Dienstag, 4. Juli 2017

Der Soundtrack zum Holocaust? Wagner in Israel




„Wagner war Antisemit. Deswegen mag ich ihn nicht“ steht als Eintragung im Gästebuch des Lohengrin-Hauses in Graupa. Offensichtlich war der Verfasser im Rahmen eines Schulausfluges durch das Museumshaus geschleift worden, und auch wenn die hinterlassene Bemerkung den Betreibern der Gedenkstätte vermutlich nicht zur Anregung dient, irgendetwas besser oder ansprechender zu gestalten, sondern für sich genommen schon wieder ein zeitgeschichtliches Dokument darstellt (nämlich eine schriftliche Hinterlassenschaft der Generation Meinungsfreiheit-auch-wenn-sie-keinen-interessiert), war sie doch eine der wenigen sinnvollen Eintragungen inmitten einer Wolke aus „Ich war hier“ , „Hetti ist doof“, „Lola for ever“ sowie den unvermeidlichen Würmchen und Ottifanten. Nur mal so am Rande: Hat eigentlich schon jemals jemand einen Eintrag gelesen, der aus den Worten „ich war nicht hier“ bestand? Es gäbe ja immerhin die Möglichkeit, jemandem, der tatsächlich zu den Besuchern zählt, seinen vorgeschriebenen Spruch auf Papier oder Post-it mitzugeben, so dass dieser ihn dann nur noch im Gästebuch einzukleben braucht – wobei die Schwierigkeiten vermutlich schon bei der Frage beginnen, ob jemand, der gar nicht vor Ort, also im Grunde auch gar kein Gast ist, überhaupt eine Berechtigung hat, etwas in ein Gästebuch einzutragen. Alle anderen, die das Buch nutzen, müssen dazu ja erstmal das Gelände betreten und haben damit quasi automatisch Gaststatus erlangt... Ist ein Einbrecher, der ein kostenlos betretbares Museum betritt, sich also erstmal nicht um den Eintritt herummogelt, denn eigentlich auch ein Gast? Und darf er sich dann ins Gästebuch eintragen, ehe er sich mit den ausgestellten Devotionalien aus dem Staub macht? „Wagner war Antisemit. Aber sein Nachtschränkchen ist schön. Das nehm ich mal mit. Hetti ist übrigens doof.“ - tja, das wären Fragen für die Challenge-WBS-Videos dieser Youtuber-Kanzlei mit dem zwanghaft locker-flockigen Law-Man (der allerdings immer wieder ziemlich interessante Fragen beantwortet).
Aber zurück zu Wagner und seinen Einstellungen zum Thema Gleichberechtigung und Toleranz:
Seine stellenweise erschreckend antijüdische Einstellung, wie er sie unter anderem in seiner teilweise doch recht verbohrten Schrift „Das Judenthum in der Musik“ zum Ausdruck brachte, lässt den heutigen Leser schon schwer schlucken. Den damaligen Leser vermutlich weit weniger, denn Wagner hatte diese Einstellung ja nicht beim Aufräumen im Keller gefunden. Ein gewisser Antisemitismus war zu seiner Zeit durchaus verbreitet und wurde in aller Ruhe beim Nachmittagstee dikutiert, ohne dass man sich dabei Gedanken machen musste, von irgend jemandem komisch angesehen zu werden. Nicht mal von den jüdischen Bekannten, die bei den Wagners ja teilweise mit am Tisch saßen und in derartigen Situationen vermutlich einfach ihre Schuhspitzen rund gestarrt haben dürften.
Aber so viele jüdische Freunde und Bekannte er privat auch gehabt (und gebraucht) haben mag, so oft man seine Sprüche einfach nur seiner Ehrenkäsigkeit und einer Bockigkeit, die einem Dreijährigen zu Ehren gereicht, zuschreiben kann, so manches sollte man vor der Veröffentlichung dann doch lieber ein paar Wochen in der Schublade ruhen lassen. Oder es einem Menschen zu lesen geben, der nicht ausgerechnet Cosima Wagner heißt. Anders gesagt: Was man nicht unter seinem eigenen Namen veröffentlichen würde, das sollte man dann vielleicht besser gar nicht veröffentlichen. Eine Einstellung, die sich in Zeiten des Internet-Hatens vielleicht sogar bezahlt machen würde.
Vor dem Hintergrund der Märzrevolution und der Abgrenzung von Metternichs Restaurationspolitik sowie einer etwas eigentümlichen Auslegung der heiligen Allianz ist Wagners Deutschtümelei durchaus verständlich und auch bei Lohengrins Ausspruch, die Horden des Ostens sollte niemals nach Deutschland ziehen, kann man die Worte „Deutschland“ und „Polen“ quasi austauschen. Auch das muss bedacht werden, wenn man heute, zwei Weltkriege später, mit der Weisheit der Spätgeborenen liest, was Wagner so von sich gab. Dass wir heute wissen, was Hitler und Konsorten jahrzehnte nach Wagners Tod in seine Werke hineininerpretiert haben, kann man Richard Wagner ja genausoschlecht vorwerfen, wie die Nazipropaganda, in der seine Schwiegertochter Winifred so aufgegangen ist. Trotzdem bleibt diese Verbindung irgendwie kleben. Das Argument vieler Wagnerianer, Wagners Musik und Wagners Einstellung seien immerhin zwei völlig getrennte Phänomene, kann ich widerum nicht so einfach unterschreiben. Immerhin hat der Richie (im Gegensatz zu seinem Sohn) keine Märchen vertont, sondern seine eigenen Libretti geschrieben. Und dass die Handlungsweisen und Schicksale seiner Figuren, die ja stets zwischenVernichung und Erlösung hin- und hergerissen sind, die Einstellung ihres Schöpfers widerspiegeln, würde ich jetzt nicht so einfach als unrichtig abtun.
Kurz und gut, die Wagners lassen sich vermutlich ebensowenig gesondert betrachten wie die Ewings oder die Simpsons, und frei nach dem Motto „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ wird ihnen quasi eine Art Clandenken unterstellt, unter dem das eine oder andere Familienmitglied heute noch leidet. Unterstützt von der Tatsache, dass jeder Nazi, der etwas auf sich hielt, versuchte, sich bei irgendeiner Aufführung in Bayreuth sehen zu lassen, ist es mehr als verständlich, dass die Idee einer Wagneroper in Israel nicht gerade Begeisterungsstürme auslöst.
Versucht man, eine Oper in irgendeiner auch nur annähernd veränderten Form oder an einem ungewohnten Ort auf die Bühne zu bringen, kann man damit eklatant auf die Nase fallen. Die Liste der Dinge, die dabei schieflaufen können, ist schier endlos, von abspringenden Musikern über unangebrachte Inszenierungen, Witze, die niemand versteht, zeitgeschichtliche Anspielungen, die den Leuten auf den Wecker fallen, die nicht zu der Gruppe gehören, die statt dessen dann meckert, wenn man versucht, etwas möglichst originalgetreu auf die Bretter zu bekommen... Wagner ist ohnehin ein Fall für sich, was die Frage nach einer originalgetreuen oder modernen Inszenierung angeht (es kann sich eben nicht jeder mit einer Bühne voll schwarzer und weißer Mäuse und schweinchenrosa Mäusekinder arrangieren)...tja, und wenn man sich den Risikofaktor zu Nutze machen will, der am zielstrebigsten dafür sorgt, dass man mit Pauken und Trompeten auf die Nase fliegt, dann wählt man als Spielstätte am besten Jerusalem.
Daniel Barenboim musste im Jahr 2001 seine geplante Aufführung der Walküre trotz ausverkauftem Haus absagen, da sich wenige Wochen vor dem Ereignis die Politik in sein Projekt eingemischt hatte. Bitte kein Wagner in Jerusalem, dafür plädierte auch das Simon-Wiesenthal-Zentrum, das in diesem Zusammenhang eine einstweilige Verfügung beantragt hatte. Und dabei hatte Barenboim bereits die abgespeckte Version geplant und nur den ersten Akt zur Aufführung bringen wollen.
Aber Barenboims sind wie Wagners: Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt haben, dann ziehen sie es auch durch. Und so gab der Dirigent am Ende des ursprünglich geplanten Walküre-Programms, das flugs durch Schumanns 4. und Strawinskys Sacre du Printemps ersetzt worden war, eben eine wagnerische Zugabe. Unwohlmeinende Zeitungen unterstellten ihm nachträglich, er habe dem Publikum quasi erklärt, wem es nicht passe, der könne ja gehen, wobei in diesem Fall auch außerhalb der Noten der Ton die Musik machte: Tatsächlich hatte er die Zugabe extra angekündigt und lange genug gewartet, um denjenigen, die sie tatsächlich nicht hören wollten, Gelegenheit zu geben, ihre Ablehnung auszudrücken, indem sie den Saal verließen. Ist ja rgendwie auch ein Indikator dafür, wer was hören mag. Und tatsächlich war die überwiegende Menge der Zusachauer auf ihren Plätzen geblieben und hatte einen lautstark protestierenden Konzertgänger sogar gnadenlos überklatscht. Erfolg kommt eben auch in kleinen Dosen.
Wie klein die Dosen sind und wie schnell man sich Ärger einhandeln kann, wenn man die Dosis ohne ärztliche Zustimmung erhöht, zeigt die Tatsache, dass es auch zehn Jahre später noch nicht möglich war, ein Konzert mit Wagnerstücken auf die Bühne zu bekommen. 2012 scheiterte ein Versuch des Vorsitzenden der Israelischen Wagner-Gesellschaft (die, man lese und staune, sogar richtige, echte Mitglieder hat), Jonathan Linvy, die Musik des umstrittenen Komponisten auf die Bühne des Auditoriums der Universität Tel Aviv zu bekommen. Der bereits bestehende Vertrag wurde mit der Begründung, man habe nicht gewusst, auf was man sich da einließe, gekündigt. Livy kündigte daraufhin eine Klage an, immerhin hatte man bereits Mitwirkende engagiert und Karten verkauft. "Mein Vater hat immer gesagt: Wagner war ein widerlicher Mensch, aber er hat die beste Musik geschrieben" erklärt der Konzertveranstalter und pocht damit noch einmal auf die Trennung zwischen Werk und Gesinnung.
Immerhin: Wenn der Prophet nicht auf dem Berg spielen darf, dann muss sich eben der Berg in Bewegung setzen und die Töne in Bayreuth anschlagen. So geschehen im selben Jahr, als das Israelische Kammerorchester beschloss, nicht nur in der Festspielstadt aufzukreuzen, sondern dort auch ein Stück Wagners zu spielen. Zwar nur als ein Teil eines groß angelegten Programmes, aber immerhin spektakulär genug, um eien wahren Shitstorm in den sozialen Medien auszulösen und erhöhte Sicherheitsbestimmungen im Konzertsaat nötig zu machen. Wagner, so hieß es, habe quasi den Soundtrack zum Holocaust komponiert. Und wer sich dazu engagieren lässt, der holt wahrscheinlich auch die Geige heraus und spielt ein Tänzchen, wenn die eigene Familie vernichtet wird. So leicht wird man also vom Musiker zum Volksverräter. In einem Land wie Deutschland, in dem es sich immer wieder zeigt, dass freie Meinungsaüßerung und ähnliche Rechte es Mal für Mal unmöglich machen, die Auftritte offensichtlich rechtsgerichtete Musiker bei Parteitagen und Veranstaltungen ebenso rechtsgerichteter Gruppierungen zu unterbinden, kann man über soviel Engagement von Außen nur staunen und -auch wenn man die Beweggründe nicht immer nachvollziehen kann- nach einem Hut suchen, den man ziehen kann.

                                                        Undis genießt die Sonne

                                                               ...das Fröken ebenso

                                         Beete aufforsten mit Pflnzen aus dem Kräuterhof

                             Ja, an solchen Stellen komme ich vorbei, wenn ich zu Fuß in die Stadt gehe :)
                             Nur für den Fall, dass sich jemand fragt, weshalb ich so weit draußen wohne...

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