,  durch unseren Tick, alles aufschreiben oder weitererzählen zu wollen und für kommende Generationen aufzubewahren, wahrscheinlich doch eine Sonderstellung einnehmen, zumindest solange kein Holzfäller entdeckt, dass Elche ihre Stammesgeschichte mittels ihrer Geweihe dort ins Unterholz ritzen, wo die Kälte eine gewisse Konservierung garantiert. Daher empfiehlt es sich, doch ein wenig herumzustochern in der Geschichte, und die Fakten herauszufiltern, die sich eignen, zum Aufbau einer gemeinsamen Tradition.
Neben großen Dichtern und Denkern gehören natürlich auch Künstler zu dieser gefilterten Tradition. Selbstverständlich nur diejenigen, auf die wir tatsächlich stolz sein können, was erklärt, weshalb handgemalte Postkarten eines gewissen Österreichers (ja, damit hat sich der Adi tatsächlich einmal seine Brötchen verdient) eher unter der Hand gehandelt werden, als in den großen Galerien zu hängen. Und dabei ist er nicht der Einzige: Viele in der DDR groß gehandelte und hochgepushte Künstler wurden nach dem Mauerfall langsam aber sicher in die Versenkung befördert.
Dass man auf Musiker wie Mozart, Beethoven, Bach, Wagner oder Händel stolz sein kann, hatten bereits die Anhänger des Postkartenmalers entdeckt, und so erlebten diese Künstler unter den Nazis einen Boom, den sie zwar im Grunde verdient hatten, der allerdings durch die politische Funktion des Volkszusammenhaltes (und des großen Angebens anderen Nationen gegenüber) im Nachhinein einen etwas unangenehmen Nachgeschmack bekam.
Nationbuilding oder Identitätsstiftung nennt sich das Verfahren, bestimmte Werte und deren Vertreter besonders herauszustellen und mit den Mitgliedern der zu bildenden Gemeinschaft zu vebinden. Ihre Vergangenheit muss etwas sein, das nur diese Mitglieder als Gruppe gemeinsam haben, und gleichzeitig etwas, auf das sie stolz sein können.
Dass das so allerdings nicht immer funktioniert, zeigt bereits die Definition Deutschlands als das Land der Dichter und Denker: Ja, sicher, wir hatten Kant und Nietzsche, allerdings starb letzterer in der Psychatrie (was seine letzten Werke durchaus erahnen lassen), hielt Sklaverei und Ausbeutung für ein notwendiges Vorrecht der Übermenschen und hätte, wenn er gewusst hätte, dass er selbst als jahrzehntelanger Pflegefall enden sollte, vielleicht zweimal nachgedacht, ehe er erklärte, schwache Menschen würden quasi die Entwicklung der Starken sinnlos aufhalten - ich zumindest habe über sehr weite Strecken große Schwierigkeiten, mich mit Nietzsche als Nationaldenker zu identifizieren, und wage außerdem zu behaupten, dass in einem Bekanntheitswettstreit (nicht nur was die Namen, sondern auch die Inhalte angeht), noch immer die Griechen mit Sokrates,  Platon, Aristoteles und Konsorten die Nase vorn hätten. Und auch wenn jeder Deutsche den Namen Goethe kennt, blieben in einem „most famous play“-Tag die Kenntnisse über den Inhalt von Faust vermutlich hinter denen über Shakespeares Romeo und Julia zurück.  Und trotzdem halten wir sie hoch, die Goethe-Flagge (und das ja auch mit Fug und Recht, denn was Sprache und ihren Einsatz betrifft, hatte der Herr so einiges auf dem Kasten).
Aber wenn ich mich recht erinnere, wollte ich ja etwas über Händel erzählen. Georg Friedrich, nicht politische, wobei auch mit Händel immer wieder solche getrieben wurden, denn, wie bereits mehrfach erwähnt, eignen sich Helden der Künste auch ganz gut dazu, Helden der Arbeit zu repräsentieren. Kurz: Nicht nur das Dritte Reich, auch die DDR wusste genau, wie man Jumbo Händel ins rechte, bzw. linke Licht rücken kann.
Im Gegensatz zur Reichsmusikkammer, die, wie bereits hier beschrieben, gar nicht so erpicht darauf war, Händels Werke zu bearbeiten (die Initiative ging in diesem Fall ja eher von besonders eifrigen Privatspinnern aus, die entweder zu viel Zeit, zu wenig Gehirn, oder eine wie auch immer geartete Kombination aus beiden Faktoren besaßen), sah es die SED jedoch durchaus als ihre große Mission an, ein für alle Seiten verbindliches Händelbild zu gestalten, das die Marxistisch-Leninistische Ideologie unmissverständlich verkörperte und nach außen trug. Gut, dass Händel zu diesem Zeitpunkt seit knapp 200 Jahren unter der Erde, bzw. dem Fußboden der Westminster Abbey lag, wäre er ein paar Jahre jünger gewesen, hätte er sich vermutlich eigenhändig freigeschaufelt (Kraft hatte er ja, immerhin soll er ja verschiedene Sportarten, wie etwa Instrumenten- oder Operndivenweitwurf ins Leben gerufen haben) und wäre nach Berlin marschiert, um ein für alle Mal klar Schiff zu machen und zu erklären, dass er nicht für das Volk komponiert, sondern für denjenigen, der am meisten bezahlt und die beste Publicity bietet. Dass seine Musik nur deshalb nicht rein höfisch war, weil er dort keine feste Anstellung hatte, sondern sein eigenes Unternehmen leitete, aber sonst kein Problem damit hatte, sich von den werten Herren mit Titel und Schlösschen einladen und durchfüttern zu lassen. Ein sozialistischer Komponist, der Auftragswerke für Königs fabriziert? Der sein Geld in den Sklavenhandel investiert und es schafft, trotz zahlreicher in den Sand gesetzter Geschäfte, als (auf heutige Währungen umgerechnet) Millionär zu sterben? Nicht, dass er nicht freigiebig gewesen wäre, wenn es um den guten Zweck ging, davon weiß das Foundling Hospital ein Lied, beziehungsweise eine Arie zu singen, aber als Sozialist hätte er sich sicher nicht bezeichnen lassen, das wäre ja quasi ruf- und somit geschäftsschädigend gewesen.
Neben der kleinen Unannehmlichkeit, dass es sich bei Händel quasi um den Oberkapitalisten schlechthin handelte, der Anekdoten zufolge derart verfressen war, dass er zwar zum Essen lud, sich die besten Teile und Weine jedoch mit Vorliebe selbst hinter die Kiemen steckte, der durchaus nicht Willens war, die gleiche Bezahlung wie sein Gardinennäher zu akzeptieren, und der eben auch für Monarchen komponierte, wenn die Kohle stimmte, gab es bei Händel noch einen weiteren Schönheitsfehler, der schon den Knalltüten bei der Reichsstelle für Musikbearbeitung eine Menge Arbeit beschert hatte: Wenn es etwas gibt, das weltliche Mächte nicht gebrauchen können, dann ist es ein gläubiges Volk. Schließlich soll man sich an die Gesetze halten, die von den Parteien gebastelt wurden, nicht an die, die ein alter Mann eines Tages auf einem Berg mitten in der Wüste gefunden hat. Bei einem König, der sich bezüglich seiner Macht auf die Gnade Gottes beruft, mag das noch angehen, aber frisch gewählte und jederzeit wieder absetzbare Menschen fühlen sich gemeinhin sicherer in ihrer Position, wenn ihnen keine höhere Macht dazwischenpfuscht. Dass man, indem man Religion weitestgehend ignoriert, die Grundfrage nach der Existenz Gottes nicht lösen kann, ist ihnen vermutlich bekannt, aber zunächst geht es ja um Machterhaltung und je weniger sich das Volk auf einen zweifelhaften Unbekannten beruft, desto sicherer ist der weltliche Machtapparat. Kurz gesagt: Ein kräftiges „Die Partei hat immer recht“ (ja, dieses Meisterwerk sozialistischer Liedkunst gab es tatsächlich, auch wenn ich persönlich die Idee, dass die Partei den Menschen Sonne und Wind gebracht hat, für eine interessante Neuinterpretation der Schöpfungsgeschichte halte, und gerne einmal sehen würde, wie Genosse Erich versucht, den Wind einzufangen...hat etwas von einer Schildbürgergeschichte, aber gut, hier ist der Link, ) eignet sich da verständlicherweise besser, als ein ebenso kräftiges Halleluja, bei dem es traditionell auch den weltlichen Monarchen nicht auf seinem Sessel hält.
Im Gegensatz zur SED befand die CDU (ja, es gab tatsächlich andere Parteien in der DDR, auch wenn diese dann eben NICHT immer recht hatten und wahrscheinlich vergessen haben, einen Eimer voll Sonnenlicht für das Volk zur Verfügung zu stellen) das „Schaffen des Meisters“ auch bei seinen religiösen Werken für „geeignet zur Volkserziehung“. Immerhin sei sie „ein Beweis dafür, dass auch ein vom machtpolitischen Mißbrauch befreites Christentum (...) vorwärtsweisende Impulse zu entbinden vermag“. Sprich: Solange es die Leute zusammenhält, darf man auch ruhig mal Halleluja singen. Und dass sich mit der richtigen musikalischen Untermalung so ziemlich alles verkaufen, verharmlosen, oder ein bisschen aufputschen lässt, dürfte mittlerweile jedem klar sein, der einen Fernseher besitzt.
Der 1984 ausgestrahlte Defa-Film „Unterwegs zu Händel“ zeigt die „tiefe Verbundenheit Händels mit seiner Stadt“ Halle an der Saale. Jo. Oder vielleicht auch nicht, immerhin zeigt er Halle. Und das Händel-Museum. Und eine Menge Leute, die sich ihrerseits mit Händel verbunden fühlen. Im Jahr 1984 hatten diese Leute alle noch ein Recht auf Arbeit, allerdings kein Recht auf Arbeit genau im Händel-Museum, weshalb es vielleicht doch besser war, nicht unbedingt herauszustreichen, dass Händel bereits im zarten Alter von 18 Jahren die Mücke machte und während der folgenden Jahrzehnte nur alle Jubeljahre mal schnell eine Eierschecke bei Mama dazwischenschob. Zumindest nicht, wenn man seinen Job dort gerne machte. „What Handel tells us“ heißt die englische Version des Filmes, wobei er uns da wohl eher so einiges verschweigt. Dass er anderorts eben mehr geboten bekam, als nur die Fiedel im Orchester zu schwingen. Gut, das kann man der DDR nicht vorwerfen, immerhin existierte diese noch nicht, als Händel aus Hall in Sachsen, wie es damals noch genannt wurde, verschwand, um seinen Hall nach Hamburg, Italien und England zu bringen. Aber auch, wenn er nicht Gefahr lief, mangels Papierbögen seine letzte Oper zu opfern, um sich doch noch in die Warteliste für einen Trabant einschreiben zu können, macht die Beziehung zwischen Händel und seiner Heimat doch einen eher einseitigen Eindruck.
What Händel tells us auch nicht ist die Tatsache, dass man ihn in der DDR tunlichst vor Verwestlichung (und ganz besonders vor westlichen Politikern) zu schützen gedachte. Wo käme man denn hin, wenn beispielsweise hochrangige westdeutsche Politiker oder deren Familien in der Händel-Gesellschaft herumspukten und die gute sozialistische Volkserziehung (nach der ich noch immer verzweifelt suche) gefährdeten? Wenn beispielsweise die Frau des Bundespräsidenten der BRD in die Händelgesellschaft eintreten und im Zuge dessen sogar bei öffentlichen Ver-händ-lungen aufkreuzen würde? Na, ein Glück, dass das Ministerium für Staatssicherheit....äh...mal eben kurz übersah, dass eine gewisse Veronica Carstens als Privatperson auf der Mitgliederliste stand. Mist aber auch. Nicht aufgepasst. We can Händel this, nur kein Drama! Dumm nur, dass die Wessis doch mit Karlsruhe ihre eigenen Händeltage und später auch -Festspiele veranstalteten. Eignete sich der Komponist etwa auch zur vollkommen gegensätzlichen Volksverhetzung...Verzeihung: -Erziehung? So, wie sie sich eben auch geeignet hat, den britischen König zu krönen, den Frieden von Aachen zu begießen, sich kostenlos Logis und jede Menge Gelati in Italien zu sichern, die Oberschicht ins Theater am Haymarket zu locken, oder auch Levi’s Jeans mittels einer Sarabande an den Mann, beziehungsweise die Frau zu bringen? 
Auf lange Sicht haben sie ja gewonnen, die Wessis, mit ihrem ganzen marktwirtschaftlichen, aus DDR-Sicht betrachteten ausbeuterischen System. Ob Händel da heimlich mitintregiert hat, indem er die sozialistische Volksseele schlussendlich doch im Stich ließ, um mit dem verdienten Westgeld eine Runde Bananen einkaufen zu gehen, wage ich allerdings zu bezweifeln. Dafür sehe ich den Unterschied zwischen einer in Köln gespielten Alcina und einer, die verzweifelt versucht, ihr Zauberreich in Dresden aufrecht zu erhalten, nun einmal nicht deutlich genug.
Wo auch immer sie also liegen mag, die erziehende Wirkung der Musik, so ganz offensichtlich scheint ihr Endzweck eben doch nicht immer zu sein, sonst würden sich mit „Zadok the Priest“, einer von Händels bekanntesten Hymnen, die rein textlich gesehen, die Erhebung Salomons zum König des Volkes Israel zelebriert, eben nicht sowohl die Krönungen des britischen Königshauses, als auch die Champions’ League der Fußballwelt feiern lassen. Vielleicht ist es aber auch an der Zeit, der Vergewaltigung der Musik ein Ende zu bereiten, und künftig eine Armeslänge Abstand zu halten. Das genügt, um sich und sein Instrument dazwischen zu klemmen und ein bisschen zu spielen. Für sich selbst. Für Freunde und Musikliebhaber. Und einfach, weil es so schön klingt.


         Im Ernst, ich wusste gar nicht, dass Zimmerpalmen blühen können...man lernt nie aus.
                                                        Gruselig, so ein Garten im Januar
       Und auch traurig. Kaninchengräber auszuheben gehört nicht zu den tollsten Gartenarbeiten.
 Fotostrecke: Die Welt aus der Sicht und Körperhöhe eines Vierjährigen, der die Kamera in die Hand bekommen hat... am Ende des Abneds waren tatsächlich 6 Batterien leergeknipst :D













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