Sonntag, 12. April 2015

Musikunterricht: Lernen durch Angst


3 Feinde nannte eine befreundete Musikerin einmal die Tonart, in der sich ein Musikstück befand, an das wir uns heranwagen wollten. In anderen, wahrscheinlich gebräuchlicheren Worten: Besagtes Werk stand in c-Moll und durfte sich mit 3 „b“s (besagten Feinden) schmücken. Nun ist es zwar, selbst für mich als „Betroffene“ schwer zu erklären, weshalb ich b-Tonarten am liebsten mit einem dieser Warnhinweise ausstatten würde, wie man sie an Gehegegittern im Zoo finden kann („Vorsicht, giftig!“ oder „Achtung! Vorzeichen spucken ins Publikum!" Oder etwas in dieser Art), mir bei ihren Gegenstücken, den Kreuzen, dagegen denke „Egal, Dich kriege ich auch noch klein!“, aber ich war definitiv nicht die einzige in unserem Quartett. Unterhaltungen wie „Das Stück hier habe ich neulich mal angehört, das ist total schön . Wollen wir das spielen?“ „Ach, ich weiß nicht… ich habe da irgendwo ein b drin gesehen…“ können wir sicher alle vier als bekannt einstufen.

Vielleicht fühlen wir uns ja unbewusst angehoben, wenn wir die kleine Leiter sehen, die uns einen ganzen Halbton nach oben befördern will (Beförderungen haben wir ja alle irgendwie gerne), während uns so ein Halbton tiefer gewissermaßen mit herunterzieht? Wollte ich das Naheliegende (und das eigene Gewissen beruhigende) tun und die Schuld für alles Übel dieser Notenwelt bei meinem ehemaligen Musiklehrer suchen, so müsste ich im Grunde alles hassen, (oder besser fürchten), was sich da so zwischen den Notenlinien tummelt. Schauergeschichten waren das, die man uns da auftischte, von der Unter- bis zur Mittelstufe. Gar schaurige Schauergeschichten sogar. Eigentlich ist es ein Wunder, dass wir nicht alle vor lauter Angst schlagartig ertaubt sind, nur um keine Schreckensmusik mehr hören zu müssen… nein, Spaß…aber irgendwie muss ich doch lachen, wenn ich daran denke, wie Herr K. (Dessen Kürzel K.P.G. uns bereits zu Beginn jeder Stunde an der Tafel davor warnte, Widerworte zu geben oder fluchtartig den Raum zu verlassen. K.P.G. stand nämlich für „K. platzt gleich“ und konnte ein lebensrettender Hinweis sein) wild gestikulierend vor der Klasse stand und uns mit drohend erhobener Faust, wilden Sprüngen und verstellter Stimme die Splattergeschichten vom Leben in der Notenwelt erzählte.

Von aufeinandergestapelten Leitern (sprich: Kreuzen), die bei dem Versuch, damit den nächsthöheren Ganzton zu erreichen (Enharmonik… des Teufels Harmonielehre!) in sich zusammenfielen und dem eifrigen Kletterer das Genick brachen, von Hämmern und Beilen (Ihr ahnt es schon, es handelt sich unverkennbar um die bs, die Vorzeichen des Grauens), die diejenigen einen Kopf kürzer (und somit rein von der Körperhöhe her ein ganzes Stück niedriger) machten, die sich in ihrem Einfallgebiet befanden, von Fleischerhaken, an welchen die entsprechenden Töne aufgespießt wurden (Bassschlüssel und Freunde, ich höre euch trapsen) und, als sei all dies nicht schon Grund genug, davonzulaufen und sich irgendwo auf der akustischen Isolation zu verstecken, bekamen wir eine Kurzeinführung in die Geschichte des Kannibalismus nebst dazugehörigem Schrumpfkopfrezept. Vom Hals abgehackte, auf die Hälfte ihrer ursprünglichen Größe zusammengeschmurgelte Notenköpfe…so entstanden der K-schen Legende nach die Punktierungen hinter den Noten, die fortan von den Notenfressernoten quasi als Trophäen überallhin mitgeschleppt wurden.
Vom Standpunkt der Wissensvermittlung her betrachtet muss ich diese Methoden heute leider als grandios einstufen. Jeder Hirnforscher würde vermutlich begeistert in die Hände klatschen: Die Geschichten erwiesen sich im wahrsten Sinne als „merk-würdig“, die Sache hatte ihren Zweck also voll und ganz erfüllt. Was uns in diesen Stunden vermittelt worden war, haben wir tatsächlich nie wieder vergessen.

Lernen durch Angst. Nightmare in Musiksaal 2. Ein neues Prinzip am Pädagogikhimmel? Immerhin ließ es sich auch in anderen Fächern ganz vorzüglich zum Einsatz bringen, insbesonders in Kombination mit dem ohnehin angsteinflößenden Thema Musik: Wer sich im Mathematikunterricht nicht sämtliche binomischen Formeln merken (und diese ohne weiter nachzudenken herunterbeten) konnte, durfte sich vor die gesamte Klasse stellen und ein der Formel entsprechendes Lied zum Besten geben. Wie beliebt diese Strafe bei pubertierenden Zwölfjährigen war, zeigt folgender Satz: Klipp plus Klapp in Klammer zum Quadrat ist Klippquadrat plus zwei Klippklapp plus Klappquadrat. Ich kann es noch immer. Auch wenn ich bis heute nicht begriffen habe, wozu so ein Klappquadrat eigentlich gut sein soll. Kann man das platzsparend in die Tasche stecken und es dann im Reich des großen Quadrates wieder aufbauen? Handelt es sich um eine Weiterentwicklung des Klappdreiecks, das bei einer Autopanne auseinandergeklappt wird? Davon jedoch abgesehen wird man unschwer erkannt haben, dass es sich bei dem obigen Geklappere um die erste binomische Formel handelt. Das Strafmaß für Falschaufsagen betrug damals eine Runde „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“. Wie ich Mühlen hasste.

Den absoluten Höhepunkt der musikalischen Halloweenkollektion bildete übrigens eine Einführung in das Leben von Johann Sebastian Bach: Um das Augenleiden des Meisters nebst den damals (und, wie ich erfahren musste, in Entwicklungsländern auch heute noch) üblichen Behandlungsmethoden besser einschätzen zu können, zeigte man uns einen Dokumentarfilm über das sogenannte „Starstechen“, bei dem die durch den Grauen Star getrübte Linse mittels einer Nadel quasi aus ihrem „natürlichen Umfeld“ vor der Pupille herausgestochen und auf den Boden des Augapfels gedrückt wird. Ja, auch diese medizinischen Fakten haben wir uns bis heute gemerkt, die Methode war und ist bis heute von Erfolg gekrönt…also die als Unterricht getarnte Schocktherapie, nicht die Starstecherei. Wobei das ebenfalls medizinische Phänomen des Magenumdrehens in diesem Augenblick um einiges präsenter war. Im selben Augenblick, in dem die Nadel die Netzhaut des Patienten durchbohrte, presste sich meine Nebensitzerin die Hand auf den Mund und lief los, um das Klassenzimmer vor den unendlichen Weiten ihres Mageninhalts zu schützen. Sie schaffte es beinahe bis zur Türe.

Jahre später sah sich mein herzensguter Cellolehrer genötigt, mir die Angst vor den bösen bs auszutreiben und dachte sich Namen aus, die mir das Herz öffnen sollten. Aus F-Dur, dem ersten bösen b, wurde „Friedemann“-Dur, aus der Folgetonart „B-Dur“ der entsprechende Nachname… Friedemann Bach klingt doch gleich viel netter als „1 Feind“ (Bzw. 2 Feinde)…auch wenn man ein bisschen schräg angeschaut wird, wenn man als erwachsener Mensch nach dem Notenblatt greift und freudig verkündet „Oh ja, da stehen 3 Friedemänner, die sind nett! Die haben zwar 3 Fallbeile dabei, aber die Friedis haben sicher ohnehin einen im Tee und können gar nicht richtig zielen!“

Hach, es ist schon ein Kreuz mit den „b“s, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto besser finde ich diese (zugegeben etwas makabre) Art der Unterrichtsführung. Wahrscheinlich ist es bei der Pädagogik mittlerweile wie bei der Werbung: Was uns nicht schockt, bleibt auch nicht im Gedächtnis. Und immerhin haben wir damals überhaupt etwas gelernt. Eine Kollegin an einer Mittelschule berichtete hingegen kürzlich von einer Schülerin, die gefragt habe, was denn der Hashtag zu Beginn der Notenlinien bedeute...


 

 
Bin ich ein Fangirl?
°Ja
    °Nein
           °Vielleicht

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